Junge Frau an der Gedenkfeier im KZ Dachau. Foto CC0 Creative Commons.
Junge Frau an der Gedenkfeier im KZ Dachau. Foto CC0 Creative Commons.

Ein Jahr lang, so ist in einer Pressemitteilung des Bundesrates zu lesen, hat die Schweiz den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) geführt. Während dieser Zeit habe die IHRA erstmals eine umfassende Strategie beschlossen und die Prioritäten ihrer Arbeit der kommenden Jahre festgelegt. Weiter heisst es, die Schweiz habe während ihres Vorsitzjahres verschiedene Projekte in den Bereichen Bildung, Jugend und Social Media unterstützt. Die IHRA habe zum Ziel, die Forschung und Bildung in Bezug auf den Holocaust zu fördern sowie die Erinnerung an die Opfer durch Gedenkfeiern und -stätten wachzuhalten.

 

Ein Kommentar von Miriam Moschytz 

Den Anstoss zur Gründung der IHRA – die sich gegen das Vergessen und für die Aufklärung, die Forschung und das Erinnern in Bezug auf den Holocaust einsetzen soll – gab im Jahr 1998 ein schwedisches Forschungsprojekt in den 1990er Jahren, in dessen Rahmen schwedische Jugendliche zum Holocaust befragt wurden. Das Resultat – das zeigte, dass eine erschreckend grosse Zahl der Befragten nicht sicher war, ob der Holocaust wirklich stattgefunden hat – hat den damaligen schwedischen Ministerpräsidenten Göran Persson nach seinem Besuch in der Gedenkstätte des früheren KZ Neuengamme zur Gründung der IHRA bewogen. Später stellte sich heraus, dass das Resultat der Umfrage fehlerhaft war.

Doch fehlerhaft oder nicht – die Wahrscheinlichkeit, dass Zweifel über die Shoa mit der immer grösser werdenden Distanz zum Geschehen zunehmen, ist nicht gering. Gerade die unvorstellbar grosse Zahl der Ermordeten und die akribisch durchdachte Organisation der Ermordungsmaschinerie, die von der vermeintlich zivilisiertesten Bevölkerung überhaupt mit einer unbeschreiblichen Unmenschlichkeit ausgeführt wurde, werden trotz der umfangreichen Dokumentation dieses Menschheitsverbrechens die Zweifel wahrscheinlich wachsen lassen.

Dass die Dimension dieses Verbrechens ganz spezielle Mechanismen in der menschlichen Psyche hervorruft – nicht nur in der des Individuums, sondern auch in jener von Zivilisationsgruppen –, macht diese Zweifel noch vorhersehbarer. Als Beispiel eines solchen Effekts sei hier nur eine Forschung über Enkelkinder von deutschen Nationalsozialisten erwähnt, die aufzeigte, dass Enkelkinder, deren Grossväter von ihren Morden an Juden erzählten, in ihren Erzählungen diese Grossväter in Widerstandskämpfer und Beschützer von jüdischen Opfern verwandelten.

Dazu schreibt der deutsche Soziologe Harald Welzer:

„In den Gesprächen finden sich zwei Beispiele, in denen die Zeitzeugen im Familiengespräch von Morden erzählen, die sie begangen haben, und es finden sich Berichte von Erschiessungen, aber all das hinterlässt in den Einzelinterviews mit den Kindern und Enkeln keinerlei Spuren – es ist, als hätten sie diese Erzählungen gar nicht gehört.“ (Aus: „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall)

Eine andere Art der psychologischen Folge des Holocaust ist die durch Antisemitismus motivierte Holocaustverleugnung. Nach der dem israelischen Psychoanalytiker Zvi Rix zugeschriebenen Grundwahrheit, dass „die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden“, wird der Holocaust von Antizionisten und anderen Antisemiten mit den abwegigsten Argumenten – sogar im Angesicht belegbarer Beweise wie Film- und Fotomaterial und den Millionen von den Nazis selbst hergestellten Dokumenten – verleugnet bzw. relativiert.

In der Schweiz gibt es kein Holocaust-Museum und kein Holocaust-Zentrum

Angesichts dieser Sachlage fragt man sich, warum die Schweiz ihren IHRA-Vorsitz im Jahr 2017 nicht dazu nutzte, um anzukündigen, dass 72 Jahre nach der Befreiung der Hölle namens Auschwitz, der Bau eines konkreten, fassbaren und unübersehbaren Holocaust-Zentrums in der Schweiz lanciert werden wird. Eine Institution, die nur der Holocaust-Dokumentation, -erziehung und -forschung sowie der Ermahnung für zukünftige Generationen gewidmet sein wird und schon durch ihre physische Präsenz nie, auch nicht in 100 Jahren, zulassen wird, dass der Holocaust in Vergessenheit gerät.

Die Frage, warum ein solches Zentrum oder Museum in der Schweiz noch nicht besteht, hätte eigentlich schon längst gestellt werden müssen. Wenden wir unseren Blick auf andere Länder der Welt, dann müssen wir feststellen, dass wir in der Schweiz eine Ausnahme – und zwar eine beschämende – bilden. Denn nicht nur in Ländern, in denen die Nazi-Schergen und ihre Helfer ihr Unheil anrichteten, erinnern solche Zentren und Museen mahnend und mit einer gewissen Selbstreflexion an dieses schwarze Kapitel der Geschichte. Holocaust-Museen und -zentren finden sich in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Griechenland, Bulgarien und vielen weiteren Ländern. In manchen davon gibt es sogar mehrere solcher Institutionen.

