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Unsere stillen Helden sind besorgt und auch wir sollten es sein.

Foto Twitter / Sven Hughes

Die aktuellen Neuigkeiten aus dem Staat Israel konzentrieren sich derzeit zweifellos auf die Aussage von Präsident Trump und deren Konsequenzen. Und doch gab es vergangene Woche eine weitere, bedeutendere Nachricht aus Israel.

 

Ein Kommentar von Sven Hughes

Eine Konferenz der Unkonventionellen.

Jerusalem war gerade Gastgeber der „2nd International Conference on Digital Diplomacy“ (2. Internationale Konferenz über Digitale Diplomatie). Die Veranstaltung wurde von einer Mischung aus Diplomaten, Experten und Praktikern besucht, deren Ziel die Förderung der internationalen Verständigung und Zusammenarbeit im Interesse der Sicherheit und des Friedens ist.

Die zweitägige Konferenz, an der Delegierte aus mehr als 25 Ländern teilnahmen, beinhaltete eine Reihe von Fachvorträgen und Workshops zum gegenseitigen Austausch von Wissen, Erfahrungen und bewährten Methoden. Die Veranstaltung war für Menschen, die sich tatsächlich Online-Extremisten entgegenstellen, eine Möglichkeit, zusammenzukommen, um die Welt zu einem sichereren Ort zu machen.

Mit einer Stimme und aus einer Angst heraus sprechend.

Als die Referenten nacheinander ans Rednerpult traten, waren allerdings ein und dieselben Befürchtungen immer wieder zu hören: Die grossen Social Media-Unternehmen vereiteln aktiv und dezidiert die Versuche internationaler Regierungen, gewalttätige und radikalisierende Inhalte von unserer Jugend fernzuhalten.

Es hat den Anschein, als ob die Social Media-Giganten ihr Verhalten im vergangenen Jahr verändert hätten. Während sie vorher mehr oder weniger echte Partner waren – die mit demokratischen Regierungen zusammenarbeiteten, um den Wildwuchs von terroristischem Material einzudämmen – stellen sie nunmehr ihren Profit und ihre Macht über ihr Verantwortungsbewusstsein. Social Media ohne soziale Verantwortung.

Natürlich gibt es von der Branche gesponserte Initiativen wie das „Global Internet Forum to Counter Terrorism“, GIFCT, (Facebook, Twitter, Microsoft, Google, YouTube), das über terroristischen/gewalttätigen extremistischen Datenaustausch und mögliche Lösungen informiert. Ausserdem gibt es Zuschüsse für Nichtregierungsgruppen und Wissenschaftler, die anti-extremistische Inhalte erstellen und verbreiten. Die Referenten und das Publikum der internationalen Konferenz waren jedoch ganz und gar nicht überzeugt von diesen Bemühungen. Weder was ihre Intentionen, noch was ihre Wirkung anbetrifft. Wie ein europäischer Sprecher der Konferenz feststellte: „Wo sind die Rechenschaftspflicht und die Transparenz? Sie behaupten, sie würden Millionen bekannter Terroristen-Konten entfernen – das hört sich doch gut an – aber was ist mit all denen, die sie nicht kennen oder an denen sie nichts ändern?“

Der klare Konsens im Konferenzraum war, dass diese riesigen multinationalen Unternehmen nur daran interessiert sind, gerade so viel zu tun wie unbedingt nötig, um zu vermeiden, dass Politiker rechtlich gegen sie vorgehen können. Und wenn die Politiker bei ihren „Verhandlungen“ zu sehr drängen, schrecken die Social Media-Unternehmen auch nicht davor zurück, auf ihren Status als „grosse Arbeitgeber/Steuerzahler“ zu pochen, um Gegendruck auszuüben und Forderungen nach angemessener Rechenschaftspflicht oder Regulierung im Keim zu ersticken.

Wer überwacht die Überwacher?

Wir reden hier über Social Media-Unternehmen, die über mehr Geld verfügen als viele nationale Staatskassen. Sie haben die besten Rechtsanwälte, die besten Lobbyisten, politischen Verbindungen und cleversten Marketingprofis, die uns davon überzeugen, dass sie ihre Verantwortung ernst nehmen und die Menge online vorhandenen terroristischen Materials reduzieren, auch wenn sie es offensichtlich nicht tun.

Die Regierungen sind mittlerweile auf exakt diese Social Media-Plattformen angewiesen, um ihre eigenen politischen Kampagnen zu fördern, so dass diese Unternehmen sie bei allen Verhandlungen in der Hand haben.

Es reicht. Bis hierher und nicht weiter.

Es ist für unsere zukünftige nationale und internationale Sicherheit von entscheidender Bedeutung, dass wir diese Diskussion offen führen und die Social Media-Unternehmen in die Verantwortung nehmen. Sie müssen ihren Platz als wahre, aktive Partner einnehmen und mit allen anderen Interessenvertretern zusammenarbeiten, um extremistische Inhalte zu entfernen. Sie müssen sich stärker dafür einsetzen, Algorithmen zu entwickeln, die Fake News-Bots und gefälschte Benutzerkonten erkennen und dagegen angehen. Sie müssen Stellung beziehen und Demokratien mit der Überprüfung von Tatsachen verteidigen, anstatt dazu beizutragen, sie durch ihre Untätigkeit zu unterminieren. Und wenn sie sich weiterhin vor der Verantwortung drücken, die Menge und Reichweite von extremistischem Material auf ihren Plattformen zu reduzieren, muss ihnen Einhalt geboten werden, wenn sie Regierungen bedrohen und mobben, die andernfalls erforderliche Gesetze erlassen würden.

Im Geiste der sozialen Befreiung, die diese Unternehmen sich selbst auf ihre Fahnen geschrieben haben, finden sich nachfolgend fünf Dinge, die sofort getan werden können, um dazu beizutragen, dafür zu sorgen, dass die Unternehmen als konstruktivere Partner für den Frieden an den Verhandlungstisch zurückkehren:

  1. Die Konzipierung einer internationalen, zwischenstaatlichen Vereinbarung und Gesetzgebung zu Themen mit einem „kleinsten gemeinsamen Nenner“. Wenn alle Regierungen die gleiche Gesetzgebung bei den gleichen terroristischen Organisationen oder Themen anwenden können, werden sie über eine einheitliche Position verfügen, von der aus sie mit den Social Media-Unternehmen verhandeln können. Zum Beispiel eine gemeinsame Gesetzgebung in Bezug auf die Verbreitung von Online-Rekrutierungsmaterial des Islamischen Staats, die Forderung nach mehr Transparenz im Bereich des „Dark Advertising“ (exakt auf bestimmte Nutzergruppen zugeschnittene Werbung) etc.
  2. Zunehmender öffentlicher Druck auf Werbetreibende, die diese Online-Plattformen benutzen, um ihre Produkte zu vermarkten. Die „Macht des Volkes“ stellt ein grosses Potential dar, um diese Werbetreibenden zu kontaktieren und sie dazu aufzufordern, die Schlüsselunternehmen so lange zu boykottieren, bis sie aktiv werden und extremistisches Online-Material entfernen, Partnerschaften mit internationalen Initiativen zur Überprüfung von Fakten eingehen etc.
  3. Die Unternehmen, die vermeiden, betroffenen Regierungen eine echte, greifbare Unterstützung zu bieten, öffentlich benennen und anprangern. Es gibt nichts Schädlicheres für eine Marke als negative Mundpropaganda. Indem wir als Öffentlichkeit auf unseren Facebook-Seiten und in unseren Twitter-Feeds entsprechend posten, können wir den grossen Unternehmen zeigen, dass wir deren aktuellen Mangel an konzertierten Aktionen zur Entfernung von extremistischen Inhalten weder mögen noch unterstützen und dass wir (die Öffentlichkeit) wollen, dass die Social Media-Unternehmen strenge, selbst geschaffene Branchenstandards einhalten.
  4. Alle Politiker, die diese Themen ansprechen, aktiv unterstützen. Indem wir diesen Politikern unsere Unterstützung demonstrieren, können sie auf die auf ihrer Seite stehende „Macht des Volkes“ verweisen, wenn sie mit den kommerziellen Interessenvertretern verhandeln.
  5. Die traditionellen Printmedien verwenden, um Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken, bis die grossen Unternehmen mehr tun, um unsere Demokratien zu schützen und dem Online-Rekrutierungsmaterial für Terroristen entgegenzuwirken, das unser eigenes Volk zu Gewalt aufhetzt.

Bei der Konferenz ging Premierminister Netanyahu sogar soweit, zu sagen: „Ich habe keinen Computer, ich trage kein Mobiltelefon bei mir … weil ich die Macht der Technologie verstehe, die auf ungemein destruktive Art genutzt werden kann.“ Dieser O-Ton erklärt vielleicht, warum Israel führend ist, wenn es um die Entwicklung neuer, innovativer und effektiver Methoden der öffentlichen Demokratie – mit einem Schwerpunkt auf algorithmischer Diplomatie – geht. Die Macht des Internet wird erkannt, und zwar von den Top-Entscheidungsträgern, als einer der zentralen Einflusskanäle in der modernen Welt.

Aber selbst die Israelis, die bemerkenswerte Ergebnisse bei der Bekämpfung von Social Media-Algorithmen erzielt haben, selbst sie sagen, dass diese algorithmischen Katz-und-Maus-Spiele nur „taktische Resultate“ liefern können. Wie ein israelischer Offizieller mir erklärte: „Wir wissen jetzt, dass der einzige Weg, um den Bereich der Social Media von einem Grossteil der dort enthaltenen Gewalt und radikalisierendem Material zu reinigen, darin besteht, dass eine Koalition gleichgesinnter Staaten eine Gesetzgebung bildet und entwirft, die den Sozialen Medien moralische und ethische Filter auferlegt.“

Wenn mich die „2nd International Conference on Digital Diplomacy“ eines gelehrt hat, dann das, dass ein neuer Schwerpunkt darauf gelegt werden muss, dass die Social Media-Unternehmen sich aktiv bemühen müssen, ihrer Aufgabe gerecht zu werden – als globale Influencer mit globaler Verantwortung.

Nur wenn diese Konzerngiganten in einer konstruktiveren Partnerschaft mit demokratischen Regierungen zusammenarbeiten und dies auch vor den Augen der Öffentlichkeit mit grösserer Transparenz tun, können wir hoffen, eine Online-Umgebung zu erleben, die dem Unternehmensslogan von Google auch tatsächlich gerecht wird: „You can make money without doing evil – Du kannst Geld verdienen, ohne Böses zu tun“.

Sven Hughes ist Gründer und CEO von“Verbalisation“ und „Global Influence“. Er hat strategische Kommunikationskampagnen im Auftrag von Premierministern, Präsidenten, Königshäusern, Ministerien, Wohltätigkeitsorganisationen und Firmenkunden durchgeführt.