Die 92-jährige Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (Mitte) hielt die Gedenkrede im deutschen Bundestag. Foto Bundesregierung/Denzel
Die 92-jährige Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch (Mitte) hielt die Gedenkrede im deutschen Bundestag. Foto Bundesregierung/Denzel

Es hat lange gebraucht. Ein halbes Jahrhundert. Erst seit 1996 gedenkt der Deutsche Bundestag jährlich am 27. Januar der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945 durch Truppen der Roten Armee.

 

von Sylke Kirschnick

Erinnern und Gedenken

Hochbetagt waren und sind die aus diesem Anlass zu einer Rede in den Bundestag eingeladenen jüdischen Zeitzeugen, die das Morden überlebt hatten. Unter ihnen waren Lenka Reinerova, Inge Deutschkron, Ruth Klüger, Marcel Reich-Ranicki und in diesem Jahr Anita Lasker-Wallfisch. Sie alle haben beeindruckende Bücher über ihr Erleben der nationalsozialistischen Diktatur, der Shoa und der Nachkriegszeit geschrieben. Man kann und soll sie lesen, wenn man wissen möchte. Denn einige der in den Bundestag eingeladenen Zeitzeugen sind inzwischen schon nicht mehr am Leben. Lange wird man diese Art des Gedenkens nicht mehr veranstalten können. „Als meine Schwester Renate und ich 1946 endlich  – elf Monate nach der Befreiung – in England ankamen, hätten wir viel darum gegeben, gefragt zu werden, was wir alles durchgemacht haben. Aber niemand fragte.“, schrieb Anita Lasker-Wallfisch, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hatte, in ihren Erinnerungen Mitte der 1990er Jahre.

Schuld- und Schamgefühle

Viele nichtjüdische Deutsche waren in den ersten Jahrzehnten nach 1945 wahrscheinlich in erster Linie und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die außerordentliche Chance wahrzunehmen, die Zeit des Nationalsozialismus aus lebendiger jüdischer Perspektive zu erfahren. Hannah Arendts Bericht über ihren Besuch in Deutschland im Jahr 1949 mit ihrem Erleben der Empathielosigkeit, des Selbstmitleids und des schlechten Gewissens legt dies nahe. Arendt war als Geschäftsführerin einer Organisation unterwegs, die mit der Rückgabe geraubten Eigentums von Juden, vorzugsweise Büchern befaßt war. Schuld- und Schamgefühle waren vielen Erinnerungen zufolge damals die verbreitetsten Gefühle unter nichtjüdischen Deutschen. Und mit ihnen beider Abwehr.

Zu den am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreiten Juden gehörte Otto Frank, der 1950 die Tagebuchaufzeichnungen einer seiner beiden ermordeten Töchter herausgab. Anne Frank, deren „Tagebuch“ seit den 1950er Jahren in beiden deutschen Staaten gelesen, als Theateradaption auf der Bühne und später als Film gesehen wurde, konnte keine Fragen mehr beantworten. Aber auch keine stellen. Die Reaktionen auf ihr „Tagebuch“ reichten von Empörung und Erschütterung über Betroffenheit, Rührung und Bedauern bis hin  zu den üblichen Gefühlen von Schuld und Scham. Anne Franks Aufzeichnungen, die mit der Deportation der im Hinterhaus der Amsterdamer Prinsengracht versteckten Juden in die Konzentrations- und Vernichtungslager abrupt abbrachen, gaben Auskunft über die Verfolgung, aber nicht über die Ermordung der Juden in Europa. Es war das erste Dokument, das Nichtjuden in Deutschland öffentlichkeits- und breitenwirksam mit der Shoa konfrontierte. Erst die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, die der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer gegen heftige Widerstände durchgesetzt hatte, brachten die Menschenvernichtungsmaschinerie en detail ins Bewusstsein vieler Deutscher. Doch Zeitzeugengespräche in Schulen und in der zivilgesellschaftlichen Bildungsarbeit wurden erst seit den späten 1970er Jahren populär.

