Die Bemühungen, den vor fünf Jahren nach Rafah in den Gazastreifen verschleppten israelischen Corporal Gilad Shalit aus der Geiselhaft zu befreien, sind erneut ins Stocken geraten. Gut informierte Kreise liessen durchblicken, dass Israel den jüngsten Kompromissvorschlag des deutschen Vermittlers Gerhard Konrad vom BND akzeptiert hat, während die Hamas neue Forderungen gestellt habe. Die Hamas verlangt die Freilassung von über tausend palästinensischen Gefangenen. Auf der Liste stehen die Namen der schlimmsten Massenmörder der Zweiten Intifada. Die neuen Forderungen hätten die Bemühungen in eine Sackgasse geführt.

Kein anderes Land reagiert so empfindlich und rabiat, sowie ein Soldat lebendig in Feindeshand gerät. Der 1982 über Libanon abgestürzte und lebendig gefangen genommene Phantom-Navigator Ron Arad war jahrelang höchste Priorität israelischer Politiker.

Nach der Geiselnahme des Soldaten Nachschon Waxman in Ramallah 1994 startete das Militär eine waghalsige Befreiungsaktion. Die endete mit dem Tod Waxmans und der Geiselnehmer. Der Fehler: Die Befreier wussten nichts von Vorhängeschlössern an der Tür. Die Verzögerung um wenige Sekunden kostete Waxman das Leben. Heute wagt niemand, die Verantwortung für eine gewaltsame Befreiung von Shalit zu übernehmen, weil es keine Erfolgsgarantie gibt.

Eldad Regev / Ehud Goldwasser

Am 12. Juli 2006 überfiel die Hisbollah im Libanon eine israelische Grenzpatrouille. Mehrere Soldaten wurden getötet, aber zwei wurden in den Libanon verschleppt: Eldad Regev und Ehud Goldwasser. Mit deutscher Vermittlung kam ein Gefangenenaustausch zustande. Doch anstelle der beiden Soldaten, wurden zwei schwarze Särge auf den Asphalt bei dem Grenzübergang Ras el Nakura gestellt.

Für Ehud Olmerts Regierung war die Entführung eine Kriegserklärung der Hisbollah. So begann der „Zweite Libanonkrieg“.

Die Hisbollah hatte die Entführung geplant, wegen Israels Überreaktion auf die Geiselnahme des Soldaten Gilad Shalit durch die Hamas drei Wochen zuvor.

Der israelische Reflex geht auf das mittelalterliche Prinzip zurück, für das Leben eines gefangenen Juden „ein ganzes Weltreich“ zu zahlen. Die hohe Motivation und Kampfmoral israelischer Soldaten wird heute mit deren Gewissheit erklärt, dass der Staat Israel alles in seinen Kräften tue, sie freizukaufen, falls  sie in Gefangenschaft geraten. Dazu gehört auch, ihre Leichen einem jüdischen Begräbnis zukommen zu lassen.

Gilad Shalit, am 28. August 1986 in Naharia nahe der Grenze zum Libanon geboren, diente wie sein älterer Bruder Yoel bei der Panzertruppe. Der schüchterne und stets hilfsbereite Junge liebte Mathematik, Leichtathletik und Basketball. Am 25. Juni 2006 um 05:40 Uhr morgens eröffneten acht bewaffnete Palästinenser das Feuer auf seinen Panzer, wenige hundert Meter vom Länderdreieck Ägypten-Israel-Gazastreifen und Kibbutz Kerem Schalom entfernt. Die Kämpfer des „militärischen Arms der Hamas-Organisation“ hatten unbemerkt unter dem Grenzzaun einen Tunnel im Sandboden gegraben und waren auf israelisches Territorium vorgedrungen. Bei dem Überfall wurden mehrere Soldaten verletzt und zwei getötet. Über die redet niemand mehr. Shalit, an der Schulter verletzt, wurde von den Kämpfern jener „Iz A Din el Kassam Brigaden“ durch den Tunnel nach Rafah verschleppt.

Gilad Shalit im Video

Seit 1890 Tagen (am Sonntag) sitzt Shalit in Haft. Die Hamas gewährt ihm keine Besuche des IKRK (Internationale Komitee des Roten Kreuzes), wie es das internationale Kriegsrecht laut Genfer Konventionen vorsieht. Shalit durfte drei Briefe und eine Audiobotschaft als Lebenszeichen verschicken. Am 2. Oktober 2009 zahlte Israel in Erwartung eines Gefangenenaustausches den Preis von 20 freigelassenen palästinensischen Gefangenen, um im Tausch ein 2:42 Minuten langes Video von Shalit zu erhalten. Gemäss israelischen Vorgaben musste er eine Tageszeitung in der Hand halten und einige Schritte gehen, um seinen Gesundheitszustand zu diagnostizieren. Seitdem existiert kein weiteres Lebenszeichen.

Für die Israelis ist Gilad Shalit ein Nationalheld. Es gab „Solidaritätsmärsche“ mit Zehntausenden Teilnehmern. Seine Eltern, Noam und Aviva, kampieren auf dem Bürgersteig vor der Residenz des Ministerpräsidenten. Sie setzen Netanjahu unter Druck, „jeden Preis“ für die Rettung ihres Sohnes zu zahlen. Zeitungen veröffentlichen Reportagen über Shalits Mitschüler und Mitkämpfer. „Es ist schwer vorstellbar, dass seine Freunde ein normales Leben führen, während er weiterhin in Gefangenschaft sitzt“, sagt Dagan Schocher, 27, Shalits Befehlshaber bei der Panzerbrigade 188. Am Sonntag wollen sie Shalits 25. Geburtstag feiern, den sechsten in Gefangenschaft. Solidaritätskundgebungen wird es auch im Ausland geben, zum Beispiel in Siegen.
Gelegentlich demonstrieren israelische Terror-Opfer. Eine Freilassung der Massenmörder könnte weiteren Israelis das Leben kosten, argumentieren sie. Aber in Israel ist es nicht populär, Shalits Leben gegen potentielle Tote aufzurechnen.
Shalit hat dank seinem Vater auch einen französischen Pass. Präsident Nicolas Sarkozy bemüht sich persönlich. Der Soldat wurde schon zum Ehrenbürger von Paris und Rom erklärt. Sein Foto hing als Grossplakat am Pariser Bürgermeisteramt und am Kolosseum in Rom, um für Solidarität, Mitgefühl zu werben und Druck auf die Hamas auszuüben.

Doch der weltweite öffentliche Druck ist auch kontraproduktiv. Die Hamas schraubt den Preis für ihre Geisel immer höher. Israel ist erpressbar. Für die Hamas ist Shalit Gold wert als Lebensversicherung. Denn solange er sich in Geiselhaft befindet, wagt Israel keinen endgültigen Schlag gegen die Hamas, allein um nur nicht das Leben von Shalit zu gefährden.

© Ulrich W. Sahm

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