In Be’er Sheva ebnet eine wachsende Hightech-Community den Weg dafür, dass die südliche Stadt Israels nicht nur ein nationaler, sondern auch ein globaler Innovationsführer wird.

 

von Yona Schnitzer/TPS

2013 wurde das erste Gebäude des Gav-Yam Advanced Technologies Park in Be’er Sheva bezogen. Der Technologiepark wurde direkt angrenzend an den Universitätscampus und in Zusammenarbeit mit der Ben-Gurion-Universität des Negev (BGU) errichtet. Die Vision war die Schaffung eines lokalen Ökosystems für Start-ups und Hightech-Unternehmen bei gleichzeitiger Nutzung des gesamten intellektuellen Potenzials der BGU. In direkter Nachbarschaft des Parks befindet sich ausserdem der Ort, an dem der zukünftige Technologie-Campus der IDF entstehen soll und wo das Militär plant, seine verschiedenen Cyber- und Technologieeinheiten zusammenzuführen.

Fünf Jahre nach seiner Gründung beherbergt der Gav-Yam-Technologiepark beinahe 2.000 Mitarbeiter, die für 70 unterschiedliche Hightech-Unternehmen tätig sind, darunter lokale Aussenstellen multinationaler Konzerne wie z. B. Paypal, Dell EMC und die Deutsche Telekom. Im Januar 2015 nannte die Brandeis International Business School Be’er Sheva als eine von sieben Städten, die für signifikantes Wachstum in den Bereichen Technologie und Biowissenschaft aufgestellt sind.

Der Technologiepark wuchs weiter und konnte Anfang 2015 mit Tech7 einen neuen Akteur in seiner wachsenden Community begrüssen. Die von einer Gruppe junger BGU-Studenten und -Absolventen gegründete Organisation Tech7 ist ein Dachverband mit dem Ziel, unterschiedliche Start-ups und Unternehmer zusammenzubringen, Synergien zwischen ihnen zu schaffen und die Unterstützung lokaler Technologieinitiativen zu fördern. Tech7 plant, die technologisch-unternehmerische Gemeinschaft in Be’er Sheva zu vereinen und die im Süden gelegene Stadt zum führenden Technologie-Ökosystem Israels zu machen. Die Organisation richtet Veranstaltungen, Wettbewerbe und diverse andere Events aus, die darauf abzielen, die lokale Hightech-Community zu pflegen.

Kürzlich war Tech7 Gastgeber für eine Delegation internationaler Journalisten, denen man eine Reihe ambitionierter Projekte vorstellte, die von einigen der vielversprechendsten Start-up-Unternehmen der Community entwickelt wurden.

Das erste war HC Vision – ein Start-up-Unternehmen, das Methoden zur Maximierung des Potenzials von Smartphone-Kamera-Sensoren entwickelt. Unter dem Slogan „Die 50.000-Dollar-Kamera, die Sie schon besitzen“, ermöglicht die Technologie von HC Vision einer Standard‑Smartphone‑Kamera, die Spektralauflösung zu erhöhen und Informationen über einen breiten Wellenlängenbereich zu erfassen, ohne dass dafür eine Spezialausrüstung oder kontrollierte Beleuchtung erforderlich wären, und macht so verschiedene anspruchsvolle Anwendungen möglich wie etwa Gesichts- und Materialerkennung sowie Aufnahmen bei schwacher Beleuchtung.

