Das palästinensische Flüchtlingslager Yarmouk in Syrien wird seit mehr als 1.660 Tagen von der syrischen Armee belagert. Foto Screenshot Youtube
Das palästinensische Flüchtlingslager Yarmouk in Syrien wird seit mehr als 1.660 Tagen von der syrischen Armee belagert. Foto Screenshot Youtube

Ein palästinensisches Flüchtlingslager befindet sich seit über 1.660 Tagen im Belagerungszustand. Hunderte Lagerbewohner wurden getötet, Zehntausende waren gezwungen, aus ihren Häusern zu fliehen. Diejenigen, die im Lager blieben – in erster Linie alte Menschen, Frauen und Kinder – leben unter unbeschreiblichen Hygienebedingungen und sind gezwungen, verunreinigtes Wasser zu trinken.

 

von Khaled Abu Toameh

Über 200 Palästinenser aus dem Lager, das seit 2013 belagert wird, starben aufgrund von Nahrungsmangel oder fehlender medizinischer Versorgung. Die Bedingungen im Flüchtlingslager sind in jeder Hinsicht grauenvoll.

Warum haben die meisten von uns nie etwas von den haarsträubenden „Lebens“-Bedingungen gehört, die in diesem Lager herrschen? Weil es nicht im Westjordanland oder dem Gazastreifen liegt.

Das Lager heisst Jarmuk und es befindet sich rund fünf Meilen entfernt von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Mehr als 100.000 Palästinenser lebten 2011, vor Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien, in dem 2,11 Quadratkilometer grossen Lager Jarmuk. Ende 2014 war die Zahl der Bewohner des Flüchtlingslagers auf 13.000 gesunken.

Seit 2012 war das Lager Schauplatz intensiver Kämpfe zwischen diversen Parteien: der syrischen Oppositionskräfte, der syrischen Armee und ihren Verbündeten im Generalkommando der Volksfront für die Befreiung Palästinas (Popular Front for the Liberation of Palestine – General Command, PFLP-GC), einer palästinensischen Terrororganisation unter Führung von Ahmed Gibril und dem Islamischen Staat (IS).

2015 gelang es dem IS, trotz der Belagerung durch die syrische Armee und die palästinensische Terrororganisation PFLP-GC, die Kontrolle über grosse Teile des Lagers von Jarmuk zu übernehmen.

Das Leben der palästinensischen Bewohner des Flüchtlingslagers wurde zur reinen Hölle.

Das heisst jedoch nicht, dass die Zustände im Lager vorher gut gewesen wären. Zeitweise bombardierten die syrische Armee und das PFLP-GC Häuser und Schulen mit schwerer Artillerie. Dabei wurden unzählige Bewohner, darunter Frauen und Kinder, getötet.

Die syrische Armee und ihr Erfüllungsgehilfe, die palästinensische Terrororganisation, umgeben das Lager von allen Seiten und verhindern so, dass Nahrungsmittel und Medikamente hinein gelangen können. Innerhalb der Lagergrenzen begeht der IS nahezu täglich Gräueltaten an den Bewohnern.

So schleppten zum Beispiel letzte Woche IS-Terroristen zwei palästinensische Männer auf einen öffentlichen Platz und exekutierten sie vor den Augen der fassungslosen Einwohner. Die beiden Männer wurden identifiziert als Ramez Abdullah und Bashar Said. Abdullah wurde in den Kopf geschossen, während man Said in gewohnter IS-Manier die Kehle aufschlitzte.

Ein „Gericht“ des IS hatte die beiden Männer der Spionage für das PFLP-GC und Aknaf Beit Al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“), eine palästinensische Rebellengruppe, die innerhalb des Lagers von Jarmuk gegen den IS kämpft, für schuldig befunden.

Derartige öffentliche Hinrichtungen sind in den Strassen Jarmuks bei weitem nichts Ungewöhnliches.

Im Februar 2107 exekutierte der IS den Lagerbewohner Mohammed Attiyeh. Einen Monat später wurden weitere vier Palästinenser von der Terrororganisation hingerichtet. Im Juli des gleichen Jahres exekutierte der IS den palästinensischen Jugendlichen Mohammed Elayan, nachdem man ihn verurteilt hatte, weil er verletzten Kämpfern einer Anti-IS-Gruppierung geholfen hatte.

Vor wenigen Tagen verhafteten IS-Terroristen eine Frau, weil sie sich an einem Kontrollpunkt geweigert hatte, sich einer Leibesvisitation zu unterziehen. Lagerbewohner sagen, sie fürchten nun um das Leben der Frau, deren Identität nicht näher bezeichnet wurde. Ihr Schicksal wird vermutlich nicht besser sein als das der unzähligen Lagerbewohner, deren Verbleib nach ihrer Verhaftung durch den IS bis heute ungeklärt ist.

Als ob dies nicht genug wäre, berichten Quellen innerhalb des Lagers, dass die IS-Terroristen auch Lebensmittel aus Läden und Privathäusern beschlagnahmen.

Nach Auskunft der Aktionsgruppe für Palästinenser in Syrien hält der IS darüber hinaus auch weiterhin Kranke davon ab, das Lager zur medizinischen Versorgung zu verlassen.

