Foto DONOSTIA KULTURA - Proyección y conferencia Claude Lanzmann06, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61931327
Foto DONOSTIA KULTURA - Proyección y conferencia Claude Lanzmann06, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61931327

Claude Lanzmann ist im Alter von 92 Jahren in Paris verstorben. Lanzmann wurde am 27 November 1925 in Paris als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa geboren. Im Alter von 17 Jahren trat er in den französischen Widerstand ein.

 

Er war einer der “Giganten der Kultur”, so die israelische Kulturministerin Miri Regev zum Tod des französischen Regisseurs. Sein wohl wichtigstes Werk war „Shoah“, eine neunstündige Dokumentation zum Holocaust. Damit hat er Filmgeschichte geschrieben. Denn er verwendete nicht das bekannte Archivmaterial, sondern interviewte Zeitzeugen, darunter auch Eisenbahner, die todgeweihte Juden in ihren Zügen nach Auschwitz brachten, Polen und Deutsche, die zuschauten, wie Juden versammelt und dann deportiert wurden. Jene also, die alles gesehen und gewusst, aber nichts unternommen haben, den einzigartigen Genozid der Nazis an Juden zu verhindern.

Sein Regiedebüt „Pourquoi Israel“, Landsmanns erster wichtiger Dokumentarfilm aus dem Jahr 1973, rief noch 2009 in Deutschland wütenden Protest hervor. Vor einem kleinen Programmkino in Hamburg versammelten sich linke Antizionisten, um zu verhindern, dass das Werk des weltberühmten jüdischen Filmemachers gezeigt würde.

Eine der jüngsten und tiefgründigsten filmischen Arbeiten Lanzmanns erschien 2013. Der Dokumentarfilm „Der Letzte der Ungerechten“ basiert auf Interviews, die Lanzmann 1975 mit Benjamin Murmelstein führte, dem einzigen überlebenden Vorsitzenden des Judenrats im KZ Theresienstadt. Nach dem Krieg wurde Murmelstein als Kollaborateur gemieden, inhaftiert und dann von den tschechischen Behörden freigesprochen. Doch die Schuldwahrnehmung über das, was damals noch weitgehend Tabu war, blieb bestehen und wurde in Lanzmanns intimen Interviews, die über eine Woche hinweg geführt wurden, offen analysiert.

Auch Yad Vashem, Israels zentrale Holocaustgedenkstätte, trauert um den Tod des französischen Filmemachers. „Shoah ist eine Arbeit über die Gegenwart, die die Art und Weise repräsentiert, wie diejenigen, die dort waren, mit dem Trauma und der Erinnerung daran leben“, sagte Liat Benhabib, die Direktorin des Yad Vashem Visual Center. „Holocaust-Filme aller Genres änderten sich nach Lanzmanns Shoah. Er rückte die Zeugenaussagen der Überlebenden in einem nie dagewesenen Ausmass und einer nie dagewesenen Weise in den Mittelpunkt.“

Avner Shalev der Vorsitzende von Yad Vashem: „Claude Lanzmanns filmische Arbeit hat das kollektive Gedächtnis unauslöschlich geprägt und das Bewusstsein des Holocaust bei den Zuschauern dieser und anderer Generationen geprägt. Sein Abschied, zusammen mit dem Hingang von vielen Holocaust-Überlebenden, markiert das Ende einer Ära.“

Ein Gespräch mit Lanzmanns engster Mitarbeiterin

Corinna Coulmas, die Tochter des bekannten deutschen Schriftstellers Peter Coulmas, war 10 Jahre lang Mitarbeiterin des französischen Regisseurs Claude Lanzmann. Am Samstag vor seinem Tod hatte sie ihn noch einmal besucht, „weil ich wusste, dass er sterben würde“.

Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Das war ungefähr 1973, auf einer Party in Paris. Lanzmann hatte gerade seinen Film „Pourqoi Israel“ präsentiert. Er stand da herum und ich hatte ihn auf Hebräisch angesprochen. Doch er verstand kein Hebräisch. Wir unterhielten uns weiter und er erzählte, dass er einen Film über den Holocaust machen wolle. Der Begriff „Shoah“ kam erst später auf. Er forderte mich auf, meine Arbeit aufzugeben und mit ihm zusammen zu arbeiten, was ich dann auch tat. Er wollte sich in einem Monat bei mir melden. Doch er verschwand dann ganze sechs Monate. Damals gab es noch kein Handy und kein Internet. Eines Tages stand er dann vor meiner Haustür in Paris. Zusammen mit Irene Steinfeld, die in Jad Vaschem verantwortlich war für die „Gerechten der Nationen“, wurden wir seine Mitarbeiter. Vier bis 5 Jahre lang waren wir dann zu dritt mit den Vorarbeiten für seinen Film „Shoah“ beschäftigt. 1978 begannen die Dreharbeiten.

