Foto Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons - cc-by-sa-3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34209506
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Überwältigt von einem Generalstreik, der sein Land lähmte, verbot der britische Premierminister Stanley Baldwin dem Radiosender BBC, den Gewerkschaften, die zu dem Streik aufgerufen hatten, Sendezeit zu verschaffen.

 

Man schrieb das Jahr 1926 und der Konflikt war für alle neu, da es den öffentlichen Rundfunk erst seit 1922 gab. Doch auch heute noch entfacht das Spannungsverhältnis zwischen gewählten Regierungen und der Berichterstattung in den Nachrichten politisches Feuer und journalistische Wut gleichermassen – dabei bildet Israel keine Ausnahme.

Nun eröffnet eine umfassende israelische Reform einen neuen Weg, der, wenn er zu Ende beschritten wird, möglicherweise auch andere Länder inspirieren könnte, die mit den Zielen, Kosten und vorgeblichen Programmen des öffentlichen Rundfunks hadern.

Der ÖFFENTLICHE RUNDFUNK hielt 1936, knapp einen Monat vor Ausbruch des drei Jahre währenden arabischen Aufstands, mit dem britisch-geführten Sender Voice of Jerusalem Einzug im Gelobten Land.

Da es ihr untersagt war, Nachrichten auszustrahlen, sendete die Radiostation Musik, Vorträge und Ratespiele und ignorierte so die Gewalt und die politischen Unruhen vor den Türen des Studios auf der Königin-Helena-Strasse in Jerusalem. Dieser Zustand nahm im Mai 1948 ein Ende, als der gerade erst neugeborene jüdische Staat den britischen Radiosender übernahm, ihn in ‚Voice of Israel‘ umbenannte und Ben Gurions historische Unabhängigkeitserklärung zu seiner ersten Ausstrahlung über den Äther machte.

Die nationale Unabhängigkeit bedeutete allerdings nicht sofort auch eine ebenfalls komplett unabhängige Sendetätigkeit, da Voice of Israel nun ein staatlich geführtes Monopol darstellte, das als die Art von Sprachrohr diente, welches sich Baldwin 1926 in Grossbritannien vorgestellt hatte. Wenngleich sich dem einzigen Radiosender Voice of Israel 1960 ein lockerer Kanal hinzugesellte, so teilten sie doch ein gemeinsames Nachrichten- und Redaktionssystem und wurden als Arm der Regierung geführt.

Der Umschwung kam 1965, als die Regierung erkannte, dass der öffentliche Rundfunk besser ebenso unabhängig wäre wie das Gerichtssystem, und daher die Israelische Rundfunkbehörde (Israel Broadcast Authority, IBA) ins Leben rief, die ihre Gehälter – ebenso wie die BBC – nicht aus dem Staatshaushalt, sondern direkt aus den Gebühren der Zuhörer beglich.

1968 kam ein Fernsehsender zu den beiden Radiostationen hinzu und die IBA avancierte zu einem Medienimperium. Die Israelis nannten ihren Fernsehsender bald liebevoll „das Lagerfeuer des Stammes“, weil die Verfolgung der Nachrichtensendungen, Talkshows, Serien, Sportprogramme und Spielfilme ihres einzigen Fernsehsenders an den meisten Abenden die Lieblingsbeschäftigung nahezu aller Israelis war.

Suche nach einem ausgewogeneren Journalismus

All das schien gut zu sein, bis 1973 die ägyptischen und syrischen Armeen die IDF überraschten. Der folgende Sieg Israels im Jom-Kippur-Krieg verhinderte nicht das öffentliche Erdbeben, das 1977 die politische Vormachtstellung der Arbeitspartei beendete.

Eine Begleiterscheinung dieses Erdbebens war die Mutmassung, dass die vom öffentlichen Rundfunk dominierten Medien der Regierung gegenüber unkritisch gewesen waren und somit dazu beigetragen hatten, den Personenkult der Politiker und Generale zu unterstützen, welche die arabischen Intentionen und Fähigkeiten unterschätzt hatten.

Die Suche nach einem ausgewogeneren Journalismus kam während des Libanonkriegs 1982 auf einprägsame Weise zum Ausdruck, als der damalige Vorsitzende der IBA, Tommy Lapid, seinen Reportern gegenüber sagte: „Wir sind objektiv, aber wir sind nicht neutral“, womit er meinte, es solle keinen Widerspruch zwischen Journalismus und Patriotismus geben.

DIE ERNENNUNG von Lapid, der dem Lager der Gegner der Arbeitspartei angehörte, war Teil der Bemühungen der Likud-Partei, den öffentlichen Rundfunk von der an der Arbeitspartei orientierten Ausrichtung der Gründer der Organisation wegzusteuern. Die Kämpfe über die politische Orientierung der Nachrichten gerieten jedoch angesichts der industriellen Anforderungen, die ihre Gründer nicht vorausgesehen hatten, bald ins Hintertreffen.

