Es ist erstaunlich, wie politische Propaganda und ideologische Strömungen historische Fakten verzerren können. Der hundertste Jahrestag der Balfour-Deklaration am 2. November 2017 hat sich zu einer hitzigen Debatte von surrealistischen Dimensionen entwickelt.

 

von Evyatar Friesel

Arabische Wortführer verurteilen (wieder einmal) die Deklaration und verlangen Reparationen von der aktuellen britischen Regierung. Juden und Israelis loben das Dokument und beschreiben es als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem modernen jüdischen Staat. Bezeichnend sind die Ansichten der Briten. In den 1960er Jahren wurde von Professor Elizabeth Monroe, damals Wortführerin der britischen Nahosthistoriker, ein Trend gesetzt. „Betrachtet man nur die britischen Interessen, war es einer der grössten Fehler in unserer imperialen Geschichte“, war ihr strenges Urteil über die Balfour-Deklaration, eine Ansicht, die auch einige ihrer heutigen Kollegen vertreten.

Der unbedarfte Leser der Deklaration mag sich wundern, warum das Dokument solch extreme und gegensätzliche Ansichten hervorruft. Der Text der Deklaration scheint wenig beeindruckend:

„Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern in Frage stellen könnte.“

Wie der Name schon sagt, handelte es sich um eine reine Erklärung, keinen formellen Vertrag zwischen zwei politischen Entitäten. Obwohl sie vom britischen Kabinett genehmigt und vom Aussenminister unterzeichnet wurde, war es nur eine Erklärung unter Dutzenden anderen, die während des ersten Weltkriegs von den verschiedenen kriegsführenden Mächten zur Förderung ihrer Interessen veröffentlicht wurden. Ein genauerer Blick auf die Bedingungen der Deklaration hilft auch nicht, jenen ersten Eindruck vorsichtiger Doppeldeutigkeit zu zerstreuen. Offensichtlich ist es der erste Teil des Dokuments – „Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern“ – der bis zum heutigen Tag immer wieder betont wird – mit Befriedigung von den Zionisten, mit Verachtung von den Arabern und mit Unbehagen oder Kritik von vielen Briten. Tatsächlich war die Formulierung vorsichtig und unverbindlich, wenn auch sorgfältig durchdacht. Der Text, der den Briten von den Zionisten vorgelegt wurde, hatte viel mehr verlangt: dass „die Regierung Seiner Majestät das Prinzip akzeptiert, Palästina als nationale Heimstätte des jüdischen Volkes zu rekonstituieren.“ Der Unterschied zwischen nationaler Heimstätte „in Palästina“ und „Palästina als“ nationale Heimstätte ist deutlich. Es war ein zentraler Punkt, den die Zionisten später abgeändert haben wollten, jedoch vergeblich.

Grossbritannien als mögliche Schutzmacht

Wie kamen zwei so unterschiedliche Körperschaften wie die britische Regierung und die zionistische Organisation zu einem politischen Einvernehmen?  Aus zionistischer Perspektive war ein zentrales Prinzip im zionistischen politischen Denken die Grossmacht-Verbindung. Gemeint war damit, dass das jüdische Volk nicht stark genug war, selbst eine unabhängige nationale Heimstätte (oder einen Staat) in Palästina zu errichten. Daher war es unabdingbar, sich der Unterstützung einer Grossmacht zu versichern. Zu seiner Zeit, am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte der Gründer der Zionistischen Weltorganisation, Theodor Herzl, Verhandlungen in verschiedenen Ländern begonnen, in Deutschland, Russland, Grossbritannien und dem Osmanischen Reich, jedoch mit geringem Erfolg. Aus diesen Versuchen resultierte in führenden Zionistenkreisen eine Neigung hin zu Grossbritannien als möglicher Schutzmacht für das zionistische Unternehmen in Palästina. Bemerkenswerterweise verschaffte sich eine solche pro-britische Neigung auch unter deutschen Zionisten Gehör. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkriegs im August 1914 sah eine Gruppe britischer Zionisten in den Umständen des Kriegs eine Chance, die Unterstützung britischer Persönlichkeiten für ihre Pläne in Hinblick auf Palästina zu erlangen.

