KZ Dachau. Foto E4024, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46523521
KZ Dachau. Foto E4024, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46523521

„Ich fände es sinnvoll, wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben. Das gilt auch für jene, die neu zu uns gekommen sind. KZ-Besuche sollten zum Bestandteil von Integrationskursen werden.“

 

Sawsan Chebli, SPD, Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, hat mit dieser Idee eine emotionale und kontroverse Diskussion ausgelöst. Hinter ihrem Vorstoss steckte die Absicht, die Migranten, vor allem aus muslimisch-arabischen Ländern, besser in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und ihnen so ein wichtiges Element deutscher Geschichte näher zu bringen.

Erzeugen Pflichtbesuche Widerstand?

Gegner monierten, dass „Pflichtbesuche“ Aversion und Widerstand erzeugen könnten. Das mag sein, doch Migranten werden auch gezwungen, die deutsche Sprache zu erlernen und Kurse in Deutschkunde zu nehmen. Könnte vielleicht auch das Erlernen der Landessprache Aversionen erzeugen, oder sind sich vielleicht doch alle einig, dass eine gute Kenntnis der Landessprache eine der wichtigsten Voraussetzung für eine gelungene Integration in die neue Gesellschaft ist? Wer sich gegen die vorgeschlagenen „Pflichtbesuche“ in den ehemaligen KZs ausspricht, scheint nicht wahrnehmen zu wollen, dass die schwarze deutsche Vergangenheit während des Tausendjährigen Reiches und vor allem der Holocaust, also der Massenmord an 6 Millionen Juden, einen grösseres Einfluss auf das heutige deutsche Selbstbewusstsein hat, als Bismarck, Kaiser Wilhelm, Goethe, Bach oder der Erste Weltkrieg. Bei jedem Schritt ins Ausland wird ein Deutscher mit dieser Vergangenheit konfrontiert, ob er will oder nicht.

Das lebendige Judentum erleben

Andere Kritiker, wie Gerd Buurmann auf seinem Blog monieren, dass schon mit Stolpersteinen, Mahnmalen und Gedenkfeiern ständig nur auf tote Juden hingewiesen würde. Viel wichtiger sei es daher, junge Migranten auch mal mit „lebendigen Juden“ zu konfrontieren. Er schlägt deshalb vor, die jungen Menschen zu Besuchen in Synagogen in Deutschland zu verpflichten, oder mit ihnen nach Israel zu fliegen, denn, so Buurmann: “Wer Menschen auf ihren Status als Opfer reduziert, erwartet irgendwann auch von ihnen, Opfer zu sein. Der Schritt, sie zu Opfern zu machen, ist dann nicht mehr weit.“ Und weiter: „Solange in Deutschland mehr Denkmäler für ermordete Juden stehen als für Juden, die aus ihrer eigenen Schöpfungskraft etwas erreicht haben, werden es lebendige Juden in diesem Land schwer haben.“

In Auschwitz zum Deutschen werden

Es gibt durchaus schon Erfahrungen mit Auschwitzbesuchen von Migranten. Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, schilderte, wie ein Besuch in Auschwitz auf ihn gewirkt hat. „Wenn es einen einzigen Moment gibt, an dem ich ohne Wenn und Aber zum Deutschen wurde, dann war es nicht meine Geburt in Deutschland, es war nicht meine Einbürgerung, es war nicht das erste Mal, als ich wählen gegangen bin. Schon gar nicht war es ein Sommermärchen. Es war letzten Sommer, als ich den Aufkleber an die Brust heftete, vor mir die Baracken, hinter mir das Besucherzentrum: deutsch.“ Ähnlich reagierten auch Schüler aus Migrantenfamilien.

