Foto Bernd Schwabe in Hannover. Lizenziert unter CC BY 3.0 via Wikimedia Commons.

Was die Beziehung zwischen der arabischen und jüdischen Bevölkerung in Israel angeht, sind Diplomaten nicht wirklich vorangekommen. Ein beduinisch-arabischer Professor glaubt, dass die kollektive Weisheit von Erziehern und Fachleuten für psychische Krankheiten zu besseren Ergebnissen kommt, weil sie den täglichen Einfluss der Situation auf diese Bevölkerungsgruppen verstehen.

„Fachleute und Erzieher im Sozialwesen in Israel und Palästina besitzen ein unausgeschöpftes Potenzial, Friedensbildung und Versöhnung in der unberechenbarsten Region positiv zu beeinflussen“, sagt Prof. Alean Al-Krenwai für Sozialarbeit an der Ben-Gurion Universität des Negev. „Sie verfügen über das Potenzial, eine Botschaft des Verständnis, der Toleranz, der Vergebung und Versöhnung zu verbreiten“.

Dieser Gedanke sei aus acht Jahren Erforschung des Einflusses politischer Gewalt gegen Juden und Araber entstanden, sagt Al-Krenawi, der gerade sein neustes Buch beendet Psychosocial Impact of Political Violence: The Israel Palestinian Case [Psychosozialer Einfluss von politischer Gewalt: Der israelisch-palästinensische Fall].

Nachdem er Menschen aus der ganzen Region befragt hatte, kam er zu dem Schluss, dass das Leiden der „Spieler von morgen“ wie er sie nennt, auf beiden Seiten akut ist und nicht viel dagegen unternommen wird.

„Viele Kinder wachsen unter dem Einfluss andauernder politischer Gewalt auf”, sagt Al-Krenawi. „Das Level des posttraumatischen Stresssyndroms ist sehr hoch, und es gibt sehr viele psychologische Probleme, die das Familienleben beeinflussen.  Was wird mit diesen Jugendlichen, den zukünftigen Führern dieser Region, geschehen, wenn sie psychologische Traumata mit sich rumtragen?“

Sein Lösungsansatz sieht vor, Fachleute zusammenzubringen, die ihre eigenen Strategien für den Umgang mit konfliktbedingten Problemen entwickelt haben. „Statt nur darüber zu reden, nutzen sie ihre Kenntnisse als Hebel, um Menschen zusammenzubringen und einen Dialog zu eröffnen“.

Die US-Behörde für Internationale Entwicklung (USAID) hat sich hinter Al-Krenawis „Friedensbildung durch Wissen“ Vorhaben mit einer Zuwendung von $760.160 [CHF 700.000]  für drei Jahre gestellt.

Der leere Stuhl

Al-Krenawi wurde vor 50 Jahren in der beduinischen Stadt Rahat nahe Beer-Sheva geboren. Seinen BA-Abschluss in Sozialarbeit hat er an der Ben-Gurion Universität und seinen MA-Abschluss an der Hebräischen Universität Jerusalem erworben und an der University of Toronto promoviert.

Als Araber hat er Zugang zu Gebieten, die den meisten Israelis verschlossen sind, darunter der Gazastreifen und die von der Palästinensischen Autonomiebehörde PA kontrollierten Gebiete. Als Professor einer israelischen Universität geniesst er zudem das Vertrauen der jüdischen Israelis.

Ein Lehrer in Ramallah, der inoffiziellen Hauptstadt der PA, erzählte Al-Krenawi, dass, wenn ein Stuhl im Klassenzimmer leer bleibt, er sich frage, ob die Abwesenheit des Kindes etwas mit dem Konflikt zu tun habe. Er fragte sich auch, ob ein israelischer Lehrer wohl das gleiche denke, wenn er einen leeren Stuhl sieht. Wenn er mit diesem Lehrer sprechen könne, sagte er dem Professor, könnten sie entdecken, dass sie vieles gemein haben.

„Die Idee, Palästinenser und Israelis zusammenzubringen, um sich über die Auswirkungen politischer Gewalt und Verluste auszutauschen, führt dazu, Wissen zu teilen“, sagt er. „Mein Ziel ist es, ein Modell der Intervention zu entwickeln, dass kulturell und religiös für die jeweils andere Seite eigen ist“.

Al-Krenawi glaubt, dass das Programm eine starke Bindung zwischen den Fachleuten aufbauen kann, und ihnen dabei hilft, mit dem Trauma ihres Klientel umzugehen, während sie gleichzeitigt Botschafter für den Frieden werden.

Beide Seiten begierig vom anderen zu lernen

Ein Orientierungstreffen von etwa 40 israelischen und palästinensischen Psychiatern, Psychologen, Sozialarbeitern, Schulberatern, Schulleitern und Lehrern hat bereits im Dezember stattgefunden, im Ambassador Hotel in Ost-Jerusalem. „Viele Israelis haben gesagt, sie seien noch nie in einem Hotel in Ost-Jerusalem gewesen, geschweige denn über Nacht“, erzählt er.

“Bei unserem ersten Treffen fingen Leute an zu sagen, besonders die Palästinenser, dass sie Israelis anders sehen würden”, berichtet er. „Beide Seiten waren begierig darauf, vom anderen zu lernen“.

Al-Krenawi plant künftige Treffen in Jerusalem oder Bethlehem. Irgendwann hofft er, den Teilnehmern Seminar an der Universität in Beer-Sheva anbieten zu können. Und er stellt sich vor, politische Entscheidungsträger von beiden Seiten dazu zubringen – „Leute mit Einfluss, die als Interessensvertreter dienen“.

Im Verlauf des dreijährigen Kurses wird der Teilnehmer sein Wissen teilen und Wege erkunden, um Versöhnung und Vergebung zwischen ihren Gemeinden zu ermöglichen. Sie werden auch tools und Techniken, die sie entwickelt haben, anderen innerhalb ihrer jeweiligen Gemeinden lehren. Die Politik bleibt vor der Tür.

“Ich habe mehrere Monate damit verbracht, die richtigen Leiten auf beiden Seiten zu finden”, sagt Al-Krenawi. „Ich habe nicht nur nach Fürsprechern der Ko-Existenz gesucht, sondern auch ihrer Gegner. Ein Psychologe aus Nablus erzählte mir, dass er 41 Jahre alt sei und noch nie neben einem Juden gesessen habe. So etwas bestätigt mir, dass wir die ungehörte Stimme erheben. Das sind die Menschen, die an Gewalt leiden, unabhängig wen die Schuld trifft. Das ist der leere Stuhl“.

Originalversion: Peace from the grassroots by Abigail Klein Leichman © israel21c.org, April 29, 2012.

 

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1 KOMMENTAR

  1. Das ist der einzig richtige Weg! Wenn zukünftig ein jeder dem anderen zuhört, werden Monster zu Menschen. Es könnte ein wunderschönes friedliches Land sein … Wenn es endlich egal ist, ob ich nun freitags in die Moschee, am Sabbat in die Synagoge oder sonntags in die Kirche gehe; ob ich lieber zu Hause oder unter freiem Himmel zu Gott bete – oder auch garnicht – und mit allen Eigenheiten ein gleichberechtigter Bürger bin, dann ist der Frieden ganz nah.

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