Libyen: Warten auf Al-Qaida

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Libyen befindet sich im Chaos und ist reif für eine Übernahme durch Extremisten, behauptet Sherif Elhelwa, Korrespondent von VICE News in seiner neuen Dokumentation „Warten auf Al-Qaida“. Elhelwa reist ins Herz der Pro-Al-Qaida-Fraktion im Osten Libyens und berichtet vom wahren Leben der islamistischen Bewegung in Libyen.

„Ein ölreiches Land voller Rebellen, die genug haben von einer autoritären Regierung: Libyen hat die Tür offen gehalten für machthungrige extremistische Gruppen. Die Frage war darum nicht, ob Al-Qaida sich in Libyen verbreiten würde, sondern wann“, sagt Elhelwa. Diese Geschichte brennt ihm auf den Nägeln, seit er die schwarze Flagge von Al-Qaida über dem zentralen Hauptquartier der Rebellen in Benghazi hat wehen sehen. Als er einen Wächter vor Ort auf die Flagge ansprach, wurde ihm gesagt: „Wir werden jedem die Zunge herausschneiden, der schlecht über diese Flagge spricht“.

Elhelwa zeigt, wie schwierig es die Widerspenstigkeit der Rebellion macht, Armee und religiöse Zeloten zu kontrollieren. Als er auf seinem Weg nach Benghazi am Flughafen von Tripolis ankommt, wird dieser weiterhin von der schwer bewaffneten Rebellenfraktion der Zintan-MärtyrerBrigaden kontrolliert. Es waren diese Brigaden, die die Kontrolle über Muammar Ghaddafis MANPADS-Arsenal erlangt hatten – tragbare Flugabwehrwaffen, wie sie von den Taliban in den 1980er Jahren gegen die Sowjets eingesetzt worden waren. Diese bunt zusammengemischte Truppe, so Elhelwa, sind „Babysitter eines Waffenarsenals, das gross genug ist, jede Extremistengruppe in Nordafrika zu bewaffnen“.

Al-Qaida sei die „Restaurantmarke” des islamischen Extremismus in der islamischen Welt, merkt Elhelwa auf seiner Weiterfahrt von Benghazi in die bekannte Stadt Derna an. Dort äussern sich einige Ortsansässige, dass angebliche Al-Qaida Sympathisanten nichts weiter als ortsansässige Muslime sind; andere sind in ihren Äusserungen offener.

„Ich unterstütze sie, weil sie Muslime sind wie wir. Wir sind alle Muslime, und sie beschützen den Islam“, sagt ein Bewohner. „Während der Revolution haben sie uns im Kampf geholfen. Sie haben unsere Familien mit Lebensmitteln versorgt, als wir es brauchten. Sie haben viel humanitäre Hilfe geleistet.“ Auf die Frage, ob er ein Sympathisant der Gruppe sei oder an ihren Aktivitäten teilnehme, antwortet er der Mann: „Nein. Aber ich wäre sehr gerne Mitglied bei Al-Qaida“.

In einem Interview, dass Elhelwa mit einem inoffiziellen Anführer von Derna und dem örtlichen Kopf von Al-Qaida führt, erfährt man mehr über die Ziele und Ansichten dieser Gruppe. Abdel Hakim Al-Hasadi findet, dass es nicht ausreicht, die Kräfte zu töten, die für die Verbrechen in Abu Ghraib verantwortlich sind. „Ich würde sie auslöschen“, sagt er mit einer Handbewegung. Er selbst, sagt er, sei kein Anhänger von Al-Qaida, obwohl er sie kurz zuvor noch „gute Muslime“ nannte, die „gegen die Eindringlinge kämpfen“.

„Es ist hier alles normal”, sagt Al-Hasadi, bevor er den Massstab für Islamisten wie sich selbst vorlegt. „Wenn du die Scharia einführst, sind wir dabei. Wir sind deine Soldaten. Wir sind bereit mit dir zu sterben, wenn du die Scharia als Gesetz einführst.“

Elhelwa beschreibt die Kämpfer lieber als „bewaffnete Rebellen ohne Ziel“ denn als „Nest bewaffneter Al-Qaida Agenten“. Sie haben einen Tyrannen gestürzt, doch das heutige Libyen ist innerlich zerstritten und angespannt. „Alle Elemente von Extremismus, Zerrissenheit und Konflikt waren vorhanden“.

Wenn sich der Staub gelegt haben wird, so fragt Elhalwa sich am Ende, ob dann wohl die neuen libyschen Herrscher auch uneinig mit dem Westen sein werden?

Originalversion: Waiting for al-Qaeda in Libya © IPT News, April 16, 2012.