Teilnehmer einer Demonstration verbrennen im Dezember 2017 eine Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Foto Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V
Teilnehmer einer Demonstration verbrennen im Dezember 2017 eine Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Foto Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V

Der muslimische Antisemitismus bzw. Judenhass ist heute in den Ländern Europas mit grosser muslimischer Bevölkerung wie z. B. Frankreich, Belgien und Grossbritannien seit einigen Jahren zunehmend aktenkundig. Seit der grossen Zuwanderungswelle der Flüchtlinge und Migranten aus islamischen Ländern nach Deutschland, die im Herbst 2015 einsetzte, hat sich die Situation auch in Deutschland zugespitzt.

 

von Dr. Elvira Grözinger

Die Zunahme physischer Attacken auf Juden, ob auf Schulhöfen oder auf den Strassen, wie in Berlin, hat derart besorgniserregende Ausmasse angenommen, dass verbale Verurteilung der Vorkommnisse und Betroffenheitsbekundungen seitens der deutschen Politiker nicht mehr adäquat erschienen. Nun wurden von der Bundesregierung erste Schritte in dem Kampf gegen diese Entwicklung unternommen und, um gezielter gegen die verschiedenen Formen des Antisemitismus vorgehen zu können, gilt seit 2017 eine einheitliche Definition des Begriffes Antisemitismus, die sich nach der international ausgearbeiteten Definition von Antisemitismus richtet, nachdem der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus seinen Bericht vorgelegt hatte. Dadurch soll die Strafverfolgung vereinfacht werden, judenfeindliche Ansichten schneller erkannt und bekämpft werden können. Diese Definition wurde auf der Basis von Arbeiten der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken erarbeitet. Sie lautet: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ Die Definition soll aus Sicht der Bundesregierung auch im Schulunterricht oder in der Ausbildung von Berufen in der Justiz oder im Polizeidienst verwendet werden. So werde es etwa für Polizeibeamte einfacher, Straftaten einem antisemitischen Hintergrund zu erkennen und zuzuordnen, darunter den bisher nichts als solchen betrachteten der Israel-bezogenen, antizionistischen Antisemitismus.

In der Aus- und Weiterbildung der Juristen scheint die oben genannte Definition aber leider noch nicht ganz angekommen zu sein, denn die am 16. Juni 2018 erfolgte Einstellung der Ermittlungen gegen die sogenannten Gangsta-Rapper, die Muslime Kollegah und Farid Bang, durch die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf, gibt berechtigten Anlass zum Zweifel an der Wirksamkeit der Massnahme. Diese Rapper hatten nicht zum ersten Mal antijüdische Texte vorgetragen, die Echo-Preisverleihung an die beiden hat einen internationalen Skandal hervorgerufen und nach heftigen Protesten zur Abschaffung des Preises in der jetzigen Form geführt. Dennoch befand die Staatsanwaltschaft, trotz darin auch vorkommenden frauenverachtenden Gewalt- und Sexfantasien, dass diese nicht strafbar seien und sich die Rapper auf die Kunstfreiheit berufen können, denn nach der Expertise der Hiphop-Forscherin Sina Nitzsche von der Technischen Universität Dortmund, gehöre dies „zum Genre wie der Cowboy zum Westen“. Ob es bei dieser Entscheidung bleibt, ist abzuwarten.

