Das Beduinendorf Khan al-Ahmar. Foto Screenshot YouTube
Das Beduinendorf Khan al-Ahmar. Foto Screenshot YouTube

Am Aussichtspunkt des Ölbergs steht eine Gruppe Journalisten. Naomi Kahn von der israelischen NGO Regavim zeigt auf einer grossen Karte, wie grüne Kringel rund um den umstrittenen E1 Hügel östlich von Jerusalem, das von Israel für Bebauung beanspruchte Gebiet strategisch einkreisen.

 

Dazu kommt die Erklärung: Das seien illegale Barackensiedlungen der Beduinen, von der palästinensischen Autonomiebehörde erzwungen und von der EU finanziert. Kahn will so „beweisen“, wie die Palästinenser mit „politischen Mitteln“ durch einen Siedlungsring Fakten vor Ort schaffen. Eine fast identische Karte – nur mit schwarzen Dreiecken (für jüdische Siedlungen) – kennt man von der politischen Gegenseite.

Auf Luftaufnahmen könne man sehen, erzählt Frau Kahn, dass die erste Beduinensiedlung 1976 errichtet worden sei. Bis dahin sei die Wüste in dieser Gegend „völlig leer“ gewesen. Die Beduinen beschlagnahmen laut Frau Kahn von Regavim Staatsland, das den Palästinensern niemals zugesprochen worden sei. Seit 2009 unter dem palästinensischen Premierminister Salam Fayad verstosse die Autonomie auch gegen ihre Abmachungen mit Israel im Rahmen der Osloer Verträge. Sie hat keine Befugnis, jenseits ihrer abgesteckten Grenzen in dem von Israel militärisch besetzte und kontrollierten Gebieten im Westjordanland aktiv zu werden. Gleichwohl unterstütze das alles die EU mit viel Geld, da auch sie der Vorstellung anhänge, im gesamten einst zu Jordanien gehörenden Westjordanland den künftigen palästinensischen Staat zu gründen, der frei von Juden sein müsse.

Grüne Punkte für strategische Beduinensiedlungen bei Jerusalem. Foto E. Lahusen

Der Weg nach Kahn Al Ahmar

Weiter geht die Fahrt zu der inzwischen weltberühmt gewordenen Beduinen „Ansiedlung“ Kahn Al Ahmar in der judäischen Wüste. Dort haben sich Nomaden des Jahalin-Clans niedergelassen. Der Staat Israel hat schon eine Abrissverfügung veröffentlicht und will die Beduinen in die neue Reisbrett-Stadt Ramat Nueimah bei Jericho umsiedeln.

Bei der Tour sollen sich die Journalisten einen eigenen Eindruck verschaffen von der „Würde und dem Frieden“ in der wilden Ansammlung von verstreuten Zelten und Blechhütten, die Khan al Ahmar heute ausmachen. Die Baracken, dicht an der ungesicherten Autobahn errichtet, sind nur über eine Schotterpiste zu erreichen. Von einem Parkplatz an der mehrspurigen Autobahn zwischen Jerusalem und Jericho führt ein ungepflasterter Wüstenpfad zu einem Tunnel unter der Schnellstrasse. Unser Fahrer verabschiedet sich zur Siesta. Die Regavim-Sprecherin verschwindet wortlos mit ihm. „Die haben mir verboten, zu den Beduinen mitzukommen“, sagte sie später am Telefon. Eine der Veranstalterinnen der Fahrt, Soheir, bestätigte auf Anfrage: „Wir wollten bei den Beduinen nicht den Eindruck erwecken, als würden wir eine Aufpasserin der Regierung mitbringen.“

Die jungen Kolleginnen klettern vor. Wir zögern noch. Die tiefen Wadis der Umgebung zeigen, mit welch elementarer Wucht hier im Winter die Gewitterfluten von den Hängen stürzen. Der Fussweg scheint uns eher etwas für Bergziegen. Eine vollverschleierte junge Frau, vollbepackt mit riesigen Einkaufstaschen, huscht seitlich von uns ins Tal und kraxelt dann trittsicher neben dem Pfad den Hang hinauf. Jugendliche reiten auf Eseln an uns vorbei. Neben uns braust die Autobahn.

In der Beduinen-Siedlung

An den Wänden des Tunnels liegen entlang der Wände alte Matratzen, auf denen Beduinenkinder spielen oder schlafen – dazwischen der Fahrweg für die Autos. Ein Kind hat sich an der Tunnelwand unter einer halb zerrissenen Decke verkrochen und schläft. „Wenigstens haben die Kinder ein festes Dach über dem Kopf, wenn es mal regnet“, meint zynisch Yigal Mosko, Reporter des 2. Israelischen TV-Kanals, der uns mit seinem Dienstwagen auf dem Parkplatz zufällig aufgesammelt hat. Mosko hält am ersten „Haus“. Ein junger Araber begrüsst den Reporter begeistert, denn Mosko hatte hier einen Dokumentarfilm gedreht, als die Hütte des Beduinen aus ungeklärten Gründen völlig abgebrannt war. Israelische Siedler aus der Umgebung hatten von dem Unglück erfahren, Gelder gesammelt, Baumaterial eingekauft und dann innerhalb einer Nacht die zerstörte Nissenhütte wiedererrichten lassen. Der abgebrannte Beduine sass in der Ecke und schaute zu. Heute sitzt seine Frau auf dem Fussboden aus gestampftem Lehm.

