Israel ist eine kleine jüdische Insel in einem überwältigenden muslimischen Ozean. Die Beziehungen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn haben sich in den vergangenen sieben Jahrzehnten dramatisch verändert. Wenn man über arabisch-israelische Verhältnisse nachdenkt, muss betont werden, dass es immer Berührungspunkte zwischen Israels ständig wachsender jüdischer Bevölkerung und ihren nichtjüdischen Nachbarn gegeben hat. Und die waren nicht immer nur schlecht.

 

von Johannes Gerloff

Unmittelbar nach dem Niedergang des Osmanischen Reiches gegen Ende des Ersten Weltkriegs, vereinbarten Seine königliche Hoheit Emir Faisal Ibn Hussein in Vertretung des arabischen Königreichs Hedschas und Dr. Chaim Weizmann für die Zionistische Organisation ein Abkommen. Faisal träumte von einem arabischen Königreich „in Grosssyrien und dem Irak“, genau wie Weizman von einer jüdischen Heimstätte im Eretz Israel. Gemeinsam hatten sie „die Blutsverwandtschaft zwischen den Arabern und dem jüdischen Volk“ beschworen und gehofft, „die Einwanderung von Juden nach Palästina zu fördern“, und gleichzeitig die Rechte der „arabischen Bauern und Pächter“ zu schützen, sowie „ihre wirtschaftliche Entwicklung zu fördern“.

Diese hochgesteckten Visionen lösten sich jedoch bald angesichts der harten Realität von Kolonialpolitik, Stammesrivalitäten und nationalistischem Fanatismus im Nichts auf. Als die Briten im Mai 1948 ihr Mandat in Palästina verliessen, das sie ursprünglich nicht anvertraut bekommen hatten, um das Land aufzuteilen, sondern um eine jüdische Heimstätte einzurichten, waren arabisch-jüdische Beziehungen verbittert feindlich geprägt. Palästina blutete durch arabische Aufstände und einen brutalen Bürgerkrieg.

Arabische Reaktionen auf die Gründung Israels

Ägypten, Syrien, Jordanien, der Irak, Saudi-Arabien, der Libanon und die Arabische Befreiungsarmee unter dem Kommando von Fausi al-Kawukdschi, der den Zweiten Weltkrieg in Nazideutschland verbracht hatte, erklärten dem neugeborenen jüdischen Staat den Krieg. Ihr Ziel war, unter allen Umständen eine jüdische Heimstätte in Palästina zu verhindern. Die Resolution 181 der UNO-Generalversammlung vom 29. November 1947, die eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vorsah, ist einzigartig unter allen UNO-Resolutionen, insofern als dass ein Staatenbündnis den Versuch ihrer Umsetzung mit einem Vernichtungskrieg beantwortete.

In den folgenden Jahrzehnten änderte sich wenig in der arabischen Einstellung gegenüber Israel. Im Juli 1951 wurde König Abdallah I. von Jordanien vor dem Eingang der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem ermordet, weil es Gerüchte gegeben hatte, er wolle mit einen jüdischen Nachbarn über Frieden reden. Abdallah war ein Bruder Faisals gewesen. Beide hatten der Haschemitendynastie angehört, die ihre Abstammung auf den Propheten Mohammed zurückführt. Ihr Vater war Hussein, der Scharif von Mekka gewesen. Während der arabischen Revolte gegen das Osmanische Reich war Hussein König von Hedschas geworden. Später hatte er angestrebt, Kalif aller Muslime zu werden. Doch die Alliierten hatten ihn nicht anerkannt. Dann war es seinem Rivalen Abdul-Assis Ibn Saud gelungen, ihn von der arabischen Halbinsel zu vertreiben. Abdallahs Enkel, Prinz Hussein, hatte an der Seite seines Grossvaters gestanden, als der ermordet wurde, und war selbst verletzt worden. Möglicherweise hielt ihn dieses frühe Erlebnis davon ab, mit Israel über Frieden zu verhandeln, nachdem er selbst im Jahr 1952 den Haschemitenthron bestiegen hatte.

