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Sharon Shalom – Äthiopische Kultur und jüdischer Glaube

Foto Screenshot Youtube

Sharon Shalom kam 1982 als 8-jähriger Junge mit der Operation Bat Galim von Äthiopien nach Israel. Er schloss an der Bar Ilan Universität sein Philosophiestudium ab und erhielt an der Talmudhochschule „Yeshivat Har Etzion  seine Rabbinerauszeichnung.

 

Heute ist er amtierender Rabbiner in Kirjat Gat. Zusätzlich gibt er Vorlesungen in Philosophie an der Universität in Tel Aviv und an der Bar Ilan Universität. Rabbiner Shalom wohnt mit seiner Frau und seinen 5 Kindern in Kirjat Gat. In seinem Buch „From Sinai to Ethiopia“ versucht Rabbiner Shalom das Leben jüdischer Äthiopier zu beschreiben und es gleichzeitig mit den Vorschriften des jüdischen Gesetzes zu verbinden.

Esther Leuchter unterhielt sich für Audiatur-Online mit Rabbiner Shalom. 

Audiatur-Online: Wie lebten die Juden in Äthiopien?

Sharon Shalom: Wir waren die letzten 2000 Jahre eine hermetisch abgeschlossene Gemeinde, in die nichts hinein kam und von der nichts hinaus ging. Deshalb hat sich in unserer Tradition in den letzten zwei Jahrtausenden nichts verändert. Unsere Vorfahren lebten uns ihre Werte vor und wir geben sie von Generation zu Generation weiter. Vorbild sein ist unsere wichtigste erzieherische Funktion. Unsere Weisen sagten: Das Vorbild ist wichtiger als das Lernen. 

Worin unterscheidet sich die äthiopische Kultur von der israelischen?

Nach wie vor gibt es die Ansicht, es gäbe primitive und fortgeschrittene Kulturen. Eine solche Art von beurteilende Verallgemeinerung geschieht meistens zu Ungunsten einer bestimmten Menschengruppe – denn Sichtweisen sind subjektiv.

Zum Beispiel möchte jemand, der Sandstrände liebt, von möglichst viel Sand umgeben sein. Findet er jedoch hinterher Sandspuren in seiner Wohnung, betrachtet er diese als Schmutz. So wird der Sand einmal als wohltuend und einmal als schmutzig empfunden.

Meiner Ansicht nach gibt es weder eine höhere noch eine niederere Kultur. Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung und des eigenen Lebensraumes, eine fremde Kultur als fortschrittlich oder als zurück geblieben zu betrachten.

Je nach den Umständen, in welchen ein Mensch lebt, und was er dazu braucht oder welches seine Ziele im Leben sind, gestaltet sich dementsprechend seine Kultur.

Äthiopien hat demgemäss ihre Kultur, Israel hat eine andere und Amerika wieder eine andere.

Wenn Äthiopier nach Israel kommen und ihnen gesagt wird, dass ihre Kultur eine zurück Gebliebene ist, dann stimmt das so nicht. Wir können viel von den Israelis lernen, aber sie können auch von uns lernen.

Wie praktizieren Sie Ihren jüdischen Glauben?

Wir möchten G’tt in Demut begegnen. Zwischen Ihm und uns soll es ein Gefälle und eine Distanz geben. Das ist unsere Auffassung von demütig sein. So verhalten wir uns auch Menschen gegenüber. Wir betrachten Demut als ein Naturgesetz.

Israelis suchen eher die Nähe zu G’tt, sie ehren Ihn, wollen Ihm aber auch nahe sein. So verhalten sie sich auch den Menschen gegenüber.

Welchen Stellenwert hat die Tora ( 5 Bücher Moses) bei den Äthiopiern?

Für uns hat das Lernen nicht einen bestimmten Wert, sondern Tora lernen ist eine Notwendigkeit. Die Tora ist unser Zentrum, unsere Mitte. Wir lernen Tora, um bessere Menschen zu sein. Ob wir die Texte auf Anhieb verstehen oder nicht, spielt uns keine Rolle, weil wir uns am folgenden Tag wieder in den Text vertiefen, solange bis wir ihn verstanden haben.

„Tora lernen ist eine Notwendigkeit.“

Bei manchen Menschen, stellt das Tora lernen einen Eigenwert dar. Sie lernen den ganzen Tag, unabhängig davon, ob sie z.B. zu Hause gebraucht werden oder nicht.