Aber es blieb nicht bei der einen Massnahme, denn Definition hin oder her, nahm die Intensität der judenfeindlichen Exzesse in dem letzten halben Jahr noch weiter zu. Nachdem es im Dezember 2017 bei Ausschreitungen im Zusammenhang mit der Erklärung der amerikanischen Regierung, Jerusalem als Hauptstadt des Staates Israel anzuerkennen, u.a. vor dem  Brandenburger Tor zur Verbrennung einer israelischen Fahne und Verbreitung von judenfeindlichen Parolen kam, beschloss die Bundesregierung die Einführung eines Antisemitismusbeauftragten. Dieser soll in Zusammenarbeit mit den Antisemitismusbeauftragten der Parteien und der Bundesländer die Massnahmen und Aktionen koordinieren und zur Umsetzung empfehlen. Am 1. Mai 2018 trat Dr. Felix Klein als der erste Bundesbeauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus sein 2018 eingerichtetes Amt an, das im Bundesministerium des Innern angesiedelt ist. Diese Position wurde mit dem aktuellen Koalitionsvertrag neu geschaffen. Die Einrichtung geschieht auch angesichts der intensiven Diskussion über eine Zunahme des Antisemitismus in Deutschland und der Frage, wie diesem Phänomen bestmöglich auf Ebene des Bundes entgegengetreten werden kann. Des Weiteren soll der Beauftragte eine ständige Bund-Länder-Kommission mit Vertreterinnen und Vertretern der zuständigen Stellen koordinieren und zur Sensibilisierung der Gesellschaft für aktuelle und historische Formen des Antisemitismus durch Öffentlichkeitsarbeit sowie politische und kulturelle Bildung beitragen.

Zunehmender Judenhass unter den Muslimen

Unmittelbar vor seinem Amtsantritt wurde ein Israeli, der eine Kippa trug, im Prenzlauer Berg von einem Muslim beschimpft und mit einem Gürtel geschlagen. Pech für den Angreifer, Flüchtling aus Syrien, denn das Opfer war ein christlicher israelischer Araber, das Kippatragen ein Experiment, um zu testen, wie gefährlich es ist, auf deutschen Strassen als Jude erkannt zu werden. Der Vorfall führte zu einer bis dahin ungekannten Soldarisierungs-aktion von mehrheitlich nichtjüdischen Berlinerinnen und Berliner, denn dem Aufruf der jüdischen Gemeinde, aus Solidarität mit den Juden eine Kippa zu tragen, folgten mehrere Tausend Menschen, die sich vor dem Jüdischen Gemeindezentrum in Berlin versammelten. Diese Vorfälle waren bei weitem nicht die ersten, seit Jahren gibt es Anzeichen für den zunehmenden Judenhass unter den Muslimen in Deutschland, auch bei den seit den 1960er Jahren hier ansässigen Türken. Die Radikalisierung unter den muslimischen Jugendlichen, nicht zuletzt befördert durch fanatisierte Imame ist wie die missionarische Tätigkeit der Salafisten alarmierend, denn sie zeigen die Auswüchse der sich in Deutschland entwickelnden, abseits des Grundgesetzes bewegenden und auf Sharia gründenden Parallelgesellschaft. Die aus den Ländern Nordafrikas und Nahen Ostens neu Hinzugekom-menen wurden mit Judenhass seit früher Kindheit geimpft und können diesen nicht an der Landesgrenze ablegen. Um sich ein Bild dieser Entwicklung zu machen, werden hierzulande statistische Untersuchungen durchgeführt und Studien in Auftrag gegeben.

Verweigerungshaltung gegenüber der Realität

Das Ergebnis des Interesses am Thema kann man z. B. an dem neuen, 2018 im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. in Bonn erschienenen Buch von David Ranan, Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? sehen. Ranan wurde, dem Klappentext nach, 1946 geboren. Er wuchs in Israel und in den Niederlanden auf, lebt und arbeitet in London und Berlin als promovierter Kultur- und Politikwissenschaftler. Das hier von Ranan vorgelegte Buch kann als symptomatisch für die Verweigerungshaltung gewisser Kreise gegenüber der Realität gelten, denn ohne ideologische Bremsen wäre der Autor gewiss zu weniger laienhaften Aussagen gekommen. Die Studie basiert auf Interviews, die er wohl im Rahmen seines Fellowships am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin durchgeführt hat, wobei er zugleich Umfragen und Studien anderer Autoren kritisch beurteilt. Ranan gibt in dieser Publikation die Resultate der von ihm durchgeführten Befragungen von über 70 jungen muslimischen Studierenden und Akademikern vor allem in Deutschland wieder. Angesichts der von ihm als unbestritten anerkannten Tatsache antijüdischer Einstellungen, die unter den Muslimen verbreitet sind, möchte er wissen, warum es die gibt, ob dies mit dem Nahostkonflikt zu tun hat oder ob die Muslime grundsätzlich antisemitisch sind. Er fragt, ob Judenhass ein integraler Teil des Islam der eine Erscheinungsform des Islamismus sei.

