Einige der Waffen, die von Passagieren an Bord der Mavi Marmara benutzt wurden. Foto Israel Defense Forces, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34371782
Einige der Waffen, die von Passagieren an Bord der Mavi Marmara benutzt wurden. Foto Israel Defense Forces, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34371782

Eine pro-palästinensische Aktivistin, die an dem Schiffs-Konvoi teilnahm, der im Mai 2010 versuchte illegal nach Gaza zu gelangen, bestätigt jetzt die israelische Version der Ereignisse, die zu der blutigen Konfrontation an Bord der Mavi Marmara führten.

 

von Robert Philpot

Zehn türkische Aktivisten starben, nachdem eine IDF-Sondereinheit an Bord des grössten, des aus sechs Schiffen bestehenden Konvois, gegangen war. Ungeachtet der israelischen Sicherheitsblockade, die verhindern sollte, dass die Hamas Waffen ins Land schmuggelt, steuerte das Schiff in Richtung der von der Terrororganisation kontrollierten Küstenenklave.

In entlarvten Beiträgen einer geheimen britischen Facebook-Gruppe, gibt Greta Berlin, die Mitbegründerin und Sprecherin der Free Gaza Bewegung, an, dass die israelischen Truppen das Feuer erst dann eröffneten, als Ken O‘Keefe, ein ehemaliger Soldat der US-Marine, der sich an Bord der Mavi Marmara befand, einem der israelischen Soldaten sein Gewehr abgenommen hatte.

Während einer hitzigen Online-Debatte, in der Sicherheit einer Facebook-Gruppe von pro-palästinensischen Aktivisten, die alle zur Gruppe zugelassen oder eingeladen worden waren, stellte Berlin wiederholt Kommentare anderer Mitglieder, die O‘Keefe lobten, in Frage.

„Er war für einige der Todesfälle an Bord der Mavi Marmara verantwortlich. Hätte er einem der terroristischen israelischen Soldaten nicht die Waffe weggenommen, hätten sie das Feuer nicht eröffnet. Es reicht jetzt. Die meisten von euch haben nicht die geringste Ahnung, wovon sie reden“, schrieb sie.

Berlins Kommentare, die 2014 auf Facebook veröffentlicht wurden, betrafen die Gruppe Palestine Live.

Vergangene Woche deckte ein Bericht des Wissenschaftlers und Bloggers David Collier eine Fülle antisemitischen und antiisraelischen Materials auf der Internetseite auf, zu deren Mitgliedern einst auch der Führer der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, zählte.

Colliers Untersuchung der Facebook-Gruppe scheint jedoch auch ein neues Licht auf die Ereignisse zu werfen, die sich vor fast acht Jahren in den internationalen Gewässern vor der Küste Gazas abspielten und einen schwerwiegenden diplomatischen Streit zwischen der Türkei und Israel sowie den Abbruch der Beziehungen durch Ankara provozierten.

Widersprüchliche Narrative

Soldaten eines israelischen Spezialkommandos gingen an Bord der Mavi Marmara, indem sie sich von Hubschraubern abseilten. Die IDF sagten später, ihre Soldaten seien mit Knüppeln, Messern und Metallstangen attackiert worden, als sie sich vom ersten Hubschrauber abseilten, dabei seien drei Soldaten gefangen genommen worden. Weiter gaben die IDF an, dass die Soldaten das Feuer eröffnet hätten, nachdem einer der Demonstranten sich die Waffe von einem der Soldaten des Spezialkommandos gegriffen hatte.

„Unglücklicherweise war diese Gruppe absolut auf Konfrontation aus,“ berichtete der damalige israelische Regierungssprecher Mark Regev kurz nach dem Konflikt der BBC.

„Es wurde mit scharfer Munition gegen unsere Truppe vorgegangen. Sie waren diejenigen, von denen die Gewalt ausging, das ist 100-prozentig klar“, erklärte er.

Die Aktivisten behaupteten jedoch, die israelischen Soldaten hätten das Feuer eröffnet, sobald sie das Deck betreten hatten.

