„Wäre Hitler nicht gewesen, wäre Deutschland heute Israel.“ Diesen hasserfüllten Satz äusserte eine zum Islam konvertierte und mit einem Ägypter verheiratete Ostdeutsche Mitte Vierzig im Frühjahr 2016 in Berlin. Kein Einzelfall. Der aktuelle Juden- und Israelhass ist ein bedrückend weit verbreitetes Phänomen.

 

von Sylke Kirschnick

Seit fast zwei Jahrzehnten wächst er auch in Deutschland wieder an, was man mit den Worten Robert S. Wistrichs  „den alten Judenhass in neuem Gewand“ nennen kann. Neu an ihm ist die offen zur Schau gestellte ideologische Allianz linker, rechter, mittiger, christlicher und muslimischer Akteure im Internet und auf der Strasse. Seit dem Jahr 2000, dem Beginn der Zweiten Intifada in Nahost und dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge, lässt sich dieser alt-neue Antisemitismus in Deutschland mit zunehmender Lautstärke und Frequenz vernehmen. Unter anderem deshalb schlossen sich im Jahr 2007 „Akademiker für den Frieden in Nahost“ in einem Verein zusammen.

Am 9. und 10. Dezember 2017 fand in der Bildungsakademie des Zentralrats der Juden in Deutschland das von Elvira Grözinger organisierte Symposium des Vereins mit dem Titel „Seit 150 Jahren aktuell: Antisemitismus, Nahost und kein Ende“ statt. Es war das zehnjährige Jubiläum der deutschen Sektion des international operierenden Zusammenschlusses engagierter Intellektueller.

Begrüsst vom Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, Daniel Botmann, und Jeremy Issacharoff, dem Botschafter des Staates Israel in Deutschland, trafen sich Journalisten, Politiker, Wissenschaftler und Vertreter der zivilgesellschaftlichen Bildungsarbeit gegen Antisemitismus zur Diskussion der Lage. Auch Richard Landes folgte als Vertreter der amerikanischen Sektion den Ausführungen.

Die aus der Bundesrepublik, Österreich, den USA und Israel angereisten Teilnehmer bekamen exzellente Beiträge zu hören. Es kam punktuell zu kontroversen Einwänden, etwa wenn es um die entschiedene Ablehnung der AfD oder die Rolle junger Israelis in Deutschland ging.
Die Keynote hielt Asaf Romirowsky als Direktor der amerikanischen Sektion der Akademiker für den Frieden im Nahen Osten. Er nannte neben der BDS-Kampagne und der Identitätspolitik den anhaltenden Einfluss von Edward Saids Orientalismus-Studie und die Wirkung von Judith Butlers Aktivitäten im akademischen Milieu als mobilisierende Faktoren. All das forciert die Feindschaft gegen Israel immer wieder aufs Neue. Die Positionen des verstorbenen Said und Butlers ideologisch verzerrte Israelkritik sind auch hierzulande unter Wissenschaftlern beliebt. Doch ist die Situation in Deutschland, das wurde schnell klar, durch weitere Faktoren geprägt. Beklemmend waren die Einschätzungen und Berichte zur gegenwärtigen Situation. Michael Wuliger von der „Jüdischen Allgemeinen“ konnte bei seinem vorsichtigen Ausblick auf die Situation in Berlin ,unverkennbar ironisch nur auf die schönen Aussichten auf Polizisten mit grossfamiliärer Anbindung und jahrzehntelangem Migrationshintergrund aus dem Nahen Osten hinweisen. Malte Lehming vom „Tagesspiegel“ wollte und konnte diese Befürchtungen nicht entkräften. Man erinnere sich daran, dass das liberale Blatt sehr rasch und in wünschenswerter Deutlichkeit über die hassgetränkten Demonstrationen gegen Israel im Juli und August 2014 berichtet hatte. Auch Simon Aktsinat von der „Jüdischen Rundschau“ und Benjamin Weinthal von der „Jerusalem Post“ sahen die Situation als bedrohlich an.

Die Beziehung Deutschlands zum Orient

Alexander Grau vom „Cicero“ verwies auf das romantisierte Orientbild und die historischen Beziehungen Deutschlands in den osmanisch-arabischen Raum. Von Goethes „West-östlichen Divan“ über die Palästinareise Wilhelms II. im Jahr 1898 bis hin zum deutschen Diplomaten und Orientalisten Max von Oppenheim wurde eine Nähe zur islamisch dominierten Region aufgebaut. Die Beispiele liessen sich durch Lessing, Novalis, Wilhelm Hauff, die Ägyptomanie, die beiden Marokkokrisen, die Beziehungen Hitlers zum Mufti von Jerusalem oder der DDR zu den arabischen Staaten und zur PLO unter Arafat, der bundesdeutschen Neuen Linken zur Fatah ergänzen und bis auf den heutigen Tag fortsetzen. Tatsächlich – so kann man hinzufügen – hatte Said Deutschland in seiner Orientalismus-Studie unberücksichtigt gelassen.

Erstens war das Interesse Deutschlands am Orient selbst aus seiner Sicht vorrangig wissenschaftlich-philologischer Natur. Es hat unbestritten Orientalisten wie Johann David Michaelis, einen Theologen der Aufklärung, gegeben. Doch dieser wenig einflussreiche Gelehrte war judenfeindlich und kein ausgesprochener Araber- oder Muslimhasser. Der Hass auf so genannte Orientalen bezog sich in Deutschland auf Juden, nicht auf Christen und Muslime. Wenn Christen wie die Armenier bei Karl May als Orientalen abgelehnt werden, dann werden sie mit Juden in Verbindung gebracht.