Eid Abu Khamis steht vor der „Reifenschule“ im Dorf Khan al-Ahmar nahe der Siedlung Kfar Adumim. Foto Jakob Magid/Times of Israel

Etwa 100 Meter entfernt begrüsst in traditioneller Beduinentracht mit dem rotgescheckten Keffiye (Kopftuch) der Wüstenscheich Eid Khamis die Journalisten. Er wird als „Sprecher von Khan al Ahmar vorgestellt und schimpft auf alle Beteiligten. Den Israelis wirft er vor, die Beduinen in eine Reissbrettstadt nahe einer Müllkippe umsiedeln zu wollen. Die palästinensische Autonomiebehörde, sagt er, „zwinge“ die Beduinen, an ihrem Platz zu bleiben und Widerstand gegen die Israelis zu leisten. Ursprünglich habe die PA Beduinen dorthin gelockt, indem sie ihnen einen grossen Wassertank auf den Hügel gestellt habe. Aus alten Reifen wurden dann die Wände für ein „Schulgebäude“ gemauert. Doch seit dem Schulbau habe sich die PA nicht weiter gekümmert, obwohl sie viel Geld von der EU erhalte, um gerade diesen Beduinen des Jahalin-Clans zu helfen. „Das Geld kommt bei uns nicht an. Die stecken das in die eigene Tasche“, sagte der würdevolle kräftige Mann in seiner Bruchbude aus Wellblech und Kamelhaar-Zeltplanen. In den Baracken – manche sind nur Bretterverhaue ohne Dach – liegen Matratzen und Decken auf dem Boden. Die privaten Räume der Familien sind notdürftig mit Stoffbahnen abgeteilt. Dazwischen streifen die Ziegen.

Weltweiter Kampf um die Hütten

Das Umsiedlungs-Projekt des israelischen Staates hat eine Art Propagandaweltkrieg ausgelöst. Die linksgerichtete israelische NGO Btselem, deren selbstgestellte Aufgabe es ist, israelische Menschenrechtsverstösse in den besetzten Gebieten aufzudecken und Israel weltweit pressewirksam an den Pranger zu stellen, wirft der „rechtsgerichteten“ Organisation Regavim vor, mit „gezinkten Karten“ zu spielen. Obgleich sie illegale, also ohne Baugenehmigung auf israelischem „Staatsland“ errichtete Beduinen-Zeltlager bekämpft, würden 16 feste Mitarbeiter von Regavim selber in Häusern im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland wohnen, die ohne jede Baugenehmigung errichtet und deshalb „illegal“ seien. Auf diesen Vorwurf reagiert die Regavim-Sprecherin Naomi Kahn geradezu amüsiert: „Wir haben insgesamt nur 11 feste Mitarbeiter, von denen einer das Büro putzt.

Die NGO Btselem veröffentlichte eine Petition, die eine Zerstörung von Khan al Akhmar und den gewaltsamen Transfer der Beduinen als „Kriegsverbrechen“ verurteilt. Als „Kriegsverbrecher“ werden da der israelische Premierminister, der Verteidigungsminister und sogar das Oberste Gericht genannt. Zu den Unterzeichnern zählen 300 „gewählte Offizielle“, Rechtswissenschaftler, Künstler und „Glaubensführer“ (Geistliche) sowie „Aktivisten“ aus aller Welt. Ausdrücklich genannt werden israelische Prominente wie Amos Gitai, Asaf Gavron und Ohad Naharin, der chinesische Künstler Ai Weiwei, sowie bekannte Israelkritiker wie Noam Chomsky, Judith Butler und Roger Waters.

Zu Wort gemeldet hat sich auch AIDA, eine Vereinigung internationaler Entwicklungsagenturen. Über 80 NGOs in den „Okkupierten palästinensischen Gebieten“ rufen Israel auf, die „gewaltsame Verlegung dieser verwundbaren Gemeinschaft auszusetzen, damit die in Frieden und Würde an ihrem derzeitigen Ort leben könnten“. Angesichts der erbärmlichen Lebensumstände vor Ort ist der Begriff „Würde“ ein Hohn.

Weiter heisst es bei AIDA, dass es sich in Khan el Ahmar um 181 Beduinen handle, die schon 1951 vom Süden Israels in das (damals jordanisch annektierte) Westjordanland „deportiert“ worden seien. An ihrem jetzigen Ort hätten sie sich 2009 niedergelassen. Was aber AIDA nach eigenen Angaben nicht gehindert hat, sich schon seit „zwei Jahrzehnten“ für diese Ortschaft zu engagieren und deren „gewaltsame Verlegung“ zu verhindern. Diese „zwei Jahrzehnte“ währten also ganze 9 Jahre.