„Unsere Technologie erhöht die Lichtempfindlichkeit um mehr als 100 %. Damit ermöglichen wir, dass echte Informationen über chemische Zusammensetzungen aus dem Bild gesammelt werden können, mit denen man viele interessante Dinge tun kann, z. B. Nahrungsanalyse und Objekterkennung“, erklärte HC Vision-Gründer Boaz Arad. Dabei demonstrierte er wie er das System zwischen dem Foto einer Person und dem Foto eines Bildes einer Person unterscheiden kann – eine Funktion, die sehr gefragt ist, insbesondere da viele Mobiltelefone mithilfe der Gesichtserkennung entsperrt werden, diese jedoch leicht ausgetrickst werden kann, indem anstelle der echten Person ein Foto des Besitzers verwendet wird. Dieses Szenario ereignete sich tatsächlich vor Kurzem bei dem mit Gesichtserkennung arbeitenden iPhone X von Apple, als Hacker diese Funktion schon zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Smartphones geknackt hatten. Die von HC verwendete Methode nutzt die Kamerasensoren, um zu erkennen, ob das vor der Kamera befindliche Objekt aus organischem Material oder anderen Stoffen – wie etwa Gummi oder Papier – besteht und ermöglicht dem Telefon auf diese Weise, zwischen einem echten Gesicht und einer Maske oder einem Foto zu unterscheiden.

Technologie zur Unterstützung der Betreuung älterer Menschen

Eine weitere Präsentation war die von Echo Care, einem Unternehmen, das ein Heim-Überwachungssystem zur Betreuung älterer Menschen entwickelt. Das System macht sich die von Elbit Systems entwickelte Radartechnologie zunutze, um zu erkennen, ob sich ein älterer Mensch in einer Not- oder Gefahrensituation befindet oder etwa gestürzt ist – ein häufiger Auslöser für zahlreiche medizinische Komplikationen bei älteren Menschen. Das System, das in jeder Wohnung und jeder Einrichtung für betreutes Wohnen installiert werden kann, verfolgt die Bewegungen der Person sowie ihre Atmung und andere Faktoren und stellt Querbezüge zwischen diesen unterschiedlichen Informationsteilen her, um zu bestimmen, ob sich die Person in einer tatsächlichen Notlage befindet. Zahlreiche der derzeit vorhandenen Produkte in dieser Kategorie sind dafür bekannt, dass sie vorschnell falschen Alarm auslösen. Laut Echo Care besteht der Unterschied zwischen seinem System und denen anderer Hersteller in der Fähigkeit, die Art und den Schweregrad eines Sturzes zu erkennen. Diese revolutionäre Anwendung bestehender Radartechnologie ist neben der Notfallversorgung auch für die Präventivpflege geeignet, da sie in der Lage ist, zu erkennen, ob eine Person stark atmet oder sich auf ungewöhnliche Weise bewegt. In einem solchen Fall wird der Betreiber alarmiert, dass die Person Gefahr läuft, zu stürzen.

Ein weiteres Produkt aus dem Bereich der Gesundheitsversorgung, das über revolutionäres Potenzial verfügt und derzeit im Hightechpark von Be’er Sheva entwickelt wird, ist das teilweise wiederverwendbare Koloskopie-Set von Consis Medical, welches die bei solchen Verfahren bislang verwendete Röhrenkamera abschafft und durch ein teilweise wiederverwendbares Pill-Cam-System (Kapsel-Kamera) ersetzt, das mithilfe eines aufblasbaren Ballons durch den Darm geschleust wird. Während das traditionelle Koloskopieverfahren einen langen Schlauch erfordert, der wiederverwendet wird und zwischen den einzelnen Verwendungen sorgfältig sterilisiert werden muss – eine Prozedur, die bei grossdimensionierten Medizinprodukten nicht nur schwierig, sondern auch sehr zeitaufwändig ist – wird bei dem System von Consis lediglich die kleine Kapsel-Kamera wiederverwendet und das Ballon-System, das die Funktion des Schlauchs übernimmt, wird entsorgt.

Die Wüste erblühen lassen

Es war der erste Premierminister Israels, David Ben Gurion – nach dem die BGU benannt wurde – der in der Negev-Wüste die Zukunft Israels sah und die Massen dazu aufrief, „die Wüste erblühen zu lassen“, bevor er sich im Süden im Kibbuz Sede Boker zur Ruhe setzte. „In der Negev-Wüste werden die Kreativität und der Pioniergeist Israels auf den Prüfstein gestellt werden“, prophezeite Ben Gurion.

2018 könnte es nicht offensichtlicher sein, dass er definitiv den richtigen Riecher hatte.

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