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Das Zusammenkommen der ägyptischen Aktivisten, die im vergangenen Jahr auf dem Tahrir-Platz für Demokratie kämpften, war für viele Menschen im Westen ein willkommener Anblick. Doch wer glaubte, damit hätte ein neues Zeitalter von liberaler Demokratie und Pluralismus in der Region bereits begonnen, scheint zu optimistisch gewesen zu sein.

Schon seit langem sind antisemitische Verschwörungstheorien ein wesentlicher Teil arabischen und iranischen Bewusstseins und seiner Presse. Haj Amin al-Husseini, arabischer Nationalist und „Grossmufti von Jerusalem“, sendete während des Zweiten Weltkrieges Nazi-Propaganda nach Ägypten. Und die von den Nazis inspirierte Verschwörungstheorie, der zufolge eine jüdische Freimaurer-Allianz die Welt beherrscht, ist auch heute in offiziellen Medien anzutreffen.

Nach seinem Machtantritt 1979 hat Ayatollah Khomeini die Freimaurerei gesetzlich verboten. Was sich im Moment ähnlich in Ägypten abspielt, gelang ihm damals: die iranische Bewegung für Demokratie zu zerschlagen und jede einzelne Gruppe zu unterdrücken, die nicht an seiner theokratischen faschistischen Vision festhielt. Im Jahr darauf stufte Saddam Hussein, Vorsitzender der irakischen Ba’ath- Partei, die Mitgliedschaft in einer Freimaurer-Bruderschaft als Kapitalverbrechen ein.

In Ägypten kam nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubaraks der erste Hinweis, dass Verschwörungstheorien über zionistische Freimaurer in die Politik eindringen, am 11. November: es wurden falsche Gerüchte über eine Gruppe von New-Age-Ärzten verbreitet, die an den Pyramiden von Gizeh angeblich eine Mediationssitzung planten. Nachrichtenberichte sprachen davon, dass lokale Behörden „durch unbestätigte Gerüchte“ über eine jüdische Freimaurer-Zeremonie, bei der ein Davidstern auf der Pyramidenspitze platziert werden sollte, „in Panik gerieten“, und die Pyramiden wurden unter dem Vorwand notwendiger Instandhaltungsarbeiten geschlossen.

Der Begriff der „Freimaurerei“ bezieht sich bei den Islamisten immer auf den Westen – besonders die USA – und meint entweder ihre Macht oder, häufiger, liberale Werte wie Demokratie, Säkularisation, Meinungsfreiheit, Frauenrechte und gelegentlich auch Darwinismus, LGTB-Rechte, Alkohol und ganz generell Themen, die dem Islam als Anathema gelten. So hat die Salafisten-Partei Nour erst kürzlich das Bekenntnis zur Demokratie aufgegeben und „die Kampagne eines liberalen ägyptischen Blocks“ als eine „Kampagne des ‚Zionismus‘ und der ‚Freimaurerei’“ bezeichnet.

Vor der Einführung von Präsident Barack Obamas Amtseinführung im Jahr 2008 brachte ein Eintrag im Internet Chat Forum des Islamischen Erwachens es auf ähnliche Weise fertig, althergebrachten Rassismus und antisemitische Verschwörungstheorie auf engstem Raum unter der Überschrift „Freimaurer-Präsident Barack Obama – Sklave Israels“ zu verschmelzen.

Und der ägyptische Präsidentschaftskandidat Tawfiq Okasha erklärte im Oktober im Fernsehen den Zuschauern ökonomische Zusammenhänge folgendermassen:„Die Wirtschaftspolitik der USA wurde von jüdischen Wirtschaftsexperten etabliert und wird von ihnen geführt, um sie der Philosophie der internationalen Freimaurerei zu unterzuordnen, die ihnen weiter Zugriff auf die Nationen ermöglicht.“

Eine solche Formulierung lässt vermuten, dass zur islamistischen Vorstellung von Freimaurerei gehört, dieses werde von „Zionisten“ und/oder  „den Juden“ kontrolliert und sei Teil ihres Versuchs, die Welt zu beherrschen. Weisse Rassisten und Neo-Nazis stimmen mit Islamisten in ihren Ansichten über Juden und Freimaurerei in weiten Teilen überein, weil beide Gruppen auf die gleichen Quellen zurückgreifen: Es ist Nazi-Propaganda und die antisemitische Fälschung Die Protokolle der Weisen von Zion, eine Schrift, die die Nazi-Propaganda massgeblich beeinflusst hat.

Heutzutage kursieren die Protokolle nicht nur innerhalb rechtsextremistischer Kreise; sie werden auch in der HamasCharta zustimmend zitiert. In Saudi-Arabien wird in der 10. Klasse gelehrt, dass die Protokolle keine Fälschung sind, sondern einen wahren Plan offenbaren, den die Juden befolgen. Im Westen neigen wir dazu, nachsichtiges Bedauern für Menschen zu empfinden, die sich in Verschwörungstheorien über Freimaurerei und internationale Intrigen hineinsteigern, sie aber nicht für unheimlich zu halten. Es scheint uns unfassbar, dass Generationen, also Millionen von Menschen, indoktriniert wurden, an die alte Nazi-Propaganda zu glauben.

Und wir sind zwar vielleicht aufmerksam, wenn beispielsweise der iranische Präsident Mahmud Ahmadinejad „antizionistische” Aussagen macht, doch wir neigen dazu, die „freimaurerische“ Hälfte des antisemitischen Mythos zu ignorieren. Das scheint seltsam, und es ist für sich allein betrachtet sehr unklug.

Wir haben verstanden, dass Islamisten oder arabische nationalistische Radikale Israel meinen, wenn sie von der „zionistischen Entität” sprechen. Doch obwohl der kanadische Nachrichtendienst CSIS 2009 den Bericht Islamists extremists and the Freemasons veröffentlichte, zeigt sich, dass wir eigentlich keine Ahnung haben, dass Amerika, Kanada und Grossbritannien gemeint sind, wenn Islamisten über „Freimaurerei“ sprechen; dieser Begriff steht für den Westen und seine Werte – besonders für die liberale Demokratie. Schwierig ist es nicht, diesen Code zu knacken, und wir hätten ihn schon längst entschlüsseln sollen. So beginnen wir die unheimliche Bedeutung der Anspielungen auf den „Zionismus“ und  die „Freimaurerei“ im neuen politischen Dialog Ägyptens zu verstehen. Und es wird uns klarer, auf welcher Seite wir stehen sollten.

Gekürzte Übersetzung der Originalversion: Nazi Conspiracy Theories in Egypt’s New Politics by A. Millar © Stonegate Institute, January 4, 2012

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