Wenn meine Familie mich braucht, bin ich zu Hause, hinterher kann ich immer noch einige Stunden lernen, aber zuerst kümmere ich mich um meine Frau und um meine Kinder. Unser Wert ist das Menschsein und das menschlich sein.

Wie halten sie es mit der mündlichen und der schriftlichen Überlieferung?

(Anmerkung der Autorin: Juden in Israel und in der gesamten westlichen Welt halten sich an die schriftliche und die mündliche Überlieferung, und sehen in der mündlichen Schrift die von G’tt gegebenen Gesetze detailgetreu diskutiert, analysiert und veranschaulicht dargestellt.)

Wir halten uns nur an die schriftliche Überlieferung.

Das heisst, wenn am Schabbat jemand krank wird, dann gilt laut mündlicher Überlieferung das Gesetz, dass der Schabbat entweiht werden darf, sogar muss, um ein Menschenleben zu retten, auf Hebräisch „ Pikuach Nefesch“ genannt. Wir tun das nicht, weil G’tt uns befohlen hat (laut schriftlicher Überlieferung), den Schabbat nicht zu entweihen. Die mündliche und die schriftliche Überlieferung unterscheiden sich deutlich voneinander. So prallen hier in Israel erstmals in der Geschichte zwei verschieden Kulturen innerhalb des Judentums aufeinander.

Feiern Äthiopier bei den Jungen Bar Mitzwah mit 13 und den Mädchen die Bat Mitzwah mit 12 Jahren?

Nein, bei uns gibt es keine Bar und Bat Mitzwah.

Im ersten Buch Samuel ( Samuel 1:2-2:21) wird von Chana und ihrem Sohn Shmuel (Samuel) erzählt. Sie führte ihren Sohn erst dann im Tempeldienst ein, bis er soweit war in ein Amt eingesetzt zu werden, und so warten auch wir bei unseren Kindern den Zeitpunkt ab, bis sie reif für eine Aufgabe sind. Das kann im Alter von 7 oder von 10 Jahren sein, je nach Kind. Es gibt eine Diskussion im Talmud zwischen Hillel und Schamai (2 grosse Gelehrte). Hillel bestimmt die Reife mit 13, Schamai mit 7. Es wurde schliesslich nach Hillels Auffassung entschieden.

Wie bringen Sie die Beziehung zwischen Mensch und G’tt mit der zwischenmenschlichen Beziehungen in Einklang?

Es gibt einen Abschnitt im alten Testament im 1. Buch Moses, in welchem Jakob über seine Arbeit bei seinem Onkel Laban, einem Betrüger, spricht. Er sagt: „Ich habe bei ihm gewohnt, aber ich habe nicht von ihm gelernt. Von seinen schlechten Taten habe ich nichts angenommen.“

Das scheint zweimal dieselbe Aussage zu sein. Weshalb steht das so geschrieben?

Ich glaube, weil sich, theoretisch gesehen, ein Mensch an die Gebote halten kann, jedoch seinen Mitmenschen gegenüber ein asoziales oder gar unmenschlich Verhalten zeigen kann. Jakob meinte mit seiner Äusserung, dass er sich sowohl an die Gesetze hielt, als auch die menschlichen Werte lebte.

Bei den Äthiopiern gibt es da keine Trennung. Die Beziehung zu G’tt widerspiegelt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen und umgekehrt. Die Erziehung zum einen ist immer auch die Erziehung zum anderen.

Mein Rabbiner und Lehrer in der Talmudschule hat uns gelehrt: Zuerst Menschlichkeit ausüben, erst dann gesetzestreue Frömmigkeit – nicht umgekehrt. Diese beiden Lebensweisen sind untrennbar miteinander verknüpft.

Sie sagten einmal „eine Gesellschaft, die moralisierende Gesetze braucht, hat keine natürlichen Gesetze“, was meinen Sie damit?

Im Jahre 1992 entstand in Israel ein Grundgesetz der „Menschenwürde und Freiheit“. Das Gesetzt spricht sich für die Freiheit des Menschen und seine Würde aus.

Warum entsteht solch ein Gesetz erst in den 90er Jahren?

Meiner Meinung nach kommt es daher, da die Menschen naturbezogenen Gesetzen zu wenig Beachtung schenken. Folglich müssen sie auf moralischer Ebene eingeführt werden.

Viele Gelehrte haben zahlreiche Bücher geschrieben und einige davon beinhalten Verhaltensvorschriften. Wir Äthiopier besitzen nicht viele Bücher.

