Foto zVg
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Ultra-orthodoxe Jungs, die aus ihrem engumschriebenen Rahmen ausgebrochen sind und orientierungslos herumirren, finden in Zoharim ein sicheres zu Hause und bekommen dort auch eine solide Ausbildung. Ziel des revolutionären Jugenddorfes ist es, die gefährdeten Schüler von der Strasse zu holen und ihnen die erforderlichen Tools für ein erfolgreiches, erfülltes Leben zu vermitteln.

 

Yvette Schwerdt sprach mit Rabbiner Yitzchak Dovid Grossman, dem Mann, der Zoharim 1 und auch die bekannte Erziehungsinstitution Migdal Ohr ins Leben gerufen hat. Der langjährige Oberrabbiner von Migdal HaEmek half die ehemals verrufene Stadt zu einer Oase des Wohlstands umzugestalten. Für sein erstaunliches Lebenswerk und seine besonderen Leistungen für Staat und Gesellschaft wurde Rabbiner Yitzchak Dovid Grossman in 2004 mit dem Israel-Preis prämiert.

Rabbiner Grossman, was gab den Ausschlag für ihre soziale und karitative Tätigkeit?

Kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg herrschte düstere Stimmung im Land. Israel wurde von allen arabischen Nachbarn bedroht und viele dachten, das Ende des jüdischen Staates stünde unmittelbar bevor. Dann geschah ein Wunder. Innerhalb von sechs Tagen besiegte Israel mit Gottes Hilfe all ihre Feinde und wir kehrten nach Jerusalem zurück. Am ersten Tag, als ich vor der Klagemauer stand – dieses Gefühl was so unglaublich, ich kann ich es gar nicht beschreiben – an jenem Tag fragte ich mich: “Wie kann ich Gott für dieses Geschenk danken?”  Nun wissen wir, dass das Wichtigste für Gott wohl seine Kinder sind. Ich beschloss also, mein Wirken den Kindern Gottes zu widmen.

Sie stammen aus einer ultra-orthodoxen Familie, die seit vielen Generationen in Jerusalem ansässig ist. Wie kamen Sie zu dem ehemaligen Sündenbabel Migdal HaEmek?

Zu jener Zeit (kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg) war Migdal HaEmek tatsächlich ein schrecklicher Ort. Drogen, Kriminalität, katastrophale Zustände. Also sagte ich mir, ich werde ein Jahr lang in dieser Stadt karitative Arbeit leisten. Nun stellen Sie sich vor, ich komme aus Mea Schaarim, einem Viertel in dem es an jeder Ecke Synagogen und Lehrhäuser gibt. Also frage ich die Einwohner: “Wo ist hier die nächste Talmud Tora [Anm. der Redaktion: eine Bildungseinrichtung für Kinder und Jugendliche]?” Sie lachten mich aus. Auf meine Frage, wo denn dann die jungen Leute wären, antworteten sie einstimmig: „In der Disco!”

Haben Sie verstanden, was das Wort bedeutet?

Ich hatte den Ausdruck nie vorher gehört. (Lacht) Ich dachte es handelt sich vielleicht um eine besondere Yeshiva. Ich ging also in die nächste Disco, die mir gezeigt wurde, und sah dort “Purim”, sprich Karneval, Mitten im Jahr. Die Leute blickten mich an – einen Rabbiner mit Bart und Schläfenlocken – und waren nicht weniger von mir überrascht, als ich von ihnen. Als wir aber anfingen, zu reden, da machte es Klick, da fühlten wir uns magnetisch voneinander angezogen. Ich ging dann jeden Abend in die Disco, um mit den jungen Leuten zu sprechen.

So erwarben sie dann den Titel “der Disco-Rabbiner”.

Ja, genau. In den 70er Jahren habe ich sogar Stoff für einen Film mit dem Titel „Der Disco-Rabbiner“ geliefert. Dort zeigte man, wie ich von einem Schuppen in den anderen ziehe und mit den Menschen spreche. Ein junger Mann erzählte mir, sein Bruder sei im Gefängnis.  “Dein Bruder ist mein Bruder”, sagte ich ihm und fuhr den Gefangenen besuchen. Ich sah hunderte Insassen dort, und das brach mir das Herz. Also besprach ich mit dem Gefängnisdirektor und vereinbarte mit ihm, dass ich zwei Mal die Woche in Gefängnis kommen und ein Rehabilitations-Programm aufsetzen würde. Dieses Programm gibt es jetzt seit 48 Jahren. Es beinhaltet Vorträge, Kurse und Einzelgespräche und unterstützt heute mehr als 1.000 Gefangene. In dieser Weise arbeitete ich vier Jahre lang, bis ich klar erkannte, wo das Hauptproblem dieser Menschen liegt.

Und wo liegt es tatsächlich?

In der Kindheit. Viele, viele Menschen erzählten mir, dass sie in zerrütteten Familien aufgewachsen waren, dass es daheim viele Probleme und Krisen gab. Ein Schlüsselmoment für mich ereignete sich einmal während einer Chanukka-Feier im Gefängnis. Vor dem Weggehen verabschiedete ich mich herzlich von einem Gefangen. Nach einigen Tagen erhielt ich einen Brief von jenem Mann, der mir schrieb, es sei das erste Mal in seinem Leben, dass ihn jemand umarmt hätte. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich beschloss unglücklichen, orientierungslosen, jungen Menschen eine warmes zu Hause zu schaffen.

So kam es zur Gründung von Migdal Ohr?

Ja. In 1972 gründeten wir das Jugenddorf. Wir starteten mit nur 18 Kindern. Heute haben wir bereits über 20.000 Absolventen, und die Institution hat sich unglaublich entwickelt. Es ist ein grosser Erfolg.

Sie engagieren sich weiterhin voll in Migdal Ohr. Warum gründeten sie dann auch noch Zoharim?

Vor einigen Jahren kam ein grosses Problem in Israel auf. Die ultra-orthodoxe Bevölkerungsschicht war innerhalb kurzer Zeit exponentiell gewachsen. Das sorgte für jede Menge Druck und Probleme, die sich besonders auf den Nachwuchs auswirkten.  Zwar handelte es sich um kluge, begabte Kinder aus gutem Haus, aber so manche hielten den Druck nicht mehr aus. Sie wollten ausbrechen. Sie verliessen die Yeshiva und ihr zu Hause und trieben sich orientierungslos auf der Strasse herum. Viele rutschten in die Kriminalität ab. Also wurde ich, aufgrund meiner Tätigkeiten in Migdal Ohr, gebeten, ein Heim für diese Jugendlichen zu gründen. So entstand Zoharim.

Warum stürzen die Kinder moralisch so ab, wenn sie sich von der Religion abwenden?

Diese Kinder kommen aus sehr abgeschnittenen Gegenden. Sie kennen niemanden, der säkular ist, wissen also nicht wie sich Menschen verhalten, die ausserhalb ihres Kreises leben. Sie denken, wer nicht religiös ist, der darf einfach alles.  Wenn ich die Frömmigkeit ablege, steht mir alles offen – Mädchen, Rauschgift, Diebstahl.

Wie kamen die ersten Zoharim-Kinder zu Ihnen?

Ich kehrte in die Vergangenheit zurück, wurde wieder zum Rabbiner der Diskotheken, ging zum Kikar HaChatulot [Zentrum der Stadt] auf der Ben Yehuda Strasse und zu anderen Plätzen, in denen sich diese Jugendlichen trafen, und sprach mit ihnen. Ich sagte ihnen: „Kommt und verwirklicht Euren Traum. Wir geben Euch einen Ort, in dem ihr leben und lernen könnt, aber ihr müsst ihn selbst ausbauen.“ Auf diese Art und Weise kamen vor fünf Jahren die ersten 60 Kinder zusammen. In nur wenigen Monaten, bauten sie sich selbst ihr Jugenddorf auf.

Erstaunlich. Die Kinder haben Zoharim selbst aufgebaut?

Zoharim hat nur zwei Ziegelbauten. Die meisten anderen Häuser sind provisorischerer Natur. Aber es gibt neben den Wohnanlagen für Kinder, Lehrer und Personal auch Klassenzimmer, Computer- sowie Fitness- und Musikräume, eine Tischlerei, Pferdeställe, sowie zahlreiche landwirtschaftliche Zonen mit Gemüse- und Weingärten. All das haben die Kinder, wohl unter Anleitung, mit ihren eigenen Händen geschaffen. Das erzeugte in ihnen Genugtuung, erfüllte sie mit Stolz und verband sie auch emotional mit dem Ort. Wir entwickelten dann einen erfolgreichen Lehrplan, der individuell auf die einzelnen Kinder eingeht.  Das schaffen wir, weil wir ungeheuer viel in unsere Zöglinge investieren. Denken sie nur: Ca. 70 Fachleute betreuen rund 110 Kinder.

Wie sieht es in Zoharim mit der Religion aus?

Wir zwingen die Religion nicht auf. Wer will, der betet. Wer nicht will, der tut es eben nicht. [Anm. der Reaktion: Das Jugenddorf hat ein Bethaus und serviert koscheres Essen. Die Belegschaft, die mit ihren Familien ebenfalls vor Ort lebt, feiert Schabbat und lädt Kinder zu den Mahlzeiten ein.]

Wie kommt es, dass ein ultra-orthodoxer Rabbiner wie Sie eine solche Offenheit im Bezug auf die Religion an den Tag legt?

