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v.l. André Marty, Rudolph von Planta, Jumana Cathrin Saba

Der Vorlesungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Prof. Dr. Albert Stahel die Anwesenden begrüsste. Das Forum für eine humanitäre Schweiz (FHCH) hatte am vergangenen Freitag zur  Veranstaltung „Palästina – ein endloser Konflikt“ eingeladen. Im Publikum sassen vor allem ältere Damen und Herren, man schien sich zu kennen. Aber auch einige jüngere Anwesende wollten sich die Ausführungen der vier Referenten nicht entgehen lassen.

Nach einer kurzen Einführung durch Stahel ergriff André Marty, ehemaliger Nahostkorrespondent des Schweizer Fernsehens, das Wort. Er wollte dem Publikum einen Überblick über die aktuelle Lage im Nahen Osten verschaffen und tat dies mit einer gewissen Äquidistanz; er räumte beispielsweise ein, dass nicht bloss Israelis, sondern auch Palästinenser das Völkerrecht verletzen würden und dass es zwei Narrative – den israelischen und den palästinensischen –  gäbe und folglich auch mehrere unterschiedliche Wahrheiten. Aber, wo André Marty draufsteht, ist auch André Marty drin. Kritik gab es gewohnheitsmässig trotzdem, natürlich mit Schwerpunkt Israel: Israelische Think-Tanks etwa würden bei ihrer Analyse des „arabischen Frühlings“ vor allem Sicherheitsfragen Israels ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen. Warum  allerdings Think-Tanks wie etwa das Gloria Center, die sich primär mit sicherheitspolitischen Aspekten beschäftigen, dafür kritisiert werden, erfuhr das Publikum nicht. Seltsam auch, dass André Marty, der selber einige Jahre in Tel Aviv gelebt hat,  Israelis in seiner PowerPoint-Präsentation ausschliesslich als Soldaten und ultraorthodoxe Juden dem Publikum präsentiert. Dennoch war sein Referat das einzige, welches dem Titel des Anlasses wenigstens einigermassen gerecht werden konnte.

Jumana Cathrin Saba

Jumana Cathrin Saba vom Verein für die Unterstützung notleidender Palästinenserkinder / PalCH hielt einen Vortrag zum Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon, die insbesondere seit den libanesischen Bürgerkriegen an katastrophalen Zuständen in den Flüchtlingslagern litten. Saba zufolge biete die daraus resultierende Verzweiflung den Nährboden für fundamentalistische Gruppen. Auch seien die Palästinenser im Libanon alles andere als beliebt und werden von staatlicher Seite stark diskriminiert. Ausserdem erwähnte sie, dass alle Flüchtlinge – zumindest, die mit denen sie gesprochen hat – auf ihrem Rückkehrrecht beharren und eine Zwei-Staaten-Lösung ablehnen würden.

Als nächstes referierte Rudolph von Planta, stellvertretender Abteilungschef der Abteilung Europa und Mittelmeerraum im Departement für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) über die Arbeit in den palästinensischen Gebieten. Die Begeisterung für seinen hauptsächlich auf Zahlen und Fakten beruhenden Vortrag hielt sich in Grenzen. Wenigstens konnte man noch erfahren, dass ihm zufolge israelische Restriktionen den wirtschaftlichen Aufschwung im Westjordanland vermindern würden.

Prof. Albert Stahel

Prof. Albert  Stahel, Strategieexperte der Universität Zürich und ETH, berichtete zum Abschluss von seiner selbsternannten „Factfinding Mission“ in den Libanon und von dortigen Gesprächen. Nicht ohne Stolz erzählt er über sein Zusammentreffen mit Ibrahim Moussawi, dem Media-Relations-Chef der Hisbollah. Etwa jener Moussawi, der Juden auch schon als „a lesion on the forehead of history” bezeichnete? Naja. Durch Herrn Stahel ist es jetzt offiziell, dass auch die Hisbollah eine Zwei-Staaten-Lösung ablehnt. Zudem sei sie immerhin die stärkste Kraft im Libanon, auch wenn sie hierzulande ständig kriminalisiert würde. Er kritisiert, dass in den Medien nie das Gutwerk der Hisbollah erwähnt würde, die doch unter anderem auch verschiedenen christlichen Minderheiten Schutz gewähre. Das Ergebnis seiner Gespräche im Rahmen seiner Factfinding Mission ist, dass die meisten Libanesen vor allem Israel, aber auch die Palästinenser (mit Ausnahme der Hisbollah) hassen würden. Und was will uns das sagen?

In der heiss ersehnten Fragerunde am Ende der Veranstaltung konnten die Anwesenden sich nun doch endlich wahlweise gegen die Besuche von Bundesrat Maurer oder Armee-Kommandant Blattmann in Israel, gegen die gefüllten Swimming-Pools der „Siedler“ im Westjordanland oder auch gegen das DEZA, welches zu wenig zum Schutz der Palästinenser unternehme, empören. Und selbst André Martys äquidistante Positionierung hatte den einen oder anderen Besucher enttäuscht, wurde  ihm doch zu mehr Emotionen und Empörung ob all der Ungerechtigkeit und weniger Pragmatismus geraten.

Knapp vier Stunden Vortrag und Diskussion samt Apéro hinterliessen einen eher schalen Nachgeschmack. Ob und weshalb Palästina denn nun ein „unlösbarer Konflikt“ sei, konnte nicht einmal ansatzweise geklärt werden. Vermutlich war dies einem Grossteil der Anwesenden auch herzlich egal. Sie hatten ihrer Empörung über Israel mal wieder ordentlich Luft machen können und schienen dementsprechend höchst zufrieden zu sein. Na immerhin.

Michel Wyss

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