Grenze zum Gazastreifen. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90
Grenze zum Gazastreifen. Foto Abed Rahim Khatib/Flash90

Am Montag, auf dem Höhepunkt der Konfrontationen an der Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel, als am Abend die Palästinenser etwa 60 Tote und über Tausend Verletzte vermeldeten, wurde der Hamas-Führer Ismail Haniyeh zu einem dringenden Besuch nach Kairo „eingeladen“. Der ägyptische Geheimdienst hatte ihn gerufen. Beim Grenzübergang in Rafah stand sogar ein Hubschrauber bereit. Dieser brachte ihn unverzüglich nach Kairo. Palästinensische Medien behaupteten, dass die Ägypter dem früheren Hamaschef einen „roten Teppich“ ausgerollt hätten.

 

Doch inzwischen stellt sich heraus, dass der ägyptische Geheimdienst den Hamaschef in Kairo „erniedrigt, gedemütigt und bedrängt“ hätte. Israelische Medien berichteten, dass die Ägypter den Hamas-Führer ultimativ aufgefordert hätten, die Konfrontationen mit den Israelis zu stoppen. Sie drohten ihm, keinen Finger zu rühren, falls Israel die Hamas-Leitung abschiesse, „einen nach dem Anderen“.

Wie die ägyptische Zeitung Al Akhbar meldete, sei Haniyeh angeboten worden, dass Ägypten den Grenzübergang in Rafah öffnen werde, aber nur unter der Bedingung, dass die Hamas den “Rückkehrmarsch” sofort stoppt. Die vermeintlich „friedlichen“ und „spontanen“ Proteste würden andernfalls zu einem „umfassenden Militärkonflikt mit Israel führen“, hiess es weiter in Al Akhbar.

Die Zeitung „Israel Hayom“ berichtete, dass der ägyptische Geheimdienst Haniyeh vorgeladen habe, nachdem die Israelis „Beweise“ dafür geliefert hätten, wie die Hamas Organisation die Bewohner des Gazastreifens gezwungen habe, sich zum Grenzzaun zu begeben und an den gewalttätigen Protesten zu beteiligen. Die Hamas habe dafür Familien Bargeld angeboten. Das haben die Israelis unter anderem von einem Palästinenser erfahren, der verhaftet worden war, nachdem er am Grenzzaun eine Bombe gelegt hatte.

Der Leiter des politischen Büros der Hamas Ismail Haniyeh besucht die Grenze östlich von Gaza. Foto Twitter/Al Quds
Der Leiter des politischen Büros der Hamas Ismail Haniyeh besucht die Grenze östlich von Gaza. Foto Twitter/Al Quds

Die Ägypter befürchteten eine „unkontrollierte Anarchie“ im Gazastreifen so der Bericht. Zudem halte Kairo die Hamas (und nicht Israel) verantwortlich für die vielen Toten bei den Unruhen. Ein ägyptischer Offizieller habe gesagt: „Haniyeh kam innerhalb von einer Stunde nach Kairo, in Begleitung von zwei Leibwächtern. Ein Hubschrauber hat sie auf schnellstem Weg nach Kairo gebracht. Das war keineswegs als Ehrung für Haniyeh gedacht. Es erwartete ihn sehr viel Wut.“ Erst musste Haniyeh vor dem Gebäude warten, was peinlich war. Im Gebäude konnte man dann laute Schreie hören, die Haniyeh schweigend über sich ergehen liess. Die Ägypter hätten ihm lautstark vorgeworfen, das Blut der toten Palästinenser vergossen zu haben. Sie zeigten Haniyeh Fotos von Hamas-Aktivisten, wie sie jungen Leuten und Familien zehntausende Dollars zahlten, um am Grenzzaun zu sterben. „Die Geschichte wird ihnen nicht verzeihen für soviel sinnlose Tote bei den Unruhen“, wurden die ägyptischen Offiziellen weiter zitiert. Mit der Warnung, dass Israel die Hamas-Spitze ausradieren werde, wurde Haniyeh wieder heimgeschickt. Ob diese in den israelischen Medien verbreiteten Berichte sich tatsächlich genau so zugetragen haben, lässt sich nicht nachprüfen.

Am Dienstag herrschte weitgehend Ruhe

Tatsache ist aber, dass ausgerechnet am Dienstag, dem sogenannten Nakba-Tag, als der Staat Israel vor 70 Jahren ausgerufen worden war und die Palästinenser aus ihren Heimatdörfern vertrieben worden waren, herrschte weitgehend Ruhe am Grenzzaun. Ursprünglich hatte die Hamas für diesen Tag einen „Marsch der Millionen“ angekündigt, um mit Frauen und Kindern die Grenze nach Israel zu stürmen.

Ohne jede zusätzlich Erklärung hiess es in europäischen Medien wie der NZZ, dass ausgerechnet dem Dienstag die Minarette bei den Moscheen geschwiegen hätten, während sie in den Tagen zuvor die Menschen angetrieben hätten, sich an den Protesten zu beteiligen.

Im Vergleich zu über 60 Toten allein am Montag meldete das Hamas-Gesundheitsministerium am Dienstag „nur“ 2 Tote und wenige hundert Demonstranten. An den Tagen zuvor waren es teilweise Zehntausende.

Der israelische Militärsprecher veröffentlichte derweil gefilmte „Beweise“ für Waffen im Besitz der „friedlichen“ Demonstranten, Zerstörungen am Grenzzaun und Bomben. Ebenso wurden wieder mehrere Brände auf der israelischen Seite gemeldet. Wälder, Felder und Heu wurden entzündet durch Drachen mit Molotowcocktails, die mit dem Wind nach Israel geschwebt waren. Angeblich haben die Israelis in aller Eile Drohnen entwickelt mit messerscharfen Flügeln, mit denen die Haltekabel der Drachen durchgeschnitten wurden, damit sie mitsamt ihrer brennenden Fracht noch im Gazastreifen abstürzen.

Weiter heisst es in israelischen und arabischen Medien, dass von den 62 getöteten Palästinensern etwa 50 als Hamas-Kämpfer oder Aktivisten gewesen seien. Die Hamas im Gazastreifen ehrt ihre „Märtyrer“ mit Namen, Rang und anderen Beschreibungen auf ihren Internetseiten. Dieses allein bestätigt, dass nicht nur „unschuldige Zivilisten“ an der Grenze protestieren. Die plötzlich eingekehrte Ruhe deutet darauf hin, dass die scharfen Warnungen der Ägypter unerwartet schnell Wirkung gezeigt haben und dass die Hamas-Organisation zuvor die Demonstrationen straff organisierte und lenkte. Wie sonst lässt sich erklären, dass die vermeintlich so „spontanen“ ausgerechnet stoppten, als der grösste Protest stattfinden sollte?

Hamas-Pressemitteilung vom 15. Mai 2018, in der der Tod von 10 Mitgliedern bei Zusammenstössen mit der IDF am Vortag bekannt gegeben wurde. Foto zVg

Derweil veröffentlichte die Hamas im Internet per Video Aufrufe an die Bewohner der grenznahen Ortschaften in Israel, unverzüglich ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. „Die Drachen mit den Brandsätzen sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer zurückbleibt, trägt alle Verantwortung für die Folgen, Denn wir werden die Grenze durchbrechen, Eure Städte erreichen und dann nicht mehr alleine sterben.“

Am Mittwoch waren die Unruhen entlang der Grenze wie durch ein Wunder völlig aus den Schlagzeilen verschwunden.

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Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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