Zwei für die Gründung Israels wichtige Ereignisse jähren sich diesen Monat. Der 2. November war der hundertste Jahrestag der Balfour-Deklaration. Am 29. November werden es 70 Jahre sein, seit die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit dafür stimmte, auf dem Gebiet, das Grossbritannien 1923 als Mandat des Völkerbunds übernommen hatte, einen jüdischen und einen arabischen Staat zu gründen.

 

Zwischen den beiden Ereignissen, zwischen denen nur 30 Jahre liegen, gab es keineswegs eine gerade Linie – vielmehr drohte die Absichtserklärung, niemals umgesetzt zu werden; sechs der 19 Millionen Juden, die 1939 auf der Welt lebten, erlebten die Gründung des Staates Israel nicht mehr, da sie von den Nationalsozialisten und ihren Helfern ermordet wurden.

1922: Völkerbund fordert Umsetzung der Balfour-Deklaration

Grossbritannien hatte sich nach der Annahme des Mandats keineswegs daran gemacht, es in dem Sinne zu erfüllen, wie es ihm der Rat des Völkerbunds einstimmig aufgetragen hatte. Schon in der Präambel des Palästinamandats vom 24. Juli 1922 heisst es ausdrücklich, dass Grossbritannien mit der Verwaltung des Mandatsgebiets betraut wird, um dort die Balfour-Deklaration umzusetzen und eine „Heimstätte“ für das jüdische Volk zu schaffen. Artikel 2 wiederholt: „Die Mandatsmacht soll dafür verantwortlich sein, in dem Land politische, administrative und wirtschaftliche Bedingungen herzustellen, die die Gründung einer jüdischen nationalen Heimstätte sicherstellen […]“

Unter Verweis auf Artikel 25 des Mandats, der es erlaubte, das Gebiet östlich des Jordans – 80 Prozent des Mandatsgebiets – einer eigenen Verwaltung zu unterstellen, trennte Grossbritannien dieses noch vor Beginn der Mandatsverwaltung ab und gründete dort das haschemitische Königreich, das spätere Transjordanien und heutige Jordanien. Heute hat es sich eingebürgert, nur das Gebiet westlich des Jordans als „Palästina“ zu bezeichnen, doch damals war das nicht so. „Palästina war ein geografischer Begriff, der Transjordanien einschloss“, schreibt der britische Diplomat Sir Alec Seath Kirkbride 1956 in seinen Erinnerungen an seinen Dienst in Palästina zu jener Zeit (A Crackle of Thorns: Experiences in the Middle East). „Doch just zum rechten Zeitpunkt wurde die bemerkenswerte Entdeckung gemacht, dass die Klauseln des Mandats, die sich auf die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden bezogen, nie beabsichtigt hatten, für das Gebiet östlich des Jordans zu gelten“, fügt er mit feiner Ironie hinzu.

Die Briten, so Kirkbride, waren „zu beschäftigt“, um sich mit der Verwaltung des weitläufigen, unterentwickelten Gebiets östlich des Jordans abzugeben. Etwas anderes kam hinzu: 1915, während des Ersten Weltkriegs, hatte Sir Henry McMahon, der britische Hochkommissar für Ägypten, in seinen Briefen an Hussein bin Ali, dem Scherifen von Mekka, diesem als Gegenleistung für die arabische Revolte gegen das Osmanische Reich versprochen, die vom Osmanischen Reich beherrschten arabischen Gebiete in die Unabhängigkeit zu entlassen; Husseins Sohn Abdullah wurde 1921 der erste Herrscher Transjordaniens. Damit war klar, dass dort die nationale Heimstätte der Juden nicht entstehen würde.