Wenn man ehrlich, freundlich, zuvorkommend und anständig ist, dann braucht man nicht viele Bücher über richtiges Verhalten.

Äthiopier brauchen also solche Gesetze nicht?

Genau das will ich damit sagen. Ich behaupte nicht, dass viele Bücher zu haben etwas Überflüssiges sei, das meine ich keineswegs. Derjenige, der sie hat, benötigt sie, um sein Leben mit seinen Werten zu leben. Aber ich brauche keine Gesetze, um mich anständig zu verhalten.

Äthiopier werden oftmals als ruhig und ausgeglichen bezeichnet, Menschen, die sich und anderen Zeit lassen. Setzen Sie niemals Druck auf?

Das Aufsetzen von Druck ist gegen die Natur des Menschen. Aber letztendlich ist auch das Ansichtssache.

Das zeigt sich auch am Beispiel der „Geula (Erlösung).“ In der Gemara (mündliche Überlieferung) werden zwei unterschiedliche Überzeugungen diskutiert. Zum einen existiert die Meinung, dass es an uns Menschen liegt Maschiach (Messias) den Weg zu bereiten, indem wir ein anständiges Leben führen. Ein solches würde das Erscheinen von Maschiach beschleunigen.

Demgegenüber besteht die Aussage, dass Maschiach zu seiner Zeit kommen wird und dass wir Menschen keinen Einfluss auf den Zeitpunkt nehmen können.

Die Frage stellt sich auch in der Schulung der Kinder. Soll das Kind möglichst früh lesen und schreiben lernen oder lohnt es sich zu warten, bis das Kind Bereitschaft zeigt, es zu lernen.

Wird ein Kind um seinen Lernprozess zu beschleunigen unter Druck gesetzt, wirkt sich das auf seine gesamte Persönlichkeit aus. Diese Auswirkungen werden oftmals erst im Erwachsenenalter sichtbar. Darum macht es in diesem Fall wenig Sinn, gegen die Natur zu arbeiten.

In welchem Fall macht es Sinn gegen die Natur zu arbeiten?

Es geht eher darum, sich über die Natur zu stellen. Damit sind die von G’tt gegebenen Gesetze gemeint, wie z.B. die Kosher-Gesetze wie das Trennen von Milch-und Fleischgerichten.

Letztendlich geht es um die philosophisch-theologisch-erzieherische Frage, wann wir uns naturgemäss verhalten, und wann wir uns über die Natur stellen und entsprechend handeln sollen.

Wie wurde Ihr Jüdischsein hier akzeptiert?

Da wir die Gesetze auf andere Weise ausüben als die Juden hierzulande, mussten wir zur Sicherheit einen Übertritt zum Judentum machen. Es hat uns sehr getroffen, dass unser Jüdischsein in Frage gestellt wurde.

Hätten wir den Übertritt nicht gemacht, wären die negativen Auswirkungen in den nächsten Generationen in Erscheinung getreten.

In Äthiopien wird eine Hochzeit auch mit einem jüdischen Ehevertrag (Ketuba) geschlossen.

Doch bei einer Scheidung gibt es keinen Get (jüdisches Scheidungspapier), stattdessen wird die Ketuba zerrissen. Damit ist die Scheidung rechtsgültig. Als wir hierher kamen, war eine für uns geschiedene Frau laut hiesigen Rabbinern nicht geschieden. Bei einer Wiederverheiratung wären die Folgen für die Kinder in zweiter Ehe verheerend.

Deshalb machten wir alle einen Übertritt. Das gab uns aber das Gefühl, keine richtigen Juden zu sein, obwohl wir 2000 Jahre lang die uns bekannten Gesetze gehalten hatten.

Unsere Identität wurde angegriffen, was sich vor allem in der darauf folgenden Generation zeigte. Die Jungen hatten kein Selbstvertrauen mehr, weil ihre Eltern sich orientierungslos fühlten.

Hatte man Sie für Nichtjuden erklärt?

Nein, so weit ging man nicht. 1993 hat uns Rabbiner Ovadia Josef, einer der beiden Oberrabbiner von Israel , als Juden erklärt und die Gesellschaft aufgefordert, uns als diese zu akzeptieren.

Worüber haben Sie in Ihrem Buch geschrieben?

Ich habe versucht, die beiden Welten, die beiden Kulturen zu verbinden.

Etwas speziell Äthiopisches?

In unserer Sprache gibt es kein Wort für „nein“.

Vielen Dank für das Gespräch.