Foto Gadi Yampel, IDF Spokesperson's Unit
Foto Gadi Yampel, IDF Spokesperson's Unit

Israel und seine Frauen sind bei ausländischen Journalisten und Medienleuten ein beliebtes Thema. Meist sind es die hübschen israelischen Soldatinnen, die so viele Männerherzen im In- und Ausland schneller schlagen lassen, nicht zuletzt als Pin-Ups. Sie widersprechen allen Klischees der frommen züchtigen jüdischen Frau, die erst einige Jahrzehnte zuvor ihre traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter verlassen und in die Öffentlichkeit getreten war.

 

von Dr. Elvira Grözinger

Seit 70 Jahren ist die Geschichte des Staates Israel ohne seine starken Frauen nicht zu denken. Das Wahlrecht hatten die Frauen des Jischuv aber schon lange vor der Staatsgründung, erstmals für die Wahlen zur Abgeordnetenversammlung 1920. Von den 299 Abgeordneten der ersten Versammlung waren 15 Frauen, die zweite Versammlung hatte bereits 23 weibliche Abgeordnete.

Bereits im Kampf um die Existenz des Staates Israel haben sich Soldatinnen der Haganah wie in der unter dem britischen Mandat illegalen Aliyah Beth engagiert und kämpften im Unabhängigkeitskrieg 1947/48 an der Seite der Männer, eine den jüdischen Frauen bislang weitgehend verschlossene Domäne. Es gab die Frauenkampfbrigade, die aus jungen Mädchen bestand und es gab sogar einige religiöse Frauen in ihren Reihen.

Schon der erste israelische Ministerpräsident David Ben Gurion hatte die Ausbildung der Frauen an der Waffe befürwortet – bei der geringen Kämpferzahl war jede Hilfe lebensnotwendig – und erklärte: „Die Armee ist das höchste Symbol von Pflicht, und so lange Frauen den Männern bei der Erfüllung dieser Pflicht nicht gleichgestellt sind, haben wir wahre Gleichheit noch nicht erreicht. Wenn die Töchter Israels nicht in der Armee sind, dann wird der Charakter des Jischuv gestört sein.“

Die berühmte, aus Frankfurt am Main stammende, amerikanische Sexualtherapeutin Dr. Ruth (Westheimer) war eine von ihnen. Sie wurde als Scharfschützin ausgebildet und an ihrem 20. Geburtstag, am 4. Juni 1948, an beiden Füssen schwer verwundet, was zum Ende ihrer Zeit bei der Haganah führte.

Volle Gleichberechtigung erst ab den 90er Jahren
Von 1950 bis 1994 durften die Frauen jedoch nicht in Kampfeinheiten dienen, wogegen eine junge, in Südafrika geborene diensteifrige Alice Miller vor dem Obersten Gericht mit der feministischen Organisation „The Women’s Network“ klagte. Sie meinte, dass Kaffeeservieren nicht die rechtliche Gleichberechtigung bedeute und gewann den Prozess, wonach sie zum Pilotenkurs der Luftwaffe zugelassen wurde.

Seit der Gesetzesänderung zugunsten der rechtlichen Gleichstellung im Jahre 2000 wurden Frauen endgültig bei Kampfeinsätzen eingesetzt. Heute dienen sie in allen Armeeeinheiten. 2011 wurde Orna Barbivai die erste weibliche Generalmajorin der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, seit 2014 ist sie im Ruhestand und nun Chef-Fundraiserin der WIZO. Israel ist damit das einzige Land der Welt, in dem der Armeedienst für Frauen ebenso allgemein verpflichtend wie für die Männer ist. Aber nur wenige Frauen schaffen es dort eine Militärkarriere zu machen – auch aus Gründen ihrer geringeren körperlichen Kraft, mit der sie etwa bei langen Manöver-Märschen mit 50-Kilogramm-Ausrüstung schneller an ihre Grenzen kommen als die Männer.

Israel hilft bei Erdbeben in Mexico 2017. Foto IDF Spokesperson's Unit.
Israelische Frauen helfen nach dem Erdbeben in Mexico 2017. Foto IDF Spokesperson’s Unit.

Aus der Armee rekrutieren sich auch die Agentinnen des israelischen Geheimdienstes, die alle mindestens den Rang eines Obersts haben. Sie werden wegen ihrer Multitasking-Fähigkeiten geschätzt und in schwierigen Missionen eingesetzt. Berühmt geworden war die israelische Agentin, die 1986 den Nukleartechniker Mordechai Vanunu verführte, der israelische Sicherheitsgeheimnisse an Zeitungen verriet, und ihn aus London nach Italien lockte, von wo er nach Israel überführt und vor Gericht gestellt wurde.

