Israel – Zunehmende Spannungen mit Iran und Hisbollah wegen libanesischer Raketenfabrik

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Hisbollah-Munition im unterirdischen Bunker gefunden. Foto Israel Defense Forces, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34371594

Die Spannungen zwischen Israel und Hisbollah/Iran haben sich vergangene Woche massiv verschärft, nachdem ein iranisches Programm zum Bau von Waffenfabriken für die Herstellung von Raketenleitsystemen auf libanesischem Boden entdeckt wurde.

 

von Yaakov Lappin / JNS.org

Derartige Systeme können auf das vorhandene Arsenal von Raketen und Flugkörpern der Hisbollah aufgebracht werden und somit die ungenauen Geschosse zu Präzisionswaffen machen – Möglichkeiten, die bislang den Grossmächten vorbehalten waren. Sie würden die bewaffnete Schiiten-Organisation in die Lage versetzen, strategisch sensible Ziele tief im Inneren von Israel zu erreichen und die von Israel gezogene rote Linie zu überschreiten, welche bezeichnet, wie weit seine Feinde ihre militärischen Kapazitäten ausweiten können.

Diese Entwicklungen entfesselten in den vergangenen Tagen einen Sturm israelischer Warnungen, im Versuch, auf diplomatische Weise den Iran und dessen Kunden, die Hisbollah, von ihren Aktivitäten abzubringen. Israelische Regierungsvertreter machten klar, dass, wenn ihre Warnungen unbeachtet blieben, dies voraussichtlich militärische Aktionen nach sich ziehen würde.

„Ohne Zweifel ist dies ein neues Stadium in den Versuchen des Iran, unabhängige Kapazitäten zur Fertigung hochentwickelter Flugkörpersysteme in Syrien und dem Libanon aufzubauen“, so die Einschätzung von Dr. Ely Karmon, einem angesehenen Wissenschaftler am International Institute for Counter-Terrorism in Herzliya, Israel.

Die Waffenfabriken in Syrien befinden sich vermutlich unter direkter iranischer Kontrolle „und die im Libanon unter der Kontrolle der Hisbollah“, so Karmon weiter.

Indem er Waffenfabriken im Libanon und Syrien errichtet, schlägt der Iran zwei Fliegen mit einer Klappe, erklärte Karmon. Zum einen kann er seine Handlanger mit hochentwickelten Waffen ausrüsten und zum anderen ist so der Waffentransport über Land und auf Routen, die sich als anfällig für die israelische Ortung und wiederholte mutmassliche Luftangriffe der Israelis erwiesen haben, nicht länger erforderlich.

Israel hat kein Geheimnis aus seiner Entschlossenheit gemacht, das iranische Waffenhandel-Netzwerk zu zerschlagen. Bislang waren seine dahingehenden Aktionen in Syrien erfolgreich und konnten eine Ausweitung des Konflikts verhindern. Militäraktionen im Libanon könnten dies alles jedoch schlagartig verändern. Die Hisbollah warnte in der Vergangenheit, sie würde auf derartige Angriffe anders reagieren als bei ihren verhaltenen Reaktionen auf mutmassliche Militärschläge der Israelis in Syrien.

Für den Iran besteht allerdings ein deutlicher Anreiz, solche Risiken einzugehen. Die Produktionsanlagen machen die Erfüllungsgehilfen des Iran noch mächtiger, sagte Karmon, während sie zugleich die „Entscheidungsfreiheit der beiden legitimen Regierungen [in Libanon und Syrien] einschränken.”

Brief an das libanesische Volk

Die israelischen Reaktionen in den vergangenen Tagen waren dringlich und ungewöhnlich. Der Sprecher der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), Brigadegeneral Ronen Manelis, schritt zu einer selten ergriffenen Massnahme und schrieb einen Brief direkt an das libanesische Volk, den er auf oppositionellen libanesischen Internetseiten veröffentlichte. In dem Schreiben warnte er vor den verheerenden Folgen, falls die Arbeit an den Fabriken weitergehen sollte. Manelis sagte weiter, dass die gesamte Zukunft des Libanon und der ganzen Region durch „die Übernahme derer, die ihre Befehle aus Teheran erhalten“, gefährdet würde.

„Das Schlimmste wird vor der Öffentlichkeit verborgen. Der Libanon verwandelt sich aufgrund des Versagens der libanesischen Behörden sowie dadurch, dass viele Mitglieder der Internationalen Gemeinschaft einfach wegsehen, tatsächlich in eine riesige Raketenfabrik“, schrieb Manelis. „Der Iran hat de facto eine Zweigstelle im Libanon eröffnet. Der Iran ist hier.“

„Die IDF sind auf alle Szenarien vorbereitet.“

Er beschrieb den Libanon als ein Pulverfass, das aufgrund des Verhaltens des Iran jederzeit in die Luft fliegen kann.