Folgte daraus, dass diese nun auf dem Gebiet westlich des Jordans geschaffen würde? Logisch schon. Nicht aber aus Sicht Londons. Schon im Weissbuch von Juni 1922 (nach dem damaligen Kolonialminister auch Churchill-Weissbuch genannt) wurde betont, dass die Balfour-Deklaration lediglich die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina versprochen, aber nichts über die Grösse derselben ausgesagt habe. Die Juden, so das Weissbuch weiter, würden auch keine eigene Staatsangehörigkeit besitzen. Was die Frage der jüdischen Einwanderung betraf, so hiess es noch, dass diese für die Erfüllung der Balfour-Deklaration „notwendig“ sei; gleichwohl wurde eingeschränkt, dass die Einwanderer keine „Belastung für das Volk Palästinas als ganzem“ sein dürften und nur so viele Juden pro Jahr einwandern dürften, dass die wirtschaftlichen Aufnahmekapazitäten beachtet werden müssten und Einwanderer niemandem die Beschäftigung wegnehmen dürften.

Das Pogrom von Jaffa und seine Folgen

Das Weissbuch von 1922 war eine Reaktion auf ein antijüdisches Pogrom, das am 1. und 2. Mai 1921 in Jaffa stattgefunden hatte. Am Maifeiertag wollten jüdische Kommunisten von Jaffa aus einen nicht genehmigten Marsch nach Tel Aviv durchführen. Dort aber wurden sie von Teilnehmern einer genehmigten Demonstration jüdischer Sozialisten gestoppt. Es kam zu einer Prügelei. Arabische Bewohner von Jaffa, die davon hörten, nahmen an, es habe einen Angriff auf Araber gegeben und richteten ihren Zorn gegen die Juden in Jaffa; es gab Plünderungen, Vergewaltigungen, Morde. Als die Gewalt am 2. Mai abebbte, waren 47 Juden und 48 Araber tot; unter den Verletzten, die gezählt wurden, waren 146 Juden und 73 Araber.

Das Weissbuch markierte den Beginn eines immer wiederkehrenden Musters in der britischen Palästina-Politik: Nach jedem Pogrom gegen Juden wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, um die Ursachen zu klären; sie befragte Zeugen und klärte  den Tathergang auf. Doch verbunden wurden diese Berichte nun immer wieder mit der Forderung nach einer Beschränkung der jüdischen Einwanderung nach dem Motto: weniger jüdische Einwanderer, weniger Probleme.

Weitere Massaker, weitere Kommissionen

Auch die Ermordung von 133 Juden in Jerusalem, Hebron und Safed im August 1929 führte zur Einsetzung einer Kommission, einem Bericht – und dem Rat, weniger Juden nach Palästina zu lassen. Damals, Ende der Zwanziger Jahre, verbreitete der Grossmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, die Juden wollten die Al-Aksa-Moschee zerstören – das gleiche böswillige Gerücht, das auch heute noch gestreut wird.

Begräbnis für ermordete Juden von Safed 1929. Foto Yad Yitzchak Ben-Zvi Archiv
Begräbnis für ermordete Juden von Safed 1929. Foto Yad Yitzchak Ben-Zvi Archiv

Während Husseini über diese fiktive Bedrohung klagte, arbeitete er selbst daran, die Juden von der Westmauer (»Klagemauer«) zu vertreiben, wo sie seit dem 16. Jahrhundert beten durften. Er erwirkte bei der britischen Mandatsverwaltung die Erlaubnis, direkt neben der Westmauer eine Moschee zu errichten, von deren Minarett ein Muezzin rufen würde, und öffnete einen zur Westmauer führenden Pfad, der bis dahin eine Sackgasse gewesen war, was zur Folge hatte, dass Menschen mit ihren Eseln durch die Gebetszone der Juden liefen. 1929 strebte er gezielt nach der Eskalation. Er sorgte dafür, dass das Gebet der Juden immer wieder von Trommeln, Tänzen, Zimbeln und »Allahu Akbar«-Rufen gestört wurde. Mehr und mehr kam es zu tätlichen Übergriffen auf Juden. Einige Juden protestierten mit einem genehmigten und von britischen Polizisten beschützten Demonstrationszug zur Westmauer. Daraufhin wurden Gerüchte gestreut, die Juden hätten Al-Aksa und die Muslime angegriffen, es kam in vielen Teilen Palästinas zu Pogromen.