Einer ihrer ersten Berichte kam von Berlin, die selbst allerdings nicht an Bord der Mavi Marmara war. In einer Darstellung aus Zypern, nur wenige Stunden nach der IDF-Aktion, sagte sie gegenüber der New York Times, dass die Spezialeinheit „um vier Uhr morgens das Feuer auf schlafende Zivilisten eröffnet“ habe.

Diesen Satz wiederholte sie den ganzen Tag über mehrfach auch gegenüber anderen internationalen Medienkanälen und trug damit dazu bei, ein weit verbreitetes Narrativ der israelischen Aggression zu prägen.

Intensive internationale Verurteilung der Gewalt folgte und einige Länder luden die jeweiligen amtierenden israelischen Botschafter vor.

Bei Demonstrationen in London warf Corbyn, der damals noch ein Parlamentsmitglied aus den hinteren Reihen war, Israel die Begehung eines „Kriegsverbrechens“ und einen „Akt der Piraterie“ vor und brandmarkte es als einen „Schurkenstaat“.

Berlins Facebook-Post, so argumentiert Collier, deutet darauf hin, dass „es keine Schüsse seitens der Soldaten gab, als diese sich aus den Helikoptern abseilten und auch so lange nicht, bis das unerwartete Ausmass des Widerstands erkennbar wurde und Soldaten ‚gefangengenommen‘ wurden“.

Der israelische Bericht, der 2011 an einen UN-Ausschuss gegeben wurde, der mit der Untersuchung des Vorfalls beauftragt war, war „korrekt“, so Collier weiter.

„Es ist schwer, Berlins Kommentar anders zu interpretieren“, bemerkt er. „[Sie] weiss eindeutig, dass es in Wirklichkeit nicht so gelaufen ist, wie sie berichteten“.

„Inakzeptabler“ Verlust von Menschenleben angesichts „gewalttätigem Widerstand“

Wenngleich der UN-Ausschuss den Verlust von Menschenleben auf der Mavi Marmara als „inakzeptabel“ kritisierte, kam er auch zu dem Schluss, dass die Sondereinheit mit einem „signifikanten, organisierten und gewalttätigen Widerstand“ konfrontiert war, der es erforderte, dass sie „zu ihrem eigenen Schutz Gewalt anwendeten“.

Der UN-Ausschuss, der aus den Lagern der Türkei – die Israel des „übermässigen, brutalen und vorsätzlichen Verhaltens beschuldigte – und Israels unterschiedliche Berichte erhielt, gelangte zu keiner Schlussfolgerung hinsichtlich des Zeitpunkts, an dem die Soldaten der Spezialeinheit das Feuer eröffneten.

Collier stiess in der Facebook-Gruppe jedoch auf weitere Posts von Berlin, die offenbar Israels Beschreibung über den Verlauf der Konfrontation unterstützen.

„Denkt ihr, es war schlau von ihm, diesen Irren an Bord der MM [Mavi Marmara] das Gewehr abzunehmen? Und dann auf Deck herumzulaufen und zu verkünden, dass er das Gewehr hat? Und es dann zu verstecken, damit die Israelis sagen könnten, sie hätten ein Gewehr an Bord gefunden? Was denkt ihr?“, schrieb sie in einem Thread.

In einem weiteren erhebt sie den Vorwurf, O‘Keefe, ein Kollege bei Palestine Live, sei „kein Held und seine Aktionen haben andere auf der Mavi Marmara in Gefahr gebracht.“ Ausserdem bezieht sie sich auf „Kens verrückte Idee, aufgebrachte und bewaffnete Soldaten anzugreifen“.

Berlin scheint ausserdem O‘Keefes Beweggründe infrage zu stellen, indem sie sagt „Er ist ein Provokateur [sic] erster Güte und man fragt sich nur warum.“ Weiter schrieb sie: „Wenn er sich schon das Gewehr gegriffen hatte und damit herumlief und es in die Höhe hielt, warum haben die irren israelischen Terroristen dann nicht ihn erschossen? Warum haben sie AUSSCHLIESSLICH Leute erschossen, die Kameras in den Händen hielten?“

Berlins Wut war angeheizt worden von einem in der Gruppe geposteten Interview aus dem Jahr 2010 mit O‘Keefe sowie einem YouTube-Video von 2014 mit ihm, das den Titel trug: „The ISIS (Israel State Intelligence Service) Genocidal Agenda“ (Die völkermörderische Agenda des ISIS (Israel State Intelligence Service).