Judenhass in arabischen Ländern

Ein Element ist bei der Diskussion bisher überhaupt nicht bedacht worden. Politiker beklagen und Umfragen bestätigen einen weit verbreiteten Antisemitismus vor allem bei Migranten aus arabischen Ländern. Entschuldigend wird erklärt, dass die Migranten diesen Judenhass schon mit der „Muttermilch“ aufgesogen hätten. Ebenso werden die „Verbrechen“ Israels an den Palästinensern, also an Arabern, verständnisvoll erwähnt, um die anti-jüdischen Gefühle junger, nach Deutschland gelangter Araber zu „erklären“. Das geht sogar so weit, dass ein deutscher Richter einen Brandanschlag auf die Synagoge in Wuppertal nicht als Antisemitismus verurteilt hat, sondern darin legitimen Widerstand gegen die Politik Israels sah.

Nur wenige Kritiker des Vorschlags von Chebli scheinen sich bewusst zu sein, dass der heute in arabischen Ländern so verbreitete Judenhass genauso zur deutschen Geschichte gehört, wie das Vernichtungslager Auschwitz in Polen.

Wenn heute in arabischen Ländern anti-israelische Karikaturen auffällig den antisemitischen Bildern der Nazi-Zeitschrift „Der Stürmer“ ähnlichsehen, dann hat das einen guten Grund und der heisst Hadsch el Amin Husseini. Gemeint ist der damalige Mufti von Jerusalem, der über Irak nach Berlin flüchtete und dort mit allen Ehren von Hitler empfangen worden ist. Die typisch antisemitischen Ideologien, Bilder und Vorstellungen hat dieser Mufti mit einem vom deutschen Auswärtigen Amt finanzierten Radiosender bis in den letzten Winkel der arabischen Welt getragen. Weil damals noch kaum jemand ein eigenes Radio hatte, wurde der Antisemitismus in Kaffeehäusern und anderen Versammlungsorten zwischen flotter Musik und Lokalnachrichten und auch über die Moscheen verbreitet. Es ist auch kein Zufall, dass sogar heute noch in arabischen Karikaturen die Israelis mit schwarzen Kaftanen, riesigen Hakennasen und als kinderfressende Monster dargestellt werden, genauso wie die Nazis die Ostjuden im Stürmer gezeichnet haben. Der Mufti hatte eine eigene muslimische SS-Truppe aufgestellt und war sowohl an der Deportation von Juden aus dem Balkan in die Vernichtungslager aktiv beteiligt, als auch federführend bei Pogromen gegen Juden im Irak. (Farhud)

Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen

Bei einem Besuch von jungen Deutschen und Migrantenkindern in Auschwitz oder anderen ehemaligen KZ-Lagern sollte daher genau diese Vergangenheit intensiv aufgearbeitet werden. Dann könnten auch Jugendliche mit arabischen Wurzeln erkennen, dass sie mit Deutschland mehr gemein haben, als vielen bewusst ist. Im Rahmen der von Deutschen so intensiv betriebenen „Vergangenheitsbewältigung“ wäre das vielleicht eine durchaus gesunde Methode, Migranten aus der arabischen Welt an diesem Projekt zu beteiligen. Ein Nebeneffekt könnte sein, dass Jugendliche lernen, das von ihnen traditionell gehasste Israel etwas nüchterner zu betrachten. Zusätzlich könnte man in die Betrachtung des Nahostkonflikts auch die Vertreibungen der Juden aus den arabischen Ländern mit einbeziehen.  Der in Deutschland verbreitete Spruch, wonach Israel-Kritik legitim sei und nichts mit Antisemitismus zu tun habe, kann gerade aufgrund dieser propagandistischen Tradition in arabischen Ländern widerlegt werden. In seinem Standardwerk The Jews of Islam stellte der Islam-Historiker Bernard Lewis dar, wie mit der Übernahme nationalistischer Ideologien aus dem Westen und im Zuge der Palästinafrage im 20. Jahrhundert der europäische Antisemitismus Eingang in den Nahen Osten gefunden habe. „Die Geschichte des islamischen Antisemitismus begann, als das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert geschwächt wurde und sich der Hass türkischer Muslime gegen ethnische und religiöse Minderheiten richtete, so auch gegen Juden. Das ideologische Rüstzeug dafür wurde aus dem Westen importiert. „Die ersten antisemitischen Pamphlete in arabischer Sprache“, schreibt Lewis, „erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Sie wurden aus den französischen Originalen übersetzt… Die meisten Übersetzungen stammten von arabischen Katholiken, Maroniten oder anderen Unierten“, also Angehörigen von mit Rom verbundenen christlichen Gemeinschaften.“ (nach Bassam Tibi, Die Zeit 2003)