 

Um es vorweg zu sagen, die Durchsicht der von Ranan konsultierten und zitierten Büchertitel zeigt, dass der Autor erstaunlicher Weise die in Deutschland als anerkannte Islamspezialisten geltenden Autoren der Gegenwart nicht gelesen hat, weder Tilman Nagel, den renommiertesten deutschen Orientalisten, noch Ursula Spuler-Stegemann oder Hans-Peter Raddatz, auch nicht Bat Ye’or, Hamed Abdel-Samad oder Ahmad Mansour. Man fragt sich daher, was David Ranan von den Erkenntnissen der Islamwissenschaftler in Deutschland wissen kann, um darüber fachlich urteilen und diese Aussagen seiner Interviewpartner richtig auswerten zu können. Auch nimmt er die neuesten Arbeiten über den Antisemitismus in Deutschland nicht wahr, die ebenfalls an der TU Berlin von der Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel veröffentlicht wurden und eine breite Resonanz haben. Da am Zentrum für Antisemitismusforschung in den letzten Jahren vor allem „Islamophobie“ und „Vergleichende Vorurteilsforschung“ im Mittelpunkt stehen, sind die Aussagen von Ranan, der natürlich die Hausmitarbeiter zitiert und pro domo argumentiert in diesem Licht zu sehen und zu werten. Wenn Wolfgang Benz, dessen Einfluss auf die Institutsarbeit unbestritten ist, zudem behauptet, „Die verbreitete Judenfeindschaft wurzelt historisch in Europa und im arabischen Nationalismus – nicht aber im Islam selbst“, dann kann der Fellow dem offenbar nicht widersprechen. Dabei reicht eine Lektüre des Koran, über den Ranan selbst auch kurz schreibt, eine oberflächliche Kenntnis der Islamgeschichte und offene Ohren, um diese Aussage als absolut falsch zu erkennen. Auf welcher politischen Seite Ranan steht, wird ferner aus seiner Aussage (s. 167) ersichtlich: „Genau wie die israelische Politik den Begriff Zionismus missbraucht – ein Begriff, der mit der Entstehung Israels und der Verwirklichung des Traums, endlich ein eigenes Land zu haben, verbunden ist und allgemein unter der Bevölkerung Israels positiv gesehen wird , um die Besetzung und Besiedlung des Westjordan-lands positiv zu färben, so wird der Zionismus auch von Israel-Gegnern missbraucht.“ Allerdings gibt auch Ranan zu, dass die muslimische Feindschaft nicht erst mit der Entstehung des Staates Israel zusammenhängt, denn „bis zur Staatsgründung“ waren die Feinde „die yahud, die Juden“.

Um zu verstehen, warum die Araber die Juden in ihrer Mitte nicht willkommen hiessen, liegt in deren Haltung zu den Kuffar, den Ungläubigen. Diesen ist nur als Dhimmis mit eingeschränkten Rechten bzw. als Mustamins mit zeitweiligen Rechten gestattet, unter den Muslimen zu leben, die ihren Herrenstatus behalten. Für die Muslimbrüder wie den zeitweiligen ägyptischen Präsidenten Mursi und Millionen anderer gläubiger Muslime gelten Juden immer noch dem Koran gemäss als Affen und Schweine. – Dass es auch unter ihnen Andersdenkende gibt, wie überall, ist eine Binsenwahrheit.-  Angesichts des zuvor Gesagten ist es ist daher höchst verwunderlich, wenn Ranan wie folgt urteilt, ohne die Quellen seiner Einschätzung zu nennen (S. 102): „Dabei wäre es ein Fehler, über ‚die Muslime‘ als Gefahr zu sprechen. Auch wenn nicht wenige – und beileibe nur Radikale – den jüdischen Staat Israel als wesentlichen Stachel im muslimischen Fleisch empfinden, bedeutet das noch keinen Kampf der Kulturen zwischen Islam und Judentum. Es geht hier um kleine Gruppierungen, die jeweils einige wenige bis einige tausend aktive Mitglieder zählen.“ Und er widerspricht sich zugleich selbst: „Allerdings haben diese Gruppen ihrerseits wieder Anhänger in oft grösserer Zahl.“ [Hervorhebungen durch die Autorin]

