Die beiden palästinensischen Arbeiter, die in meinem Garten einen Zaun bauen, entschuldigen sich, dass sie zu spät dran sind. Weshalb sie am Kontrollpunkt zwischen den palästinensischen Gebieten in israelisches Gebiet so langwierig kontrolliert wurden, ist ihnen schleierhaft. Die Jerusalem-Frage ist kein Thema für sie.

 

Ein Kommentar von Johannes Gerloff

Doch, von einem Generalstreik in der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) wissen sie. Aber der gilt nicht für sie. Sie arbeiten ja für Israelis. Dasselbe versucht mir der Palästinenser zu erklären, der mein Auto kurze Zeit später zur Inspektion empfängt. Sein Geschäft im weitgehend arabischen Wohngebiet auf dem Ölberg muss selbstverständlich geschlossen bleiben. Aber seinem Anstellungsverhältnis in der israelischen Autowerkstatt geht er ebenso selbstverständlich gewissenhaft nach.

In der Altstadt von Jerusalem sind alle arabischen Geschäfte geschlossen. Touristengruppen machen eifrig Fotos von der gespenstischen Szenerie. Der Streik zwingt sie dazu, ihre Souvenirs im nahegelegenen jüdischen Viertel der Altstadt einzukaufen. Im Klartext: Der Streik der Palästinenser schickt das Geschäft zu den jüdischen Nachbarn.

Streik bedeutet noch lange nicht, dass niemand im Laden ist. Deshalb poltere ich kräftig an die schwere Eisentür, hinter der sich das Geschäft verbirgt, in dem ich normalerweise mein Geld umtausche. Die Tür öffnet sich vorsichtig. Der Palästinenser, mit dem ich seit fast drei Jahrzehnten gut befreundet bin, lässt mich durch den Spalt und zieht den Verschlag wieder zu. Er bietet mir Tee an und wir kommen ins Gespräch.

Mein Freund erzählt, dass er von diesen ganzen politischen Schachzügen der Grossen der Weltpolitik überhaupt nichts hält. Auf die Frage, welche Veränderungen das bringen wird, winkt er müde ab: „Gar keine!“

„Warum kümmern die sich nicht um Länder, in denen es Probleme gibt?“

Vom Bildschirm seine Computers wendet er sich mir zu: „Warum kümmern die sich nicht um Länder, in denen es Probleme gibt und lassen uns in Ruhe?! Sieh mal, in der vergangenen Wochen haben die Houthi, die im Jemen für den Iran kämpfen, allein in Sana’a an zwei Tagen mehr als tausend Menschen umgebracht.“

„Warum hast Du Dein Geschäft überhaupt geschlossen?“, frage ich. Vor der Tür stehen kaufhungrige Touristen, die sich zögernd in Richtung der verkaufswilligen jüdischen Konkurrenz weiterbewegen. „Ich will keinen Ärger mehr. Man würde mir mein Geschäft abbrennen, wenn ich aufmachen würde.“

„Denkst Du, es wird eine neue Intifada geben?“ – Wieder dieselbe schlaffe Handbewegung des alten Kämpfers, der in den 1970er-Jahren aktiv an der Seite Jasser Arafats zu Gange war: „Daran hat heute keiner ein Interesse. Was würde das bringen.“

Während er redet bewegt sich das schwere Eisentor. Sein Sohn, ein junger Mann Anfang Zwanzig, schiebt sich durch die Öffnung. Im Gegensatz zu seinem Vater spürt man ihm die Spannung ab. „Es wird vielleicht eine dritte Intifada geben“, erzählt er. „Die Führer wollen das.“ Auf meine Frage, wer „die Führer“ sind, zuckt er die Schultern: „Die Leute eben, die das Sagen haben. Ich weiss nicht, wer das ist. Das weiss niemand wirklich. Aber die bekommen viel Geld. Und wenn so einer zwanzig, dreissig Jungs hat, kann er schon etwas bewirken. Vielleicht werfen sie nur Steine. Vielleicht werden sie jemanden erstechen?“

Ein paar Wochen zuvor hatte ich mit dem jungen Mann über die Zweistaatenlösung diskutiert. Nein, er ist gewiss nicht Israel- oder gar Juden-freundlich. Im Gegenteil. Aus seiner Sicht ist Tel Aviv eine „illegale Siedlung“ und die Juden sollten am besten „dorthin zurückgehen, wo sie hergekommen sind“ – wo immer das auch sein mag.

Aber im Gespräch auf die Zweistaatenlösung wird er heftig: „Warum wollt Ihr uns unbedingt einen Staat aufzwingen. Wir haben mehr als zwanzig versagende arabische Staaten. Kein einziger funktioniert. Wozu wollt Ihr noch einen weiteren versagenden arabischen Staat? Lasst uns doch in Ruhe!“

Keiner denkt ans Volk

Jetzt schlägt der Vater in eine ähnliche Kerbe. „Denen geht es doch alle nur ums Geld, um sich selbst“, meint er im Blick auf die alten Kampfgenossen, die heute samt und sonders hohe Posten in der Palästinensischen Autonomiebehörde bekleiden. „Abu Masen hortet nur Millionen für seine Söhne. Keiner denkt ans Volk.“

Warum nur, so fragt man sich, sieht niemand, dass der Streik am Vorabend „des Tags des Zorns“ der Palästinenser nur den Palästinensern schadet? Warum nur fragt niemand, was den einfachen Menschen auf der Strasse nützt. Und warum giessen westliche Politiker nur Öl in ein Feuer, das kaum mehr zu flackern schien, anstatt friedliche Koexistenz zu fördern.

Johannes Gerloff ist ein deutscher Journalist und Autor mit Schwerpunkt Israel und Naher Osten.

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