Inzwischen macht man sich Gedanken darüber, wie ein Erinnern und Gedenken an die Shoa ohne lebende jüdische Zeitzeugen gestaltet werden könnten. Es gibt die Jugendlichen, die an einem solchen Zeitzeugengespräch teilgenommen haben und diese Erfahrung weitertragen. Es gibt neben den Büchern der Überlebenden die videografierten Berichte. Ein Gespräch und Fragen sind dann jedoch nicht mehr möglich. Das ist zumindest dann kein Schaden, wenn den jüdischen Shoa-Überlebenden Fragen nach dem Leid der Palästinenser erspart bleiben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Einerseits nichts, andererseits eine Menge.

Wer erinnert sich wann, wie, woran, warum und wozu, das heißt, aus welchem Grund und zu welchem Zweck an die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden?

Von alten und neuen Nationalsozialisten hat man die ungebrochene Fortsetzung der Judenfeindschaft nicht anders erwartet. Es war nach 1945 nicht mehr opportun, sich offen und öffentlich antisemitisch zu äußern und entsprechend zu agieren. Das Leugnen, Billigen oder Verharmlosen des Holocaust ist strafrechtlich relevant. Gleiches gilt für die Verherrlichung hochrangiger Nationalsozialisten. Neben Rechtsextremisten betreffen diese Tatbestände in Deutschland vor allem Migranten aus dem arabischsprachigen Raum. Wie in vielen europäischen Staaten hat es auch in einigen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs, u. a. im Libanon, im Irak und im damaligen Mandatsgebiet Palästina während der Zwischenkriegszeit faschistische und nationalsozialistische Bewegungen gegeben. Der faschistische Putsch unter Raschid al-Gailani im Irak im Jahr 1941, den Haj Amin el-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, mitinitiiert hatte, ist ein gutes Beispiel für die arabisch-palästinensische Verstrickung in den Nationalsozialismus. Beide, al-Gailani und el-Husseini, waren nach dem gescheiterten Putsch aus Bagdad ins nationalsozialistische Berlin geflüchtet. Der Großmufti hatte neben dem Islamischen Zentralinstitut u. a. die SS-Division „Handschar“ gegründet, die auf dem Balkan Kriegsverbrechen begangen hatte. Der damalige Großmufti ist nur deshalb nicht als NS-Kriegsverbrecher verurteilt worden, weil er sich durch Flucht aus Berlin über Ägypten in den Libanon der Strafverfolgung entzogen hatte. In Deutschland lebende Palästinenser, Libanesen oder Iraker müssen sich diesen ungeliebten Fakten ebenso stellen wie Deutsche ohne Migrationshintergrund.

DDR-Antifaschismus – Bekenntnisideologie mit wenig bis keiner Substanz

Die juristische Aufarbeitung der NS-Diktatur und des Holocaust in Deutschland setzte Ende der 1940er Jahre mit den Nürnberger Prozessen ein. Doch auch wenn es in jedem Jahrzehnt Prozesse gegen Nazikriegsverbrecher und Personen gegeben hat, die sich an den NS-Verbrechen beteiligt hatten, blieb die juristische Aufarbeitung aus mehreren Gründen unzureichend. Zum Beispiel mußte jahrzehntelang die individuelle Beteiligung eines Täters an den Massenmorden nachgewiesen werden. Ein SS-Mann wie Oskar Gröning, der im Vernichtungslager das Geld der Ermordeten gezählt hatte, ist deshalb erst sehr spät verurteilt worden. Er konnte jahrzehntelang unbehelligt und vergleichsweise unbeschwert tun, was den Opfern nicht vergönnt gewesen war: ein Leben leben. Mit der Vernichtungsmaschinerie, dem Erschlagen, Erhängen, Erschießen, Vergasen, Verhungernlassen und zu Tode quälen von Juden gleich welchen Alters und welchen Geschlechts quer durch Europa hat sich die Justiz ausgesprochen schwer getan. Unzureichend ist die juristische Auseinandersetzung aber auch, weil Opportunismus, das Zusehen, Wegsehen, Gleichgültigkeit und Einzel- oder Gruppenegoismus nicht justiziabel sind. Sie bilden jedoch die Bedingung dafür, daß andere ungestört morden, demütigen und quälen können. Eine ganze Reihe nichtjüdischer Zeitgenossen sind seinerzeit direkt oder indirekt in das Morden verstrickt gewesen, haben sich am Eigentum der Deportierten bereichert oder auf welche Weise auch immer von deren Lage profitiert. Das war auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik nicht anders als auf dem der DDR. Vier Jahrzehntelang be- und verhinderten der Kalte Krieg und die deutsch-deutsche Teilung die gesellschaftliche und die politische Auseinandersetzung mit der Shoa. Beide deutsche Staaten konnten einander Schuld und Verantwortung zuschieben. Tatsächlich hat es eine Elitenkontinuität wie sie etwa ein Hans Globke im Staatssekretariat Konrad Adenauers repräsentierte, in der DDR nicht gegeben. Sofern man aber weder Kriegsverbrechen begangen noch prominenter bzw. hochrangiger Nationalsozialist gewesen war, konnte man auch in der DDR ungehindert seine Karriere fortsetzen. Der DDR-Antifaschismus war eine „Bekenntnisideologie“ mit wenig bis keiner Substanz. Auch das erklärt die pogromartigen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda Anfang der 1990er Jahre, die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und die Verbrennung des“Tagebuchs der Anne Frank“ in einem Dorf bei Magdeburg in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts.