„Werden der Libanon und die Weltgemeinschaft dem Iran und der Hisbollah erlauben, sich die Naivität der libanesischen Staatsführung zunutze zu machen und eine Fabrik für Präzisionsraketen bauen, so, wie sie es derzeit bereits versuchen?“, fragte er. „Die IDF sind auf alle Szenarien vorbereitet.“

Wenige Tage später flogen Premierminister Benjamin Netanyahu und der Chef des IDF-Nachrichtendiensts, Generalmajor Herzi Halevi, zu einem Treffen mit Vladimir Putin nach Russland.

Es wird angenommen, dass Netanyahu bei dem Treffen Putin vor den Konsequenzen Israels warnte, wenn Russlands Partner Iran und die Hisbollah weiterhin mit dem Bau der Fabriken fortfahren sollten.

Verteidigungsminister Avigdor Lieberman seinerseits gab einen kontinuierlichen Strom von Warnungen über potenzielle Aktionen im Libanon von sich, und fügte hinzu, wenn die Einwohner Tel Avivs gezwungen sein würden, in Luftschutzkellern zu sitzen, dann würde „ganz Beirut in Bunkern hocken.“

Er fügte jedoch hinzu, dass die Androhung gestoppt werden könnte, „nicht nur mit Bomben. Wir setzen alle diplomatischen und anderen Hebel in Bewegung, um die Raketenproduktion zu verhindern. Das Letzte, was ich will, ist ein dritter Libanonkrieg … wir werden alle Optionen nutzen, die sich uns bieten. Ich kann jedoch betonen, dass wir entschlossen sind, den Libanon davor zu bewahren, sich in eine gigantische Waffenfabrik zur Produktion von Präzisionsflugkörpern zu verwandeln.“

Generalmajor (res.) Yaakov Amidror, der ehemalige Sicherheitsberater Netanyahus, sagte, die israelischen Warnungen verfolgten zwei Ziele.

Sie seien ein Versuch Jerusalems, mit der Bedrohung fertig zu werden, ohne zu militärischen Mitteln greifen zu müssen und gleichzeitig trügen sie dazu bei, die erforderliche Legitimität für potenzielle Militäraktionen zu schaffen, falls die Diplomatie versagen sollte. Die Warnungen werden „beiden“ Zielen gerecht, stellte Amidror fest.

Dr. Ely Karmo sagte, es sei alles andere als klar, ob diese Warnungen eine Wirkung zeigen würden.

„Israel wird reagieren müssen, entweder, indem es Russland und die USA drängt, diesen abenteuerlichen Schachzug des Iran zu stoppen oder aber, indem es ihn angreift – wenn nötig auch im Libanon, was bisher nicht Teil der israelischen Pläne für einen potenziellen Präventivangriff war“, erklärte er.

„Ich denke, die Drohungen israelischer Politiker und Militärs, die libanesische Infrastruktur anzugreifen und zu zerstören, um den Iran abzuschrecken, sind nicht ausreichend – und darüber hinaus kontraproduktiv für das Ansehen Israels auf dem internationalen Parkett – da die Iraner, ebenso wie die Syrer vor ihnen, bis auf den letzten Libanesen kämpfen werden. Aus diesem Grund sollte Israel Teheran direkt drohen“, forderte Karmon.

„Man sollte sich daran erinnern, dass auch die Entscheidung [des ehemaligen Obersten Religionsführers des Iran] Ajatollah Khomeinis, das Ende des achtjährigen Krieges zwischen dem Irak und dem Iran im Jahr 1988 zu akzeptieren, erst nach einer Welle tödlicher Raketenangriffe auf die Hauptstadt des Iran erfolgte.“

Darüber hinaus, so Karmon, könnte ein kürzlicher Besuch einer Kreml-Delegation in Israel eine “ Möglichkeit für die Eröffnung eines strategischen Dialogs zwischen den beiden Ländern auf höchster Ebene schaffen, aber die Frage ist, wie viel die Russen bereit sind, in Bezug auf die iranische Angelegenheit zu liefern „.

Yaakov Lappin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat Center for Strategic Studies, an dem er die BESA-Studie The Low-Profile War Between Israel and Hezbollah verfasste. Er ist spezialisiert auf den Verteidigungsapparat Israels, militärische Angelegenheiten und die strategische Umgebung des Nahen Ostens.

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