Ganz objektiv gesehen widmet die Welt dem Staat Israel überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit. Mit 8,4 Millionen Einwohnern rangiert Israel auf Platz 96 weltweit, unmittelbar nach Tadschikistan und Honduras, vor Österreich und der Schweiz. Fragt man Google nach einer Weltrangliste der Militärmächte, erscheint Israel auf Platz 11, 14, 15 oder auch 29 – je nach Massstab. Auf einer Liste der „einflussreichsten“ oder „mächtigsten Länder der Welt“ rückt der kleine Staat am östlichen Mittelmeerrand schon auf Platz 8.

 

von Johannes Gerloff

Auffallend ist, dass Israel in vielen einschlägigen Artikeln, die sich damit beschäftigen, wie gefährlich ein Land ist, überhaupt nicht auftaucht. Doch dann findet man Ranglisten der „gefährlichsten Länder der Welt“, auf denen Israel Platz 20 einnimmt. Die USA rangiert auf derselben Liste auf Platz 50 – als sei es gefährlicher in Israel zu leben, als in den USA. Dabei wurden im Jahr 2017 in den USA 15 612 Menschen erschossen. Im gleichen Zeitraum forderte der israelisch-palästinensische Konflikt 113 Todesopfer. Wäre das Leben in Israel so gefährlich wie das in den Vereinigten Staaten, hätten 2017 im jüdischen Staat gemessen an seiner Einwohnerzahl 422 Menschen allein durch Schusswaffengebrauch getötet werden müssen.

Im November 2003 ergab eine Umfrage der EU-Kommission, dass Israel „die grösste Gefahr für den Weltfrieden“ ist – nicht nur aus Sicht der radikal-islamischen Regierung des Iran oder der Bevölkerung von Bangladesch. Sechzig Prozent der Europäer dachten so vor 15 Jahren. Damals hielt eine Mehrheit der Europäer den jüdischen Staat für gefährlicher, als den Iran, Nordkorea oder Afghanistan.

Seit 2006 hat der UNO-Menschenrechtsrat (UNHRC) Israel 68 Mal verurteilt, während alle anderen Staaten zusammengenommen 55 Mal verurteilt wurden. Von den jeweiligen 47 Sitzen im Menschenrechtsrat sind westliche Demokratien meistens in der Minderheit, während die Mehrheit der Sitze von häufig problematischen afrikanischen und asiatischen Staaten besetzt wird – also nicht gerade Vorzeigemodelle für liberale, demokratische Werte.

Aber unabhängig von den unaufrichtigen Gründen für diese unverhältnismässige Aufmerksamkeit auf Israel, gehe ich davon aus, dass die UNO den Staat Israel so genau unter die Lupe nimmt, weil das jüdische Volk und sein Staat ein Massstab ist, der Standards setzt, die für die ganze Menschheit gültig sein sollten.

Dass der moderne Staat Israel als Massstab empfunden wird, gilt ganz offensichtlich nicht nur für Menschrechte, sondern ebenfalls für eine ganze Reihe weiterer Fragen. So dient Israel als Vorbild, wenn es darum geht, wie Nationalstaaten im 21. Jahrhundert definiert werden sollten, oder wie „Kolonialisten“ mit „Ureinwohnern“ umzugehen haben. Exemplarisch wird an Israel diskutiert, ob Religion die Identität eines Volkes definieren, ob man eine Kriegserklärung mit Krieg beantworten, oder wie eine Demokratie einen asymmetrischen Krieg führen darf. Eine asymmetrische Konfliktsituation entsteht, wenn die Armee eines demokratischen Staates einer bedrohlichen Masse von andersgläubigen Zivilisten gegenübersteht.

In Südafrika hat ein Wirtschaftsboykott das Apartheid-Regime gestürzt. Der jüdische Staat hat sich durch jahrzehntelange Boykotterfahrungen zu einer führenden Startup-Nation gemausert. Israel setzt Massstäbe, indem es der Welt zeigt, dass Bedrohungen kein Grund sind, zu verzweifeln oder gar einzuknicken, sondern als Herausforderungen positiv aufgegriffen werden müssen. Anfeindungen können den Erfindungsreichtum fördern. Das zeigen Abwehrsysteme, die das Ende des Raketenzeitalters eingeläutet haben, genauso wie eine Kriegführung, die es offensichtlich erlaubt, einen mutmasslichen Atomreaktor in einem Nachbarland zu bombardieren, ohne dass das als Kriegserklärung aufgefasst und beantwortet werden muss. Dov Moran, der Erfinder des USB-Stick, bringt es auf den Punkt: „Immer wenn wir in Not gerieten, mussten wir etwas Neues erfinden.“

Israel setzt in einer Welt, die vom Untergang bedroht zu sein scheint, neue Massstäbe der Hoffnung. Das gilt nicht nur im politischen und militärischen Bereich, sondern auch in der Kunst, wo eine einzigartige kulturelle Vielfalt dazu führt, beispielsweise uralte jemenitische Volkslieder zu modernen Popsongs zu verarbeiten. Das gilt auch für das Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften. Wenn dreissig Prozent aller Nobelpreisträger Juden sind, hat das nichts mit den Genen zu tun. Vielmehr wirkt nach, dass ein Volk seit Jahrhunderten lesen und schreiben kann und sich dazu auch noch in Massen den Luxus talmudischer Spitzfindigkeiten leistet. Wenn sich aber eine ganze Nation der Juristerei und Sprachakrobatik verschreibt, dann entspringt dem irgendwann ein Einstein.

Bemerkenswert ist, dass die Weltöffentlichkeit durch ihre Fokussierung das bestätigt, was die Bibel seit Jahrtausenden sagt: Israel ist der Massstab, an dem sich die nichtjüdischen Völker messen lassen müssen. Und dazu warnt das Neue Testament ganz unmissverständlich: Wehe dem, der sich um den Splitter im Auge des Bruders müht, dabei aber das Brett vor dem eigenen Kopf übersieht.

Johannes Gerloff ist ein deutscher Journalist und Autor mit Schwerpunkt Israel und Naher Osten.

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