Es hat ganz sicher Selbstreflexion auf der individuellen Ebene gegeben. Doch standen das eigene Leiden, die eigenen Verluste, die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund und  einer Reflexion auf das eigene Handeln oder Nichthandeln in der Vergangenheit, geschweige denn einer unvoreingenommenen Zuwendung  zu den Holocaust-Opfern entschieden im Weg.
Die weit verbreitete Schlußstrichmentalität entstand in den 1950er Jahren und nicht erst mit der Friedenspreisrede von Martin Walser im Jahr 1998. Das Holocaust-Mahnmal war und ist ein Gedenkort von Nichtjuden für Nichtjuden. Weder Juden noch Sinti oder Roma muss man daran erinnern, daß sie der Verfolgung und Vernichtung nicht durch Anpassung ausweichen konnten. Ähnliches gilt für diejenigen, die als „Erbkranke“ etc. klassifiziert und zur Ermordung freigegeben worden waren. Mit Walsers Rede wurden Denk- und Gefühlsmuster wieder populär, die sich nach 1945 schnell ausformten: das Gefühl, sich befleckt, Schande über sich gebracht zu haben, moralisch nicht mehr rein zu sein und ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das selbstbezügliche Umkreisen der eigenen Person, das Mitleid mit dem eigenen, scheinbar unverschuldeten Schicksal hat sich bis heute gehalten und gipfelte in Björn Höckes Aufruf zu einer 180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik und -kultur.

Palästina-Solidarität als Abwehr und Distanz von Juden

Die Wahrnehmung der Juden als „Opfer des Antisemitismus“ Propst Heinrich Grüber über das „Tagebuch der Anne Frank“) hat in Deutschland nicht nur sehr lange gebraucht, um sich in nennenswerter Streubreite in verschiedenen Generationen und Milieus durchzusetzen. Sie war nie und ist bis heute nicht ungetrübt vom nichtjüdischen Antizionismus und vom Hass auf Israel zunächst in beiden deutschen Staaten und dann im vereinten Deutschland. Der Nahostkonflikt hat nicht mit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 begonnen. Während und nach dem 1. Weltkrieg wanderten viele Juden aus Europa in das Gebiet des ehemaligen Osmanischen Reiches ein, das seit der Besetzung der Römer an der Wende unserer Zeitrechnung und der Niederschlagung des jüdischen Bar Kochba-Aufstands im Jahr 135 u.Z. von den Römern die geografische Bezeichnung Palästina erhalten hatte.