Zukunftsmodell – Der islamische Staat Europa

Das Thema Islam ist in Deutschland naturgemäss ins Zentrum des Interesses gerückt – es leben hier immerhin mehrere Millionen von Muslimen verschiedener Richtungen und wird müssen uns mit diesen zumindest so weit vertraut machen, um sie und ihre Denkweise zu verstehen. Man kann dies aber, spricht man deren Sprachen nicht, nur mit Hilfe von Fachbüchern aus Expertenhand. Was hierzulande in den Moscheen gepredigt wird, erfährt man an einigen Beispielen aus dem Buch von Constantin Schreiber, Inside Islam (2017). Schreiber, langjähriger Reporter im Nahen Osten, vom Libanon bis zu den Arabischen Emiraten sowie in Nordafrika, beherrscht das Arabische. Er erinnert an die Einladung eines Stuttgarter Moscheevereins an den pakistanischen Prediger Raza Saqib Mustafai in die Al-Madina-Moschee ein. Zuvor hatte Mustafai öffentlich zum Judenmord aufgerufen. In der Berliner Moschee der Ahmadiya-Richtung, die sich nach aussen als gemässigt präsentiert, wird gelehrt, dass die Gemeinschaft [Umma] nicht auf einer Erklärung der Menschenrechte gründet und der Koran das parlamentarische demokratische System ausschliesse. Das Ziel der islamischen Revolution sein demnach, der „Wechsel des Ziels der Gesellschaft selbst“. Der islamische Staat ist das angestrebte Zukunftsmodell für Europa. Ein Buch des in Frankreich als Holocaust-Leugner verurteilten Roger Garaudy wird dort auf Arabisch gelesen. Der an der Universität Freiburg Lehrende, als kritischer Islamwissenschaftler bekannte, Abdelhakim Ourghi bestätigt, dass arabische Moscheen bei uns nicht kontrolliert werden und in ihnen das Bittgebet gesprochen wird, „Gott möge Israel vernichten“ oder „Gott möge uns im Kampf gegen Christen und Juden unterstützen“.

Judenhass am Al Qudstag-Marsch 2018 in Berlin. Foto Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA) www.jfda.de
Qudstag-Marsch 2018 in Berlin. Foto Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V. (JFDA) www.jfda.de

Um die Sicht der Muslime auf das Judentum kennen zu lernen, muss man wissen, dass der Koran seit dem 7. Jahrhundert die heilige Schrift aller Muslime ist und als die in 114 Suren geschriebene Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed gilt. Die göttliche Offenbarung ist unveränderlich und wenn Mohammed darin gegen die Juden von Medina hetzt, diese vertreibt und zum Teil ausrottet (Tilman Nagel, Was ist der Islam? Grundzüge einer Weltreligion, Berlin 2018) so ist dies ebenfalls heilig. Der muslimische Judenhass ist somit so alt wie der Koran, 1400 Jahre alt, und solange das Buch zur Unterweisung der Gläubigen dient, werden seine Lehren befolgt. Die angebliche Toleranz der Muslime den Ungläubigen gegenüber, von der im Koran keine Rede und nur in den Legenden über das Leben von Mohammed überliefert ist, dauerte eben nur so lange, solange die Dhimmis als Untertanen den Herrschern für ihren Schutz Tribut zollten. Massaker und Verfolgungen der Juden durch die Muslime gab es also von Anfang an und diese setzen sich nun fort. Hans-Peter Raddatz (Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus, Berlin 2007) weist darauf hin, dass das Massaker von Medina zum historischen Trauma für die Juden und zum Vorbild für die Muslime geworden ist. David Motadel beschreibt in seinem Buch Für Prophet und Führer. Die Islamische Welt und das Dritte Reich (2014, deutsch, Stuttgart 2017), wie die Nationalsozialisten die Muslime als Zweck-Verbündete instrumen-talisierten und mit propagandistischen Mitteln als militante politische Kraft benutzten: „Islamische Gebote, denen Muslime blind zu folgen schienen, wurden als eine ideale Grundlage zur Legitimierung von Macht und Autorität angesehen.