Ihre Feindseligkeit gegenüber O‘Keefe, den sie als „eine Plage“ bezeichnet, scheint von früheren Erfahrungen herzurühren, als sie 2008 gemeinsam mit ihm auf einem Schiff nach Gaza unterwegs war. Bei dieser Gelegenheit sowie vier weiteren hatte Israel den Konvois gestattet, die Blockade zu durchbrechen und weiter nach Gaza zu fahren.

„Auf dieser ersten Fahrt zum Gazastreifen hat er uns jede Menge Probleme bereitet“, berichtet Berlin in einem Post und wirft O‘Keefe später vor, er habe „gelogen als er sagte, er sei im Besitz einer Kapitänslizenz“. Sie gibt ausserdem deutliche Hinweise darauf, dass er auf dieser Reise auf der Suche nach Streit mit den israelischen Streitkräften war, als sie über seine „ziemlich verrückte Idee, er hätte gerne ein ‚Selbstmordboot‘“ berichtet.

Greta Berlin. Foto Screenshot Youtube
Greta Berlin. Foto Screenshot Youtube

„Wir waren uns alle einig, dass Ken bei diesem Schiffs-Konvoi nicht mit dabei sein sollte“, sagt sie und bezieht sich damit auf den Konvoi vom Mai 2010, „aber irgendwie ist es ihm dennoch gelungen, an Bord zu kommen“.

Paranoia und Verschwörungstheorien

Sowohl O‘Keefe als auch Berlin sind seit vielen Jahren pro-palästinensische Aktivisten. O‘Keefe bezeichnete schon früher Israel als einen „rassistischen, völkermörderischen Apartheid-Staat“, der „vernichtet werden muss“ und behauptete, der Mossad sei an den Anschlägen vom 11. September 2001 „unmittelbar beteiligt“ gewesen. Regelmässig tritt er in Press TV, dem englisch-sprachigen Kanal des iranischen Staatsfernsehens, auf.

Berlins erster Ehemann war Palästinenser und sie engagierte sich erstmals direkt nach dem Krieg von 1967 für den anti-israelischen Aktivismus. Später hielt sie sich im Namen des International Solidarity Movement im Westjordanland auf und löste 2012 eine Kontroverse aus, als sie beschuldigt wurde, ein Video zu unterstützen, in dem behauptet wurde, dass Zionisten für den Holocaust verantwortlich wären. Daraufhin sagte sie, sie habe das „empörende“ Video nicht angesehen, bevor sie es postete. Berlin bezeichnete Israel als ein „illegales Gebilde“ und „ein auf Terrorismus gegründetes Land“.

Die Mavi Marmara wurde von der türkische Hilfsorganisation IHH betrieben, die 2008 in Israel verboten wurde. Das Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center beanstandete 2010, dass „die IHH neben ihren legitimen humanitären Aktivitäten radikale islamische Terrornetzwerke unterstützt. In den vergangenen Jahren hat sie insbesondere die Hamas unterstützt.“

Selbst nachdem die Türkei und Israel ihre diplomatischen Beziehungen 2016 in vollem Umfang wiederaufgenommen hatten, beharrte Präsident Recep Tayyip Erdogan wiederholt öffentlich darauf, dass es „unmöglich“ sei, dass die IDF-Soldaten in Notwehr gehandelt hätten „Wir verfügen über alle Dokumente und Beweise“, sagte Erdogan gegenüber Channel 2. „Bedauernswerterweise starben zehn unserer Brüder dort den Märtyrertod“, fügte er hinzu.

Eine Bitte um Stellungnahme blieb von Great Berlin unbeantwortet.

Auf Englisch zuerst erschienen bei The Times of Israel.

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