Israels Angriff auf eine syrische Kaserne am Samstag könnte Auftakt einer neuen Konfrontation zwischen Jerusalem und Teheran sein. Er zeigt zudem, dass die Spannungen mit Russland zunehmen.

 

von Gil Yaron

Syriens Bürgerkrieg geht zwar langsam zuneige, dennoch dürfte dem Land vorerst keine Ruhe beschert sein – ganz im Gegenteil. Längst hat ein neuer Kampf begonnen – zwischen Russland und Iran auf der einen Seite, und den USA und Israel auf der anderen. Es geht darum, wer die Zukunft dieses geopolitischen Drehkreuzes in Nahost bestimmt, und welche strategischen Vorteile die Parteien aus der Nachkriegssituation ziehen können. Russland und der Iran haben Präsident Baschar Assad massiv unterstützt und wollen nun Rendite für ihre Investition. Russland baut seinen einzigen Mittelmeerhafen in Tartus aus, und hat wirtschaftliche und militärische Abkommen mit Damaskus unterzeichnet. Doch die grössten Gewinner könnten die Iraner sein. Sie träumen von einem Landkorridor von Teheran bis zum Mittelmeer, und wollen zu diesem Zweck ebenfalls in Tartus einen Militärhafen bauen. Zudem gaben sie bekannt, dauerhaft Truppen und Kampfflugzeuge in Syrien stationieren zu wollen – so nah wie möglich an der Grenze ihres Erzfeindes Israel. Die USA und Israel wollen das um jeden Preis verhindern.

Hisbollah-Miliz, aussenpolitisches Instrument der Iraner

Bislang wurde dieser Kampf hauptsächlich mit rhetorischen Mitteln ausgetragen. Am Wochenende folgten den Worten nun offenbar erstmals Taten: In der Nacht zum Samstag soll Israel den Militärkomplex el Kiswah südlich von Damaskus bombardiert haben. Laut einem Bericht im BBC, der sich auf „westliche Geheimdienste“ stützt und der der „Welt“ von unabhängigen Quellen bestätigt wurde, bauten die Iraner diese Basis aus um hier Bodentruppen zu stationieren. Das Bombardement ist deshalb eine doppelte Warnung Jerusalems mit zwei Adressaten: Einer ist Teheran, den zweiten Warnschuss gab Israel Richtung Russland ab. Dabei betonte Israels Premier Benjamin Netanjahu in vergangenen Monaten wiederholt seine guten Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin. Tatsächlich war es ihm gelungen, einen Koordinierungsmechanismus mit Moskau einzurichten um ungeachtet der Präsenz fortschrittlicher russischer Luftabwehrsysteme Israels Luftwaffe in Syrien weiterhin volle Bewegungsfreiheit zu gewährleisten. Mehr als hundert Mal griff die laut Angaben des Luftwaffenchefs seit Ausbruch des Bürgerkriegs dort an um zu verhindern, dass strategisch bedeutsame Waffen in den Libanon geliefert werden. Dort ist die Hisbollah-Miliz zuhause, das wohl wichtigste aussenpolitische Instrument der Iraner, und eine der bedeutendsten militärischen Kräfte in der Region. Fast alle diese Angriffe wurden von Moskau mit Schweigen quittiert – also offensichtlich geduldet.

Doch die russisch-israelische Entente stösst nun an Grenzen. Denn Putin lässt sich von Netanjahu nicht dazu einspannen, Israels Interessen gegenüber dem Iran zu vertreten. Schon vor einem Jahr warnte Netanjahu: „In jedem Ort, aus dem der IS vertrieben wird, nistet sich der Iran ein.“ Diese Warnung scheint sich nun zu bewahrheiten. Laut Angaben der iranischen Opposition kommandiert der Iran bereits rund 70.000 Kämpfer auf syrischem Staatsgebiet, darunter hunderte iranische Revolutionsgarden, rund 7000 Kämpfer der Hisbollah, tausende Fatemijun – schiitische Milizen aus Afghanistan, zudem Freiwillige aus Irak und Pakistan.

Wiederholt fuhr Netanjahu zu Putin, um seine Bedenken über eine Etablierung des Irans in Syrien darzulegen. Doch bislang reagierten weder Moskau noch Israels engster Verbündeter Washington darauf. Ein Waffenstillstandsabkommen für Südsyrien, das vor wenigen Wochen zwischen den USA, Russland und Jordanien unterzeichnet wurde, liess Israels Befürchtungen ausser Acht und lässt die Iraner bis nah an Israels Nordgrenze in den Golanhöhen. Mitte November sagte Russlands Aussenminister Sergei Lawrow, das Abkommen sehe ausdrücklich nicht den Abzug iranischer Truppen aus Syrien vor. Und Russlands Botschafter in Tel Aviv Alexander Shein bezeichnete die Anwesenheit iranischer Militärs an Israels Grenze als „legitim“.

Israel erhöhte daraufhin den Druck. Man werde „eine Konsolidierung der Schiiten oder der Iraner in Syrien nicht hinnehmen, noch zulassen, dass Syrien in einen Ausgangspunkt für Angriffe gegen Israel verwandelt wird“, sagte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman Mitte November. Zugleich forderte er, den Verteidigungsetat in den kommenden fünf Jahren um rund eine Milliarde Euro aufzustocken, um „neuen Herausforderungen“ begegnen zu können – im Klartext: die Möglichkeit eines zwei Fronten-Kriegs gegen Libanon und Syrien. In einem Interview an eine saudische Zeitung machte Israels Generalstabschef Gadi Eisenkot aus der bis dahin nur hinter verschlossenen Türen geäusserten Bitte eine offene Warnung: Iranische Truppen dürften Israels Grenze nicht näher als 50 Kilometer kommen.

Klares Zeichen, dass Moskau Israel versteht

Der Angriff in el Kiswah, diesseits der von Eisenkot gezogenen Grenze, ist nun die nächste Stufe. Er sei ein wichtiges Signal an Moskau gewesen, sagt Russlandexperte Alex Tenzer: „Israel wollte Putin zeigen, dass es seine roten Linien ernst meint.“ Ob Moskau davon beeindruckt ist, bleibt unklar. Unlängst kehrte Avi Dichter, Vorsitzender des aussenpolitischen Knessetausschusses und enger Vertrauter Netanjahus, aus Moskau zurück. Dort habe man ihm versichert, Russland „arbeite daran, „dass Assad ganz Syrien kontrolliert und keine ausländischen, einschliesslich iranischen, Truppen sich mehr im Land befinden“, sagte Dichter. Der jüngste Angriff wurde von russischen Medien fast vollkommen ignoriert, sagt Tenzer: „Ein klares Zeichen, dass Moskau Israel versteht, oder sich zumindest nicht in diese Angelegenheit einmischen will.“ Zugleich macht Putin aber auch keinerlei Anstalten, den Iran aus Teilen Syriens herauszuhalten: „Moskau hat viele wirtschaftliche und politische Interessen in Teheran, und will es sich weder mit Israel noch mit dem Iran verderben“, so Tenzer.

So dürfte die Hauptstossrichtung des israelischen Angriffes Assad und der Iran gewesen sein. Die Botschaft: Israel wird einen offenen Schlagabtausch nicht scheuen, falls der Iran versucht, seine militärische Präsenz in Syrien weiter auszubauen. Zu einem offenen Konflikt könnte es schnell kommen, falls im Gegensatz zum letzten Angriff beim nächsten Bombardement iranische Soldaten ums Leben kommen.

Gil Yaron ist Journalist und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Nahost. Zuerst erschienen bei Die Welt.

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