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Sayed KashuaEr ist der Woody Allen Israels: Sayed Kashua. Der Palästinenser mit israelischem Pass gehört zur Minderheit der knapp zwanzig Prozent Israelis arabischer Abstammung. Mit Selbstironie und Witz verarbeitet der 36-Jährige in seinen Romanen und Zeitungskolumnen die Identitätsprobleme, mit denen Araber im jüdischen Staat ringen. Populär wurde er mit seiner Sitcom «Avoda Aravit» (arabische Arbeit), die am bedeutendsten kommerziellen TV-Sender zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird. Mit seinen bisherigen Romanen hat Kashua in Israel Bestseller gelandet.

Ihre Protagonisten sind israelische Araber, die eigentlich die jüdisch-israelische Identität annehmen möchten. So sehr sie sich anstrengen, am Ende scheitern sie. Geht es auch Ihnen so?

Es ist in der Tat sehr schwer, als Araber vom israelischen Establishment akzeptiert zu werden.

Trotzdem gehören Sie jetzt dazu. Sie publizieren jede Woche eine Kolumne in der Zeitung Haaretz. Sie erhielten mehrere Auszeichnungen, und mit Ihrer Sitcom erzielen Sie höchste Einschaltquoten.

Ich musste für diese Anerkennung hart arbeiten. Und ich bin der einzige Araber, der es in Israel geschafft hat. (Lacht) Das hatte aber auch Schattenseiten. Zu Beginn meiner Karriere wurde ich von den Arabern wie ein Kollaborateur angeschaut, weil ich für die «zionistischen» Medien arbeite. Aber inzwischen bin ich bei den Arabern akzeptiert. Auch von den jüdischen Zuschauern wurde ich anfänglich skeptisch aufgenommen. Sie mussten sich daran gewöhnen, mit der Sitcom eine arabische Familie bei sich in der Stube zu empfangen – das war keineswegs selbstverständlich. Denn die Araber sprechen in ihrer Muttersprache, also nicht Iwrit. Nie zuvor hatte man am Zweiten Israelischen Fernsehen so viel Arabisch gehört wie jetzt. Ich wollte den «normalen», gewöhnlichen Araber zeigen und nicht den verdächtigen oder den Terroristen.

Ist es Ihnen gelungen, das Vorurteil vom «gefährlichen Araber» abzuschwächen, ­indem Sie den Alltag einer arabischen Durchschnittsfamilie zeigen?

Kaum. In der Zeit, da meine TV-Serie ausgestrahlt wurde, konnte der rechtslastige Aus­senminister Avigdor Lieberman an Popularität zulegen. (Lacht)

Trotz Ihres Erfolges fühlen Sie sich nach wie vor als Fremder in Israel – diesen Eindruck gewinnt man zumindest aufgrund der Figuren in Ihren Büchern, die autobiografisch gefärbt sind.

Man muss unterscheiden zwischen meinen persönlichen Beziehungen zu Freunden, Nachbarn oder Arbeitskollegen und dem Verhalten des Staates gegenüber der arabischen Minderheit in Israel. Während ich im privaten Umgang keine Probleme habe, von der Mehrheit als Araber akzeptiert zu werden, geben mir staatliche Institutionen immer wieder das Gefühl, Teil einer fünften Kolonne zu sein. Ich bin da kein Einzelfall. Jede unserer Bewegungen wird mit viel Misstrauen beobachtet. So wurde ich neulich vor dem Abflug von Sicherheitsbeamten während einer Stunde ausgefragt, und mein Gepäck wurde untersucht. Jede Socke wurde umgekehrt.

Obwohl Ihr Name heute in Israel recht bekannt ist.

Aber offenbar gehört die Zeitung Haaretz nicht zur Standardlektüre von Sicherheitsbeamten. (Lacht) Die ziehen wahrscheinlich leichte Kost vor.

Sie bedienen sich des Humors, um Ihre Lage als Araber mit israelischem Pass zu verarbeiten.

Ja, das ist ja typisch für den Humor der Minderheiten. Das haben die Juden in Europa auch getan. Mit Humor kann man sich verteidigen, ohne andere zu verletzen. Das ist für mich der beste Weg, um die Leser zum Nachdenken anzuregen. So kann ich neurotische Botschaften vermitteln, die das Bemühen der arabischen Minderheit reflektieren . . .

. . . mit der Koexistenz umzugehen?

Ich schreibe zumindest vom Versuch der Koexistenz. (Lacht)

Ist es tatsächlich nur ein Versuch?

Meine Protagonisten unternehmen stets alles, um sich zu integrieren, um akzeptiert zu werden. Aber sie scheitern immer wieder. Sie scheitern wegen des israelisch-arabischen Konflikts, wegen der fehlenden Toleranz, wegen der Dominanz von Stereotypen. Araber, die sich in die israelische Gesellschaft einfügen wollen, werden einerseits von der arabischen Gesellschaft kritisiert, gleichzeitig stossen sie in der israelischen Gesellschaft auf Skepsis oder gar auf Ablehnung.

Kürzlich waren Sie auf einer Lesereise in ­Basel und Zürich. Wie werden Sie den ­Besuch in Ihrer Kolumne verarbeiten?

Als ich in Basel am Hotel «Les Trois Rois» vorbeiging, in dem Theodor Herzl während des ersten Zionistenkongresses gewohnt hatte, sagte ich mir beim Anblick dieser schönen Stadt und der schönen Flusslandschaft: «Dieser Herzl hat die Juden wohl nicht sonderlich geliebt.» (Schmunzelt)

Weshalb?

Weil er auf der Terrasse über dem Rhein sass und den Entschluss fasste, die Juden nach Palästina zu schicken. Die Schweiz ist doch viel schöner als dieses Palästina. (Lacht) Im Vergleich zu Jerusalem, wo so viele ver­rückte Leute wohnen, lässt es sich hier doch viel ­angenehmer leben.

Sayed Kashua: Zweite Person Singular. Berlin-Verlag. Fr. 35.90

Mit freundlicher Genehmigung Die Weltwoche, Ausgabe 45/2011, 10. November 2011

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