Nach 100 Jahren fliegt die deutsche Luftwaffe zum ersten Mal wieder über das Heilige Land. Anlass dazu war die weltweit grösste Luftwaffenübung des Jahres in Israel. Die Teilnehmerliste gibt Aufschluss über die Verschiebung globaler Interessen.

 

von Gil Yaron

Oberst Itamar, Kommandant des israelischen Luftwaffenstützpunktes Uvda, ist normalerweise recht abgebrüht. Doch selbst er war diese Woche gerührt, als vier Eurofighter vom taktischen Luftwaffengeschwader 73 Steinhoff aus Rostock siebzig Jahre nach dem Holocaust in der Negev-Wüste einen historischen Meilenstein setzten: „Es war ein sehr emotionaler Augenblick für uns, als die deutsche Luftwaffe in unserem Bunker parkte“, sagt der israelische Offizier. Oberstleutnant Gero von Fritschen, Kommodore des Geschwaders, spricht von einer „grossen Ehre zu den ersten deutschen Kampfpiloten zu gehören, die hier im Luftraum unterwegs sind.“ Diese Woche wird in Israels Wüste Geschichte geschrieben – und nicht nur, weil hier zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder deutsche Kampfflugzeuge durch den Himmel donnern. Erstmals kann Israel sich brüsten, die grösste Luftwaffenübung der Welt in diesem Jahr abzuhalten.

Nicht die Zahl der Flugzeuge – über 60 – ist bedeutend. In den USA finden oft weitaus grössere Übungen statt. Was „Blue Flag 2017“ auszeichnet ist, dass an ihr acht Nationen teilnehmen, und viele andere dazukommen wollten oder Beobachter entsandten. Nicht umsonst sprechen die israelischen Offiziere von „aerial diplomacy“ – Luftwaffendiplomatie. Sie soll demonstrieren, dass Israel trotz aller Kritik seiner Siedlungspolitik kein isolierter Pariastaat ist, und helfen, neue strategische Bündnisse im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind zu schmieden: dem radikalen Islam in aller Welt. Die Gästeliste des Manövers scheint ihnen zu geben. Sie zeugt davon, dass die globalen Interessen sich im vergangenen Jahrzehnt massiv verschoben haben – und Jerusalem es verstand, neue Verbündete zu gewinnen.

Ein Land fehlt: die Türkei

Schaut man auf die Flaggen, die im gleissenden Wüstenhimmel wehen, fällt vor allem eines auf: Die Abwesenheit der Türkei. Noch vor einem Jahrzehnt war Ankara Israels wichtigster Verbündeter, und eine strategischer NATO-Partner. Israelische Kampfjets trainierten in der Türkei, die ihre Luftwaffe mit israelischer Hochtechnologie aufrüstete. Doch die Machtübernahme Präsident Tayyep Erdogans bereitete alldem ein Ende. Der sympathisiert mit Muslimbrüdern, hat sich zum Schutzherrn der radikal-islamischen Hamas gemacht – dem Erzfeind Israels. Auch im Westen werden angesichts der autokratischen und neo-osmanischen Tendenzen am Bosporus Zweifel darüber laut, wie lange Ankara verlässlicher Partner der NATO bleiben kann. Statt des weissen Halbmonds auf rotem Tuch weht hier deswegen stattdessen das weisse Kreuz einer griechischen Flagge. Dabei gehörte Athen zu den grössten Kritikern der Israelis – nicht zuletzt wegen deren gutem Verhältnis zur Türkei. All das gehört nun der Vergangenheit an. Inzwischen proben griechische und israelische Piloten jährlich gemeinsam. Und die griechische Armee gestattet den Israelis, Probeangriffe gegen ihre S-300 Luftabwehrraketen zu fliegen, um sich auf einen Einsatz gegen den Iran vorzubereiten.

Indien: Aus Argwohn wurde Freundschaft

Nichts demonstriert die Verschiebung globaler Interessen indes besser als die Präsenz indischer Piloten. Einst war die grösste Demokratie der Welt Israel gegenüber feindlich eingestellt. Der Subkontinent, der sich mühsam aus dem British Empire befreit hatte, betrachtete Israel als Teil einer feindlichen, imperialistischen Achse. Diplomatische Beziehungen wurden formell erst vor 25 Jahren aufgenommen. Seither wurde aus Argwohn Freundschaft – und dass, obschon Delhi gute Beziehungen zu Israels Erzfeind Iran unterhält. Dennoch ist Indien wichtigster Abnehmer israelischer Rüstungsgüter, Jerusalem Delhis zweitwichtigster Waffenlieferant nach Russland. Das zivile bilaterale Handelsvolumen liegt bei jährlich rund 5 Milliarden Dollar, Israelis investierten im vergangenen Jahrzehnt rund 100 Milliarden Dollar in Indien. Erst im Juli besuchte mit Narenda Modi erstmals ein indischer Premier Israel. Blue Flag mag also das „erste Mal sein, dass indische und israelische Piloten gemeinsam fliegen“, wie Kommodore Maluk Singh der „Welt“ sagt. Aber längst besuchten die Marinen einander, pflegen Geheimdiensten beider Länder intensive Kontakte. In Delhi hat der radikale Islam den Imperialismus längst als grössten Feind ersetzt. Und wer kennt sich im Kampf gegen den besser aus als die Israelis?

Die Notwendigkeit, sich auf Einsätze in Nahost vorzubereiten, könnte auch hinter der historischen Entscheidung gestanden haben die deutsche Luftwaffe erstmals nach Israel zu entsenden. Zwar ist enge Kooperation zwischen Deutschlands und Israels Sicherheitsdiensten kein Novum. Deutsche Drohnen- und Hubschrauberpiloten werden in Israel ausgebildet. Allein 2017 fanden 80 gemeinsame Projekte zwischen beiden Armeen statt, berichtet Oberstleutnant von Fritsche, 20 davon zwischen den Luftwaffen. Doch einst waren die engen Kontakte zu Israels Armee eine Sache fürs stille Kämmerlein – auch um es sich nicht mit arabischen Staaten zu verscherzen. Die Teilnahme bei Blue Flag hat indes ein hohes öffentliches Profil, und setzt, so räumt der deutsche Offizier ein, ein „politisches Signal“. Wenn selbst arabische Staaten trotz Siedlungsbau mit Israel gegen radikale Dschihadisten kooperieren, warum dann nicht auch Deutschland?

Oberstleutnant von Fritsche. Will aber nur von taktischen Aspekten sprechen. Seine 125 Soldaten nehmen am zweiwöchigen Manöver in Israels Negev teil, in dem täglich rund 100 Flüge Einsätze gegen Terroristen und der Luftkampf gegen Flugzeuge geübt werden. Dabei simulieren israelische Experten Bodentruppen, die mit russischen Abwehrraketen ausgerüstet sind. Das Manöver sei für die Bundeswehr ein riesiger Gewinn, schliesslich könne man in der Wüste viel tiefer und schneller fliegen als im „dicht besiedelten Deutschland“. Ein guter Grund, hierher zu kommen, einhundert Jahre nachdem Aufklärer der königlich bayrischen Luftwaffe die ersten Luftaufnahmen Palästinas machten.

Gil Yaron ist Journalist und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Nahost. Zuerst erschienen bei Die Welt.

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