Dreimal „Nein!“

Im Frühsommer 1967 war die arabische Welt unter der Führung des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser in Hochstimmung. Erklärtermassen verfolgte er das Ziel, die Juden allesamt ins Mittelmeer zu treiben. Nachdem er die Friedenstruppen der Vereinten Nationen aus dem Sinai ausgewiesen und die Strasse von Tiran für israelische Schiffe geschlossen hatte, zerstörte Israel in einem Präventivschlag die Luftwaffen der Koalition Nassers und eroberte die Golanhöhen, das Westjordanland und die Sinaihalbinsel im Laufe des so genannten Sechstagekriegs. Nach dieser demütigenden Niederlage beantwortete die Arabische Liga in Khartum Anfang September 1967 Israels Angebot von „Land für Frieden“ mit „drei kategorischen Nein“: „Nein zu Frieden mit Israel, Nein zu einer Anerkennung Israels, Nein zu Verhandlungen mit ihm“.

Aufgrund eines nachrichtendienstlichen Versagens auf Seiten Israels, konnten die Ägypter sich selbst nach dem „Oktoberkrieg“ von 1973, der auch als „Jom-Kippur-Krieg“ bekannt ist, zu Siegern erklären. Diese Wahrnehmung auf der arabischen Seite eröffnete Anwar el-Sadat ein halbes Jahrzehnt später die Möglichkeit, auf Israels Premierminister Menachem Begin zuzugehen. Die Abkommen von Camp David führten die Sinaihalbinsel zurück unter ägyptische Kontrolle, bereiteten den Weg für den ersten arabisch-israelischen Friedensvertrag und verdienten Sadat, Carter und Begin den Friedensnobelpreis.

Widerstand gegen den Frieden

Nicht nur die Aktivisten des Islamischen Dschihad, die Sadat im Oktober 1981 ermordeten, und die Bewegung der Muslimbruderschaft, waren gegen Ägyptens Friedensvertrag mit Israel, es gab auch heftige Widerstände unter Christen. Der koptische Papst Schenuda III. drohte allen Gläubigen aus seiner Kirche mit einem Bann, sollten sie den Frieden mit Israel für eine Pilgerreise nach Jerusalem nutzen. Diese Bannandrohung war noch gültig, als Schenuda im März 2012 starb. Wenige Monate nach Sadats Tod trafen sich 27 Organisationen, die praktisch die gesamte gesellschaftliche Elite Ägyptens vertraten, und beschlossen, Israel zu boykottieren. Aber Sadats mutiger Schritt war eine Wasserscheide in den israelisch-arabischen Beziehungen, obwohl er wegen der Palästinenserfrage vielfach kritisiert wurde.

Rückschläge und verpasste Chancen

Ehud Baraks Rückzug aus dem Südlibanon im Mai 2000 war ein schwerer Schlag für Israels Beziehungen zu seinen nichtjüdischen Nachbarn. Ich war selbst Zeuge, wie christliche libanesische Staatsmänner weinten, weil sie zusehen mussten, wie ihr einziger Verbündeter im Nahen Osten unter dem Druck der Weltöffentlichkeit floh und den Libanon de facto iranischer Herrschaft überliess. Israels kopflose Flucht an seiner seit jeher sensiblen Nordfront lehrte die muslimische Welt zweierlei, wie mir ein Palästinenser in Bethlehem anvertraute: „Erstens, vertraue niemals einem Juden. Wenn es seinem Interesse dient, wird er dich allein lassen. Zweitens: Israel ist besiegbar. Die Hisbollah hat die Juden in die Flucht geschlagen.“ Jahre später erklärte mir ein palästinensischer Raketenschütze in Gaza: „Wir werden die Zionisten schlagen, genau wie die Hisbollah, die sie aus dem Libanon gescheucht haben.“ Demzufolge ist zu schliessen, dass Israels Rückzug aus dem Südlibanon der eigentliche Auslöser für den zweiten Palästinenseraufstand war, der im Herbst desselben Jahres begann und heute als „Al-Aqsa-Intifadah“ bekannt ist.

