Das Steinhardt Museum für Naturgeschichte in Tel Aviv. Foto Oz Rittner
Das Steinhardt Museum für Naturgeschichte in Tel Aviv. Foto Oz Rittner

Das neue Museum in Gestalt einer Arche beherbergt 5,5 Millionen Artenexemplare aus aller Welt – von Schädeln früher Menschen bis hin zu seltenen Tierpräparaten.

 

von Rebecca Stadlen Amir

Beim Eintritt in das neue Naturkundemuseum in Tel Aviv werden Besucher von einer lebendigen Inszenierung der grossen Vogelwanderung von Afrika durch die Chula-Ebene im Norden Israels nach Europa – ergänzt durch ausgestopfte Habichte, Pelikane und Geier, die unter der Decke des Eingangsgebäudes kreisen – begrüsst.

Das knapp 330 m² grosse Gebäude in Form der Arche Naoah, in dem mehr als 5,5 Millionen Artenexemplare aus aller Welt unterbracht sind, eröffnete nach zwei Jahrzehnten der Planung am 2. Juli in Tel Aviv, direkt neben dem Universitätscampus.

Als grösstes naturhistorisches Museum im Nahen Osten und Israels Zentrum für Biodiversitätsstudien beleuchtet das Steinhardt Museum für Naturgeschichte insbesondere die ökologisches Diversität des Landes an der Schnittstelle dreier Kontinente, aber auch die Auswirkungen urbaner Entwicklung, des Klimawandels und der durch den Menschen verursachten Verwüstung des Ökosystems in dieser Region.

Das vorrangige Ziel des Museums besteht seinen Kuratoren zufolge darin, das öffentliche Bewusstsein für die natürliche Welt und Umwelt auf lokaler wie auf globaler Ebene zu schärfen.

Millionen Besucher aus aller Welt kommen jährlich nach Israel. Sie alle sind begierig darauf, die kulturellen und religiösen Artefakte des Landes zu entdecken. Man rechnet mit rund 150 000 Besuchern pro Jahr, denen das Museum ab jetzt einen tiefen Einblick in die einzigartige, sowohl antike als auch moderne Naturgeschichte des Heiligen Landes und der Region bietet.

„Das partnerschaftliche Engagement seitens der israelischen Regierung und diverser Spender, allen voran Michael Steinhardt, führte zur Errichtung eines einzigartigen und wegweisenden Museums, das ab jetzt eine bedeutende kulturelle Einrichtung für Tausende Familien, Schulkinder, Naturliebhaber, Touristen und Wissenschaftler aus aller Welt sein wird“, sagt Tamar Dayan, Professorin für Mammologie an der Universität Tel Aviv und Vorsitzende des Museums. „Für Forscher und Wissenschaftler wird das Museum fortan eine dauerhafte Quelle der Kenntnisse und Entdeckungen des vergangenen wie des gegenwärtigen Lebens um uns herum sein.“

„Im Nahen Osten klafft bisher eine Lücke in Sachen Kenntnisse über Biodiversität und naturhistorische Sammlungen“, so Tamar Dayan gegenüber dem Smithonian Magazine. „Wir glauben, es gibt eine internationale Gemeinschaft, die wissen will, was hier geschieht.“

Den 40-Millionen-US-Dollar teure Bau des Museums machten der prominente US-amerikanische Philanthrop Michael Steinhardt – Mitbegründer und Finanzier von „Taglit – Birthright Israel“ und vielfacher Spender für israelische Vorhaben – sowie seine Frau Judy möglich. Das Gebäude selbst entwarf das Architekturbüro Kimmel Eshkolot aus Tel Aviv.

Das Museum präsentiert neben einer jeweils temporären Einzelausstellung in insgesamt acht Dauerausstellungen Tausende Exemplare aus den israelischen naturhistorischen Sammlungen, die bisher nur Wissenschaftlern der Universität Tel Aviv zugänglich waren, sowie aus anderen Museen des Landes.

 

Übliche Dioramen sowie innovative, interaktive Ausstellungsformate auf den verschiedenen Etagen sind durch schräge Rampen verbunden und erlauben so einen „fliessenden“ Gang durch die Ausstellung, ohne Treppensteigen.

Das Museum beherbergt Exponate, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gesammelt wurden – etwa von dem deutschen Zoologen und katholischen Priester Ernst Johann Schmitz, der vor Hundert Jahren im Lande lebte. Die Ausstellungssektion „Schätze der Biodiversität“ zeigt Tierpräparate aus seiner Sammlung, darunter den letzten Bären aus dem Jahr 1916, einen asiatischen Geparden aus dem Jahr 1911 sowie das letzte Krokodil aus dem Taninim-Fluss – allesamt Arten, die es in Israel heute nicht mehr gibt.

Ein anderes Exponat, eine 6 m lange interaktive Israelkarte, zeigt gegenwärtige Umweltprobleme auf – etwa den Schwund der einzigen Frischwasserquelle des Landes, des Sees Genezareth, sowie das Schrumpfen des Toten Meeres um jährlich fast einen Meter.

Die Bedeutung der Übernahme eines umweltfreundlichen Lebensstils sowie entsprechender Verhaltensweisen demonstriert die Ausstellung „Der Einfluss des Menschen“; hier werden junge Besucher angehalten, Müll nicht achtlos wegzuwerfen und die Lichtverschmutzung an der Küste zu vermindern, da sie die Population der Meeresschildkröten bedroht.

Andere Ausstellungsbereiche thematisieren „Insekten und ihren Familien“ – hier werden lebendige Tiere gezeigt und Besucher erfahren etwas über die Welt der Arthopoda (Gliederfüsser): des grössten und diversesten Stammes in der Natur; das „Leben in der Dunkelheit“ – dieser Bereich gewährt einen Blick auf Tiere in Israel und weltweit, die ohne Tageslicht auskommen; die „Landschaften Israels“ – dieser untersucht die beeindruckende Vielfalt israelischer Habitate; „Urbane Natur“ – er zeigt das Leben wilder Tiere in der Stadt; und schliesslich die Frage „Was macht uns zum Menschen?“: Hier lässt sich die biologische und kulturelle Evolution der menschlichen Species erkunden.

Die erste temporäre Ausstellung zur Eröffnung des Museums trägt den Titel „Life Object“: Sie vertrat 2016 Israel auf der internationalen Architekturbiennale in Venedig und handelt vom Einfluss der Natur auf die Architektur.

Konstruktion für die Ausstellung „Israels Landschaften“, die die beeindruckende Vielfalt der Lebensräume in Israel zeigt. Foto Facebook

Eine der Herausforderungen beim Bau bestand laut Kimmel Eshkolot darin, für die Forschungssammlungen des Museums eine Lösung zu finden, die den Anforderungen kontrollierbarer klimatischer Bedingungen gerecht wurde.

Das Ergebnis ist der Holzbau in Form einer Arche, die man von aussen als solche erkennt und die ursprünglich wie eine Schatzkiste aussehen sollte. Erst nach Vollendung des Gebäudes gewann es neue Bedeutungen, unter denen die der Arche Noah herausragt – bewahrt sie doch die Schätze der Natur für zukünftige Generationen. Museumsbesucher wandeln durch die Arche und können in verschiedenen Räumen die einzelnen Sammlungen betrachten.

Im Laboratorium und in den Forschungseinrichtungen des Museums können internationale Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen zukünftig Exemplare aus der Natur unter die Lupe nehmen, um die Wirkungsweisen des Ökosystems und ihrer Bewahrung noch besser zu verstehen.

„Wir sollten in der Gesellschaft eine Schlüsselrolle spielen“, sagt Dayan über das Museum und die durch seine Sammlung möglich gewordene Forschung. „Es stellt ein immenses Privileg für Wissenschaftler dar, das Gefühl zu haben, eine wichtige Rolle zu spielen. Heute mehr als je zuvor – sowie angesichts der Herausforderungen unseres Planeten – benötigen wir den öffentlichen Diskurs.“

Neben den Ausstellungen bietet das Museum Forschungsgalerien für Workshops und andere Aktivitäten, einen Hörsaal sowie in naher Zukunft ein Restaurant und einen Museumsladen. An Wochenenden und Feiertagen werden Forschungs- und handwerkliche Workshops, Filmvorführungen und andere Aktivitäten für Museumsbesucher angeboten.

Auf Englisch zuerst erschienen bei Israel21c.

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