Letzte Woche verstarb der bekannte israelische Schriftsteller und vielgekrönte Literatur-Preisträger, Aharon Appelfeld. Der 85-Jährige hinterlässt neben Ehefrau, Kindern und Enkelkindern, einen reichhaltigen Schatz an literarischen Werken. Seine 46 Bücher wurden in 35 Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt und weltweit gelesen.

 

Im neuen Kultfilm Die dunkelste Stunde fragt sich ein ungläubiger Zuhörer, wie Winston Churchill es mit seiner Rede im britischen Parlament wohl geschafft hat, die ehedem spürbare Skepsis des Publikums in stürmischen Beifall umzuwandeln. Churchill-Rivale Lord Halifax weiss die Antwort: “Er (Churchill) hat die Englische Sprache mobilisiert und sie in den Kampf geschickt”.

Mich hat dieser Kernsatz an Aharon Appelfeld erinnert. Sprache war für den Schriftsteller nämlich auch ein mächtiges Handwerkszeug, das er meisterhaft einzusetzen wusste. Trotzdem hatte der stets betont-leise und bedächtig-sprechende Appelfeld, der als 9-Jähriger unter schwierigsten Umständen den Holocaust überlebte, ein ambivalentes Verhältnis zu Wort und Sprache. Er bevorzugte das Schweigen.

„Das Gesagte hat Grenzen, das Ungesagte regt die Fantasie und den Denkprozess an“

Während des Holocausts schwieg er, um nicht erwischt zu werden, um nicht aufzufallen, um seinen Akzent nicht preiszugeben. Er schwieg so lange, bis die Muskeln in seinem Gesicht verkümmerten. Nach Kriegsende konnte er sich denn auch nur noch stotternd verständigen, was ihn abermals dazu veranlasste, zu schweigen, weil er sich seines Sprachfehlers schämte. „All das gab mir aber auch einen grossen Vorteil. Den Vorteil des Schweigers“, erkläre Appelfeld im Vorjahr in einem Interview mit Zippi Gon Gross. Das Schweigen habe ihm als jungen Menschen die Augen geöffnet und ihm das Zuhören und Beobachten gelehrt. Als er zu schreiben begann, in Hebraïsch – einer Sprache die er erst als 14-Jähriger in mühselig-autodidaktischer Weise erlernte, da erkannte er schliesslich vollends, dass „das Ungesagte weit wichtiger ist als das Gesagte“.

„Das Gesagte hat Grenzen, das Ungesagte regt die Fantasie und den Denkprozess an“, so Appelfeld weiter. Das Reden würde zur Geschwätzigkeit, zum Trivialen, zur Wiederholung verführen. Das echte Schweigen, hingegen, sei niemals banal. Im Gegenteil. „Im Universum des Schweigens entsteht Kunst”, davon war Appelfeld überzeugt.

Seine Kunst war es denn auch, eine ganz eigene Sprache zu finden, eine Sprache, die seiner persönlichen Stimme Ausdruck verlieh, die, in seinen Worten “suchte, nicht zu verfälschen und nicht zu beschönigen… sondern den Kern der Sache zu treffen”.

Viele bezeichneten Appelfeld als Holocaust-Schriftsteller. Er selbst setzte seinen Fokus breiter, wollte die jüdische Einsamkeit und Migration vermitteln. Zwar behandelten seine Bücher die Thematik der Shoah, allerdings zumeist in indirekter Weise. Auch das erklärte er mit der Unzulänglichkeit der Worte. Die Sprache, so der Autor immer wieder, könnte das Grauen einfach nicht vermitteln. “Die Realität des Holocausts übertraf jegliche Vorstellungskraft” erklärte Appelfeld in einem Interview mit dem Schriftsteller Philip Roth. Wenn er die Fakten wahrheitsgemäss widergäbe, würde ihm niemand glauben.

