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Als Hamas-Sprecher Mushir Al Masri im Januar die Schweiz besuchte, um an einem Anlass des Menschenrechtskomitees der Interparlamentarischen Union (IPU) teilzunehmen und an der Uni Genf für eine Veranstaltung von Droit Pour Tous, einer Nichtregierungsorganisation mit Verbindungen zu Hamas und Muslimbruderschaft, zu referieren, blieb auch noch etwas Zeit für einen kleinen Besuch bei Nationalrat Geri Müller. Audiatur Online berichtete ausführlich darüber; später wurde die Geschichte auch von der Basler Zeitung und weiteren wichtigen Schweizer Tages- und Wochenzeitungen aufgegriffen.

Begleitet wurde die Geschichte von einem Bild mit einem lächelnden Müller und drei Hamas-Vertretern im Bundeshaus. Links neben Geri Müller ist al Masri, der  Müller ein in Holz geschnittenes Gemälde des Tempelberges des Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee präsentiert, und nicht etwa ein „Schweizerkreuz“, wie Müller allen Ernstes behauptete.

Wer die anderen beiden Hamas-Abgeordneten waren, verblieb ungeklärt, bis es uns kürzlich mit Hilfe des Meir Amit Intelligence & Terrorism Information Center gelangt, die Identität von Müllers Besuchern aufzudecken.

Rechts im Bild zu sehen ist Khamis Jawdat al-Najjar, ein Mitglied des Palästinensischen Legislativrates, der den sogenannten „Wandel und Reform“-Block repräsentiert. Was progressiv klingen mag, ist in Wahrheit aber nichts Weiteres als der Name jener Wahlplattform, mit der die Hamas jeweils zu den Wahlen antritt. So heisst es in den Grundsätzen von „Wandel und Reform“ auch folgerichtig:

Unser palästinensisches Volk […] hat das Recht seine eigene Rechte zu wiedererlangen und die Besatzung mit allen Mitteln zu beenden, inklusive bewaffnetem Kampf.“ Und „Wir erhalten unser angeborenes und unveräusserliches Anspruch unseres Volkes auf unser Land, Jerusalem, unsere heiligen Stätten, unsere Wasserressourcen, Grenzen und einen vollständig souveränen und unabhängigen Palästinenserstaat mit Jerusalem als Hauptstadt.[i]

Links im Bild befindet sich Dr. Sayyid Abu Musamih, ebenfalls ein Mitglied des Palästinensischen Legislativrates. Ausserdem gilt er als einer der Gründer der Hamas und als Schlüsselfigur für die Etablierung der Hamas-Ideologie. 1989 war der ehemalige Aktivist der Muslimbruderschaft vom Hamas-Führer Abu Marzuq zum Kommandant der Hamas im Gazastreifen ernannt worden.[ii]

In einem Artikel der Weltwoche verteidigt sich Müller, in dem er sein Recht betonte, sich mit der Hamas zu treffen, da diese eine soziale Bewegung sei. In einem Interview mit dem Tagesanzeiger rationalisierte er den Terror der Hamas gegen die israelische Zivilbevölkerung, es gebe da wenige einzelne, „die Seich machen“, da habe wohl jeder Verständnis dafür, dass es schwierig sei, diese unter Kontrolle zu halten. Kurz vorher bezeichnete er Al-Qassam, den militärischen Flügel der Hamas, noch  als jene, „die sich hauptsächlich um den Terrorismus kümmern“. Das sei wie mit Fussballfans.

Und überhaupt hätte er einen finnischen Parlamentarier genau gleich empfangen.

Der Unterschied besteht allerdings darin, dass finnische Parlamentsabgeordnete gemeinhin nicht dafür bekannt sind, Frauen zum Selbstmordattentat aufzufordern und dies als probates Mittel zur Durchsetzung der eigenen politischen Ziele zu betrachten, wie dies al Masri just tat.

Darüber hinaus fühlen sich Leute wie Abu Musamih der Zerstörung einer anderen Gesellschaft – jener Israels – genauso oder gar noch mehr verpflichtet, wie dem Aufbau der eigenen.

Michel Wyss und Shana Goldberg



[i] Hroub, Khaled: A “New Hamas” through Its New Documents, Journal of Palestine Studies, Vol 35, no. 4, Sommer 2006 (aufgerufen am 11.04.2012)

[ii] Barski, Yehudit: Focus on Hamas: Terror by Remote Control, Middle East Quarterly, Juni 1996 (aufgerufen am 11.04.2012)

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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