Zweitens waren England, Frankreich und die USA, die Said als Kolonialstaaten und Imperialisten vor allem im Auge hatte, im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Feinde und unliebsame Konkurrenten des Deutschen Reichs, das mit dem Osmanischen Reich verbündet gewesen ist. Drittens lässt Said die UdSSR wie auch die DDR mit ihrer angeblich antiimperialistischen, tatsächlich schlicht antiwestlichen Bündnispolitik komplett ausser Acht. Wie wirksam diese Wahrnehmungsmuster à la Said in Deutschland sind, belegen ‚Nahost-Experten‘ wie Jürgen Todenhöfer oder Michael Lüders. Beide sind ausgesprochen pro-palästinensisch und werden von Medienanstalten als Kommentatoren gern herangezogen. Das wurde in der Diskussion auf der Tagung klar benannt.

Für Michaela Engelmeier vom SPD-Bundesvorstand ist Jerusalem – völlig unabhängig von Donald Trump – die Hauptstadt von Israel. Das entspricht den historischen Fakten. Ihr Vortrag fasste die deutsch-israelischen Beziehungen auf staatlich-politischer Ebene seit den 1960er Jahren zusammen. Zumindest die westdeutschen Beziehungen. Seitens der DDR gab es innenpolitisch einen institutionalisierten Israelhass, für den sich die letzte DDR-Volkskammer nach der Wende entschuldigte. Das kann in einer späteren SPME-Veranstaltung nachgeholt werden. Die Haltungen und Äusserungen mancher prominenter SPD-Politiker wie Sigmar Gabriel löste bei manchen Teilnehmern Befremden und Widerspruch aus. Doch war Michaela Engelmeier, darin war man sich einig, die falsche Adresse. Aus israelischer Perspektive sprachen Mordechay Lewy und Rogel Rachman.

Wie schwierig es in einer akademischen Landschaft ist, die viel über das Judentum urteilt und spricht, aber wenig Bescheid weiss, ging aus dem Beitrag des Judaisten Karl E. Grözinger hervor. Oft sind die Wahrnehmungen und Deutungen christlich und politisch-ideologisch perspektiviert. Das gilt auch für den Zionismus. Anders als das Christentum und der Islam ist das Judentum eine Nationalreligion. Da das Judentum nicht missioniert und Nationalstaatlichkeit, welche Rechte garantiert, etwas anderes ist als Nationalismus, gibt es nur einen jüdischen Staat und dieser verfügt über 20 % nichtjüdische Staatsbürger. Die übliche Unterscheidung zwischen Antijudaismus und Antisemitismus mag sich den in der Wissenschaft gebräuchlichen Praktiken des Kategorisierens, Klassifizierens und Differenzierens verdanken, empirisch besonders belastbar ist sie nicht, zumal viele judenfeindliche Stereotype säkulare Umdeutungen religiöser Hassbilder sind.

Forschungen von Prof.Monika Schwarz-Friesel

Auch deshalb nannte Monika Schwarz-Friesel den Antisemitismus in ihrem Vortrag „ein Chamäleon“. Hinzu kommt, dass Judenfeindschaft sich unter anderem dadurch von anderen Formen der Menschenfeindschaft unterscheidet, indem Juden von Antisemiten als ‚Feinde der Menschheit‘ schlechthin konzeptualisiert werden. Den Ergebnissen ihres von der Deutschen Forschungsgemeinschaft  (DFG) geförderten Projekts zufolge ist der auf Israel bezogene Antisemitismus die aktuell quantitativ und qualitativ massivste Form der Judenfeindschaft. Medienanalysen belegen das eindringlich. Ohne den Rechtsextremismus kleinreden zu wollen, so betonte sie, kommen die wichtigsten Träger und Akteure des Israelhass religiös und politisch-ideologisch eher von muslimischer und linker Seite sowie aus der Mitte der Gesellschaft. Damit widersprach Schwarz-Friesel den Befunden der offiziellen Expertenkommission. Und dies, so muss man hinzufügen, zu Recht. Seit siebzehn Jahren ignoriert oder bagatellisiert das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung linken und muslimischen Antisemitismus.

Wieviel in dieser Einrichtung an wissenschaftlicher Expertise fehlt, wurde erneut im nächsten und letzten Panel deutlich. Michael Spaney, Jörg Rensmann, Klaus Thörner, Cordula Behrens und Levi Salomon berichteten über das Juden- und Israelbild in deutschen und palästinensischen Schulbüchern sowie über die Probleme in der Lehrerfortbildung.

Leider wurde das Sujet der Beiträge wenig überraschend, aber doch reichlich deprimierend durch die hassdurchtränkten Demonstrationen gegen Israel und gegen Juden in Berlin am Brandenburger Tor und quer durch die Bundesrepublik anschaulich vergegenwärtigt. Wie so oft in den letzten beiden Jahrzehnten. Es muss, das bleibt zu hoffen, ja nicht so bleiben.

Sylke Kirschnick ist promovierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Literatur und Kultur und arbeitet an einer Habilitationsschrift zum Thema Judenfeindschaft und Orientalismus im deutschsprachigen Raum.          

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