13. Juli 1938; Myron Taylor, Vertreter der Vereinigten Staaten, hält eine Rede vor den Konferenzteilnehmern. Foto Yad Vashem Fotoarchiv 1619/43.
13. Juli 1938; Myron Taylor, Vertreter der Vereinigten Staaten, hält eine Rede vor den Konferenzteilnehmern. Foto Yad Vashem Fotoarchiv 1619/43.

Aus Anlass des 80. Jahrestages der Évian-Konferenz von 1938 wird diese Woche am damaligen Tagungsort im Hotel Royal eine Gedenktafel angebracht werden, die an das historische Ereignis erinnert. Begleitet wird die Zeremonie von einer zweitägigen Konferenz, zu der unter anderem Historiker, Vertreter jüdischer Organisationen und Zeitzeugen erwartet werden.

 

Die Gedenkkonferenz wird in demselben Raum des Hotel Royal im französischen Kurort Évian-les-Bains stattfinden, wo vom 6. bis zum 15. Juli 1938 – vier Monate nach dem Anschluss Österreichs und vier Monate vor der Reichspogromnacht – die Repräsentanten von 32 Nationen auf Einladung des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt tagten,, um darüber zu verhandeln, welche Staaten jeweils wie viele der 500.000 zu „Staatenlosen“ erklärten deutschen Juden aufnehmen könnten.

Ein Vertreter nach dem anderen stand auf und erklärte, warum sein Land dies nicht könne oder wolle. In Palästina – dem Land, das der Völkerbund in der Konferenz von Sanremo zur Gründung einer nationalen Heimstatt der Juden ausgewiesen hatte – versuchten die Briten,die Einwanderung von Juden nach Kräften zu verhindern.

„Keine Nation war bereit, den ertrinkenden Juden eine helfende Hand zu reichen, als es so einfach gewesen wäre. Keine Nation wollte sich mit den Juden abgeben“, schreibt der heute im israelischen Netanja lebende Politikwissenschaftler,Rabbi und Holocaustüberlebende Ervin Birnbaum, der 1938 neun Jahre alt war. „Die angeführten Gründe waren in einigen Fällen nicht weniger niederschmetternd als die Weigerung selbst. Wir wollen kein Rassenproblem, sagte einer. Wir können diese Händler und Intellektuellen – mit anderen Worten: jene Parasiten – nicht gebrauchen, sagte ein anderer. Und, wörtlich: ‚Wir haben für sie ebenso wenig Verwendung wie Deutschland’, sagte ein Dritter.“

Die Welt habe damals Hitler ein Signal gesendet, so Birnbaum: „Weil es so unmissverständlich klar war, haben die Deutschen es empfangen: Die Welt wird gelegentlich einen formalen Protest einlegen und ein Lippenbekenntnis zur christlichen Wohltätigkeit ablegen. Doch unter der Maske des Humanitarismus und der christlichen Barmherzigkeit wollte die westliche Welt nicht mit jüdischen Sorgen belastet werden. Die Menschheit hatte kein Interesse am Schicksal der Juden.“  In diesem Sinn habe Évian den Wendepunkt markiert. „Die Nazis verstanden, dass ihre Hände nicht mehr länger von der Furcht vor möglichen nachteiligen Reaktionen der zivilisierten Welt gebunden waren“, so Birnbaum.

Nur ein Staat wollte Juden aufnehmen

Das einzige Land, das bereit war, Juden aufzunehmen, war die Dominikanische Republik unter Diktator Rafael Trujillo, dessen Schreckensherrschaft von 1930 bis 1961 dauerte, als er einem Attentat zum Opfer fiel. Trujillo bot an, bis zu 100.000 Juden aufzunehmen, wenn diese in der Landwirtschaft arbeiten würden. Letztlich kamen etwa 700 Juden auf die Insel – unter ihnen die 2006 verstorbene deutsche Dichterin Hilde Palm, geborene Löwenstein, die sich in Anlehnung an den Namen ihrer Zufluchtstätte später Hilde Domin nannte.

Für den Amerikaner Hugh Baver, der der Mann hinter der Konferenz und den letztlich von Erfolg gekrönten Bemühungen zur Anbringung einer Gedenktafel im Hotel Royal ist, war eine Reise nach Haiti im Jahr 2010 der Anlass, sich mit der Évian-Konferenz zu beschäftigen. In dem Küstenort Sosúa erfuhr er, dass es dort eine kleine jüdische Gemeinde gibt, die aus Nachfahren von Flüchtlingen besteht, die im Zuge der Évian-Konferenz in die Dominikanische Republik kamen.

Trujillo verfolgte damals mit seinem Angebot eigennützige und rassistische Motive. Wenige Monate zuvor, im Oktober 1937, hatte er das „Petersilien-Massaker“ an der Grenze zu Haiti angeordnet – laut einer unbestätigten Geschichte rührt dessen Namen daher, dass jeder hingerichtet wurde, der dunkle Hautfarbe hatte und das spanische Wort für Petersilie – perejil – nicht so aussprach, wie es in der Dominikanischen Republik ausgesprochen wird. Die Zahl der Ermordeten konnte nie ermittelt werden, eine häufige Schätzung ist 20.000. „Als einige Monate später die Évian-Konferenz zusammenkam, wollte der Diktator sein Image aufpolieren“, erläutert Baver im Gespräch mit Audiatur-Online, „also bot er an, Flüchtlinge aufzunehmen. Die Ironie ist, dass die Juden, die vor einem rassistischen Regime flohen, in die Hände eines anderen gerieten, eines, dass rassistisch gegen Schwarze war.“ Trujillos Absicht nämlich bestand auch darin, dass weiße europäische Juden dunkelhäutige Haitianerinnen heiraten sollten, damit der Nachwuchs eine hellere Haut bekäme. Die meisten Juden verließen die Insel nach dem Krieg, doch die landwirtschaftliche Siedlung Sosua existiert noch heute.

Baver ist der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Sosúa75, einem Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Sosúa und die Geschichte der Rettung der Juden bekannter zu machen. „Bis heute hat kaum jemand von jenen geretteten Juden gehört, so, wie vor Steven Spielbergs Film ‚Schindlers Liste’ kaum jemand von den Schindler-Juden wusste“, sagt Baver. Drei der Nachfahren werden diese Woche in Évian sein: Zwei, die als Kinder jüdischer Flüchtlinge in Sosúa geboren wurden und ein Enkel der Siedler.

Der Kampf um eine Gedenktafel

Im Hotel Royal deutete bislang nichts auf diese für die Juden so schicksalhafte Konferenz hin. Wie kam es dazu, dass sich dies jetzt ändert und eine Gedenkplakette angebracht wird? Das sei eine „lustige Geschichte“ gewesen, sagt Baver. Baver war auf Geschäftsreise in der Schweiz und nahm die Fähre über den Genfer See von Lausanne nach Évian. Dort hatte er nur wenig Zeit, um das Hotel Royal zu besuchen. „Hätte nicht der Gästemanager Marc Figueiredo gerade Dienst gehabt, wäre ich wahrscheinlich rausgeworfen worden, weil ich für den Gästeraum keine Reservierung hatte.“ Eine Gedenktafel gäbe es dann jetzt wohl nicht. Um Eintritt zu erlangen, habe er lügen müssen, sagt Baver, und erzählen, er sei ein Journalist aus Boston, der über das Hotel recherchiere. „Ich hatte einen Kampf zu bestehen, um zu Marc vorgelassen zu werden; Marc war dann so freundlich, mir zehn Minuten zu gewähren, damit ich zum Hotelcomputer gehen und ihm im Internet zeigen konnte, wer ich bin und was es mit der Évian-Konferenz auf sich hat.“ Niemand im Hotel nämlich habe einen blassen Schimmer gehabt,welches historische Ereignis sich dort zugetragen hatte. „Es gab keinen Hinweis an einer Wand, nichts. Man sagte mir: ‚Sie müssen sich im Hotel geirrt haben.’ Doch Marc gab mir die Chance, zu erklären, was es für mich bedeutete, in jenem Raum zu sitzen und über wie viele Leben dort bestimmt wurde. Ich war von Gefühlen überwältigt.“

Figueiredo habe dann einige Anrufe getätigt und Baver in ein Zimmer geführt, wo die Gästeliste von 1938 aufbewahrt wurde – unter den Gästen fanden sich alle Teilnehmer der Konferenz. Am Ende des Besuchs schenkte Figueiredo Baver als Souvenir einen aus jener Zeit stammenden Türknauf aus Messing, der bei der Hotelrenovierung einige Jahre zuvor abmontiert worden war. Baver und Figueiredo blieben in engem Kontakt. Im Laufe eines mehrjährigen Austauschs diskutierten die beiden – Figueiredo ist inzwischen Manager des gesamten Hotels – über die Anbringung einer Gedenktafel. Das Hotel gehört einem multinationalen Unternehmen namens Leading Hotels of the World. „Er fühlte langsam bei den oberen Etagen des Managements vor und überzeugte sie davon, dass dies ein wichtiges Stück Geschichte ist, das in der historischen Erzählung des Hotels vorkommen müsse. Das alles passierte über zwei Jahre. Marc arbeitete sich langsam vor und konnte eine Etage nach der anderen überzeugen.“

Aufruf zum Handeln

Die Gedenktafel wird die Inschrift tragen:

„In diesem Raum trat zwischen dem 6. und dem 15. Juli 1938 die Évian-Konferenz zusammen, um über die wachsende, durch die Verfolgung der europäischen Juden durch Nazideutschland ausgelöste Flüchtlingskrise zu diskutieren. Anwesend waren 32 Länder der Welt, 24 Hilfsorganisationen und mehr als 200 internationale Journalisten. Das einzige Land der Welt, das willens war, als ‚sicherer Hafen’ bis zu 100.000 heimatvertriebene jüdische Flüchtlinge aufzunehmen, war die Dominikanische Republik.“

Darunter werden die Namen der Personen und Organisationen stehen, die sich für die Gedenktafel eingesetzt haben.

Ausschnitt der Gedenktafel. Foto zVg

Unter den Rednern auf der begleitenden Konferenz wird der 89-jährige österreichische Journalist Karl Pfeifer sein, der vor wenigen Tagen in Wien mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich geehrt wurde.

Gegenüber Audiatur online erinnert sicht Pfeifer, wie seine jüdischen Eltern damals nach einer Zufluchtstätte suchten:

„Wir lebten bis 1938 in Baden bei Wien. Wir hatten ein Zweifamilienhaus, mein Vater arbeitete für eine deutsche Firma am Balkan. 1938 wurde er gekündigt und wir verloren alles, was wir hatten. Erst vor ein paar Jahren erhielt ich Kopien der Vermögenserklärung meiner Eltern. Jahrzehntelang hatte der österreichische Staat geleugnet, sie zu besitzen. Nur unseren Verwandten in Ungarn hatten wir zu verdanken, dass wir 1938 nach einer Fahrt über die Schweiz, Italien und Jugoslawien nach Ungarn gelangten, wo ich eine für mich neue Sprache erlernen musste. Kurze Zeit später erlebte ich Ungarn als eine antijüdische Falle.“

Weitere prominente Redner sind Dennis R. Laffer und Pater Patrick Desbois. Laffer ist der Autor einer 400-seitigen Doktorarbeit über die Évian-Konferenz, die auf 20 Jahren Forschung beruht. Pater Desbois ist der Gründer der Organisation Yahad-In Unum und hat in Osteuropa nach Massengräbern von Holocaustopfern gesucht – Opfern von Erschießungskommandos, den sogenannten Einsatzgruppen, die in Wäldern in Massengräbern verscharrt wurden, die sie zuvor oft selbst hatten ausheben müssen. Über diese Suche nach der Wahrheit schrieb er das preisgekrönte Buch The Holocaust by Bullets. Reden wird auch Denise Valett, die stellvertretende Bürgermeisterin des französischen Dorfes Le Chambon-sur-Ligne, dessen Bewohner während der deutschen Besatzung 3.000 Juden versteckten und ihnen so das Leben retteten.

„Einige Leute konnte ich erst in den letzten Wochen kontaktieren“, sagt Baver. „Viele haben ihren Urlaub storniert, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Es wird ein Aufruf zum Handeln von ihr ausgehen. Wir werden darüber reden, wie wir die Évian-Konferenz in unserer Zeit einer Neubetrachtung unterziehen.“

1938 in Évian anwesend waren auch Golda Meir, die spätere israelische Ministerpräsidentin und Chaim Weizmann, der 1949 der erste Präsident des Staates Israel wurde. Weizmann sagte nach dem Ende des internationalen Treffens: „Die Welt scheint in zwei Teile geteilt zu sein: die Orte, wo Juden nicht leben können, und die, in die sie nicht einreisen dürfen.“ In ihrer Autobiografie Mein Leben (1975) schrieb Meir, sie, die als Beobachterin für die Juden Palästinas eingeladen war, „durfte nicht einmal unter den Delegierten sitzen, obwohl die Flüchtlinge, über die diskutiert wurde, mein eigenes Volk waren“. Der Presse sagte sie unmittelbar nach der Konferenz: „Ich hoffe, eine Sache zu erleben, bevor ich sterbe: dass mein Volk niemals mehr Sympathiebekundungen nötig haben wird.“

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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