Dramatische Veränderungen

Trotz derartiger Rückschläge und einer Unzahl von verpassten Gelegenheiten bei allen Beteiligten, sehen Israelis heute, dass sich ihre Beziehungen mit der arabischen Welt dramatisch verändert haben – und mit atemberaubender Geschwindigkeit verändern. Viele Schlüsselpersonen und Regierungen scheinen sich für einen Wandel entschieden zu haben und wollen Israel eher als Partner sehen, denn als die Wurzel alles Bösen. Seit Schimon Peres 1996 in Doha gelandet ist, wurden in Katar und Oman de facto Botschaften Israels eröffnet, die freilich offiziell „wirtschaftliche Vertretungen“ genannt werden.

Jüngste Entwicklungen in Folge des „Arabischen Frühlings“ haben tiefgehende Auswirkungen darauf, wie Israelis und Araber einander sehen. Die Vereinigten Staaten von Amerika scheinen einen „Sieg“ verkünden zu wollen, um sich dann aus der Region zu verabschieden, beobachtet ein israelischer Militärexperte. Tatsächlich ist der Einfluss Washingtons in der Region in den vergangenen Jahren spürbar zurückgegangen. Europa wird von Arabern und Israelis als naheliegende und ruhige Ferien- und Shopping-Oase geschätzt. Politisch aber ist es irrelevant, auch wenn es kaum Politiker gibt, die das öffentlich eingestehen wollen – aus offensichtlichen wirtschaftlichen Gründen.

Neben dem Iran ist es vor allem Russland, das sich als einer der grossen Gewinner im Nahen Osten mausert, aller wirtschaftlichen Schwäche und politischen Isolation wegen der Ukraine zum Trotz. Putin hat es verstanden, sich nicht im syrischen „Morast“ festzufahren und gleichzeitig gute Beziehungen zu allen regionalen Akteuren aufrechtzuerhalten: zum Iran und zu Saudi-Arabien; zu Israel und zu den Palästinensern; zur Türkei und zu den Kurden; zu Ägypten und zu Katar. Im Blick auf Israel sollte nie übersehen werden, dass ungefähr ein Viertel der Bevölkerung Israels Wurzeln in Russland hat, russisches Essen liebt, russisch denkt, russisch spricht und sich auch in politischer Hinsicht eher im russischen Klima wohlfühlt, als in einer europäischen oder amerikanischen Kultur.

Präzedenzlose Zusammenarbeit

Auf diesem Hintergrund geniesst Israel eine nie dagewesene Kooperation mit pragmatischen sunnitisch-arabischen Staaten in der Nachbarschaft. Gemeinsame Interessen und gemeinsame Bedrohungen, wie der Iran oder der radikale Islam, verbinden. Die Zusammenarbeit mit Ägypten und Jordanien wurde intensiver, aber auch mit Golfstaaten, mit denen Israel keine diplomatischen Beziehungen hat. Alle schätzen Israels nachrichtendienstliche, technische, wirtschaftliche und militärische Unterstützung. Diese neue Nähe ist mittlerweile für jedermann sichtbar.