Eine Untersuchung der Gewalt durch die eingesetzte Shaw Commission führte zum Passfield-Weissbuch von 1930. Solange unter den Arabern der „Verdacht“ existiere, hiess es darin, dass die „exzessive Einwanderung“ von Juden für die derzeitige schlechte wirtschaftlichen Lage der Araber verantwortlich sei, könne es keinen Frieden zwischen beiden Volksgruppen geben; „jede hastige Entscheidung für eine weniger beschränkte jüdische Einwanderung“ müsse vermieden sein. Daran sei erst dann zu denken, wenn die Gewalt nachgelassen hätte.

Die Lehre, die die arabischen Führer daraus zogen: Um die Einwanderung von Juden zu verhindern, müssten sie nur dafür sorgen, dass die Gewalt nicht nachlässt. Eine weitere Folge der Pogrome von 1929 war, dass die Briten den Juden ab 1930 bis zum Ende der Mandatszeit 1948 verboten, in der Nähe der Klagemauer die Schofar zu blasen – um die Araber nicht zu provozieren.

1936-39 schienen sich die Ereignisse von 1929/30 zu wiederholen: Wieder gab es eine Welle von Morden an Juden; mit finanzieller Unterstützung des Hitler-Regimes hatte der sogenannte „arabische Volksaufstand“ begonnen. Über das Massaker, das am 2. Oktober 1938 gegen die Juden in Tiberias verübt wurde, schreibt der genannte Alec Kirkbride: „Eines Nachts drangen Araber in die Stadt Tiberias ein und massakrierten etliche jüdische Frauen und Kinder mit grosser Brutalität. … Wir brauchten zwei Stunden, um nach Tiberias zu gelangen, statt, wie normalerweise, 25 Minuten, und fanden dort Chaos vor. Das Distriktbüro, eine Synagoge und zahlreiche jüdische Wohnhäuser standen in Flammen, die Strassen waren gesäumt mit Toten, doch die Angreifer hatten sich zurückgezogen.“ Jerusalem, Safed, Hebron, Tiberias: Die Pogrome trafen keine zionistischen Siedlungen, sondern die heiligen Orte jüdischer Gelehrsamkeit, wo alteingesessene religiöse Juden über Generationen friedlich mit ihren arabischen Nachbarn zusammengelebt hatten.

Beerdigung von getöteten Juden aus Givat Ada. Foto PD
Begräbnis von getöteten Juden aus Givat Ada1936. Foto PD

Der Teilungsplan der Peel Commission

Diese Gewaltserie, der „arabische Volksaufstand“, hatte 1936 begonnen; am 11. November 1936 begann eine neuerliche Kommission – die Royal Commission bzw. Peel Commission, ihre Arbeit. Sie befragte in Palästina zahlreiche arabische und jüdische Zeugen. Auf der zionistischen Seite waren darunter David Ben-Gurion, Ze’ev Jabotinsky und Chaim Weizmann, die Führer der linken, der rechten und der zentristischen zionistischen Bewegung; auf der britischen Seite Winston Churchill und auf der arabischen der Grossmufti Amin al-Husseini. Husseini gab instruktive Antworten.

Frage: Wenn die Araber [einen Staat in Palästina] hätten, wären sie bereit, die Juden, die bereits im Land sind, willkommen zu heissen?

Antwort: Das wird der Regierung, die eingesetzt werden wird, anheimgestellt werden.

Frage: Glaubt Seine Eminenz, dass dieses Land die 400.000 Juden, die bereits im Land sind, assimilieren und verdauen kann?

Antwort: Nein.

Frage: Einige von ihnen würden dann entfernt werden müssen, in einem Prozess, der freundlich oder schmerzhaft sein kann?

Antwort: Wir müssen all dies der Zukunft überlassen.

