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Daniel Rogov

Daniel Rogov hat in seinen Gastrokritiken mit ebenso feiner wie spitzer Zunge dazu beigetragen, die israelische Wein- und Esskultur voranzubringen und dem israelischen Wein einen Platz im internationalen Rampenlicht zu verschaffen. Er verstarb am 7. September in Tel Aviv. Gut unterrichteten Kreisen zufolge war er so um die 70, aber sein genaues Alter wurde nie öffentlich bekannt – wie auch wenige nur seinen richtigen Namen kannten. „Daniel Rogov“ war ein Pseudonym.

Als Israels führender Gastrokritiker war Rogov in weiten Kreisen sehr angesehen, und er starb verehrt in einer Welt, zu deren Entstehung er mit beigetragen hatte. Eine Woche vor seinem Tod nahmen hunderte von Israels führenden Restaurantexperten und Fans in einem Hotel in Tel Aviv an einem Festmahl zu Rogovs Ehren teil. An seinem Ende standen die Grossen der israelischen Weinwelt zu Frank Sinatras My Way „Spalier wie bei einer Hochzeit, um ihn zu umarmen und zu küssen und die Liebe und Zuneigung zu zeigen, die sie für diesen besonderen Mann empfanden“, schreibt ein israelischer Weinblogger in seinem ausführlichen Bericht über dieses Ereignis – gerade mal vier Tage, bevor Daniel Rogov verstarb. „Danke, Daniel Rogov, für alles, das was du für das israelische Essen und seinen Wein getan hast. Danke, dass du so eine grossartige Persönlichkeit bist. Du hast einen grossen Einfluss auf die israelische Weinerzeugung gehabt und deine Kennerschaft und deine Liebe für den Wein haben wie dein Humor Weinliebhaber überall bewegt.“

Am besten bekannt war Rogov als Gastrokritiker der Zeitung Haaretz, für die er seit 1984 schrieb. Mit seinen wöchentlichen Restaurant- und Weinkritiken lernte man in Israel moderne Gourmetküche und Weine zu schätzen. Allerdings brachte er mit seinen Texten auch jene gegen sich auf, deren Produkte und Service seinem Anspruch nicht standhielten.

„In den letzten drei Jahrzehnten tausend Mal seine Meinung gesagt zu haben, hat natürlich nicht nur zu Lob und Dankbarkeit bei einer positiven Einschätzung geführt, sondern ihm auch Ärger und Anfeindung bei negativen Kritiken eingebracht“, weiss Weinschreiber David Rhodes 2009.  „Nach 27 Jahren im Geschäft gibt es vielleicht sogar ganze Generationen von Familien, die ihn lieben beziehungsweise hassen – jedenfalls kann man seinen Einfluss nur schwer ignorieren, wenn man im Restaurant- oder Weingeschäft ist.“

„Sein Erscheinen in Restaurants und Weinkellereien konnte Chefs, Sommeliers und Servicepersonal dazu bringen, erst einmal Schutz zu suchen“, heisst es in einem Porträt über ihn im Magazin Hadassah.

Rogovs Liebe für nicht-koscheres Essen und seine Kritiken von nicht-koscheren Restaurants liessen denen die Haare zu Berge stehen, die koscher essen. Allerdings war er überzeugt, dass es auch die koscheren Restaurants in den nächsten Jahren zu höheren Standards bringen würden, wie er 2009 sagte.

Rogovs Guide to Israeli Wine ist zum führenden Standardweinguide Israels geworden; die Sammlung von Notizen, Degustationen und Rankings erschien jährlich seit 2005. Im letzten Jahr kam zusätzlich Rogovs Guide to the World of Kosher Wines auf den Markt, der über 500 koschere Weine aus mehr als einem Dutzend Ländern beschreibt und in einem Ranking beurteilt. Mit seinen Beiträgen und Artikeln über den israelischen Wein in internationalen Publikationen und Medienauftritten konnte er das internationale Renommee bekräftigen – nicht nur seines, sondern vor allem das des israelischen Weins.

Rogov wuchs in einem Haus „wohlhabender, kultivierter russischer Einwanderer“ im New Yorker Stadtteil Borough Park, Brooklyn, auf, „bevor es religiös wurde“. Er lernte Russisch, Yiddisch und Englisch. Nach der High School ging er nach Paris und fing mit dem Schreiben über Restaurants und Wein für amerikanische Zeitungen an. „Ich hatte keine Ahnung von Essen oder Wein, aber die Amerikaner auch nicht“, meinte er 2009 im Rückblick.

1976 kam er nach Israel und blieb, nachdem er wieder mit einer ehemaligen Studentin aus Frankreich zusammen kam, die er später auch heiratete. Die Zeit war günstig für jemanden, der Interesse an Essen und Wein hatte. Die ersten Weinberge wurden auf den Golanhöhen angelegt und ein zunehmender Wohlstand weckte das Interesse für kulinarische Bildung. Zunächst schrieb er für die Jerusalem Post, von wo aus er 1984 zu Haaretz wechselte. Sie wurde zu seinem Forum.

Für seine wöchentlichen Artikel und jährlichen Guides besuchte Rogov die meisten Weinkellereien in Israel, kostete aber auch 30 bis 40 Weine pro Woche zuhause in seinem eigenen Weinkeller. Dort lagerten hunderte von Weinen – Zugang hatten aber ausser ihm „nur seine Frau, sein Assistent und die Reinigungsfrau.“

Nur wenige Tage vor seinem Tod schrieb Rogov auf einer Website, „Was  das Essen und den Wein angeht … Ich schreibe darüber seit Jahren aus einem Gefühl der Liebe und Hingabe, und zwar emotional wie intellektuell. … Beides, Essen und Wein, sind für mich nicht einfach Sachen, die halt in unseren Körper hineingehen. Sie sind Reflexionen unserer Anthropologie, unserer Geschichte, unserer Psychologie, unserer sozialen Bedürfnisse, und natürlich unseres Vergnügen. Wie alle Kritiker, die sich selber ernst nehmen, habe ich es ausserordentlich genossen, meine Gedanken mitzuteilen.“

Von Alan D. Abbey

Originalversion: The Eulogizer: Daniel Rogov – Israels leading wine critic by Alan D. Abbey, JTA, September 7, 2011

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