Rebbe Menachem Mendel Schneerson sel.

Harry Truman wurde am 12. April 1945 gebeten, ins Weisse Haus zu kommen, wie erzählt wird. Nachdem der Vizepräsident der Vereinigten Staaten ins Wohnzimmer der First Lady Eleanor Roosevelts geführt worden war, teilte sie ihm mit, dass ihr Mann, Präsident Roosevelt, gestorben sei. Truman schwieg und dachte einen Moment lang nach. „Gibt es etwas, dass ich für Sie tun kann?“, fragte er dann.  –  „Gibt es etwas, dass wir für Sie tun können?“ antwortete Eleanor Roosevelt. „Sie sind derjenige, der nun in Schwierigkeiten steckt!“

Eine fürsorgliche und warmherzige Elternfigur, die sich für jeden Einzelnen interessiert, das ist die vollendete jüdische Führungspersönlichkeit, so zeigt sich wahrhaftes Jewish Leadership. Diese Eigenschaft verdanken so viele unserer Vorväter und -mütter  – Abraham, Isaak, Jakob, Rachel, Lea, die zwölf Stammesoberhäupter, Mose und König David eingeschlossen  – wohl der Tatsache, dass sie alle als bescheidene Hirten begannen und nicht als Krieger!

Die Fähigkeit, sich um andere zu kümmern und sie zu erziehen, ist der wichtigste Einzelaspekt beim Jewish Leadership. Warum? Weil das Ziel eines  jüdischen Leaders einfach und klar ist: es geht ihr darum, das jüdische Volk Gott nahe zu bringen. Fürsorglich und erziehend vermittelt jeder jüdische Leader, jeder Vater und jede Mutter und jede Person mit Autorität jene Eigenschaften, die uns Gottes Nähe spüren und Liebe für ihn empfinden lassen. Fürsorglich und erziehend werden sie zum Vorbild.

Die Aufgabe eines Leaders besteht neben dem Anleiten und Lehren der Menschen darin, sich für sie zu interessieren und ihre Bedürfnisse zu stillen, und zwar mit vollem persönlichen Einsatz. Über jüdische Könige, insbesondere über König Saul, wird gesagt, dass er zwar in allen Dingen über dem Volk steht; doch gleichzeitig steht er dem Volk zur Seite und gehört ganz zu ihm. Und Mose sagte über das jüdische Volk: „Ich stehe in ihrer Mitte”, auch ihrem Leid: ihr Schmerz ist sein Schmerz. Genauso verhält es sich mit ihrer Freude: sie ist seine Freude.

Der Talmud berichtet von Mose, wie er einem Bettler von seinem Brot gibt. Und er erklärt weiter, dass diese Tat ein Bild dafür ist, dass Mose dem jüdischen Volk die Thora gab. Mose gibt dem Bettler Brot, er gibt dem Geringsten der Elenden. Auf einer geistigen Ebene wurden Bettler als noch geringer betrachtet als die Armen. Der Anführer des Volkes hätte diesen Bettler zu jemand anderem schicken können, damit dieser sich um ihn kümmern – geistig: ihn lehren – solle, aber nein, er nimmt von seinem Brot und gibt es diesem gering geachteten Menschen. Die Thora erzählt uns diese Episode, um uns für unser persönliches Leben zu zeigen, wie wir uns verhalten sollen. Wenn jemand zu uns kommt und uns um Hilfe bittet, ob es um ganz konkrete Anliegen geht oder um spirituelle: lasst  nicht andere das Helfen für euch übernehmen! Lasst uns von Mose lernen, der bedeutendsten jüdische Leader  aller Zeiten, der niemand zu gering achtete, um ihm zu helfen. Ein wahrer Leader weiss, dass schliesslich die Belange des Einzelnen zählen, auch wenn er einer Vielzahl von Menschen vorsteht.

