Armut, Verzweiflung, Arbeitslosigkeit, kaputte Infrastruktur, Korruption – in Gaza gäbe es genug zu tun, aber statt das Land aufzubauen und der Zivilgesellschaft zu helfen, schickt die Hamas seit Wochen tausende Menschen an den Grenzzaun zu Israel, um im Schatten gewalttätiger Demonstrationen ihre Kämpfer nach Israel zu schleusen.

 

Fast fünfzig tote und hunderte verletzte Palästinenser sollen der Welt zeigen, wie sehr Gaza unter der Blockade leidet- die es ohne diesen Terror gar nicht gäbe. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze wird dabei alles zerstört, was über Jahre in der Wüste gewachsen ist: Tausende qualmende Reifen überzogen die Felder palästinensischer Bauern mit einem dicken schwarzen Film und zerstörten die Ernte. Mit brennenden Drachen aus Gaza wird auf der israelischen Seite viele Hektar Weizen zerstört. Ganze Waldstücke werden abgefackelt. Doch die kilometerweite Zerstörung von Bauernland und Naturschutzgebieten schafft es nicht in die westlichen Medien.

Die von Israel verhängte „Blockade“ des Gazastreifens werde, so sagt die UNO, den Küstenstreifen mit rund 2 Millionen Einwohnern bis zum Jahr 2020 „unbewohnbar“ machen. Was die Hamas mit Gaza macht, scheint die Vereinten Nationen dabei nicht zu kümmern.

Dass dieser Tage mehr Palästinenser im Flüchtlingslager Yarmuk bei Damaskus durch syrische Bombardements von Schulen und Hospitälern verkrüppelt oder getötet werden, interessiert ebenfalls weder die westlichen Medien noch die UN.

Am vergangenen Freitag sind Palästinenser in den palästinensischen Bereich des Warenterminals „Kerem Schalom“ eingedrungen und haben dort Benzin- und Gasrohre gesprengt. So wurde der Gazastreifen jetzt auch noch von der Lieferung von Brennstoffen abgeschnitten. Am Ende werden die Autos nicht mehr fahren und die Menschen nicht kochen können.

Wie der bekannte israelische Korrespondent Avi Issacharoff berichtete hätten Sicherheitsleute der Hamas nicht eingegriffen, um ein Blutvergiessen zu vermeiden, während Vertreter der Autonomiebehörde, die formal dort die Verantwortung tragen, gar nicht anwesend sind.

Kerem Schalom ist der letzte verbliebene Warenterminal zwischen Israel und dem Gazastreifen. Bis vor wenigen Wochen brachten bis zu 900 Lastwagen (meist überlange Sattelschlepper) Nahrungsmittel Medikamente und medizinisches Gerät sowie anderen Nachschub in den Gazastreifen, darunter auch Baumaterial, was die Hamas dann für die Angriffstunnel und andere militärische Zwecke missbrauchte. Israelische Zöllner entdeckten immer wieder auch Versuche, „verbotene“ Materialien in den Gazastreifen zu schmuggeln: Chemikalien für die Herstellung von Sprengstoff, Taucheranzüge, Militärstiefel und Drohnen.

Attacken auf Grenzübergänge sind nichts Neues

Nahe dem bis heute bestehenden Erez-Übergang für Diplomaten, Journalisten und palästinensische Patienten auf dem Weg zu Krankenhäusern in Israel, im Westjordanland und Jordanien gab es bis 2004 ein blühendes gemeinsames Industriegebiet.

Israelische Investoren und Produzenten hatten dort Werkstätten und Fabriken errichtet, in denen Tausende Palästinenser aus dem Gazastreifen Arbeit fanden. Für beide Seiten war das ein Erfolgsmodell. Denn die palästinensischen Arbeiter fanden dort Beschäftigung und erhielten den im Gazastreifen üblichen Lohn, während die Israelis davon profitierten, wesentlich niedrigere Löhne zahlen zu müssen, als in Israel üblich. So hatten Tausende Palästinenser noch Arbeit, als Israel wegen Selbstmordattentaten und anderem Hamas-Terror keine „Gastarbeiter“ mehr nach Israel einreisen lassen konnte.