Sollten sich die Schweizer Behörden hinter der Behauptung verstecken, der Holocaust habe mit der Schweiz nichts zu tun, dann müsste man ihnen zuerst den 360-seitigen Bergier-Bericht der „Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg“ nicht ganz freundlich und nicht zu sanft auf das Arbeitspult legen. In einem zweiten Schritt müsste man sie auf das vermeintliche Kuriosum aufmerksam machen, dass es auch in Australien, China, Japan, den Vereinigten Staaten und Grossbritanien sowie in Südamerika und Südafrika solche Zentren und Museen gibt. In Staaten also, die auf ihrem Boden nicht gerade deutsche Vernichtungslager beherbergten.

Genug der Polemik

Es wäre schön gewesen, wenn die Schweiz während ihres IHRA- Vorsitzjahrs durch ihre organisierten Veranstaltungen und „unterstützen Projekte in den Bereichen Bildung, Jugend und Social Media“ auch etwas gelernt hätte. Beispielsweise über die Tücken der Erinnerung, hier in den Worten des Shoa-Überlebenden Aharon Appelfeld:

„Erinnerung ist schwer fassbar und selektiv: es wählt aus, woran es festhält. […] Wie ein Traum holt die Erinnerung bestimmte Details aus dem zähflüssigen Fluss von Ereignissen – manchmal winzige, scheinbar unwichtige Details – speichert sie weit weg und holt sie bisweilen wieder an die Oberfläche. Wie auch ein Traum versucht die Erinnerung, Ereignisse mit Bedeutung zu durchtränken. […] Erinnerung und Fantasie verweilen manchmal beieinander.“ (Aus: The Story of a Life von Aharon Appelfeld)

Es gibt einen Grund dafür, dass all die oben genannten Staaten, nah und fern der Schauplätze der Shoa, in teils mehr und teils weniger hochentwickelte, anspruchsvolle, durchdachte und innovative Holocaust-Zentren viel Geld und Arbeitskräfte investiert haben. Zentren, die man besuchen kann, die nicht wegzudenken oder wegzuleugnen sind und die nicht nur an den Holocaust erinnern, sondern ihre Bürger über die Folgen von Antisemitismus und anderen menschenverachtenden Ideologien aufklären, die eine Menschengruppe für lebenswert und alle anderen für lebensunwert erklären. Alle anderen, nicht gut sichtbar präsentierten Informationsquellen lassen sich allzu leicht ignorieren. Ob man sie wahrnimmt, hängt davon ab, dass man sich ihrer Existenz bewusst ist und dann aktiv nach ihnen sucht.

Ein grosses, imposantes Gebäude dagegen kann nicht übersehen werden, auch nicht in der Zukunft. Ein Gebäude mit Museum und pädagogischem Zentrum, dessen Personal auch Schulklassen einlädt oder zu ihnen in die Schulen geht, eine beachtenswerte Bibliothek mit Nachschlagwerken, ein Computerraum, wo man sich eine Auswahl der unzähligen Zeugnisse des Holocaust anhören und anschauen kann. Ein Ort mit Fachexperten, vernetzt mit den grössten Holocaustzentren der Welt, und mit Vortragsräumen für besondere Veranstaltungen zum Thema.

Eine solche Zentralstelle könnte zu einem dynamischen Raum werden, in dem auch in der Zukunft junge Leute, deren Grosseltern und Urgrosseltern zur Zeit der Shoa noch nicht lebten, ihre Zweifel überprüfen können und wo Studenten ihre Master- und Doktorarbeiten über verschiedene Themen des Holocaust schreiben könnten.

Nach dem IHRA-Vorsitzjahr der Schweiz, gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um das zu ändern.

Der Bergier-Bericht war ein „Ausdruck des in der Schweiz vorhandenen Willens, sich mit der Geschichte des Landes zur Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen“. Ein hochentwickeltes Holocaust-Zentrum in der Schweiz wäre nicht nur der Ausdruck einer natürlichen Weiterführung dieses scheinbaren Willens einerseits und eine Konsequenz aus den nicht sehr schmeichelhaften Befunden dieses Berichtes andererseits. Es wäre auch ein Resultat aus der Erkenntnis, dass der Holocaust nicht nur die Geschichte der Nazis und ihrer Opfer ist und die zukünftigen Generationen dieses schreckliche Ereignis auf keinen Fall ignorieren dürfen.

Der Holocaust schuf eine Zäsur zwischen dem Zuvor und dem Danach. Die Post-Holocaust-Welt ist eine andere als jene zuvor, und wie die Forschung mehrfach gezeigt hat, tradiert sich der Einschlag dieser Katastrophe von Generation zu Generation. Doch gerade diese Tradierung produziert Verdrängungsmechanismen, die, wenn man sie nicht auffängt, gefährliche Auswüchse produzieren und uns ganz sicher nicht in eine bessere Zukunft führen werden.

Vielleicht ist das ja auch ein Grund für das bisherige Wegblicken der Schweiz bei dieser Frage. Aber jetzt, nach dem IHRA-Vorsitzjahr der Schweiz, gibt es keinen besseren Zeitpunkt, um das zu ändern. Denn je länger wir warten, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit der Einsicht, dass es gerade ein solches Holocaust-Zentrum in der Schweiz braucht.

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