In Grossbritannien trafen die Ambitionen der Zionisten nicht auf taube Ohren. In religiösen, millenaristisch-orientierten Kreisen der britischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts waren Palästina und die Verbindung der Juden zu diesem Land ein häufig diskutiertes Thema. Ein gewisses Interesse an diesem Thema hatte sich auch in anderen Bereichen der britischen Gesellschaft verbreitet.

Während des ersten Weltkriegs entwickelte sich eine Lage, in der solche Stimmungen parallel zu politischen Interessen verliefen. Eine der Strategien der Alliierten war die Zergliederung des Osmanischen Reiches. Ein Plan mit diesem Ziel, der in seiner Art typisch imperialistisch war, wurde in einem britisch-französischen Dokument ausgearbeitet, dem Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916.  Das Abkommen legte fest, dass der Nahe Osten in neue Länder einzuteilen sei, die unter direkter oder indirekter Kontrolle der alliierten Länder stünden. Im Grossen und Ganzen schuf dieses Abkommen die politischen Strukturen des Nahen Ostens, wie sie noch heute bestehen.

Palästina, auf der Karte des Abkommens willkürlich eingezeichnet, war als Gebiet unter internationaler Verwaltung vorgesehen. Bald jedoch führte eine solche Regelung bei führenden britischen Politikern zu Zweifeln. Neben der Tatsache, dass die Briten die Hauptlast der Kämpfe im Nahen Osten zu tragen hatten, die sich als schwer und kostenintensiv erwiesen, war Palästina aufgrund der Nähe zum Suezkanal strategisch gesehen ausserordentlich wichtig für das britische Empire. Premierminister Lloyd George suchte nach Möglichkeiten, den Passus mit der internationalen Verwaltung zu beseitigen – das heisst, Palästina für Grossbritannien zu erhalten – jedoch ohne den wichtigsten Kriegsverbündeten Grossbritanniens, die Franzosen, zu verärgern. Und siehe da: Baten nicht die Zionisten um britische Unterstützung für ihre Pläne in Palästina? War nicht der Zionismus ein edles und lohnenswertes Projekt? Oder, wie es Aussenminister Balfour in einem internationalen Memorandum beschreiben sollte: „Der Zionismus wurzelt in uralter Tradition, heutigen Bedürfnissen, in zukünftigen Hoffnungen …“

1920 - Ursprüngliches Territorium für die nationale Heimstätte für das jüdische Volk. Foto "CELEBRATE BALFOUR".
1920 – Ursprüngliches Territorium für die nationale Heimstätte für das jüdische Volk. Foto „CELEBRATE BALFOUR“.

Zionistische und britische Stimmungen und Interessen kamen sich nun nahe, es erforderte jedoch politisches Geschick, die beiden Seiten aneinander zu binden. Die Zionisten hatten den richtigen Mann, Chaim Weizmann, der in der Lage war, die verschiedenen Fäden, zionistische und britische, zu einem politischen Knoten zu verbinden. Wie in vielen Beschreibungen zu lesen ist, verzauberte Weizmann führende britische Persönlichkeiten regelrecht. Später sollten historische Analysen zu einer nüchterneren Ansicht gelangen: Konnte es sein, dass die Briten einfach verzaubert werden wollten? Wie auch immer, heraus kam am 2. November 1917 die Balfour-Deklaration.

Heimstätte für das jüdische Volk

Die Briten erhielten die politische Kontrolle über Palästina, eine strategisch im östlichen Mittelmeer gelegene territoriale Basis nahe dem Suezkanal, die ihnen in den kommenden dreissig Jahren, auch im zweiten Weltkrieg, sehr nützlich sein sollte. Es war die Aufgabe der Juden, ihre nationale Heimstätte in Palästina zu errichten, die Briten jedoch leisteten dabei mit den modernen Verwaltungsstrukturen, die sie in dem Land einrichteten, unverzichtbare Unterstützung. Die Präsenz Grossbritanniens in Palästina und die Absicht, dort eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten, wurden in den Bedingungen des vom Völkerbund im Juli 1922 gewährten Mandats zugelassen. Seltsamerweise erwähnt keine der aktuell an der Debatte über die Balfour-Deklaration beteiligten Seiten die Bedingungen für das Palästinamandat, ein international anerkanntes Dokument.