Mose wuchs im Palast des ägyptischen Pharao auf. In der Thora lesen wir, wie Mose beim Verlassen des Palastes Zeuge folgender Szene wird: ein Ägypter verprügelt einen Juden. Und die Thora erzählt, dass Mose sich daraufhin nach allen Seiten umwendet  –  und sieht: Ki Ein Ish, da war niemand. Wörtlich kann dieser Satz so verstanden werden, dass er erkannte, dass es keine Zeugen für seine eigene Tat geben würde, wenn er nämlich seinerseits den Ägypter niederschlug. Eine andere Erklärung dieses Satzes ist: danach sah Mose, dass da niemand war – niemand, den es kümmerte. Ein Jude wurde geschlagen und niemand war da, niemand stand auf, um ihn zu verteidigen und ihm zu helfen. Und da griff Mose ein. Ein guter jüdischer Leader  nimmt sich der Fälle an, die andere nicht kümmern oder die von ihnen ignoriert werden.

Ein weiterer Wesenszug eines bedeutenden Leaders ist Bescheidenheit. Mose war der Inbegriff einer bescheidenen Person, wie uns die Thora berichtet. Demut zu zeigen oder bescheiden zu sein, kann bisweilen für das Weiterkommen hinderlich sein; darum ist es wichtig zu wissen, dass wahre Demut viel mit Selbstachtung zu tun hat. Bescheidenheit sollte nicht verwechselt werden mit einem geringen Selbstwertgefühl. Moses Demut hinderte ihn nicht daran, das zu tun, was er tun musste. Er behielt immer das Ziel seiner Führungsaufgabe im Auge: das jüdische Volk Gott näher zu bringen.

Für mich persönlich ist der Lubawitscher Rebbe seligen Angedenkens, das Oberhaupt der Chabad-Lubawitsch-Bewegung, ein Beispiel eines vollendeten jüdischen Leaders. Weltbekannt, wie er war, hätte der Rebbe reisen und sich in exklusiven politischen und gesellschaftlichen Kreisen bewegen können. Stattdessen verliess er seinen Wohnsitz in Brooklyn jahrzehntelang nicht, dort verbrachte er seine Zeit mit Studien, Gebeten und mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die ihn aufsuchten. Der Rebbe nahm sich dabei gerade solcher Fälle an, die andere vorzogen zu übersehen. So gründete er zum Beispiel in Russland Schulen und Mikwen, die im Untergrund geführt wurden, um jüdisches Leben und Lernen in diesem kommunistischen Staat am Leben zu erhalten. Er sandte Schluchim, Gesandte, aus, um Jüdinnen und Juden in der ganzen Welt an ihre Tradition zu erinnern, auch an die entlegensten, schwer zu erreichenden Orte –  lange bevor es üblich war, auch jüdische Menschen aufzusuchen, die der Gemeinde nicht angeschlossen sind. Es war ihm wichtig, dass die Schönheit des Judentums jedem einzelnen Juden gezeigt und gelehrt werden konnte.

Und weiter betonte der Rebbe, dass es wichtig sei, nichtjüdischen Menschen die Noachidischen Gebote nahezubringen. Er nahm jeden und jede ernst, unabhängig von ihrer Religion und ihrem Hintergrund. Er lebte nach der Überzeugung, dass jeder Mensch geachtet werden müsse als B’Tzelem Elokim, als Ebenbild Gottes. Jeder wurde von ihm gleich behandelt. In seinen öffentlichen Ansprachen ermutigte der Rebbe immer wieder, unseren Mitmenschen mit weitem Herzen zu begegnen. Und in der Tat ist die Chabad-Bewegung rund um die Welt bekannt für ihre gemeinnützigen Bildungszentren, ihre Gastfreundschaft und ihre öffentlichen Einrichtungen. Sir Jonathan Sacks, der britische Grossrabbiner, sagte über den Lubawitscher Rebbe: „Ein guter Leader ist einer, der Nachfolger hervorbringt. Eine bedeutender Leader ist einer, die weitere Leader hervorbringt.“ Alle Schluchim-Gesandten des Rebbe und alle diejenigen, die sich unter seinem Einfluss guten Zwecken und Führungspositionen zuwandten, bezeugen die Fähigkeit des Rebbe, Leader hervorzubringen. Auch noch nach seinem Tod 1994 wurden weiter mehr und mehr Chabad-Häuser gebaut, um sicherzustellen, dass Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt einen Ort haben, an dem sie mehr über ihr grossartiges jüdisches Erbe lernen können – und einen Orte, an dem sie sich zu Hause fühlen können.

In diesem Geist eines wahrhaftigen jüdischen Leaders wollen wir handeln – und uns selbst und andere begeistern.

Chanie Rosenfeld, Chabad Esra, Zürich

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