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Rigmor Aasrud

Zwei vom Gericht bestellte forensische Psychiater kamen im letzten Monat zu dem Schluss, dass der ideologische Massenmörder Anders Behring Breivik, der im Juli 77 Menschen getötet hat, geisteskrank ist. Laut einer Umfrage glauben 48 Prozent der Norweger, dass er keine ernsten psychiatrischen Störungen habe. Die Anschuldigung, geisteskrank zu sein, empfand Breivik als Beleidigung.[1]

Aus internationaler Perspektive sollten allerdings weitere Fragen gestellt werden. Wenn Breivik für schizophren erklärt wird, ist dann jeder, der extreme Gewaltverbrechen auf Grundlage einer ‚Ideologie‘ begeht, als geisteskrank anzusehen? Antworten auf diese Frage lassen sich anderenorts finden. Der venezolanische Terrorist Ilich Ramirez Sanchez, besser bekannt als ‚Carlos der Schakal‘, verbüsst eine lebenslängliche Haftstrafe in einem französischen Gefängnis. Auf Grund seiner muslimischen Weltanschauung ermordete Mohammed Bouyeri den holländischen Filmemacher Theo van Gogh 2004. Er wurde auch zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe in den Niederlanden verurteilt.

Die Frage nach der geistigen Zurechnungsfähigkeit von Terroristen sollte vorrangig in der muslimischen Welt gestellt werden.

Wie viele von denjenigen, die Tausende Zivilisten im Irak getötet und verstümmelt haben, sind im Kopf normal? Die gleiche Frage kann auch zu den Zig-Millionen dschihadistischen Muslimen und ihren geistigen Anführer gestellt werden, die Selbstmordanschläge unterstützen. Wie normal sind eigentlich die palästinensischen Führer, die den Mord an israelischen Kindern und Frauen verherrlichen?

Einige Beobachter vermuten, dass Norwegen versuche, sich von Breiviks Handlungen reinzuwaschen, indem er für geistesgestört erklärt wird. Das führt unweigerlich zu dem Argument, dass „ein echter Norweger nie solche blutrünstigen Verbrechen begehen würde; Breivik ist zwar blond, aber auch geisteskrank und ist deshalb nicht annähernd so wie wir.“

Die Themen, die in Norwegen im Mittelpunkt der Diskussion stehen, sind nur sekundär und der Diskurs sollte auf wichtigere Aspekte gerichtet sein als Breiviks geistige Zurechnungsfähigkeit. Die norwegische Linke und solche mit ähnlicher Überzeugung anderswo haben seine Morde dazu benutzt, um diejenigen anzugreifen, die in Breiviks langer ‚ideologischer‘ Abhandlung zitiert werden, als wären sie seine Komplizen gewesen. Darunter befinden sich beispielsweise die Buchautorin Bat Ye’or, die über Eurabien geschrieben hat, der Vorsitzende der niederländischen Freiheitspartei Geert Wilders und der in Norwegen lebende amerikanische Schriftsteller Bruce Bawer. „Die Kugeln kamen von Rechten“ lautet die Botschaft, wo es doch eigentlich heissen müsste „die Kugeln kamen von den Geisteskranken“. Bawer hat eine baldige Veröffentlichung seines Buches The New Quislings angekündigt, welches von der Instrumentalisierung der Breivik Morde „durch die norwegische Linke“ handelt.

Roger Ingebrigtsen

Einige Tage bevor Breivik für geisteskrank erklärt wurde, sprach der norwegische Vize-Verteidigungsminister Roger Ingebrigtsen an der University of Ottawa über militärische Strategieangelegenheiten. Er schweifte vom Thema ab und diskutierte Breiviks Manifest, welches er als „langes und zusammenhangsloses Dokument“ bezeichnete, dass „sich auf Einflüsse des kulturellen Konservatismus, rechten Populismus, Ultranationalismus, Islamophobie und rechten Zionismus stützt.”[2]