Es gibt weitere Gründe für die Weigerung der Beduinen, umgesiedelt zu werden. Da sie zurzeit auch wie auf dem Müll leben, scheint der Müllabladeplatz in der Nähe der ursprünglich geplanten künftigen Beduinenstadt bei Abu Dis sie nicht so sehr zu stören. Es wurden noch andere Orte vorgeschlagen. Doch die Vorstellung, dass alle Mitglieder des Jahalin-Clans in eine Stadt gepackt werden sollen, löst bei ihnen Panik aus. Denn obgleich sie Mitglieder einer „Grossfamilie“ sind, bestehen unter ihnen tiefe Fehden, die auch schon mal mit Mord ausgefochten werden. Hinzu kommt, dass die sesshaften Palästinenser die Nomaden aus der Wüste nicht mögen und es strikt ablehnen, sie in ihrer Nachbarschaft zu wissen. Beduinen im Nahen Osten werden gelegentlich auch als „Zigeuner der Wüste“ bezeichnet. Vorurteile und Hass gegenüber Nomaden gibt es ja auch im zivilisierten Europa.

EU-Gelder in Privattaschen von PLO-Funktionären

Die bekannte linke israelische NGO Schalom Achschaw שלום עכשיו (deutsch: „Frieden jetzt“, englisch „Peace Now“) setzt sich hingebungsvoll dafür ein, dass die arabischen Beduinen in „Würde“ an ihrem Platz auf Staatsland bleiben dürfen. Sie fordert ebenfalls, wie Btselem, dass die israelische Führung und sogar das Oberste Gericht als „Kriegsverbrecher“ verurteilt werden sollten, weil Israel es wagt, eine Umsiedlung der Beduinen zu planen.

Gleichzeitig jubelt Peace Now, wie zeitgleich, nur wenige Kilometer entfernt, die gewaltsame Räumung und Zerstörung von „illegalen“ jüdischen Häusern beim Gusch Etzion Siedlungsblock südlich von Jerusalem, auf Geheiss des Obersten Gerichtshof verwirklicht wird. Peace Now: „Nach 17 Jahren Diebstahl, Steuerhinterziehung, Verspätung und Manipulation wird Gerechtigkeit als privates Land gedient, auf dem der Nativ Ha’Avot-Aussenposten errichtet wurde, im Einklang mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs. Wir hoffen, dass diese Zwangsräumungen eine klare Botschaft senden werden, dass Verbrechen sich nicht bezahlt macht und dass jeder, der ohne Genehmigung auf Land baut oder es sogar erst kauft, gezwungen wird, zu gehen. Peace Now wird weiterhin alle Siedlungsbauten in der Westbank überwachen und gegen Landraub oder den Versuch, die Lebensfähigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung zu zerstören, kämpfen. “

Khan al Ahmar. Foto U.Sahm

2001 wurden die ersten Häuser auf dem „Pfad der Väter“ (Netiv Ha´Avot) errichtet. Erzvater Abraham soll hier schon auf dem Weg nach Hebron gewandelt sein. Das Land gehörte dem Staat, während einige landwirtschaftlich genutzte Terrassen in der Gegend angeblich auf die Namen von Palästinensern im osmanischen Grundbuch eingetragen waren. Seit 2008 hat sich Peace Now vor dem Obersten Gericht dafür eingesetzt, den Landbesitzern ihre „gestohlenen“ Äcker zu erstatten. Die Prozesse und zunächst nicht ausgeführten Abrissverfügungen zogen sich wegen Berufungsverfahren jahrelang hin. „In meinem Haus wurde nur ein Quadratmeter Staatsland ermittelt und kein Privatland eines Palästinensers,“ jammerte die Besitzerin von einem der zur Zerstörung ausgeschriebenen Häuser am Morgen, ehe die Bulldozer kamen. „Auf einem Quadratmeter hätte nicht einmal eine Ziege Platz, während ich das gesamte Haus verlieren soll.“ Inzwischen sind 15 Häuser geräumt und dem Erdboden gleichgemacht worden.

Natürlich darf eine NGO ihren Sieg für „Recht und Ordnung“ feiern. Doch fragt sich, wieso Peace Now zwar gegen jüdische „illegale“ Siedler vorgeht, aber im Falle von arabisch-palästinensischen „illegalen“ Siedlern eine weltweite Kampagne durchführt, um mit Petitionen und EU-Geldern, die in irgendwelchen Privattaschen der PLO-Funktionäre verschwinden, den widergesetzlichen Landraub für eine erbärmlich ärmliche und „Siedlung“ der Beduinen zu schützen, ohne sich dafür einzusetzen, dass sie ein menschenwürdiges Zuhause bekommen.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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