Im 1.Weltkrieg kämpfte der spätere Großmufti noch an der Seite der Briten gegen das mit dem deutschen Kaiserreich verbündete Osmanische Reich. Doch nach der Balfour-Deklaration im Jahr 1917, die den Juden eine Heimstätte in Palästina versprach, zahlreichen Auseinandersetzungen mit jüdischen Zuwanderern und Pogromen gegen alteingesessene Juden in Jerusalem und Hebron wechselten die Anführer der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung, allen voran el-Husseini, der Mufti von Jerusalem die Seiten. Husseini gratulierte Adolf Hitler zur Machtergreifung im Jahr 1933, zettelte den arabischen Aufstand von 1936 an, floh nach dessen Niederschlagung über den Libanon zunächst in den Irak. Getrieben von Judenhass, unterstützte er Hitler, die Nationalsozialisten und ihr Vernichtungsprogramm gegen die europäischen Juden. Zuvor hatten el-Husseini und die Hauptakteure der palästinensischen Nationalbewegung den Teilungsplan der britischen Mandatsmacht im Jahr 1937 abgelehnt, weil sie keinen jüdischen Staat in Palästina dulden wollten. Zehn Jahre später, nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus und Faschismus, im Jahr 1947 lehnten sie auch den Teilungsplan der Vereinten Nationen ab. Aus den gleichen Gründen wie zuvor: Es sollte keinen jüdischen Staat im Nahen Osten geben; die Juden sollten ins Meer getrieben und vernichtet werden. Eine Koexistenz oder Zweistaatenlösung war seitens der Palästinenser nicht erwünscht. Bekanntlich haben die arabischen Staaten die Staatsgründung Israels 1948 mit einem glücklicherweise erfolglosen, kollektiven Angriffskrieg beantwortet. Die dritte Gelegenheit zu einer palästinensischen Staatsgründung schlugen die aktuellen Führer der arabisch-palästinensischen Nationalbewegung vor 18 Jahren aus. Den Friedensprozeß, der mit der Anerkennung Israels durch die PLO 1994 begann, beendete der Ausbruch der Zweiten Intifada im Jahr 2000. Weil sie sich auf die Vernichtung Israels konzentrierten, anstatt den Aufbau ziviler politischer und staatlicher Strukturen zu forcieren, haben die Palästinenser bis heute keinen Staat.

In Deutschland werden die Palästinenser als Opfer und nicht als Täter wahrgenommen. Letzteres waren und sind faktisch zumindest viele ihrer politischen Führer: als Kollaborateure der Nationalsozialisten, als PLO- und später Hamas- oder Hisbollah-Terroristen sowohl im Nahen Osten als auch in Europa.

Es ist kein Zufall, daß die Palästina-Solidarität der Neuen Linken in der alten Bundesrepublik und der SED-Diktatur in der DDR ausgerechnet in die 1960er Jahre fiel. Das war das Jahrzehnt, in dem die PLO gegründet wurde, die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, der Eichmann-Prozeß in Jerusalem und der Sechstage-Krieg Israels stattfanden. Die Konfrontation mit dem millionenfachen Massenmord an Juden im Europa der 1940er Jahre war schwer auszuhalten. Psychisch ließ sich diese Tatsache für viele Deutsche dadurch bewältigen, daß sie aus früheren Opfern aktuelle Täter machten: aus Israelis Aggressoren und Besatzer und aus Palästinensern ein unterdrücktes Volk. Das ist zum einen eine klassische Täter-Opfer-Umkehr; zum anderen verspricht eine solche Entlastungsstrategie psychisch moralischen Zugewinn. Bei solchen mentalen Operationen im Gedanken- und Gefühlshaushalt spielen Fakten keine oder nur eine funktionale Rolle. Wennsie stören, werden sie entweder ganz ignoriert, zurechtgebogen oder so in den Fantasiehaushalt integriert, daß sie zwar existent sind, aber das konstruierte Bild von Juden und Israelis, das man für seine Ablehnung braucht, bestätigen. Das im Sechstage-Krieg okkupierte Westjordanland diente den Israelis zunächst als Sicherheitszone gegen die militärische Aggression der arabischen Staaten. Man kann über die israelische Siedlungspolitik geteilter Meinung sein, aber einer palästinensischen Staatsgründung stand sie nicht im Weg.
Nachdem Vertreter der westdeutschen Neuen Linken 1969 eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus platziert, Verbindungen zur Fatah, dem bewaffneten Arm der PLO, geknüpft hatten und  die späteren RAF-Terroristen in PLO-Camps an der Waffe ausgebildet worden waren, zogen die Künstler der Neuen Linken in den 1970er Jahren mit Romanen und Theaterstücken  nach: Gerhard Zwerenz‘ „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ und Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ seien genannt. Das Terrorattentat der PLO auf die israelische Olympia-Mannschaft in München 1972 hatte daran nichts geändert. Zwar nahm Fassbinder von dem Plan Abstand, den antisemitischen Klassiker „Soll und Haben“ von Gustav Freytag aus dem Jahr 1855 zu verfilmen, aber ein rechtes und linkes antisemitisches Stereotyp vom bösartigen, hinterhältigen verschlagenen und betrügerischen Juden vergiftete erneut die Hirne und Herzen der jungen Deutschen in der alten Bundesrepublik.