Die Peel Commission kam zu einem anderen Schluss als ihre Vorgänger: die Lösung des Konflikts sei eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Teil, die beide wirtschaftlich eine Einheit bilden sollten. Der Grossraum Jerusalem und ein von Jaffa bis Jerusalem reichender Korridor sollte unter britischer Kontrolle bleiben. Die Reaktion der Zionisten war geteilt: Einige begrüssten den Plan, andere lehnten eine Teilung des Landes ab. Die Reaktion der arabischen Führer war eine einhellige Ablehnung. Die britische Regierung beeilte sich, den Plan zu begraben. Sie setzte 1938 eine weitere Kommission – die Woodhead Commission – ein, deren Auftrag es war, die fehlende Praxistauglichkeit des Teilungsplans darzulegen. Am 9. November 1938 – dem Tag der Reichspogromnacht – stellte die Woodhead Commission ihren Bericht vor, wonach der Vorschlag der Peel Commission nicht umsetzbar sei, weil dazu zu viele Araber aus dem jüdischen in den arabischen Teil des Landes umgesiedelt werden müssten; ferner sei der arabische Teil wirtschaftlich nicht lebensfähig. Die Kommission stellte zwei Alternativpläne vor, bei deren Umsetzung nur noch sehr kleine Teile Palästinas den Juden zugesprochen werden sollten. Die Regierung veröffentlichte den Bericht mit einer begleitenden Stellungnahme, wonach nun klar sei, dass eine Teilung nicht in Betracht komme und Grossbritannien folglich das Mandatsgebiet weiter verwalten werde.

Lord Peel 1936. Foto PD
Lord Peel November 1936. Foto PD

Das Weissbuch von Mai 1939

Im folgenden Frühjahr lud sie beide Seiten zu einer Konferenz nach London ein. Die arabische Delegation weigerte sich jedoch, mit Juden zu verhandeln, so dass die britische Regierung getrennt mit beiden Seiten verhandelte. Die Begrüssungszeremonie musste für die Presse zweimal inszeniert werden, da die arabischen Gesandten auch nicht mit Juden im selben Raum sein wollten.

Im Mai 1939 veröffentlichte London ein neues Weissbuch, eines, das noch stärker antijüdisch war als seine Vorgänger. Innerhalb von zehn Jahren sollte Palästina unabhängig werden; einen jüdischen Staat werde es nicht geben; die Zahl der Juden in Palästina dürfe ein Drittel der Bevölkerung nicht übersteigen; in den folgenden fünf Jahren dürften pro Jahr nur 10.000 Juden einwandern; danach sei jegliche jüdische Einwanderung vom Einverständnis der Araber abhängig. Neu war auch eine Regelung, wonach Juden nur noch auf fünf Prozent des Mandatsgebiets Land kaufen durften.

Mit dem Weissbuch von 1939 wurde jedem Juden klar: Die britische Regierung hatte ihr Wort gebrochen; sie dachte nicht daran, jemals eine jüdische Heimstätte in Palästina zu errichten. Im Angesicht des drohenden Kriegs mit Nazi-Deutschland bemühten sich die Briten um ein gutes Verhältnis zu den Arabern. Ben-Gurion hatte im April 1939 in einem Brief an seine Frau Paula die britische Strategie beschrieben: „Selbst wenn Grossbritannien uns in Palästina Ärger macht, ist es undenkbar, dass die Juden auf Hitlers Seite gehen. … Nicht so die Araber. Sie müssen gekauft werden, weil sie es sich leisten können, auf Hitlers Seite zu sein.“ Der britische Premierminister Neville Chamberlain betonte in einer Kabinettssitzung am 20. April 1939, es sei von „grosser Wichtigkeit, dass wir die muslimische Welt auf unserer Seite haben“. Er fügte hinzu: „Wenn wir eine Seite vor den Kopf stossen müssen, dann lasst uns lieber die Juden vor den Kopf stossen als die Araber.“

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt „Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos.“

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