Antisemitismus-Forscherin Schwarz-Friesel: Bei Antisemitismusbekämpfung ist Deutschland „scheinheilig“

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Kundgebung des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen Judenhass, 14. September 2014. Foto Michael Thaidigsmann - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35759951

Antisemitismus-Forscherin Monika Schwarz-Friesel wirft Deutschland Scheinheiligkeit im Kampf gegen Antisemitismus vor. Die Justiz beispielsweise versage regelmässig bei antisemitischen Straftaten.

 

von Elisa Makowski

Frau Schwarz-Friesel, gerade ist das Thema Antisemitismus wieder verstärkt in der politischen Diskussion. Ist das nicht positiv, weil es ein Problembewusstsein schärft?

Monika Schwarz-Friesel: Die aktuelle Diskussion über die Definition von Antisemitismus ist leider oft unseriös und unproduktiv, da viele Laien mit subjektiven Meinungen die Debatte prägen. Charakteristisch ist zum Beispiel, dass linker Antisemitismus geleugnet und muslimischer Antisemitismus bagatellisiert wird.

Oftmals wird auch der Antisemitismus als Fremdenfeindlichkeit definiert, dabei ist Judenfeindschaft kein Vorurteilssystem, sondern ein kulturell verankertes Glaubenssystem: Antisemiten haben ein geschlossenes Weltbild, sie glauben, dass Juden das Übel der Welt sind. Mit Aufklärung ist dem nicht beizukommen. Auch gebildete Antisemiten sind faktenresistent. Ihr judenfeindliches Gefühl bestimmt ihr Denken.

Antisemitische Stereotype haben keinerlei Bezug zur Realität: Im Mittelalter sollen die Juden die Brunnen vergiftet haben, im 19. Jahrhundert galten sie als Vertreter einer minderwertigen Rasse und heute steht Israel im Fokus von Antisemiten. Der Antisemitismus ist als kulturhistorisches Phänomen einzigartig, mit nichts zu vergleichen und er ist in nahezu jedem Milieu zu finden. Dazu müssen wir nicht in die Schmuddelecke gehen.

Ich erlebe in Deutschland eine Scheinheiligkeit, wenn es um Antisemitismus geht, die frappierend ist.

Politiker und der Zentralrat der Juden haben zuletzt Pflichtbesuche in ehemaligen KZs von Schülern und Flüchtlingen gefordert. Wenn, wie Sie sagen, bei Antisemitismus selbst Bildung versagt, was bringt dann ein solches Programm?

Ein Besuch kann positiv sein, weil wir Menschen aus anderen Kulturkreisen zeigen können, was es gerade für Deutschland bedeutet, mit Antisemitismus umzugehen. Aber solche Besuche brauchen Fingerspitzengefühl und gute Vorbereitung. Wenn dort wieder nur wiederholt wird, dass alle Menschen Opfer von Vorurteilen werden können und nicht auf die Einzigartigkeit des Antisemitismus eingegangen wird, bin ich skeptisch, was diese Besuche bringen sollen.

Zuletzt hat sich der Bundestag für einen Antisemitismusbeauftragten ausgesprochen. Welche Erwartungen haben Sie an diese Position?

Grundsätzlich unterstütze ich den Vorschlag – wenn es keine Pappfigur wird. Ich erlebe in Deutschland eine Scheinheiligkeit, wenn es um Antisemitismus geht, die frappierend ist.

Turnusmässig wird betont: Wehret den Anfängen! Doch gleichzeitig beobachte ich unter anderem ein regelmässiges Versagen der Justiz, wenn es um antisemitische Straftaten geht. Wenn ein Anschlag mit Molotow-Cocktails auf eine Synagoge, wie 2014 in Wuppertal, nicht als Volksverhetzung sanktioniert wird, weil die Angeklagten angeben, ein Zeichen gegen Israel setzen wollten, ist das skandalös. Noch klarer kann sich Antisemitismus nicht äussern.

Wir brauchen eine grundlegende Wende im Umgang mit Judenfeindschaft: in der Politik, der Justiz und in der Zivilgesellschaft.

Quelle: Evangelischer Pressedienst (epd)

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