Das Hofieren durch Hitler des Mufti von Jerusalem, Amin al-Husayni (gest. 1978), der als Begründer des Muftismus (Islam-Nazismus) gilt, prägt bis heute die falsche Vorstellung auch der nahöstlichen Muslime von den Deutschen. Wenn man in einem arabischen Land oder in der Altstadt von Jerusalem als Deutscher identifiziert wird, bekommt man oft den freudigen Ausruf zu hören: „Ach, Germany? Hitler, good man!“. Falsche Vorstellungen über den Islam sowie die deutsche romantische „Orientvorstellung“ (Alexander Grau) scheinen bei Deutschen bis in unsere Tage fort zu bestehen, weshalb falsche Rücksichten auch bei juristischen Entscheidungen eine Rolle spielen. „Die heutige Verbindung von Islam und Islamismus, die sich nicht trennen lässt, ist extrem antisemitisch und wird unverändert von Muftis und Imamen sämtlicher Richtungen vertreten“ (H-P Raddatz). So weit zu Ranans Frage nach der Erscheinungsform des Islamismus. Wenn ein Autor zudem von einer „jüdischen Lobby“ in Amerika spricht, womit er den kundigen Leser an das antisemitische Machwerk von John Mearsheimer und Stephen Walt von 2006, The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy, erinnert, mindert es den Wert seiner Analyse erheblich. David Ranan hat in seinem Buch keine eindeutige Position bezogen und keine Antwort auf die eingangs gestellten Fragen geliefert noch gefunden. Für mich ist der Tenor dieses enttäuschenden Buches: Wasch mich, mach mir aber den Pelz nicht nass.

Es ist fünf vor zwölf!

Dass seine Analyse zudem nicht auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft ist, zeigt Ranans Fazit: „Kriminelle Handlungen dürfen wir nicht dulden. Aber die Behauptung, dass antiisraelische Äusserungen, deren Quelle offensichtlich der territoriale Streit um Palästina ist, antijüdisch und somit antisemitisch sind, ist unehrlich. Verständlich ist dabei die historisch bedingte Sensibilität der deutschen Politik gegenüber allem, was mit Juden und Judentum verbunden ist. Doch darf auch diese nicht – vor lauter Vorsicht – die Auswirkungen und Spiegelungen des Nahost-Konflikts durch in Deutschland lebende Muslime falsch einstufen und Antisemitismus behaupten, wo es keinen gibt. Die intellektuelle Attraktivität des Konzepts eines beweglichen Antisemitismus darf keine Lizenz sein, da wo kein Antisemitismus ist, Antisemitismus als Schreckgespenst an die Wand zu malen.“ Dass in Deutschland israelische Fahnen von Muslimen verbrannt werden, die „Juden ins Gas!“ rufen, Synagogenbeschädigungen als „legitimer Protest gegen die israelische Politik“ hingenommen und Juden brutal attackiert oder „nur“ gemobbt werden, ist ihm offenbar noch kein Grund zur Sorge; dass in Frankreich und Belgien jüdische Einrichtungen und Juden als Juden bestialisch umgebracht werden, auch nicht. Wie weit muss es also noch kommen, um solche „Wissenschaftler“ von ihrer irrigen Meinung abzubringen?

Die Zahl der Muslime wird weiter ansteigen und auch die Anzahl von Büchern und Studien über den Islam. Mögen sie uns, im Gegensatz zu Ranans Publikation, Kenntnisse und Erkenntnisse vermitteln, die uns helfen, die Gefahren des politisch radikalen Islam in unserer Gesellschaft und in Europa insgesamt abzuwehren. Es ist fünf vor zwölf!

Dr. Elvira Grözinger ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, Publizistin und Übersetzerin. Sie ist Vorsitzende der Scholars for Peace in the Middle East (SPME-Germany).

Diesen Beitrag teilen
  • 22
  • 1
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •