Hassan Nasrallah
Hassan Nasrallah

Am 26. Juli 2011 hielt der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah eine Rede zum Gedenken des fünften Jahrestags des Zweiten Libanonkrieges. Er gab die Errungenschaften des Krieges aus seiner Perspektive wieder und betonte, dass die israelischen Warnungen vor „Überraschungen“, welche die Hisbollah im Falle einer erneuten militärischen Konfrontation erwarten würden, nichts weiter seien als psychologische Kriegsführung, die scheitern müsse.

Nasrallah liess die Chance nicht ungenutzt, sich zum Verteidiger der libanesischen Sicherheit zu erklären, der daher auch die natürlichen Rohstoffe des libanesischen Staates schützen werde. „Der Libanon hat nun die reale Chance, ein reicher Staat zu werden, da Schätze von Erdgas und -öl direkt vor seiner Küste liegen. […] Diese Bodenschätze gehören keiner Religion oder Partei, sondern stellen die nationalen Ressourcen des libanesischen Staates im Wert von Milliarden Dollar dar.“

Nasrallah rief die libanesische Regierung dazu auf, unverzüglich zu handeln, die Seegrenzen des Libanons zu ziehen und mit der Förderung zum gegebenen Zeitpunkt zu beginnen. Seinem Aufruf folgten Drohungen: „Ich kann mit aller Gewissheit sagen, dass der Libanon dazu in der Lage ist, seine Öl- und Gasförderanlagen zu verteidigen. Wir werden jeden Angriff auf diese Anlagen rächen. Und wir warnen Israel davor, auch nur irgendwelche Schritte dahingehend zu unternehmen, die natürlichen Schätze aus unseren natürlichen Gewässern zu stehlen.“

Fünf Jahre nach dem Zweiten Libanonkrieg und dem „göttlichen Sieg“ (Nasrallah) sieht sich die Hisbollah an einem Tiefpunkt angelangt. Nasrallah ist mit einer genuinen Krise konfrontiert, die die Position der Hisbollah im Libanon ernsthaft in Frage stellt.

Verantwortlich für die Krise ist zum einen die Unsicherheit über das Überleben des Assad-Regimes in Syrien und zum anderen die Forderung des Sondertribunals für den Libanon, die vier zur Hisbollah gehörenden, mutmasslichen Mörder des ehemaligen libanesischen Premiers Rafiq Hariri auszuliefern.

Die Bedrohung des Assad-Regimes hat seine direkten Konsequenzen für die strategische Position der Hisbollah, sowohl auf der Ebene der libanesischen Innenpolitik als auch in ihrer Konfrontation mit Israel. Tatsächlich hat der Iran die Hisbollah während der Herrschaft von Hafez al-Assad in Syrien als kleine Miliz ins Leben gerufen, doch es war unter der Regierung von Bashir al-Assad, dass sie gedeihen konnte und die sozialen, ökonomischen wie militärischen Dimensionen eines Staates erreichte, der die blosse Existenz des Libanon bedroht.

Über Damaskus erhält die Hisbollah militärische und alle andere Unterstützung aus Teheran, zusätzlich zur direkten Lieferung von Raketen aus den Beständen der syrischen Armee an ihre Kampfgruppen.

Es dürfte inzwischen deutlich sein, dass es ohne syrische Unterstützung der Hisbollah schwer fallen dürfte, dem Libanon ihre Politik aufzuoktroyieren. Die kürzliche Evakuierung von Hisbollah-Raketen von syrischen Gebieten ins Bekaa-Tal ist vielleicht eines der deutlichen Anzeichen dafür, dass die Hisbollah in tiefe Sorge über die Zukunft des Assad-Regimes geraten ist.

Zur gleichen Zeit  fordert das Sondertribunals in Den Haag die Auslieferung der Mörder von Premier Hariri und wird darin von der internationalen Gemeinschaft unterstützt. Nasrallahs brüske Weigerung, diese „patriotischen Mudschahedin … weder in dreissig Tagen noch in dreissig Jahren“  preiszugeben, trägt bereits die Gefahr eines internen libanesischen Flächenbrands in sich. Mächtige Parteien im Libanon ersehnen nichts anderes, als dass die Hisbollah durch den Sturz des Assad-Regimes in Syrien geschwächt wird und dass ein verstärkter internationaler Druck auf Nasrallah die politische Position und in Folge auch die militärische Macht der Hisbollah untergräbt.

In jüngster Zeit haben sich die Anzeichen vermehrt, dass die Hisbollah bereits geschwächt ist. So wurde etwa ein  CIA-Spionagenetzwerks in wichtigen Positionen innerhalb der Bewegung enttarnt, dem auch die beiden Verantwortlichen für die Ausbildung, sowie für Überwachung und Inspektion der Hisbollah-Streitkräfte angehörten.

Auch gibt es erstmals Widerstand gegen das Totalverbot von Alkohol, auf den die Hisbollah derzeit zögerlich reagiert.

Angesichts dieser Entwicklungen scheint es, als suche Nasrallah nach einem Vorwand, Israel zu konfrontieren. Dieses Mal gilt der Vorwand den Gasvorkommen, die Israel vor seiner Küste zu erschliessen sucht. Nasrallah glaubt, dass seine Drohungen vom Niedergang der Hisbollah und den internationalen Vorwürfen gegen ihn ablenken werden. Doch Nasrallah hatte in der Vergangenheit bereits zugeben müssen, dass er, hätte er die israelische Reaktion geahnt, von der Entführung der israelischen Soldaten 2006 abgesehen hätte. Man kann nur hoffen, dass, fünf Jahre später, Nasrallah sich an diesen schweren Fehler erinnert.

Brig.-Gen. a.D. Dr. Shimon Shapira ist Senior Research Associate des Jerusalem Center for Public Affairs.

 

Gekürzte Fassung der Originalversion mit Fussnoten: Die Krise des Assad-Regimes bedroht die Hisbollah von Shimon Shapira © Jersalem Center for Public Affairs, 15. August 2011

 

 

 

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