„Die humanitäre Krise im Flüchtlingslager Jarmuk hat einen neuen Höhepunkt erreicht“, berichtete die Organisation. „Der Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten hat dazu geführt, dass verschiedene Erkrankungen unter den Lagerbewohnern ausgebrochen sind.“

Die Not des Lagers von Jarmuk ist ein Mikrokosmos der Tragödie, die seit Beginn des Bürgerkriegs über die in Syrien lebenden Palästinenser hereingebrochen ist.

Von der Aktionsgruppe für Palästinenser in Syrien veröffentlichte Zahlen belegen, dass seit 2011 3.645 Palästinenser getötet wurden. Unter den Opfern befinden sich 463 Frauen. Weitere 1.656 Palästinenser werden in unterschiedlichen Gefängnissen der syrischen Regierung gefangen gehalten. Unter ihnen befinden sich 105 Frauen.

Im Lager Jarmuk starben 204 Palästinenser als Folge fehlender Nahrung und Medikamente. Seit mehr als 1.237 Tagen gibt es kein fliessendes Wasser mehr im Lager Jarmuk. Auch in einem weiteren palästinensischen Flüchtlingslager, Dera‘ah, gibt es seit 1.398 Tagen keine Wasserversorgung mehr.

Insgesamt flohen seit Beginn des Bürgerkriegs mehr als 85.000 Palästinenser aus Syrien nach Europa. Weitere 30.000 fanden Zuflucht im Libanon, während 17.000 Palästinenser nach Jordanien, 6.000 nach Ägypten und 8.000 in die Türkei auswanderten.

Nach einem weiteren Bericht wurden auch im Januar 2018 wieder 11 Palästinenser in Syrien getötet. Zehn von ihnen wurden bei einem Gefecht zwischen den Konfliktparteien erschossen, ein weiterer starb an den Folgen der Folter in einem syrischen Gefängnis.

Warum ist es überhaupt nötig, die Welt an das Leid der Palästinenser in Syrien zu erinnern? Weil die Gräueltaten, die an den in Syrien oder anderen arabischen Staaten lebenden Palästinensern begangen werden, der internationalen Gemeinschaft und den pro-palästinensischen Organisationen rund um den Globus offensichtlich gleichgültig sind, da sie nicht von Israel verübt werden.

Auch die Apathie der Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah, deren Vertreter ‚wichtigere Dinge‘ im Kopf haben, ist nach wie vor schwer zu verstehen.

Während sein Volk getötet wird, verhungert, man es vertreibt und ihm medizinische Versorgung in Syrien verwehrt, scheint der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, eher darüber besorgt zu sein, dass US-Präsident Donald Trump vor Kurzem Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte.

„Wenn es um das Leiden der Palästinenser in Syrien geht, schweigt Ramallah.“

Die kleinen Scharmützel mit der US-Regierung haben sich mittlerweile zu einem täglich praktizierten Nationalsport Abbas‘ und seiner führenden Regierungsvertreter in Ramallah entwickelt. Es vergeht kaum ein Tag ohne eine Stellungnahme der Palästinensischen Autonomiebehörde, in der die Palästinenser-Politik Trumps und seiner Regierung aufs Schärfste verurteilt wird. Wenn es jedoch um das Leiden der Palästinenser in Syrien geht, schweigt Ramallah.

Palästinenserführer, die regelmässig Zusammenkünfte in Ramallah abhalten, ignorieren schlichtweg die Gräueltaten, die ihr Volk in den arabischen Ländern, insbesondere in Syrien, erleiden muss. Stattdessen verbringen diese Führer den Grossteil ihrer Zeit damit, Stellungnahmen zu veröffentlichen, in denen sie den israelischen Siedlungsbau und die Trump-Regierung verurteilen – als ob die Palästinenser nicht zu Tausenden in einem arabischen Land getötet würden.

Der 82-jährige Abbas hat inzwischen deutlich gemacht, wo seine Prioritäten liegen. Anstatt nach Möglichkeiten zu suchen, seinem Volk in Syrien und dem Gazastreifen zu helfen, wo sich Krankenhäuser einer tödlichen Kraftstoff- und Medikamentenknappheit gegenüber sehen, gab er 50 Millionen USD für den Kauf eines „Präsidenten-Flugzeugs“ aus.

Das Geld, welches Abbas für das neue Flugzeug ausgab, hätte Tausenden von Palästinensern in Syrien und dem Gazastreifen das Leben retten können.

Das hat Abbas jedoch herzlich wenig interessiert. Seiner Ansicht nach sind die Bedürfnisse seines Volkes etwas, das in der Verantwortung der Welt liegt.

Er will, dass jeder – ausser ihm selbst – auch weiterhin finanzielle Hilfen an die Palästinenser leistet. Eine Rede vorm EU-Parlament oder der UN-Generalversammlung zu halten hat für ihn jederzeit Vorrang vor den Palästinensern, die aus Mangel an Medikamenten und Lebensmitteln sterben. Mit Anführern wie diesem brauchen die Palästinenser keine Feinde.

Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter arabisch-israelischer Journalist und TV-Produzent. Auf Englisch zuerst erschienen bei Gatestone Institute.

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