Foto Screenshot Weltwoche Cover
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Die Weltwoche widmet ihre Titelgeschichte dem „neuen Judenhass“ in Europa, der in den letzten Jahren zehntausende Juden zur Auswanderung bewegt hat. Das Wochenmagazin geht auch der Frage nach, warum die Lage in der Schweiz weniger dramatisch ist. 

 

von Florian Schwab*

Wie der in Tel Aviv lebende Weltwoche-Autor Pierre Heumann schreibt, haben im Jahr 2015 an die 10 000 Juden Westeuropa in Richtung Israel verlassen, in den beiden Jahren danach waren es jeweils rund 8000 Personen. In Frankreich hat gemäss einer Umfrage von 2017 jeder zweite jüdische Einwohner bereits einmal darüber nachgedacht, das Land zu verlassen.

Auslöser für den „neuen Exodus“ sei ein spürbar verstärkter Antisemitismus in etlichen Ländern. So finde in Deutschland alle zwei Wochen ein Angriff auf eine Synagoge statt und antisemitische Klischees und Grundhaltungen verbreiten sich zunehmend. Heumann zitiert die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: „In Deutschland ist ‚Jude‘ längst wieder ein Schimpfwort.“ sowie Oskar Deutsch, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: antisemitische Aussagen würden „immer mehr zur Realität“. Ähnliche Phänomene werden aus Schweden und Grossbritannien berichtet.

Besonders gravierend ist die Lage in Frankreich, wie Jürg Altwegg schreibt. Die Ermordung der 85-jährigen Mireille Knoll in Paris war diesbezüglich ein trauriger neuer Höhepunkt. „Frankreich“, analysiert Altwegg, „steht in einem besonderen Verhältnis zu den Juden“. Die Revolution habe sie emanzipiert, die Republik integriert. „Bei der Dreyfus-Affäre triumphierte die Wahrheit über den antisemitischen Fanatismus.“ Dann folgte das tragische Kapitel des Vichy-Regimes. Nach dem Zweiten Weltkrieg bot Frankreich vielen Juden eine neue Heimat, Antisemitismus blieb bis zur Jahrtausendwende geächtet. Als diesbezüglichen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte sieht Altwegg die zweite Intifada (2001) und das Verbot religiöser Symbole in Schulen (2004). Diese Entwicklungen „machten Frankreich zum Nebenschauplatz des Nahostkonflikts.“ Der ehemalige israelische Ministerpräsident Ariel Sharon brandmarkte Frankreich als das schlimmste antisemitische Land des Westens und stellte den französischen Juden finanzielle Hilfen bei der Übersiedlung nach Frankreich in Aussicht. Nach den jüngeren Attentaten, so die Hoffnung von Jürg Altwegg, gehe auch in Frankreich „die Zeit der Realitätsverweigerung und Blindheit zu Ende“.

Schweiz weniger anfällig für Antisemitismus

Mit dem Basler Historiker Jacques Picard erörtert die Weltwoche die Situation in der Schweiz. „Im Vergleich zum Ausland ist die Lage hierzulande nicht dramatisch“, lässt sich der emeritierte Professor und frühere Leiter des Instituts für jüdische Studien in Basel zitieren. Das Land sei „nie ein Motor einer antisemitischen Bewegung“ gewesen. Als historische Gründe dafür sieht er die vergleichsweise wenig ausgeprägten sozialen Spannungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das abschreckende Beispiel Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs und den föderalistischen Charakter des Landes. Heute profitiere das Land davon, dass es keine mit Deutschland und Frankreich vergleichbaren neonazistischen Milieus gebe und auch keine besonders umfangreichen arabischen, türkischstämmigem sowie nordafrikanischen Milieus. Die klassische Sozialdemokratie habe sich in der Schweiz zudem als weniger anfällig für Antisemitismus erwiesen als die linken Parteien in anderen europäischen Ländern.

* Der Autor ist Mitglied der Weltwoche-Redaktion. 

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