Terrorismus: Vom einsamen Wolf zum bekannten Wolf

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Foto Hadas Parush/Flash90

Das Phänomen des “einsamen Wolfs” stellt bei der Terrorismusbekämpfung weiterhin eine aussergewöhnliche Herausforderung dar. Studien darüber sind bislang im Unterschied zum organisierten Terrorismus rar. Es ist eine “Privatisierung” des Terrors; buchstäblich jeder kann jederzeit Anschläge verüben – darum lässt sich dieser Terror schwer vorhersehen und verhindern.

 

von Dr. Irwin J. Mansdorf

Unter Politikern der israelischen Rechten gilt “Hetze” als eine wesentliche Ursache des Terrorismus, auch des Einsamer-Wolf-Terrorismus. Auf der politischen Linken werden häufig der “mangelnde Fortschritt” des Friedensprozesses und “Frustration” verantwortlich gemacht. Von der palästinensisch-arabischen Presse und den palästinensischen Organisationen und Institutionen werden die Anschläge mit Hochachtung begrüsst, die Täter als Nationalhelden gefeiert; die Gefangenen und ihre Familien erhalten finanzielle Belohnungen.

Doch wie eine Studie gezeigt hat, haben einige junge palästinensische Araber das Gefühl, dass diejenigen, die solche Anschläge verüben, alle unter einem persönlich-psychologischen oder sozialen Druck stehen; das würde, wenn es denn stimmt, darauf hindeuten, dass manche Personen eine grössere Wahrscheinlichkeit haben, Anschläge zu begehen als andere. Doch während dieser Druck jene Personen für Terrorismus anfällig machen kann, ist er womöglich nicht der eigentliche “Anlass” für den Anschlag. Ohne die kulturelle Unterstützung würden diese Personen wohl ein anderes Ventil finden.

Folgende Faktoren werden häufig als Gründe für Einsamer-Wolf-Anschläge genannt:

  • Hetze und kulturelle Unterstützung
  • Politischer Stillstand
  • Allgemeine Frustration
  • Bestärkung durch die Gesellschaft
  • Materielle Belohnung der Familie
  • Persönlicher Druck

Während jeder dieser Faktoren eine ideologisch-politische Wurzel hat (die Rechte fokussiert sich auf Hetze als den Hauptfaktor, die Linke auf politische Frustration, palästinensische Offizielle auf nationalen und islamischen Stolz), können tatsächlich mehrere von ihnen gleichzeitig wirken. Zudem ist es – wie bei Amokläufen überall auf der Welt – möglich, dass das geäusserte Verhalten nur am Rande etwas mit politischen oder nationalistischen Motiven zu tun hat und solche Motive der Tat erst im Nachhinein zugeschrieben werden.

Wer hat ein Risiko, zum „einsamen Wolf“ zu werden?

Um die Dynamik des palästinensisch-arabischen Einsamer-Wolf-Terrorismus zu verstehen, ist es nötig, nicht nur zu untersuchen, wer solche Anschläge verübt, sondern auch, wer dies nicht tut. So waren etwa arabische Israelis bis zum Anschlag auf dem Tempelberg vom 14. Juli 2017 nur selten in Terror involviert. Tatsächlich ist es sogar so, dass wenn ein Anschlag von einem arabischen Israeli verübt wird, die Seltenheit eines solchen Falls zu der Frage nach den Gründen führt. Eine weitere Gruppe, die in der Vergangenheit nicht in Anschläge involviert war, sind Palästinenser mit Arbeitsgenehmigungen in Israel. Der Angreifer von Har Adar hatte zwar eine, dies stellt jedoch eine Ausnahme dar.

Bei den Arabern in Jerusalem ist es so, dass sie keine Arbeitsgenehmigung benötigen und einige von ihnen in der Vergangenheit an Terroranschlägen beteiligt waren. In grossen multiethnischen Arbeitsstätten mit vielen palästinensisch-arabischen Arbeitern aber – wie etwa Hotels, Krankenhäuser, Supermärkte und Restaurants – ist es noch nie passiert, dass einer ihrer Angestellten einen Terroranschlag verübt hätte, trotz der gegeben Mittel (Messer) und der Möglichkeit dazu (israelische Juden und Touristen).