In der DDR hatte die alte Dimitroff-Doktrin aus den 1930er Jahren gegolten, wonach der Faschismus eine direkte Folge der kapitalistisch-imperialistischen Weltordnung war und der Antisemitismus mit dieser von alleine verschwinden würde. Juden, die Unternehmer oder Industrielle gewesen waren , hatten den Faschismus, die Verfolgung und Vernichtung der Juden indirekt mitverschuldet. Von Nationalsozialismus sprach man in der DDR selten, um die ideologische Gemeinsamkeit des Antikapitalismus nicht herauszustellen und weil man die Tatsache, daß der Antisemitismus das Kernelement des Nationalsozialismus gewesen ist, ignorierte oder leugnete. Eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Holocaust konnte es in der DDR schon aus ideologischen Gründen nicht geben. Seit 1965 pflegte die DDR-Führung enge zwischenstaatliche Beziehungen in die arabische Welt und seit den frühen 1970er Jahren zu Jassir Arafat und der PLO.

Ein historisches Pogrom

Auch in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wird der Staat Israel in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft als Täter wahrgenommen, der den von ihm angeblich unterdrückten Palästinensern die Gründung eines eigenen Staates verweigern würde. Von Faktenkenntnis frei urteilen viele Deutsche auf der Grundlage ressentimentgeladener und verzerrter Medienberichte und dem uneingestandenen, dafür um so heftiger gegen die Juden gewendeten schlechten Gewissens.  Weder leugnen noch billigen sie den Holocaust. Im Gegenteil, sie ehren die jüdischen Überlebenden und gedenken der jüdischen Opfer. Das ist gut. Aber es besagt nicht viel über das judenfeindliche Klima. Wer die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland kennt, weiß, das Antisemiten noch nie Anstoß an toten Juden genommen haben: Wilhelm Raabe schrieb den antisemitischen Roman „Der Hungerpastor“ und bedauerte mit „Höxter und Corvey“ zugleich ein historisches Pogrom. Julius Langbehn, der Verfasser des antisemitischen Bestsellers „Rembrandt als Erzieher“ zollte den vor Jahrhunderten von Rembrandt porträtierten Juden höchsten Respekt und verurteilte die modernen, lebenden Juden dafür, daß sie Franzosen, Deutsche,Italiener etc. sein wollten. Die Judenfeinde im wilhelminischen Kaiserreich waren Juden gegenüber nicht trotz, sondern wegen ihres Antisemitismus ambivalent.

Das Holocaust-Gedenken bleibt in Deutschland und auf internationaler Ebene so lange scheinheilig, wie die Solidarität mit den Palästinensern auf Kosten der Israelis andauert. Die Shoa ging seinerzeit von den Nationalsozialisten aus; sie wäre nicht umsetzbar gewesen, hätten im von der deutschen Wehrmacht besetzten Europa nicht antisemitische Kräfte vor Ort mitgeholfen, die Juden in die Vernichtungslager zu deportieren. Geschützt haben in Europa damals nur wenige Länder, Dänemark oder Bulgarien zum Beispiel, ihre jüdischen Staatsbürger.

Dr. Sylke Kirschnick forscht und lehrt seit mehr als einem Jahrzehnt zum Orientalismus, zum Kolonialismus, zu jüdischen Autor/innen und zum Antisemitismus.

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