Der gebürtige Bukowiner hat tatsachlich Unsagbares erlebt. Als Kind musste er zusehen, wie seine 32-jährige Mutter während eines Aufenthaltes bei den Grosseltern, in den Karpaten, von Nazis erschossen wurde. Ihm gelang es gemeinsam mit seinem Vater zu entfliehen und in seine Heimatstadt Czernowitz zurück zu gelangen. Dort kamen die beiden zunächst ins Ghetto, bevor sie in das Zwangslager Transnistrien deportiert und voneinander getrennt wurden. Völlig auf sich allein gestellt, schaffte es der Junge dennoch aus dem Lager in die ukrainischen Wälder zu entkommen. Dort schloss er sich einer Bande von Kriminellen an, die ihn als Laufbursche einsetzten, bevor er bei der Dorfprostituierten Unterschlupf fand. Danach arbeitete er als Koch in der sowjetischen Armee. Im Alter von 14 Jahren kam er über Rumänien und Italien nach Israel und brachte sich Hebraïsch bei, indem er immer wieder weite Teile der Bibel abschrieb. Nach Aufenthalten in diversen Kibbuzim und landwirtschaftlichen Gemeinden sowie dem Armeedienst, schrieb sich Appelfeld, der aufgrund seines frühen Leidensweges keine geregelte Schulausbildung besass, in die Hebrew University in Jerusalem ein. Er schloss sein Studium mit einem Masters Degree in Hebraïscher und Jiddischer Literatur ab und wurde Literaturprofessor an der Ben Gurion Universität.

Zu schreiben begann Appelfeld Anfang der 60er Jahre. Kurz davor hatte er noch ein Schlüsselerlebnis. Auf einer Liste von Holocaust-Überlebenden, die kürzlich in Israel eingetroffen waren, entdeckte er den Namen Michael Appelfeld. Es war der Name seines Vaters. Er fand heraus, wo sich der Mann aufhielt und machte sich, ohne Vorwarnung auf den Weg in den bezeichneten Ort. Dort sagte man ihm, der Gesuchte arbeite in einem Orangenhain und wies ihn auf einen, wie Appelfeld später erzählte, „sehr alten“ Herren hin, der auf einer Leiter stand und Obst pflückte. Der Schriftsteller, der auf tragische Weise vor knapp zwanzig Jahren von seinem Vater getrennt worden war, ahnte sofort, vor wem er stand. Trotzdem flüsterte er bloss fragend und in der Sprache seiner Kindheit: „Herr Appelfeld?“ Der dergestalt-Angesprochene stieg herab und brach in stille, endlose Tränen aus. Auch später, während des ganzen darauffolgenden Tages, brachte Michael Appelfeld kein einziges Wort heraus. Der Sohn blieb ebenfalls stumm. Was in den beiden Männern vorgegangen sein mag, wie schwierig diese Begegnung für beide wohl war, das sucht der israelische Autor Dror Burstein in einem berührenden Essay nachzuvollziehen. Dabei weist Burstein auch darauf hin, dass die meisten Autoren ein solch schicksalhaftes Treffen ausgenützt und melodramatisch geschildert hätten. Nicht aber Aharon Appelfeld. Er sprach selten über den Moment und wenn, dann nur in wenigen, knappen Sätzen. Auf die Frage, warum er denn nur „Herr Appelfeld?“ über die Lippen gebracht hatte, antwortete er nur: „Ich war nicht sicher, ob er Vater war“. Die Mehrdeutigkeit dieser Worte liess er im Raum stehen. Die Emotionen des Augenblicks und die Schwierigkeit der Vater-Sohn-Beziehung nach einer derart traumatischen Zäsur, so Appelfeld, seien überwältigend gewesen; Sprache hätte ihnen einfach nicht gerecht werden können.

Dauerhafte Heimat in der Hebräischen Sprache

Trotzdem nutzte Appelfeld seine ausserordentliche Eloquenz, um, wie sein englischer Übersetzter J.Green erklärt, “zu schreiben, als sei Hebraïsch die Übersetzung einer Sprache, die nicht existiere, der komplexen linguistischen Landkarte der Juden vor dem zweiten Weltkrieg und der Sprache jener, die keine Muttersprache besässen, einem Hebraïsch, ‘neben dem’ Hebraïsch, das dem Schweigen eine Stimme erteilen [würde].”

Auch Benjamin Ivry beschäftigt sich in der Zeitschrift Forward mit Applefelds Verhältnis zu Wort und Schrift, setzt dabei aber einen anderen Schwerpunkt: „Aharon Appelfeld erfuhr Deportierung, Enteignung und Entwurzelung, bis er im Alter von vierzehn Jahren Jerusalem erreichte. Danach fand er eine dauerhafte Heimat in der Hebräischen Sprache“. Trotz der breitgefächerten Natur seiner Werke, so Ivry weiter, hätten alle Bücher von Aharon Appelfeld ein gemeinsames Thema: seine Hingabe an die hebräische Sprache und an die Inspiration, die sie vermittelt.

Aharon Appelfeld. 1932 – 2018.  Israel und die Welt wird seine Sprache, seine Stimme und sein Schweigen vermissen.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

Alle Artikel
Diesen Beitrag teilen
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •