Nur unter “israelischer Besatzung” kann sich so etwas ereignen: Ein israelischer Offizier und sein Unteroffizier stehen in der Nähe eines Hauses bei Ramallah passiv herum, während sie beschimpft, geohrfeigt und getreten werden. Die IDF darf keine Die-andere-Wange-hinhalten-Doktrin einführen, sondern muss die an solchen Provokationen Beteiligten mit der ganzen Härte des Gesetzes bestrafen.

 

von Prof. Hillel Frisch

Am Freitag, den 13. Dezember, wurden ein israelischer Offizier und sein Unteroffizier von einer jungen Frau verbal attackiert, als sie in der Nähe eines Hauses im Dorf Nabi Salih standen. Durch ihre Weigerung, zu reagieren, fühlte sich die Frau bestärkt und ging dazu über, sie zu schubsen, zu ohrfeigen und zu treten. Dabei wurde sie nicht nur von Freundinnen angespornt, die begierig darauf waren, die Szene mit ihren Smartphones zu filmen; auch ihre Mutter – die, zusammen mit ihren älteren Söhnen auf eine lange Geschichte gewalttätiger Proteste zurückblickt – kam aus dem Haus, um ihre Tochter dabei zu unterstützen, die Soldaten anzupöbeln. (Wenn nichts anderes, so beweist dieser Vorfall zumindest die Unwahrheiten, die von Organisationen wie “Breaking the Silence” verbreitet werden.)

Um zum Schaden den Spott zu fügen, bezichtigte der Vater des Mädchens, Bassem al-Tamimi, die Soldaten auf Facebook – und in exzellentem Englisch –, in seine Wohnung eingedrungen zu sein, diese geplündert und einen Laptop gestohlen zu haben. Al-Tamimi ist ein professioneller Aufwiegler zur Gewalt, der für diesen Zweck vom Innenministerium der Palästinensischen Autonomiebehörde ein Gehalt bekommt.

Diese Vorgänge wären in jedem nahöstlichen Regime unvorstellbar – und wohl selbst in den Staaten der EU, die so viel dafür getan haben, die Doktrin zu verbreiten, stets die andere Wange hinzuhalten.

Glücklicherweise waren die israelischen Behörden so vernünftig, zu dem Haus zurückzukehren und die junge Frau und ihre kriegerische Mutter wegen des Angriffs zu verhaften. Doch das reicht nicht aus. Auch die Freunde der jungen Frau, allesamt volljährig, sollten vor Gericht gestellt werden – da sie nicht nur nichts unternommen haben, um das illegale und ungehörige Benehmen zu verhindern, sondern dabei mitgemacht haben. Und noch wichtiger ist es, den Vater von den zuständigen Behörden vorladen zu lassen, um die Anschuldigungen zu untersuchen, die er gegen die israelischen Soldaten vorgebracht hat. Wenn diese Anschuldigungen nachweislich falsch sind, sollte er wegen Verleumdung angeklagt werden.

Auf den ersten Blick scheint dies ein relativ geringfügiges Ereignis zu sein, das nur die Soldaten betrifft, die junge Frau, von der sie angegriffen wurden, und deren Eltern und Freunde. Doch die Auswirkungen reichen viel weiter.

Es ist seit langem bekannt, dass die Bereitschaft israelischer Jugendlicher, Kampfeinheiten beizutreten, in Zeiten relativer Ruhe sinkt, während es gleichzeitig attraktiver wird, zu jenen Einheiten zu gehen, die etwas mit Technologie zu tun haben, und in denen sie auf dem Markt hochgeschätzte Fähigkeiten erwerben können. Die Kampfpause seit der letzten Offensive in Gaza 2014 hat bereits zu diesem Effekt geführt.

Dieser neue Vorfall, der sofort über alle möglichen neuen Medienkanäle verbreitet wurde, kann die Lust junger Leute, solchen Einheiten beizutreten, nur dämpfen. Die israelischen Jugendlichen fragen sich mit einiger Berechtigung, warum sie nicht nur ihr Leben aufs Spiel setzen, sondern obendrein solche Demütigungen hinnehmen sollen. Schon jetzt fragen junge Israelis, warum Elor Azariya, ein Soldat, der einen auf dem Boden liegenden Terroristen erschoss, der versucht hatte, an einem Checkpoint in Hebron Soldaten zu töten, zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Dass israelische Offiziere auf einen demütigenden Angriff nicht reagieren, womöglich aus Angst vor disziplinarischen und juristischen Schritten gegen sie, weckt Zweifel an der Entschlossenheit des israelischen Militärs, an der Seite der Truppe zu stehen. Zukünftige Soldaten wollen nicht Opfer der Doktrin werden, die andere Wange hinzuhalten.