Du hattest dabei auch einige unangenehme Erlebnisse, vor allem mit den Nazis?

Ja es war sehr spannend und wichtig für das 20. Jahrhundert. In Hamburg gab es den Einsatzgruppenleiter Heinz Schubert. Den wollten wir heimlich interviewen, mit versteckter Kamera. Davon gab es nur 3 Stück. Ich hatte sie in meine Handtasche gesteckt und musste damit auf sein Gesicht zielen. Das war nicht einfach. Zwischendurch ging ich runter zum Auto unseres Kameramannes und des Tonmannes. Es war sehr heiss an dem Tag. Deshalb hatten sie ihre Kopfhörer abgenommen und beiseite gelegt. Sie hörten das Interview per Lautsprecher mit. Ein Sohn von Schubert kam vorbei, auf dem Weg nach Hause und hörte die Stimme seines Vaters. Er kam rein, nahm mir die Kamera weg. Wir mussten fliehen. Unsere Techniker waren inzwischen mit ihrem Wagen verschwunden. Wir rannten zu Lanzmanns Auto. Die Schuberts versuchten noch uns aufzuhalten, aber wir konnten entkommen. Schubert hatte unsere Kamera dem Staatsanwalt von Lübeck übergeben. Wir begaben uns dorthin und erklärten, dass wir keine Spionage betrieben. Der Staatsanwalt hatte Verständnis und gab uns die Kamera zurück.

Ihr habt auch Juden interviewt.

Wir brachten sie mit unseren Interviews zurück in ihre eigene Vergangenheit, die sie oft verschwiegen hatten. Das war für sie nicht leicht. Aber natürlich gab es bei den Juden keine tätlichen Angriffe auf uns, wie bei Schubert.

Ihr habt auch Benjamin Murmelstein interviewt, den einzigen überlebenden Vorsitzenden des Judenrats im KZ Theresienstadt?

Das war vor meiner Zeit. Den hatte Lanzman in Rom interviewt, aber ich habe ihn später besucht und mich länger mit ihm unterhalten. Er war für viele andere eine problematische Figur. Entscheidend war, dass wir gekommen waren zuzuhören und nicht moralisierend aufgetreten sind. Murmelstein hatte sich geweigert, Listen für die Deportation von Juden durch die Nazis zusammenzustellen. Da könne man nicht gerecht sein. Und wie soll man entscheiden, wer auf eine solche Liste gesetzt werden sollte. In seinem Film hatte Lanzmann ihn einen Helden genannt.

In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeine Zeitung sagte Claude Lanzmann dazu: „Murmelstein ging enorme Risiken ein. Es gelang ihm, 120 000 Juden von ihren Verfolgern loszureissen. Offener Widerstand war unmöglich, es gab nur die Unterwerfung. Die Judenräte mussten gehorchen. Murmelstein hat bis zuletzt gegen die Mörder gekämpft. Mit seinen Mitteln und Methoden. Die Nazis wollten aus ihm einen Hampelmann machen. Aber die Marionette war in der Lage, die Fäden selber zu ziehen. Auf dem Schachbrett des Bösen war Benjamin Murmelstein den Nazis immer um sechs Züge voraus.“

In einem Interview mit der Zeit wird er 2013 gefragt: “Der Filmemacher Claude Lanzmann musste immer „funktionieren“. Ist der Mensch Claude Lanzmann dabei manchmal an seine Grenzen gekommen?“ Lanzmann antwortete: „Ja (er schweigt eine Weile). Ja, beim Gespräch mit Filip Müller, der als Mitglied des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz fünf Liquidationswellen überlebt hat. Einmal, während der Dreharbeiten zu Shoah, sagte er zu mir: „Ich wollte leben, unbedingt leben, noch eine Minute, noch einen Tag, noch einen Monat länger. Begreifen Sie: leben.“

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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