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Baumwollballen in Kairo © istock/Joel Carillet

Die Landwirtschaft ist der drittgrösste Produktionssektor der ägyptischen Wirtschaft nach der verarbeitenden Industrie und dem Bergbau, der Öl und Gas miteinschliesst. Sie macht 14 Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus, beschäftigt aber mindestens ein Drittel der ägyptischen Arbeitskräfte direkt, und indirekt noch viele mehr über die Verarbeitung und den Transport von Agrarprodukten. Dennoch ist die ägyptische Landwirtschaft lange Zeit von den Politikern vernachlässigt worden. Die Baumwollproduktion ist zwischen 1972 und 2009 über 75 Prozent gesunken, und am Anteil der Ackerfläche (2,4 Prozent der Fläche Ägyptens) hat sich während dieser Zeit kaum etwas geändert.

Dabei hätte Ägypten durch Investitionen in seinen Agrarsektor die Möglichkeit, in mehrfacher Hinsicht zu profitieren. Zunächst könnte eine Erhöhung der Reallöhne bei den Landarbeitern, die solch einen grossen Teil der arbeitenden Bevölkerung ausmachen, das Wirtschaftswachstum anregen. Da 22 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, ist ein ausgewogenes Wirtschaftswachstum eine der dringlichsten Prioritäten Ägyptens. Ausserdem hat Ägypten nach wie vor das Problem, die Ernährung der Menschen zu sichern. Die Bevölkerung, deren Ernährung nicht gesichert ist, ist von staatlichen Kraftstoff- und Nahrungsmittelhilfen abhängig; das stellt eine anhaltende Belastung für die ägyptische Wirtschaft dar. Und obwohl die Armut während der vergangenen Jahre tatsächlich zurückgegangen ist, hat die Unterernährungsrate bei Kindern zur gleichen Zeit sogar zugenommen; das gibt es nur in Ägypten. Die Ursache für diesen Anstieg der Unterernährung bei Kindern muss weiter erforscht werden, doch sie offenbart bereits das Ausmass, in welchem Ägypten unter einem unzureichenden Sozialwesen vor allem in den ländlichen Gebieten leidet; sie sind die ärmsten und für ihren Lebensunterhalt am stärksten auf die Landwirtschaft angewiesen.

Neben der Ernährungssicherung gelingt es der ägyptischen Landwirtschaft auch nicht, ihre Ressourcen in einer effizienten Weise zur Verfügung zu stellen, um auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig zu sein. Bauern verwenden noch immer Getreide mit niedrigen Erträgen oder solche, die grosse Mengen an Wasser verbrauchen – oder beides. Ausserdem haben Bauern das Problem, keinen guten Zugang zu Krediten zu haben; sie sind auf veraltete Technologie angewiesen und abhängig von Landarbeitern mit geringen Qualifikationen. Es entstehen einige modernere Betriebe, die auf den Verkauf von Produkten mit höheren Gewinnmargen spezialisiert sind – Blumen, Früchte und Gemüse –, zum Teil auch für den Export. Doch die meisten Betriebe haben Flurstücke von weniger als einem Morgen Grösse entlang des Nils und kämpfen darum, wettbewerbsfähig zu sein. Nur Reis, Baumwolle und Zucker sind reguliert, was vielleicht gut ist, da die Regulierung die Ineffizient zu verdoppeln scheint. Beispiel Baumwolle: Die Produktion von Baumwolle ist gegenüber dem Vorjahr um 37 Prozent gestiegen, nachdem die Regierung im Dezember 2010 erklärte, dass ein hoher Preis zu erwarten sei. Die Erzeuger reagierten darauf, indem sie mehr Baumwolle anpflanzten. Doch tatsächlich fielen die Preise für Baumwolle, sie sind nun um 40 bis 50 Prozent niedriger als erwartet. Nun horten die Bauern ihre Ernte in der Erwartung, dass die Preise ansteigen oder die Regierung eingreift. Doch die Regierung kann Baumwolle zurzeit nicht ohne Bankenfinanzierung verkaufen, die wiederum schwierig zu erlangen ist. Darüber hinaus ist Ägypten als Mitglied der Welthandelsorganisation in den Massnahmen eingeschränkt, die es zur Entlastung der eigenen Landwirtschaft unternehmen kann.

Um Wirtschaftswachstum zu fördern, die Armut einzudämmen und die Sicherung der Ernährung zu verbessern, sollte die neue Regierung Ägyptens die Verbesserung der Landwirtschaft zur hohen Priorität machen.

 

Vom CFR.org. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung. Für weitere Analysen und Blogeinträge über den Nahen Osten und Aussenpolitik, besuchen Sie CFR.org.

Originalversion: Agriculture in Egypt by Isobel Coleman  © Council on Foreign Relations, December 27, 2011. Deutsche Übersetzung © Audiatur-Online.

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