Wir müssen realistisch sein.  Wenn ich sehe, dass die Kinder, ob ihres Hasses auf die Religion und ob der Tatsache, dass sie ihr entkommen wollten, so abgeglitten sind, dann geht es mir primär darum, sie zu festigen und zu anständigen Menschen zu erziehen. Allmählich können sie sich dann auf ihre Weise mit der Religion auseinandersetzen und ihren Weg finden.  Im Übrigen haben wir bemerkt, dass viele in der einen oder anderen Form zur Religion zurückkehren, gerade weil wir keinen Druck auf sie ausüben.

Wie stehen die Eltern dieser Kinder zu alldem?

Es ist sehr schwierig für sie.  Ultra-orthodoxe Eltern, deren Kinder sich abwenden, anders benehmen und anders anziehen als man es in ihrer Umgebung gewöhnt ist, sind oft rat- und fassungslos. Sie haben Angst, das Kind könnte auch seine Geschwister mit sich ziehen und ihrem Ruf schaden.  Hier kommt mir meine Gesinnung zu gute. Denn die Eltern sehen, wie ich bin, wie ich lebe. Sie verlassen sich auf mich und wissen, ich werde ihr Kind nicht auf die schiefe Bahn lenken.  Natürlich spreche ich auch viel mit den Eltern und wirke auf sie ein. Denn es ist sehr wichtig, dass die Eltern-Kinder Beziehung, die ja gelitten hat, wieder repariert wird. Kinder sollen wissen, woher sie kommen und nicht irgendwo in der Luft hängen. Wichtig ist auch, dass die Eltern den Kindern viel Liebe zeigen und sie so akzeptieren, wie sie sind.

Woran messen Sie den Erfolg von Zoharim?

Unsere Absolventen sind produktive Mitglieder der Gesellschaft. Wenn sie zu uns kommen,  mit 14 oder 15 Jahren, können die meisten Schüler keine lateinischen Buchstaben schreiben oder lesen. Nach nur drei oder vier Jahren bestehen über 80% die israelische Reifeprüfung. Danach gehen fast alle zum Militär und werden engagierte Soldaten.

Was geschieht mit diesen jungen Leuten nach dem Militärdienst?

Wir haben für unsere Absolventen ein eigenes Haus auf dem Campus errichtet. Dort können sie sich jederzeit aufhalten. Sie kommen auch häufig zu uns und zu anderen Mitgliedern der Belegschaft, denn sie stehen uns weiterhin sehr nahe, und Zoharim bleibt ihr zu Hause.  Allmählich gehen die jungen Leute im Leben voran und beginnen, sich zu etablieren.

Was stand hinter der Entscheidung, die Kinder aus diesen ultra-orthodoxen Häusern, zu ermutigen, ins Militär einzurücken?

In Israel ist es schliesslich Gesetz, dass alle jungen Menschen einrücken müssen. Nun hat die Regierung für jene, die ernsthaft Tora lernen, eine Ausnahmeregelung getroffen, unter der Annahme, dass ihre Tätigkeit dem Land auf andere Weise zugutekommt. Die Schüler in Zoharim, die sich ja nicht mehr dem konzentrierten Torastudium widmen, hätten Integrationsschwierigkeiten, wenn sie ihrer Militärpflicht nicht nachkommen würden. Wir wollen doch schliesslich, dass sie produktive Menschen werden, die einen Beruf erlenen, in die Universität gehen und in Israel erfolgreich werden. Das Militär ist hierfür eine erforderliche Basis. Hinzu kommt, dass die militärische Ausbildung die jungen Leute auch zu verantwortungsvollen Menschen macht. Der Militärdienst bildet also einen integralen Teil des seelischen Heilungsprozesses für diese Kinder.

Rabbiner Grossman, welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

In einem nächsten Schritt wollen wir Zoharot ausbauen. Es handelt sich um eine ähnliche Institution wie Zoharim, aber eben für Mädchen. Wir haben Zoharot dieses Jahr gegründet und konnten bereits 40 Schülerinnen begrüssen. Es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, Mädchen zu erziehen, die ausbrechen wollen und dabei vollkommen den Halt verlieren. Wir sind aber zuversichtlich, denn es ist wichtig, diese Mädchen zu unterstützen und sie aufzurichten.

Rabbiner Grossman, vielen Dank für dieses Gespräch!

  1. Zoharim, vom hebr. Wort „Zohar“ =leuchten, glänzen, abgeleitet. Das Jugenddorf Zoharim wurde auf den Ruinen eines Rehabilitationszentrums für Drogenabhängige gebaut, welches nach dem bekannten israelischen Sänger Zohar Argov, der selber drogenabhängig war, genannt war.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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1 KOMMENTAR

  1. Sehr interessanter Bericht über ein erstaunliches Lebenswerk! Grossartig! Wieviel Leid und Kriminalität kann so vermieden werden, indem die Jugendlichen Liebe und Annahme ganz persönlich erleben!
    Vielen Dank für diesen Beitrag Frau Schwerdt!

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