Wer zeitgenössische europäische Wirklichkeit ein wenig besser verstehen möchte, könnte mit dem Vergleich der Morde von Mohammed Merah in Toulouse und Andres Breivik in Norwegen anfangen. Diesen Morde und den Reaktionen auf sie ist einiges gemeinsam, doch sie unterscheiden sich auch in wichtigen Bereichen. Beide Mörder hatten ideologische Motive und suchten ihre Opfer innerhalb bestimmter Gruppen – Breivik hatte die Arbeitspartei im Blick, während Merah sich seine Opfer unter Soldaten und der jüdischen Gemeinde suchte.

Nach Breiviks Mordtaten liess der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg verlauten, dass Norwegen mit noch mehr Demokratie und grösserer Offenheit antworten würde.[1] Doch das war reine Propaganda, denn das Gegenteil trat ein. Vor der Tat hatten Gegner des Establishments der Arbeitspartei in Norwegen grosse Schwierigkeiten, ihre Meinung zu äussern; danach wurde es für sie fast unmöglich. Dies beschreibt der amerikanische Schriftsteller Bruce Bawer in seinem jüngsten Buch The Quislings – How the International Left Used the Oslo Massacre to Silcence Debate about Islam [Die neuen Quislings – wie die internationale Linke die Massaker von Oslo dazu nutzte, die Debatte über den Islam zum Schweigen zu bringen].[2] Vidkun Quisling war während der deutschen Besatzung norwegischer Ministerpräsident, sein Name steht für einen Verräter des eigenen Landes und Kollaborateur mit fremden totalitären Mächten. In den Wörterbüchern ist er zum Gattungsbegriff geworden, „Quisling“ = „Verräter“. Bawer ist der Meinung, es gebe Linke, die die „Neuen Quislings“ genannt werden sollten – denn sie verrieten die Demokratie, indem sie einem totalitären Islam helfen. Ferner beschreibt er, wie er selber nach den Morden dämonisiert wurde.

Breivik war Einzelgänger. Nachrichtendienste gaben keine Hinweise auf andere potenzielle Mörder. Insofern stellt sich eine logische Frage: Wer hat Breivik zu diesen Gräueltaten angestiftet? Es gibt keine organisierten Gruppen, die zum Massenmord an Sozialisten aufrufen. Auf Demonstrationen hört man keine Rufe „Vergast die Sozialisten“. Da Breivik vor seiner Tat ein langes Manifest mit vielen Namen veröffentlichte, wurden einige von ihnen, die sich negativ über den Islam geäussert hatten, von den Medien ausgewählt und an den Pranger gestellt. Zu ihnen gehörte Bat Ya’or, Autorin des Buches Eurabia; der norwegische Blogger Fjordman, dessen echter Name Peder Jensen an die Öffentlichkeit gebracht wurde; und die Führer der niederländischen Freiheitspartei Geert Wilders und Bawer. Keiner von ihnen hat je Gewalt gefördert noch unterstützt. Zudem hat sich Breivik nicht in diesen Kreisen bewegt. Doch die „neuen Quislings“ brauchten einen Sündenbock, der für Breiviks brutale Verbrechen verantwortlich gemacht werden konnte.

Wer wissen möchte, woher Merahs Ansichten stammen, muss nicht weit suchen. Vor seinem Tod hat er öffentlich angegeben, ein Unterstützer von Al-Qaida zu sein, einer der gewalttätigsten muslimischen Bewegungen. In den nächsten Wochen wird mehr darüber bekannt werden, wo er ausgebildet wurde und in welchen Kreisen er sich bewegte.

Der führenden amerikanischen Forschungsorganisation PEW zufolge gibt es weltweit ungefähr 100 Millionen Muslime, die Al-Qaida im grossen und ganzen unterstützen.[3] Auch wenn nur ein geringer Prozentsatz bereit wäre, selbst zum Mörder zu werden, ist diese Zahl beträchtlich. Gilles de Kerchove, Anti-Terror Koordinator der EU, meint, es gebe in Europa Hunderte potenzielle einsame Wölfe wie Merah.[4]

Merah gab an, es sei Solidarität mit palästinensischen Kinderopfern gewesen, die ihn dazu gebracht  habe, einen Lehrer und drei Kinder an einer jüdischen Schule in Toulouse umzubringen. Der palästinensische Ministerpräsident Salaam Fayyad distanzierte sich von Merah. Palästinensische Kinder sollten nicht dazu missbraucht werden, Terrorismus zu legitimieren, sagte er. Allerdings hat Fayyad vergessen, weitaus wichtigere Dinge zu erwähnen: Die Palästinensische Autonomiebehörde, deren Ministerpräsident er ist, benennt Jugendlager, Sportwettbewerbe, Strassen und Schulen nach Terroristen aus dem eigenen Land, die israelische Zivilisten getötet haben, darunter auch viele Kinder. In ihrer Charta ruft die grösste palästinensische Partei Hamas zum Mord an Juden auf, und die Hamas bildet auch Kinder zu Selbstmordattentätern aus.

Es gibt bekannte muslimische Religionsführer jenseits von Al-Qaida, die Selbstmordattentate unterstützen. Hass-Imame rufen zum Mord an Juden auch in Europa auf. Auf Demonstrationen gegen Israel sind es hauptsächlich europäische Muslime, die „Tod den Juden“ und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ rufen. Es gibt in der islamischen Welt viele andere Anstifter, die einfach zu identifizieren sind und die Merahs Weltanschauung teilen.

Bei so vielen, die explizit zum Mord aufrufen oder ihn unterstützen, muss man anderen gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken. Und doch ist es einfach, Personen zu finden, die eine westliche Infrastruktur mit aufgebaut haben, in der es indirekt um Hass auf Israel und Antisemitismus geht. Diese finden sich in der Politik, der Wissenschaft, den Medien, den Gewerkschaften, in NGOs und in den Kirchen. Da sie nur in „der zweiten Reihe“ stehen, befinden sie sich ausserhalb des Radars derjenigen, die nach Merahs Anstiftern suchen.

Weisswäscher machen aus Merah bereits ein ‚Opfer‘.[5] Doch sollten die von ihm begangenen Morde zu weitaus ernsthafteren Fragen über Europa führen als die Taten von Breivik. Es laufen noch viele Terroristen vom Schlage eines Merah herum, und seine Taten haben breite Unterstützung.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Aufsichtsratsvorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs.



[1] www.huffingtonpost.com/2011/07/27/jens-stoltenberg-norway-prime-minister-oslo-tragedy-democracy-_n_910636.html

[2] Bruce Bawer, The New Quislings: How the International Left Used the Oslo Massacre to Silence Debate about Islam, (Broadside Books, 2011).

[3] Juliana Menasce Horowitz, “Declining Support for bin Laden and Suicide Bombing,” PewResearchCenter Publications, 10 September 2009.

[4] “Ach ik ga naar het paradijs,” Trouw, 23 March 2012. [Dutch]

[5] Tariq Ramadan,“Les enseignements de Toulouse,” 22 March 2012. www.tariqramadan.com/LES-ENSEIGNEMENTS-DE-TOULOUSE,11912.html [French]

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