Was die Feindseligkeit angeht, die die Balfour-Deklaration heutzutage bei den Arabern hervorruft, sollte man erkennen, dass es, wenn es denn einen Schurken gibt, der ihre Anklage verdient, das Sykes-Picot-Abkommen vom Mai 1916 sein sollte, auf dessen Grundlage die heutigen geographischen und politischen Teilungen jener Länder erfolgten, die einst zum Osmanischen Reich gehörten. Palästina war einer der Orte, die in dem Abkommen grob umrissen wurden, obwohl ein solches Land, bekannt als Terra Sancta oder Heiliges Land, nur als Konzept auf der Grundlage biblischer oder historischer Überlieferungen bestand. Natürlich hatte dieses Land einen Mittelpunkt, Jerusalem, aber seine Grenzen waren unklar. In der administrativen Aufteilung des Osmanischen Reiches gab es etwa vier Regionen, zu denen Teile des später als Palästina definierten Landes gehörten. Folgerichtig gab es auch keine „Palästinenser“, ein weiteres Konzept, das erst sehr viel später entwickelt wurde.  Das Sykes-Picot-Abkommen hat im Wesentlichen geographischen Charakter und erwähnt keine Volksgruppen. Die Europäer des frühen 20. Jahrhunderts klassifizierten die Bewohner des Nahen Ostens unter dem allgemeinen Begriff „Araber“, ohne zwischen Schiiten und Sunniten, geschweige denn Christen, Juden, Kurden, Drusen und anderen Minderheiten, zu unterscheiden.

1922- Endgültiges Territorium für die nationale Heimstätte für das jüdische Volk. Foto "CELEBRATE BALFOUR".
1922- Endgültiges Territorium für die nationale Heimstätte für das jüdische Volk. Foto „CELEBRATE BALFOUR“.

Tatsächlich entwickelte sich bald eine Konfrontation in Palästina zwischen den ansässigen Arabern und den Juden; beide Gruppen arbeiteten daran, ihre politische Präsenz und ihren Einfluss im Land zu stärken. Wie auch immer, wo und wann herrschte Frieden im Nahen Osten als Folge der Regelungen des Sykes-Picot-Abkommens? Abgesehen von ideologischer/religiöser Feindseligkeit verblasst der palästinensisch-israelische Konflikt im Vergleich zu den Gräueln der Kriege im Nahen Osten. Und es ist kein Ende in Sicht.

Schaffung des Staates Israel

Was hat es dann mit dem verbitterten Urteil von Elizabeth Monroe – dass die Balfour-Deklaration einer der schlimmsten Fehler in der Geschichte des britischen Empires war – auf sich, einer Einschätzung, die von einigen heutigen britischen Historikern geteilt wird?  Worin genau bestand dieser Fehler? Hatte Grossbritannien nicht bekommen, was es in Palästina wollte, nämlich politische Dominanz? Es besteht die implizite Annahme von Professor Monroe und ihren Anhängern, dass die britischen Staatsmänner, die die Strategie der Balfour-Deklaration erdacht oder unterstützt hatten, weniger intelligent oder scharfsinnig waren als spätere Regierungsbeamte oder Historiker. Eine solche Ansicht ist von intellektueller Arroganz gekennzeichnet.  Offenbar ist man auch nicht in der Lage, einzuräumen, dass die britische Einmischung in Palästina nicht nur das Ergebnis simpler Kolonialpolitik im Stil des 19. Jahrhunderts war. Auch geistige Neigungen spielten eine Rolle, wie etwa das Interesse an der Verbindung der Juden mit dem Heiligen Land. Ein falsches Verständnis führte zu einer falschen Beurteilung. In ihrer späteren historischen Zusammenfassung gerieten die fachlichen Kategorien wichtiger britischer Historiker in einer Mischung aus nationalem Selbstmitleid und offensichtlichen Vorurteilen durcheinander.

Der Schlüsselmoment der britisch-zionistischen Begegnung war kurz, obwohl die britisch-zionistische Zusammenarbeit in Palästina mit Höhen und Tiefen noch dreissig Jahre lang fortgesetzt wurde. So sehr es die späteren Kritiker der Balfour-Deklaration auch stören mag: Heute herrscht breite Anerkennung dafür, dass das britisch-zionistische Unternehmen in Palästina zu einem der grossen Schöpfungsakte des zwanzigsten Jahrhunderts beigetragen hat – der Schaffung des Staates Israel.

Evyatar Friesel ist Professor (em.) für moderne jüdische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem.

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