Für die Hamas war diese Kooperation ein Dorn in Auge. Sie beschoss die 183 Betriebe im Industriepark mit Raketen. Für die dort arbeitenden Israelis bestand akute Lebensgefahr, sodass Israel das gesamte Industriezentrum 2004 schloss. In der Folge wurden 5.000 Palästinenser arbeitslos, ohne jede Chance, im Gazastreifen mit seiner desolaten Wirtschaftslage Arbeit zu finden. Auch auf den Grenzübergang Erez gab es mehrere Anschläge.

Im Juni 2005 kam eine vermeintlich hochschwangere Frau. Sie hatte schwere Verbrennungen im Soroka-Hospital in Beer Schewa behandeln lassen, und wollte angeblich ihre israelischen Ärzte wieder besuchen. Die misstrauischen Israelis zwangen Wafa el-Bass, sich vollständig zu entkleiden und beobachteten die Frau im gepanzerten Raum mit Videokameras. Es gab wegen dieser anzüglichen Aktion natürlich einen Aufschrei der Empörung in den Medien. Doch anstelle des Bauches der vermeintlich „Schwangeren“ entdeckten die Sicherheitsleute umgeschnallte 22 Kilo Sprengstoff und Zünder. Die Frau wollte sich im Soroka-Hospital in die Luft sprengen, obgleich man ihr dort zuvor das Leben gerettet hatte.

Ein anderes Mal warteten hunderte Christen aus Gaza in einem Saal am Erez-Übergang, nachdem Israel ihnen eine Sondergenehmigung für Besuche in Bethlehem und Jerusalem zu Weihnachten gegeben hatte. Eine Rakete der Hamas durchschlug das Dach, explodierte aber zum Glück nicht. Das hätten den wenigen verbliebenen Christen im Gazastreifen das Leben kosten können. Trotz ständiger Mordanschläge ist der einzige verbliebene Grenzübergang für Menschenverkehr immer noch offen.

Terminal Karni

Der riesige Terminal Karni war mit hohen Mauern umgeben. Treibstoffe und andere Flüssigkeiten wurden durch „Löcher“ in der Betonwand gepumpt, indem Lastwagen auf beiden Seiten vorfuhren und die Waren durch Rohre gepumpt wurden. Die Lastwagenfahrer konnten sich nicht gegenseitig sehen, sondern kommunizierten per Telefon. Dann gab es dort noch Fliessbänder für den Transport von Weizen und riesige gepanzerte Schleusen, in denen die Waren abgelegt wurden. Nach dem Schliessen der Tore waren sie von der anderen Seite zugänglich. Auch hier konnten riesige Mengen Waren, darunter tonnenweise Zwiebeln und anderes Gemüse in beide Richtungen transportiert werden, ohne dass sich Israelis und Palästinenser begegneten. Doch die Hamas griff auch diesen grössten Warenübergang mit Autobomben, Selbstmordattentätern und Raketen an. Weil die Israelis nicht mehr die Sicherheit ihrer Mitarbeiter garantieren konnten, wurde Karni schliesslich 2011 geschlossen. Damals hiess es, dass die Hamas die Schliessung von Karni vor allem aus wirtschaftlichen Gründen beabsichtigte. Zu dem Zeitpunkt gab es noch die Schmugglertunnel zwischen dem ägyptischen Sinai und dem Gazastreifen. Zerlegte Autos, billiges Öl und jegliche andere Waren wurden durch sie geschmuggelt, während die Hamas Steuern und Zölle einzog, was sie bei den aus Israel importierten Waren nicht tun konnte. Sogar junge Bräute kamen durch den Untergrund.

2007 beteuerte der damalige Bundesaussenminister Frank Walter Steinmeier noch blauäugig vor Journalisten, dass es keine technologischen Möglichkeiten gebe, solche Schmugglertunnel zu entdecken und zu sperren. Das habe ihm der ägyptische Präsident Hosni Mubarak glaubwürdig erklärt. Für Steinmeier war damals unvorstellbar, dass angesehene arabische Politiker ihn anlügen könnten, während er israelische Forderungen zu einer Beendigung des Schmuggelns als „unzumutbar“ rügte. 2011 wurde Mubarak bekanntlich gestürzt und seitdem gelang es den Ägyptern sehr wohl, die meisten dieser Tunnel zu zerstören. Zuvor hatten die Israelis einige solcher Tunnel gefunden und gesprengt. Wie der Zufall so wollte, stieg bunt gefärbter Rauch des verwendeten Sprengstoffs aus den Einstiegslöchern mitten in ägyptischen Grenzstellungen auf…