Mitte März landete auf dem Ben-Gurion-Flughafen der erste Direktflug von Air India aus Neu-Delhi, nachdem er die viel kürzere Route durch den Luftraum Saudi-Arabiens und Omans genommen hatte. Der einzige Protest dagegen kam von El Al, das einen unfairen Wettbewerb fürchtet, wenn die Inder in fünf Stunden eine Distanz bewältigen können, für die El Al-Flugzeuge acht Stunden brauchen. Zur gleichen Zeit flogen israelische F-16s-Kampfjets in einem Manöver im griechischen Luftraum neben Mirage 2000-Flugzeugen der Vereinigten Arabischen Emirate. Und schliesslich konnte man im März auch noch im Weissen Haus in Washington hohe saudische, katarische, omanische Vertreter mit Kollegen aus den Emiraten und Israel am selben Tisch sitzen sehen, wo sie sich über die humanitäre Lage im Gazastreifen unterhielten. Bemerkenswert war dabei die Abwesenheit von Vertretern der Palästinensischen Autonomiebehörde, die seit der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels die Trump Administration boykottieren – was aber die anderen Araber wenig zu kümmern scheint. Noch ein Jahr zuvor hatte man sich bei einem Treffen von Israels Generalstabschef Gadi Eisenkot mit seinem saudischen Amtskollegen Abdul Rachman Bin Saleh Al-Bunjan auf einer Konferenz in den USA um Geheimhaltung bemüht. Heute scheinen derlei Kontakte eher normal.

Aber: die „arabische Strasse“

Zvi Masel hat praktisch sein gesamtes Berufsleben im Dienst des israelischen Aussenministeriums verbracht. Von 1996 bis 2001 war er Israels Botschafter in Kairo. Masel erinnert daran, dass Israel nach dem Friedensvertrag mit Ägypten 1980 „grosse Anstrengungen zu einer Kooperation in allen Lebensbereichen unternommen“ hat. „Die meisten dieser Bemühungen waren Fehlschläge.“ Inmitten aller Begeisterung über einen Neuen Nahen Osten gibt Masel zu bedenken: „Es gibt keine Normalisierung zwischen den beiden Ländern, die ein Friedensabkommen miteinander unterschrieben haben. Wir haben lediglich Regierungskontakte.“

Ähnlich gibt Moran Saga, politische Mitarbeiterin bei „Mitvim“, dem israelischen Institut für regionale Aussenpolitik, und Dozentin an der Universität Haifa, zu: Arabische Länder „akzeptieren Israelis nur, wenn sie keine Wahl haben. Und auch dann wird israelischen Besuchen so wenig Aufmerksamkeit wie nur möglich gewidmet. Im geschäftlichen Bereich, in der Technologie und in Sicherheitsfragen sind die Araber zu einer Kooperation bereit. Diplomatische Kontakte auf hoher Ebene, zwischen Diplomaten, Politikern oder Sicherheitsfachleuten, sind möglich. Aber die Kooperation auf ziviler Eben ist gleich Null.“

Während auf Regierungsebene die israelisch-arabischen Beziehungen ein nie dagewesenes Hoch erleben, tun sich arabische Gesellschaften offensichtlich sehr schwer damit, die Legitimität eines jüdischen Staates im Nahen Osten anzuerkennen. Der fundamentalistische Islam und arabischer Nationalismus sind nach wie vor die bestimmenden Kräfte in diesen Ländern.

Zvi Masel erinnert daran, wie Präsident Sadat 1980 Ariel Scharon einlud und Israel um Hilfe bat, um eine Hungersnot zu verhindern. Israelische Experten bauten daraufhin neue Farmen in der Wüste an der Strasse zwischen Kairo und Alexandrien. Innerhalb weniger Jahre gelang es Ägypten im landwirtschaftlichen Sektor selbständig zu werden. Aber die muslimische und linke Opposition verbreitete über die Medien Gerüchte, die Juden würden den Boden der Ägypter vergiften. Daran scheiterte jede weitere Kooperation, ganz unabhängig davon, wie erfolgreich sie war. Masel ist pessimistisch im Blick auf die ägyptisch-israelischen Beziehungen: „Der kulturelle Graben zwischen uns und den Ägyptern kann in den nächsten 100 Jahren nicht überwunden werden.“ Der pensionierte Diplomat warnt vor jeder Euphorie im Blick auf Israels Stellung im Nahen Osten: „Die arabische Strasse hat noch immer ein Problem, weil sie die Realität verleugnet.“

Johannes Gerloff ist ein deutscher Journalist und Autor mit Schwerpunkt Israel und Naher Osten.

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