Zuerst brachte das Kabelfernsehen 1990 Dutzende ausländischer Kanäle in die israelischen Wohnzimmer, wodurch die Einschaltquoten des öffentlichen Fernsehens zusehends in den Keller fielen. Mit dem Start von Channel 2 im Jahr 1993 kamen dann die Privatsender, deren Geschäftsmodell nicht auf den Gebührenzahlungen der Zuschauer, sondern auf Werbung basierte und deren Mitarbeiter nicht in Gewerkschaften organisiert und daher einfacher einzustellen und zu kündigen waren.

Brutstätte der Korruption

Da er erkannte, dass die Israelis neue Fans waren, gründete der junge Kanal ein Nachrichtenunternehmen, das sich aus der verkauften Werbung finanziert. In Ermangelung der Ressourcen ihrer neuen Konkurrenten und gelähmt durch Gewerkschaften, die es unmöglich machten, überzählige Mitarbeiter zu entlassen, war die IBA mittlerweile zu einer Brutstätte der Korruption verkommen, die überhöhte Gehälter an Mitarbeiter zahlte, die mitunter längst nicht mehr zur Arbeit erschienen und denen es nicht gelang, qualitativ hochwertige Sendungen zu produzieren.

Die Notwendigkeit, den öffentlichen Rundfunk neu zu erfinden, war offensichtlich geworden. Aus diesem Grund entschied die Regierung 2013, die IBA aufzulösen und an ihrer statt eine neue Gesellschaft zu gründen.

Den IBA-Veteranen bot man Vorruhestandspakete an und der Rest der Beschäftigten wurde entlassen. Einige Hundert von ihnen wechselten bei wesentlich geringerer Bezahlung zur neuen Israelischen Rundfunkgesellschaft (Israel Broadcast Corporation, IBC) und die neuen sieben Radiokanäle der IBC sowie zwei Fernsehsender – ein hebräischer und ein arabischer – gingen im vergangenen Mai auf Sendung.

Geplant ist bei der IBC ein Mitarbeiterstab von nur 750 Angestellten – im Vergleich zu den früheren 2.000 Beschäftigten der IBA – und die Durchschnittsgehälter sollen nur knapp zwei Drittel der ehemaligen IBA-Vergütungen betragen. Dennoch sind die grössten Veränderungen bei der IBC nicht im Bereich der Kosten zu finden, sondern in ihrem Geschäftsmodell.

Lesen der Morgenzeitung in der Ben Yehuda Street in Jerusalem. Foto Adam Jones from Kelowna, BC, Canada, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35364898
Lesen der Morgenzeitung in der Ben Yehuda Street in Jerusalem. Foto Adam Jones from Kelowna, BC, Canada, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35364898

Im Gegensatz zur BBC finanziert sich die IBC nicht aus öffentlichen Rundfunkgebühren und auch nicht, wie im Dienstleistungsmodell des amerikanischen öffentlichen Rundfunks, durch eine Mischung aus Regierungsförderung und Unternehmenssponsoring, Stiftungsgeldern und öffentlichen Spendenmarathons. Stattdessen ist die IBC zu hundert Prozent staatlich gefördert, wird jedoch von einem öffentlichen Aufsichtsorgan gesteuert, welches auch deren Vorsitzenden und Geschäftsführer ernennt.

Entscheidend ist, dass das Nachrichtengeschäft der IBC durch eine separate öffentliche Gesellschaft bedient werden soll, die nicht Teil der IBC ist, und die gegenüber einem separaten Vorstand verantwortlich ist, welcher die gesamte Bandbreite des Spektrums der komplexen israelischen Gesellschaft repräsentiert.

Die Vision ist, dass die automatische Förderung dazu führen wird, dass der öffentliche Rundfunk die Einschaltquoten ignoriert und somit in qualitativ hochwertige Dokumentationen investiert, während sein heterogener Vorstand gleichzeitig eine bessere Reflexion der unterschiedlichen sozialen Hintergründe und politischen Ansichten gewährleistet.

Kritiker meinen, diese Reform sei darauf ausgelegt, der Regierung ein eigenes Sprachrohr zu verschaffen, da sie ja als Gründer der neuen Gesellschaft auch deren Inhalt kontrollieren würde. Befürworter sind der Ansicht, dass die Reform dazu beitragen wird, die Berichterstattung auszubalancieren. Inwieweit dies erreicht werden wird, wird man erst nach dem Launch des Nachrichtenunternehmens sehen, der allerdings derzeit noch offen ist.

Unterdessen befindet sich die israelische Nachrichtenbranche in einem scharfen Wettbewerb unter den zehn grössten privaten Tages- und Wochenzeitungen (in vier Sprachen), einer Fülle an Radiosendern und Internetseiten sowie vier Fernsehsendern, darunter Channel 11 der IBC und den Kanälen 10, 12 und 13, welche die Dienste werbefinanzierter privater Nachrichtenunternehmen nutzen.

Das anvisierte Ziel des Nachrichtenunternehmens wird es daher sein, sich einen Ruf der Professionalität, Unparteilichkeit und des Tiefgangs zu schaffen, der es über die bestehenden Branchenstandards hebt.

Es ist ein einschüchterndes Ziel, wenn es jedoch erreicht wird, könnte es sich letzten Endes als das Rezept erweisen, das der öffentliche Rundfunk seit dem britischen Generalstreik im Jahr 1926 sucht.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel's TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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