Der Vorfall sendet zudem ein gefährliches Signal an die vielen Palästinenser, die Israelis verletzen wollen. Jeder, der sich das Zweiminutenvideo angeschaut hat, kann deutlich sehen, wie die Zahl derer, die durch Anfeuerungsrufe zu weiteren Angriffen ermuntern, angesichts der Passivität der Offiziere wächst. Es fängt an mit zwei Mädchen, ein drittes kommt hinzu, dann betritt die Mutter mit zwei Jungs die Bildfläche. In Anbetracht der Passivität der Offiziere werden die Angriffe gleichzeitig immer dreister.

Man kann mit Sicherheit annehmen: Je schwächer die IDF erscheint, desto grösser die Lust von Palästinensern, sich in grösseren, aufgeladeneren und gefährlicheren Szenarien zu den Angreifern zu gesellen.

Israel muss deutlich machen, dass es nicht seine Doktrin ist, die andere Wange hinzuhalten. Dies ist in dieser Umgebung ebenso giftig wie die Ritualmordlegende, ein weiterer Import aus Europa, den ein führender israelische Islamist, Raid Sallah, nun gegen Israel verbreitet. Israel sollte sein Rezept von seinen palästinensischen Cousins nehmen: nein zur anderen Wange; ja zu Mass für Mass. Die Beteiligten sollten für ihr Handeln so bezahlen, wie es das Gesetz vorsieht.

Hillel Frisch ist Professor für Politikwissenschaft und Nahost-Studien an der Bar-Ilan Universität sowie leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Auf Englisch zuerst erschienen bei Begin-Sadat Center for Strategic Studies.

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  • Karl Pfeifer

    Die andere Wange hinzuhalten wird falsch verstanden. Doch in dieser Lage war es richtig, dass die Offiziere und Soldaten sich nicht haben provozieren lassen.
    Die Täterinnen gehören streng bestraft. Ein demokratischer Rechtsstaat wie Israel braucht gegen solche Angriffe nicht „unkonventionelle Methoden“. Man muss nur die Gesetze anwenden.

    • nussknacker56

      Lieber Herr Pfeifer, ich rede keineswegs einer nicht rechtstaatlichen Reaktion das Wort. Der springende Punkt liegt darin, dass die staatliche Reaktion nicht direkt sondern deutlich verzögert erfolgt. Dies ist nicht unproblematisch, sowohl in Hinsicht für die Betroffenen als auch für die Täterinnen. Erstere bekommen das Gefühl, „verheizt“ zu werden, Letztere sonnen sich in der selbst geschaffenen Popularität. Nochmals: Obiger Fall ist weltweit ohne Beispiel.

      Selbstverständlich muss genau überlegt werden, ob eine direkte Erwiderung nicht den Absichten der Täter in die Hände spielt. Meine „Vorschläge“ sind zugegebenermaßen spontan aus dem Bauch heraus entstanden und haben nicht den Anspruch, der Weisheit letzter Schluss zu sein.

      Das Problem bleibt also: Wie hält man sich diese verhetzte Bagage direkt vom Leib?

  • nussknacker56

    Schon das Video ist schier unerträglich, das Niveau, auf dem versucht wird, die IDF-Soldaten zu Reaktionen zu provozieren ist kaum zu unterbieten. Keine Armee dieser Welt, kein Soldat eines anderen Landes würde sich das bieten lassen. Warum die IDF? Professor Frisch hat Recht, stillhalten ist eine gefährliche Botschaft. Die Festnahme von beteiligten Mitgliedern dieses kriminellen Familienclans ist schon mal ein richtiger Schritt. Der Preis für ihr menschenverachtendes Handeln muss deutlich spürbar erhöht werden.

    Vielleicht müssen auch mal unkonventionelle Methoden überlegt werden: Schweinejauche in Sprühgeräten – tut nicht weh, könnte aber immerhin dafür sorgen, dass eine gesunde Distanz eingehalten wird. ;———)

    • nussknacker56

      Auch bedenkenswert: Der Einsatz von Gülle könnte der Landwirtschaft ein interessantes neue Geschäftsfeld bescheren.