„Wenn man sieht, wie heute in der arabischen und islamischen Welt Antijudaismus verbreitet wird, durch Bücher, durch Propaganda in der Presse, durch Karikaturen, durch religiöse oder politische Aussagen, wie gross der Nationalsozialismus in der arabischen Welt geschrieben wird, dann bekommt man eine andere Erklärung als das Leiden (der Palästinenser) dafür, dass ein Palästinenser oder eine Palästinenserin sich sagen, heute werde ich Israelis töten. Allein die Tatsache, dass Hitlers ‚Mein Kampf‘ in über 22 arabischen Übersetzungen erschienen ist, spricht für sich. In der arabischen und moslemischen Welt herrscht eine Pädagogik der Vernichtung, die mit der Zeit in Europa in den 20er und 30er Jahren verglichen werden kann. Leider wird über dieses Phänomen in der westlichen und besonders der europäischen Presse nur sehr selten berichtet.“ Eldad Beck, Deutschlandkorrespondent der israelischen Tageszeitung Israel Hayom.

Natürlich darf jeder die israelische Regierungspolitik kritisieren, obgleich diese Kritiker keinen Anlass sehen, die palästinensische, syrische, irakische oder ägyptische Politik zu kritisieren. Wenn jedoch die typischen antisemitischen Motive aus der Nazi-Zeit dabei einfliessen, muss man nüchtern feststellen, dass auch die obsessive Israel-Kritik von antisemitischen Gefühlen geschürt wird.

Subtilen Antisemitismus erkennen

Sogar in der nüchternen dpa-Meldung zu der Empfehlung der SPD-Politikerin Chebli schwingt dieser subtile Antisemitismus mit. Denn warum sonst wird in dem Bericht betont, dass Chebli „selbst Tochter palästinensischer Flüchtlinge“ sei. Was soll das bedeuten? Dass eine deutsche Politikern keine eigene Meinung zum Judentum haben könne, weil oder obwohl sie von palästinensischen Flüchtlingen abstammt. Soll damit ausgedrückt werden, dass diese Flüchtlinge „Opfer der Opfer“ geworden seien, dass die Israelis mit Nazis gleichgesetzt werden könnten? Bei anderen dpa-Berichten zur Energiewende, zur Migrantenpolitik oder Steuerfragen wird bei der Erwähnung deutscher Politiker niemals betont, dass sie erzkatholisch oder streng protestantisch seien oder dass sie bei Geldfragen knausern, weil sie vielleicht aus dem Schwabenland stammen. Solche Charakterisierungen sind reiner Rassismus, der sonst fast nur bei Juden verwendet wird. In den Medien wird vor allem bei jüdischen Israel-Kritikern immer wieder betont, dass sie „Jude“ seien oder gar Nachkommen von Holocaustüberlebenden, zum Beispiel bei Abraham Melzer, Mosche Zuckermann, Uri Avnery oder Evelyn Hecht-Galinsky. Dass auch der von ihnen so heftig kritisierte israelische Premierminister Benjamin Netanjahu oder Avigdor Liberman ebenso Juden sind, fällt dabei unter den Tisch. Selbstverständlich ist es andererseits legitim, den persönlichen Hintergrund als Jude oder Kind von palästinensischen Flüchtlingen hervorzuheben in einem Portrait eines Politikers, wie bei Chebli im Tagesspiegel.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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