Kerem Schalom

Der letzte Übergang zwischen Israel und Gaza, in Kerem Schalom, nahe der ägyptischen Grenze und ganz im Süden des Gazastreifens, musste erst für den Warenverkehr hergerichtet und mit Mauern umgeben werden. Als er sicher eingerichtet war, rumpelten täglich bis zu 900 Lastwagen, darunter Sattelschlepper, über enge Landstrassen. Auf Israels Autobahnen konnte man lange bewachte Konvois mit arabischen Kennzeichen aus Jordanien und Qatar sehen, währende einige mit grossen türkischen Flaggen geschmückt waren. So gelangten Spenden aus der arabischen Welt in den Gazastreifen.

Die Lieferungen gingen sogar während der grossen Militäroperationen, den sogenannten „Gaza-Kriegen“ 2009 und 2014, weiter. Israel lieferte sogar Strom, obgleich die Hamas mit Raketen das Rutenberg-Kraftwerk bei Aschkelon beschossen hat und auch mehrere Masten von Hochspannungsleitungen zerstörte. Uri Schorr, Sprecher der israelischen Wasserbehörde, sagte auf Anfrage, dass Israel ein grosses neues Wasserrohr bis zur Grenze des Gazastreifens verlegt habe, um den Mangel an Trinkwasser wenigstens teilweise zu beheben. Aber die Hamas weigerte sich bis heute, von ihrer Seite her ein Anschlussrohr zu bauen.

Knebelmassnahmen der PLO

Die PLO in Ramallah und der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas leisten ihrerseits einen entscheidenden Beitrag zur Misere im Gazastreifen. Nach unzähligen gescheiterten Versuchen einer vermittelten „Versöhnung“ zwischen der Autonomiebehörde und der Hamas, weigern sich weiterhin die Herrscher im Gazastreifen, die Kontrolle an Ramallah abzugeben. Also sanktioniert Abbas die Menschen im Gazastreifen, indem er ihnen Gehälter sperrt und sich weigert, israelische Firmen für Güter zu bezahlen, die nach Gaza geliefert werden sollten. Dabei geht es auch um die Bezahlung von Wasser und Strom. In der Folge sitzen die Menschen im Gazastreifen im Finsteren, denn die Rechnungen müssten sonst auf den israelischen Steuerzahler umgelegt werden.

Abschliessend sei hier noch erwähnt, dass der Gazastreifen über eine 11 Km lange Grenze zum arabischen Nachbarland Ägypten verfügt. Als die Hamas 2007 die Macht übernahm, vertrieb sie die PLO-Wächter am Rafah Grenzübergang nach Ägypten. Sie zerstörte Durchleuchtungsmaschinen und Kameras. Das vertraglich mit Israel abgesprochene Kontrollsystem an dem Grenzübergang konnte nicht mehr aufrecht erhalten bleiben. Um nicht gegen Abkommen mit Israel zu verstossen, hatten die Ägypter keine Wahl, als den Übergang zu schliessen. Nur sehr selten wird die Grenze dort geöffnet. Palästinenser auf einer Warteliste mit über 11.000 Namen müssen eine Gebühr von über 3.000 US-Dollar an die Hamas entrichten, um nach monatelangen Wartezeiten durchgelassen zu werden.

Von einer Blockade alleine durch Israel kann also keine Rede sein. Die desolate Wirtschaftslage im Gazastreifen, der Mangel an Strom, Trinkwasser und anderen Waren sind weitgehend hausgemacht. Niemand hat die Kraft und Fähigkeit, sich innerhalb von Gaza gegen die brutale Diktatur zu erheben. Geschickt sorgt die Hamas dafür, dass sich Hass und Anschuldigungen ausschliesslich gegen Israel zu richten. An diesem perfiden Spiel beteiligen sich die Medien, die wie ein Mantra immer nur Israel für die „Blockade“ verantwortlich machen und dabei sogar die militante Hamas als Opfer der „bösen Israelis“ darstellen. Auch die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini forderte zwar aktuell eine unabhängige Untersuchung zum Einsatz scharfer Munition durch die israelischen Sicherheitskräfte, verlor aber kein Wort über die Tatsache, dass die meisten der an der Grenze erschossenen Palästinenser als Kämpfer der Hamas identifiziert worden sind.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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