In vielen europäischen Ländern werden Schwerpunkte eines laufenden Gerichtsverfahrens eigentlich nicht öffentlich diskutiert. Für Ingebrigtsen schien das keine relevante Überlegung gewesen zu sein. Er fragte sich nicht einmal, welche Relevanz die Breivik Dokumente hätten, würde er für geisteskrank erklärt. Oder ob sich gar Norweger wie er bei denjenigen entschuldigen sollten, die sie dämonisieren. Auch hat er mit keinem Wort die Quelle der Inspiration jenes Briefes erwähnt, den der nicht ‚geisteskranke‘ Bouyeri mit einem Messer, mit dem er zuvor auf van Gogh eingestochen hatte, an dessen Körper befestigte. Dieser Brief zitierte Hasspassagen aus der islamischen Tradition.

Jonas Gahr Støre

Viele Angehörige der angeblich geistig zurechnungsfähigen politischen und kulturellen Elite Norwegens überbieten sich in der Dämonisierung anderer. Israel ist ihr Lieblingsziel. Ein Meister des Hassschürens ist der Aussenminister Jonas Gahr Støre. Letztens erst beschuldigte dieser Politiker der Arbeiterpartei Israel der ‚Water-Boarding‘ Folter, weil es Gelder für die Palästinenser zurückhielte. Der grösste norwegische Verlag Cappellen Damm veröffentlichte kürzlich ein Kinderbuch, welches gegen Israel hetzt. In diesem wird Israel fälschlicherweise bezichtigt, Wasser  für Menschen in Gaza zurückzuhalten. Der Kulturrat für Beschaffung hat die Verteilung dieses Buches an norwegische Bibliotheken genehmigt.

Diesen Freitag wird die norwegische Kirchenministerin Rigmor Aasrud (Arbeiterpartei) eine Ausstellung in Ost-Jerusalem besuchen, die den norwegische Künstler Hakon Gullvag präsentiert. Gullvag ist bekannt für seine extremen antiisraelischen Zeichnungen. Das norwegische Aussenministerium hat eine Ausstellung seiner Zeichnungen in Damaskus, Amman und Beirut unterstützt. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg (Arbeiterpartei) hat Gullvag für seine antiisraelischen Malereien gelobt und gesagt, dass sie die Notlage der palästinensischen Kinder auf die Agenda bringen würden.[3]

Die weitverbreitete Dämonisierung Israels durch die norwegische Regierung und anderen hat mitgeholfen, in Oslo ein Klima zu schaffen, wo ein Drittel der jüdischen Schulkinder verbal oder physisch mindestens zwei oder drei Mal pro Monat angegriffen werden.[4]

Norwegens Antwort solle mehr Offenheit und mehr Demokratie sein, lies Stoltenberg nach den Breivik Morden verlauten.[5] Allerdings haben die Behörden nichts unternommen, um dies zu fördern. Ganz im Gegenteil: ‚politisch inkorrekte Personen‘ werden noch mehr eingeschüchtert als vor den Breivik Morden. All dies bestätigt, dass Kritik an einer von der Regierung geförderten und unterstützten Verzerrung der Realität in Norwegen einen grossen Beitrag aus dem Ausland erfordert von Leuten, die sich nicht vom „fortschrittlichen“ norwegischen Establishment einschüchtern lassen.

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Aufsichtsratsvorsitzender des Jerusalem Center for Public Affairs. Sein Buch „Behind the Humanitarian Mask: The Nordic Countries, Israel and the Jews“ kann hier kostenlos runtergeladen werden.

 


[1] Gwladys Fouche and Victoria Klesty, “Norway divided after mass killer declared insane,” Reuters, 30 November 2011.

[3] Maya Spitzer, “Increased  anti-Semitism in Norway has local Jewish leaders anxious,” Jerusalem Post 31 March 2009.

[4] “Religious racism shocks officials,” 8 June 2011, www.newsinenglish.no/2011/06/08/religious-racisim-shocks-officials.

[5] “Norway’s PM says open society must be preserved,” CBC News, 26 July 2011