Warum ist das so? Deutet die Abwesenheit von Terror in dieser Bevölkerungsgruppe auf die Abwesenheit von “Treibstoff” (etwa Hetze) hin, oder bedeutet es vielleicht, dass einige “Zünder” nicht da sind, um den Treibstoff zu entzünden? Zünder können persönlicher Natur sein, wie etwa individueller seelischer oder gesellschaftlicher Stress, oder es kann die Umwelt sein, wie etwa Signale oder Nachrichten in den sozialen Medien bzw. ein Aufruf der politischen Führung zur Tat.

An dieser Stelle ist vielleicht auch das Konzept von “schützenden” und “Risiko”-Faktoren relevant. Risikofaktoren (z.B. Tötung eines Angehörigen durch die israelischen Sicherheitskräfte) sind mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit assoziiert, zum Täter zu werden. Schützende Faktoren wie die Anstellung in einer arabisch-jüdischen Umgebung sind Eigenschaften, die die Wahrscheinlichkeit senken. Die potenziellen Risiken und schützenden Faktoren zu identifizieren, könnte wichtig dabei sein, zu bestimmen, wer einen Anschlag verüben könnte.

Leiden „einsame Wölfe“ unter stärkerem psychischen oder sozialem Druck als andere?

Obwohl die Annahme, dass ein Einsamer-Wolf-Terrorist persönliche Probleme hat, vernünftig zu sein scheint, wird das Reden über solche Motive erschwert von politischen Beschränkungen, sowohl auf der Rechten als auch der Linken. Auf der Rechten wird solche Spekulation schnell als “Psychogelaber” zurückgewiesen, das der absichtlichen Aufhetzung durch die palästinensische Gesellschaft ein Alibi verschaffe. Die Linke minimiert ebenfalls persönliche Motive und fokussiert sich ausschliesslich auf ideologisch-politische Dinge. In der palästinensisch-arabischen Gesellschaft wiederum werden den Anschlägen stets nationalistische Motive zugeschrieben. In keinen dieser ideologischen Rahmen passen psychologisches oder persönliches Elend oder andere soziale Faktoren des Verhaltens. Obwohl die ideologische Komponente natürlich wichtig ist, ist sie nur ein Teil des Bildes. Die anderen potenziell relevanten Faktoren zu ignorieren, mindert die Chancen, einen potenziellen Terroristen zu identifizieren.

Psychologische Studien des Terrors – eine Zwickmühle

Der Anschlag von Har Adar, bei dem eine scheinbar “normale” Person drei Israelis ermordete, illustriert dies. Obwohl die Bewohner von Har Adar das Erscheinungsbild und das Verhalten des Täters als normal beschreiben, gibt es Berichte, wonach er ernsthafte familiäre Probleme hatte; einige Wochen zuvor hatte ihn seine Ehefrau verlassen. Noch wichtiger ist, dass sich der Täter von anderen einsamen Wölfen dadurch unterscheidet, dass er niemals extremistische Ansichten geäussert hatte. Ob der Täter, der bei dem Anschlag getötet wurde, persönliche Motive hatte, ist eine Frage, die ohne weitere Informationen schwer zu beantworten ist. Klar ist aber, dass egal welche Motive hinter dem Anschlag stecken, er von allen ideologischen und politischen Lagern für ihre eigenen Zwecke benutzt werden wird. Egal, ob die Absicht eine nationalistische war, die palästinensischen Medien und Offiziellen werden ihn als “Märtyreroperation” bezeichnen und den Angreifer zum Helden erklären. Und auch wenn gezeigt werden könnte, dass der Anschlag in Verbindung mit persönlichen Problemen stünde, die nichts mit Nationalismus zu tun haben, würden andere erklären, dass er ein weiteres Beispiel dafür sei, wie Hetze Palästinenser zum Terror anstachelt oder wie elende Lebensbedingungen die Gewalt anfachen.

Und doch gibt es bei fast allen palästinensisch-arabischen Einsamer-Wolf-Anschlägen etwas Gemeinsames, das man nicht ignorieren kann: den kulturellen Faktor der Unterstützung für diese Anschläge, mit dem starken, fast romantischen religiösen Element des “istishihad” [freiwilliges Märtyrertum, das zu einem schmerzfreien Tod führt]. Das hat zur Folge, dass egal, ob der Täter dies beabsichtigt hat oder nicht, die Gesellschaft den Anschlag in jedem Fall unterstützen wird und der Angreifer künftigen Tätern als Modell dient.

Folgende Faktoren kann man ausmachen, die es begünstigen, “bekannte Wölfe” (die durch einen Anschlag Bekanntheit erlangen) zu schaffen:

  • Die arabisch-palästinensische Führung bewirbt ein falsches und rassistisches Narrativ über die Juden und Israel, welches von der palästinensischen Gesellschaft akzeptiert wird.
  • Dies, zusammen mit der offenen Verherrlichung von Anschlägen, schafft eine kulturelle Atmosphäre (den “Treibstoff”), die Gewalt gegen Israelis unterstützt.
  • Während einige Gruppen der palästinensischen Araber eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, Einsamer-Wolf-Anschläge zu verüben, gibt es andere, die das niemals tun, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätten und denselben Hetznarrativen ausgesetzt sind. Es könnte schützende Faktoren geben, die identifiziert werden sollten.
  • Es gibt Beweise dafür, dass einsame Wölfe einem höheren Mass an psychischem oder sozialem Druck ausgesetzt sind. Dies kann man als möglichen Risikofaktor sehen.
  • Der Ort spielt eine Rolle. Palästinensische Araber in Jerusalem, Judäa und Samaria haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, Gewalt auszuüben als die, die in Israel selbst leben und die israelische Staatsangehörigkeit besitzen.

Eine alternative Möglichkeit: Ausnutzen des Terrors durch den einsamen Wolf

Die Belege scheinen zu zeigen, dass “einsame Wölfe” ganz unterschiedliche Täterprofile haben. Eine Möglichkeit ist, dass ihre Tat die gesellschaftlich akzeptierte Weise ist, sich auszuagieren – das wäre dann näher an einer Psychopathologie oder anderen persönlichen Faktoren als an einem ideologischem Antrieb. Eine solche Erklärung wird manchmal missbraucht und völlig unangemessen benutzt, wie etwa im Fall des Amokläufers von Fort Hood, dessen Tat als “Gewalt am Arbeitsplatz” eingestuft wurde, obwohl er ganz klar islamistische Motive hatte; auf der anderen Seite aber gibt es Fälle, wo scheinbar “nette Leute” grausame Taten verüben und zeigen, dass diese nicht immer der ideologischen, sondern manchmal der kriminellen oder psychopathologischen Sphäre zuzuordnen sind. Von Serienmördern über jene, die aus bis dahin unbekannten Motiven morden, bis hin zu gewöhnlichen Alltagsmenschen: Fälle von Leuten, die ohne Warnung Gewalttaten verüben, sind nicht ungewöhnlich.

Was den palästinensischen Terror betrifft, wird das Bild noch komplizierter dadurch, dass das erwartbare Selbstopfer, das mit dem Angriff auf Sicherheitskräfte einhergeht; es gibt das Phänomen des “Selbstmord mittels der Polizei”(suicide by cop). Hinter mindestens einem “Terror”-Anschlag durch eine arabische Israelin steckte ein solcher (letztlich erfolgloser) Versuch. Andere Anschläge von palästinensischen Frauen, bei denen diese erwarten mussten, getötet zu werden, konnten auf Versuche zurückgeführt werden, für gesellschaftliche oder religiöse Übertretungen zu büssen, wie etwa aussereheliche Beziehungen, voreheliche Schwangerschaft usw.

Wenn, wie die Fakten andeuten, palästinensisch-arabische einsame Wölfe einem höheren Mass an psychischem oder sozialem Druck ausgesetzt sind, könnte es sein, dass ihre Anschläge einen Zweck haben, der in den Mantel einer “edlen” und ideologisch motivierten Tat gekleidet wird. Funktionell betrachtet mögen sie lebensmüde sein, doch kulturelle Vorschriften gegen Selbstmord sowie die Schande, der die Familie dadurch ausgesetzt wäre, hindern sie daran, sich selbst das Leben zu nehmen.

Es ist hier allerdings wichtig zu betonen, dass dies kein Einwand gegen das Wirken jenes zentralen Faktors ist, der als “Hetze” oder “Aufstachelung” bezeichnet wird. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Antipathie gegenüber Juden (und Israelis) sowie die Billigung von Gewalt als Mittel des “Widerstands” machen es für Angreifer, die von Kümmernissen nichtideologischer Natur geplagt sind, sehr verlockend, sich den Terror als einem perfekten Vehikel zunutze zu machen.

Die Selbstmordrate unter Palästinensern ist ähnlich hoch wie in westlichen Ländern. Manche versuchen, dies auf “Verzweiflung wegen der Besatzung” zurückzuführen, doch hinter dem Phänomen scheinen häufiger eher seelische Probleme und Familienstreitigkeiten zu stecken. Die Palästinensische Autonomiebehörde veröffentlicht auch Statistiken über Gewaltverbrechen, und wenn diese verlässlich sind, dann gab es in den Palästinensischen Autonomiegebieten 2015 54 Morde. Und während, wie oben dargestellt, arabische Israelis nicht an Terroraktivitäten beteiligt sind, machen sie 59 Prozent der Mörder in Israel aus, weit überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil von 23 Prozent. Weder die von der PA gemeldeten noch die in Israel verübten Morde haben dem Anschein nach eine ideologische Ursache oder werden als terroristisch eingestuft.

Dass es für eine Gewalttat einen ideologischen Mantel gibt, könnte aus Sicht eines Täters praktisch sein; aller Wahrscheinlichkeit nach ist pure Ideologie nicht das einzige oder nicht einmal das primäre Motiv in Fällen, wo das Verhalten von kriminellen, psychischen oder sozialen Dingen getrieben wird. Ohne die Möglichkeit, das “Gesicht zu wahren”, würde die Tat vielleicht nicht stattfinden oder aber sie würde einfach in die Statistik der gewöhnlichen Verbrechen einfliessen.

In Fällen, in denen psychischer, persönlicher oder familiärer Druck das Handeln prägt, ist es ein zusätzlicher Vorteil, als Märtyrer gesehen zu werden, aber nicht der Hauptgrund für die Tat. Dies anzuerkennen, ändert nichts an der Notwendigkeit, auf die seit langem in der palästinensischen Gesellschaft bestehenden und fortwährend propagierten kulturellen Botschaften hinzuweisen, die eine Atmosphäre schaffen, in der Gewalt gegen Juden akzeptiert ist und diese zu verurteilen. Um aber die Sache vollständig und genau zu analysieren, muss man sich an Wissenschaft halten. Oft sprechen die Fakten der Wirklichkeit eine andere Sprache als die ideologischen oder politischen Deutungen, die nach Gewalttaten im Allgemeinen und insbesondere nach Terroranschlägen für gewöhnlich geäussert werden.

Irwin J. (Yitzchak) Mansdorf, PhD., ist klinischer Psychologe und Fellow am Jerusalem Center for Public Affairs. Er leitet das israelisch-arabische Studienprogramm des Zentrums für Universitätsstudenten. Gekürzte Fassung der Originalversion: From “Lone Wolf” to “Known Wolf”: The Role of “Cultural Fuel” and “Personal Triggers”.

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