Foto Ron F. / Flickr. CC BY-NC-ND 2.0.

Viele Israelis beklagen sich über das Versagen der öffentlichen Diplomatie ihres Landes. Warum ist das, was die meisten Israelis als normales Verhalten eines Staates ansehen, der gegen Terrorismus und abgrundtiefen Hass kämpft, so schwer zu erklären?

 

von Efraim Inbar

Es ist keine leichte Aufgabe, sich in Europa für Israel einzusetzen. Antisemitismus ist tief in allen Schichten der europäischen Gesellschaft verwurzelt. Europa war den Juden noch nie ein freundlicher Gastgeber. Sie litten jahrhundertelang unter Vorurteilen, Diskriminierung, Pogromen, Vertreibungen und wurden schliesslich Opfer des Schlimmsten – Völkermord.

Und während die Erinnerungen an den Holocaust allmählich verblassen, entwickelt sich der traditionelle Antisemitismus zu einer anti-israelischen Haltung, die nicht mehr als politisch inkorrekt empfunden wird.

Europa hat es leider nicht geschafft, die Krankheit des Antisemitismus zu heilen. Durch die Immigration von Muslimen ist sogar noch eine weitere Schicht Antisemitismus hinzugekommen. Ein Jude, der eine Kippa oder einen Davidstern trägt, ist auf den Strassen der meisten westeuropäischen Hauptstädte nicht sicher. Es ist eine Schande, dass jüdische Einrichtungen unter Polizeischutz gestellt werden müssen.

Ein weiterer Punkt, der  Israel in den Augen vieler Europäer in einem unvorteilhaften Licht erscheinen lässt, ist die korrekte Wahrnehmung Israels als Verbündeter der USA. Die Kluft zwischen Europa und den USA wird immer grösser, vor allem seit Beginn der Amtszeit von Donald Trump.

Koloniale Vergangenheit

Die Strategiekultur der USA unterscheidet sich sehr von der europäischen und ähnelt vielmehr dem strategischen Denken der Israelis. Und das wirft unweigerlich ein schlechtes Licht auf Israel.

Die Schuldgefühle der Europäer wegen ihrer kolonialen Vergangenheit benachteiligen Israel ebenfalls, da die kolonialistische Sichtweise auch auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina angewendet wird.

Betrachtet man Israel jedoch wie europäische Kolonialherren, die einheimische Palästinenser verdrängen, missachtet man gleichzeitig die historischen Verbindungen der Juden zu ihrer angestammten Heimat.

Zudem wird dadurch eine nachsichtige Haltung gegenüber den korrupten und diktatorischen Instanzen der Palästinenser (gemeint sind die Palästinensische Autonomiebehörde und der Hamas-geführte Gazastreifen) und deren systematischen Verstössen gegen die Menschenrechte gefördert.

Vor allen Dingen aber sind die Europäer intellektuell kaum in der Lage, die düstere Realität des Nahen Ostens zu erfassen, der sich in einer ganz anderen Zeitzone befindet. Im Gegensatz zum friedlichen Europa ist der Nahe Osten eine konfliktreiche Region. Die Staaten des Nahen Ostens ziehen in den Krieg, wenn sie politische Ziele durchsetzen wollen. Der Einsatz von Gewalt ist ein wesentlicher Bestandteil der Spielregeln, an denen sich die Staatsoberhäupter orientieren.

Während der Einsatz von Gewalt in Europa, vor allem in den westlichen Teilen des Kontinents, als anachronistisch angesehen wird, sind militärische Massnahmen in unserem Teil der Welt ziemlich beliebt.

Saddam Hussein galt in der arabischen Welt als Held, als er Kuwait gewaltsam einnahm. Ankaras militärisches Eingreifen in Syrien wird von der türkischen Bevölkerung bejubelt, und der von Saudi-Arabien angezettelte blutige Krieg im Jemen ruft im Heimatland keine Kritik hervor. Man kann sich europäische Militäreinsätze ohne Antikriegsdemonstrationen in der Heimat nur schwer vorstellen.

Natürlich wird die hohe Bedrohungswahrnehmung aller Staaten und Gesellschaften des Nahen Ostens von den Europäern, die denken, dass sie in einem strategischen Paradies leben, nicht gerade geschätzt.

Panarabismus und Panislamismus

Sie sind nicht bereit, Geld für die Verteidigung auszugeben, und stellen sich lieber unter den Sicherheitsschirm der Amerikaner. Im Gegensatz dazu geben die Staaten des Nahen Ostens grosse Teile ihres BIP für die Belange der nationalen Sicherheit aus. Die Staaten in dieser Region misstrauen ihren Nachbarn und fürchten sie sogar. Nicht nur Israel hat Angst vor der Zerstörung seines politischen Gebildes. Syrien weigerte sich jahrelang, die Unabhängigkeit des Libanon anzuerkennen, und der Irak beanspruchte Kuwait als seine 17. Provinz.

Der intellektuelle Einfluss von Max Weber und Karl Marx sorgte für eine Blindheit gegenüber religiösem Verhalten.

Die Legitimität der Grenzen der EU-Staaten wird hingegen von niemandem infrage gestellt. Zwischen den Staaten des Nahen Ostens gibt es hingegen viele Grenzkonflikte, beispielsweise zwischen Syrien und der Türkei oder dem Iran und dem Irak. Zudem wurden der Panarabismus, der die Legitimität der arabischen Herrscher und der staatszentrierten Strukturen gefährdete, grösstenteils von einer anderen transnationalen Ideologie ersetzt, die ähnliche Konsequenzen fordert – dem Panislamismus.

Beide transnationalen Bewegungen neigen zu gewaltsamen Massnahmen.

Religion ist ebenfalls ein politischer Faktor, den das überwiegend säkulare Europa kaum versteht. Der intellektuelle Einfluss von Max Weber und Karl Marx sorgte für eine Blindheit gegenüber religiösem Verhalten. Die meisten Einwohner des Nahen Ostens sind zu einem gewissen Grad religiös, und ihre Identität ist von heiligen Schriften geprägt. Dies gilt für Araber, Türken, Perser und Juden gleichermassen.

Der Nahe Osten ist die Brutstätte des religiösen Radikalismus. Die Europäer haben zu wenig Vorwissen, um die Fanatiker des Islamischen Staates verstehen zu können. Im Gegensatz zum postreformatorischen Europa kann sich in unserem Teil der Welt niemand das Konzept der Trennung von Kirche und Staat vorstellen. Die enorme Kraft einer religiösen Überzeugung, die Menschen dazu motiviert, zu handeln und grosse Schmerzen auf sich zu nehmen, ist für den durchschnittlichen Europäer nicht nachvollziehbar.

Obwohl es auch Inseln der Unterstützung auf dem alten Kontinent gibt, bereitet einen das Leben im heutigen Europa nicht darauf vor, die Realität des Nahen Ostens zu verstehen. Das fehlende Verständnis für die israelische Politik und ihren Einsatz von Gewalt kann daher nicht durch eine bessere öffentliche Diplomatie korrigiert werden. Die parteiische Haltung Europas ist das Ergebnis kultureller Altlasten und vollkommen anderer Einstellungen zu den Themen Verteidigung und Aussenpolitik.

Efraim Inbar ist Vorsitzender des Jerusalem Institute for Strategic Studies (JISS), Israels neuer konservativer Denkfabrik zum Thema Sicherheit. Er ist emeritierter Professor an der Bar-Ilan-Universität und Fellow des Middle East Forum. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jerusalem Post

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