Das Bild des Armeedienstes aus weiblicher Sicht prägte vor allem Yael Dayans Debüt-Roman „A New Face in the Mirror“, der 1959 – zwei Jahre nach dem Suezkrieg – auf den Markt kam. Der zweideutige Titel der deutschen Übersetzung lautete „Ich schlafe mit meinem Gewehr“. In diesem autobiographischen Roman schilderte die erst 20-jährige Tochter von Mosche Dayan, dem Sieger des Suezkrieges, den Aufbau ihrer Militärkarriere und vor allem ihre Männereroberungen, die sie kaltherzig als Waffe aus Rache an der überragenden und übermächtigen Vaterfigur benutzt, bis sie die Rebellion aufgibt. Der Armeedienst für Frauen glich damals, so Dayan, gelegentlich einem Spiessrutenlauf, denn das herrschende orientalische Machogehabe der sich aufspielenden und ihre Domäne verteidigenden jungen Männer war nicht immer ritterlich. Bis heute klagen Frauen über sexuelle Übergriffe seitens der männlichen Soldaten und die volle Gleichberechtigung bei unveränderter Mentalität existiert in manchen Einheiten oft leider nur auf dem Papier.

„50 % der israelischen Mediziner sind weiblich“

Aber israelische Frauen sind natürlich nicht nur in der Armee präsent, so auch in Kommandofunktionen bei der Grenzschutzpolizei, wie Shifra Buchris, gleichzeitig Mutter von 9 Kindern. Die Gleichberechtigung der Frauen wird in der säkularen israelischen Gesellschaft propagiert, so auch in der Justiz. Mehr als die Hälfte der 646 israelischen Richterstühle ist mit Frauen besetzt.1977 wurde mit Miriam Ben-Porat in Israel erstmals eine Frau in den Obersten Gerichtshof gewählt, vier Jahre vor der ersten Frau am Supreme Court in den USA. Frauen machen fast die Hälfte der 49.000 Anwälte in Israel aus und Frauen arbeiten als Rechtsberaterinnen für die Polizei, die Gewerkschaft, das Verteidigungsministerium, und den Berufsbeamtenausschuss.

Ebenfalls ist der heutige sehr hohe Standard des Gesundheitswesens Israels ohne Frauen nicht denkbar: 50 % der israelischen Mediziner sind weiblich. Zum Zeitpunkt der Staatsgründung war die medizinische Infrastruktur bereits weit entwickelt und wurde seither ständig verbessert.

Dr. Keren Gueta Milshtein, Direktorin von R&D Micromedic Technologies in Ramat Gan, untersucht Objektträger aus einer Prostatakrebs-Früherkennungsstudie. Foto zVg

Golda Meir
In den politischen Ämtern und in der Knesset sind Frauen seit Jahrzehnten vertreten, wiewohl sie auch in der Knesset nur etwa 25 % der Abgeordneten stellen – allerdings bekleiden zahlreiche Frauen Ministerposten. Wer kennt nicht die berühmteste israelische Politikerin Golda Meir? Sie war eine wichtige Diplomatin während der Entstehung des Staates, und wurde die weltdritte weibliche Regierungschefin als Ministerpräsidentin (1969-1974). Seit 1956 bekleidete sie verschiedene Ministerposten, ihr am Nächsten kam Tzipi Livni als Aussenministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin (2006-2009), wobei sie zuvor auch Justizministerin war (2004-2006).

Wer israelische Literatur liest, kennt ausserdem eine lange Reihe von Schriftstellerinnen, deren Bücher seit Yael Dayan in deutscher Übersetzung auch hierzulande die Buchregale füllen: Von den Krimis Shulamit Lapids und Batya Gurs, über Lizzie Dorons Konflikte des Kindes von Schoahüberlebenden, Orly Castel-Blooms Alpträume, Dorit Rabinyans persische Hochzeiten, Zeruya Shalevs Erotika usw. Sie alle greifen die verschiedenen Facetten dieses jungen Landes auf und führen uns durch den spannenden, doch manchmal etwas verrückten Alltag Israels zwischen Krieg und Frieden, dem wir zum 70. Geburtstag vor allem den Letzteren und masal tov wünschen.

Dr. Elvira Grözinger ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, Publizistin und Übersetzerin. Zuerst veröffentlicht auf Jüdische Rundschau – Unabhängige Monatszeitung.

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