Die Tierschutzbewegung zieht in ganz Israel zunehmend Anhänger an. Ihr Aktivismus ebnet den Weg für ein neues Zeitalter im Tierschutz – einem Tierschutz, der in uraltem jüdischem Recht wurzelt.

 

von Shecharya Flatte

In Israel gibt es die meisten Veganer pro Kopf der Bevölkerung. Was Vegetarier pro Kopf der Bevölkerung angeht, liegt Israel nur hinter Indien.

Veganismus ist nur ein Teil der Geschichte des Tierschutzes in Israel. 2015 marschierten zehntausend Menschen bei einer Tierschutzkundgebung in Tel Aviv mit, nachdem bei einer Brandstiftung an einem Hundezwinger zwei Hunde getötet und dreizehn verletzt worden waren. Die Demonstranten verlangten drakonische Strafen für die Übeltäter, aber auch einen Importstopp für Fleisch aus Ländern, die für die Misshandlung von Tieren bekannt sind und eine strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen, wo Tiere misshandelt werden.

Eine der Organisatorinnen der Kundgebung, Orly Vilnai, befürchtete, man würde sie „als realitätsfern beschuldigen, als Teil der Tel-Aviv-Blase.“ Aber vielleicht waren ihre Befürchtungen unbegründet. Anders als in europäischen und nordamerikanischen Ländern, wo sich Veganismus und die Verteidigung von Tierrechten in der Regel auf eine Clique säkularer Städter beschränken, ist der Respekt für den Tierschutz in Israel weitverbreitet. Veganismus breitet sich in der Gemeinschaft der Orthodoxen ebenso aus wie unter säkularen Juden. Ein landesweites Verbot des Besitzes von Pelzen ist auf dem Weg durch die Knesset – ein solches Gesetz wäre weltweit das erste dieser Art.

Nach der Übersetzung einer 70-minütigen Rede des Tierschutzaktivisten Gary Yourofsky ins Hebräische 2012 verbreitete sich der Veganismus in Israel explosionsartig. Die Rede wurde über eine Million Mal in Hebräisch angesehen – und vermutlich hauptsächlich von Israelis. Aber warum verbreitete sie sich gerade in Israel wie ein Lauffeuer? Yourofskys Rede wurde in mindestens 34 Sprachen übersetzt. Die englische Übersetzung wurde nur drei Millionen Mal angeschaut – öfter als die hebräische, aber ein erheblich kleinerer Prozentsatz der englischsprachigen Welt. Was ist so besonders an Israel?

„Ich konnte nicht wegsehen. Ich war schockiert.”

Die lange Geschichte des jüdischen Volkes ist gekennzeichnet von einer Reihe von Zwischenschritten beim Tierschutz. Vielleicht ist Veganismus der nächste Schritt, obwohl es auch sein kann, dass der Veganismus wieder zurückgeht, wenn die Produktion von Fleisch und tierischen Erzeugnissen weniger mechanisch und humaner erfolgt. Ein orthodoxer Rabbi, Jeremy Gimpel, wurde Veganer – und Tierschutzaktivist – nachdem er Schlachtungen in einer Fabrikumgebung mitangesehen hatte. „Ich konnte nicht wegsehen. Ich war schockiert. Ich sagte mir immer wieder, das ist nicht koscher. Mir ist egal, was das Rabbinat sagt.”

Aber was immer der nächste Schritt im Verhältnis des jüdischen Volkes zu den Tieren ist, die es verzehrt – es wird zweifellos ein Schritt hin zu mehr Rechten sein. Dies geschieht nicht aus einem Gefühl des Umweltbewusstseins oder der wirtschaftlichen Zweckmässigkeit heraus, auf das sich Tierschutzaktivisten in Europa und Nordamerika häufig berufen. Es ist vielmehr die natürliche Fortsetzung des einzigartigen Verhältnisses der Juden zu Tieren, das „im Anfang“ mit der Erschaffung der Tiere und des Menschen begann und sich zu einem ausgeprägten System ethischer Normen rund um die Behandlung von Tieren entwickelt hat. Israelis respektieren die Rechte von Tieren, weil Juden Tierrechte respektieren und das aufgrund der ethischen Verpflichtung der Juden, Tiere gut zu behandeln – eine Verpflichtung, die unter den abrahamitischen Religionen einzigartig ist.

In der Thora gibt Gott dem Menschen die Herrschaft über alle Tiere (Gen 1,28). Aber dabei handelt es sich nicht um eine absolute Herrschaft. Nach der Flut erteilt Gott Noah und dessen Söhnen – und damit der ganzen Menschheit – Anweisungen. Eine dieser Anweisungen ist, kein „Fleisch zu essen, während sein Blut noch in ihm ist.“ Durch die Vorschrift, dass das Tier völlig ausgeblutet sein muss, wurde im Wesentlichen verboten, Fleisch von einem noch lebenden Tier zu nehmen. So etwas würde dem Tier grosse Qualen zufügen, ohne Nutzen für den Konsumenten. In solch einem Fall ist das Recht der Tiere, nicht leiden zu müssen, zu wahren.

Das Verbot, Tieren unnötig Leid zuzufügen, wurde dann in den Speisegesetzen für die Schlachtung erweitert. Das verwendete Messer muss völlig makellos sein und die Schlachtung muss in einem einzigen, raschen Schnitt erfolgen, damit das Tier auch sicher keine Schmerzen leidet.

„es ist verboten, Tiere zu erniedrigen.“

Das Verbot, Tieren unnötiges Leid zuzufügen, erstreckt sich über das Körperliche hinaus. „Ihr sollt aber kein Rind noch Schaf zugleich mit seinem Jungen schächten am gleichen Tag“ (Lev. 22,28). Würde man ein Tier am selben Tag schlachten wie sein Junges, würde man riskieren, dass entweder Muttertier oder Junges mitansehen müssen, wie das andere geschlachtet wird. So etwas zu erleben würde dem Tier grosses seelisches Leid zufügen.

Darüber hinaus ist es verboten, Tiere zu erniedrigen. Der Rashbam benennt die Grausamkeit, die es bedeutet, ein Böcklein in der Milch seiner Mutter zu kochen (verboten in Ex. 23,19): „Es ist widerlich, abstossend, fast Völlerei, die Milch der Mutter zusammen mit dem Böcklein zu verzehren, als dessen Nahrung diese Milch gedacht war.“

Trotz der starken Verwurzelung der ethischen Behandlung von Tieren im jüdischen Gesetz gelingt es Israel mitunter nicht, Tiere zu schützen. So scheiterte zum Beispiel im Jahr 2010 ein Gesetz zum Verbot von Pelztierzucht am Widerstand ultraorthodoxer Mitglieder der Regierungskoalition, obwohl über 80% der Israelis gegen Pelztierzucht sind. Bei dieser Frage geriet der Schtreimel, eine traditionelle Kopfbedeckung aus Zobelfell, die von den Ultraorthodoxen am Sabbat und anderen Feiertagen getragen wird, in den Mittelpunkt der Diskussion. Das Verbot wurde dahingehend abgeändert, dass es eine religiöse Ausnahme für den Schtreimel geben sollte, aber die Ultraorthodoxen waren dennoch dagegen mit der Begründung , dass die meisten Pelze ohnehin aus religiösen Gründen nach Israel importiert würden.

2012 kam ans Licht, dass im von Tnuva Food Industries betriebenen Schlachthaus Adom Adom schwere Misshandlungen an Tieren begangen worden waren. Tiere wurden mit Elektroschocks und Schlägen an Genitalien und Augen gezwungen, sich in Bewegung zu setzen. Konnten sie nicht gezwungen werden, wurden kleinere Tiere gezerrt – und dann mit dem Kopf nach unten aufgehängt, ehe sie geschlachtet wurden. Vier Arbeiter des Schlachthauses wurden danach wegen Tierquälerei angeklagt, das Unternehmen Tnuva selbst dagegen musste sich nicht verantworten.

Ähnliche Fälle werden regelmässig in den Vereinigten Staaten aufgedeckt. Der Dokumentarfilm „Food, Inc“, in dem es zu einem grossen Teil um Tierquälerei geht, kam 2008 heraus, erhielt begeisterte Kritiken und spielte über 20 Millionen Dollar an den Kinokassen und an DVD-Verkäufen ein. Ein Video mit der Darstellung der Quälerei von Schweinen in einem Schlachthaus wurde in den Mainstream-Medien gezeigt und von 1,7 Millionen Menschen auf YouTube angesehen. Dennoch erscheinen die Amerikaner teilnahmslos – 2008 gab es 1 Million Veganer und 7,3 Millionen Vegetarier in den USA. Im Jahr 2013 waren es … 1 Million Veganer und 7,5 Millionen Vegetarier. Das einzige – und daher aktuellste – artenübergreifende Gesetz gegen Tierquälerei in den Vereinigten Staaten ist der Animal Welfare Act von 1966.

„Wir haben eine heilige Thora und die verbietet Tierquälerei ausdrücklich.“

Israel reagierte anders. Der Skandal um Adom Adom kam ans Licht, als Yourofskys Video zum Tierschutz in Hebräisch herauskam. Der Anteil der Vegetarier und Veganer schoss von zusammen 2,6 % im Jahr 2010 auf 5 % Veganer und 8 % Vegetarier im Jahr 2015 hoch, ein Anstieg von 500 % über fünf Jahre. Es wurde ein Sammelklage gegen Tnuva eingereicht mit der Anschuldigung, man habe dort Lebensmittel fälschlicherweise als koscher etikettiert. Der Hauptkläger in diesem Fall holte eine rabbinische Entscheidung ein, die besagte, unnötige Quälerei von Tieren sei nicht koscher. „Wir haben eine heilige Thora“, so der Kläger, ein ultraorthodoxer Jude, „und die verbietet Tierquälerei ausdrücklich.“

Tnuva bestritt nicht, dass das vom Unternehmen eingesetzte Verfahren schockierend sei und berief sich lediglich darauf, dass es technisch gesehen gesetzeskonform sei. Die Aussage des Unternehmens vor Gericht stellt in grausamen Details das Schlachtverfahren dar.

Tnuva machte ferner die strenge Auslegung der Kaschrut verantwortlich und behauptete, wenn man die Tiere vor der Schlachtung betäuben könne, würden sie auch nicht mit Angst reagieren. Koscheres Schlachten ohne Misshandlung jedoch – also ohne die Tiere mit Elektroschocks und Schlägen zu malträtieren, ohne sie mit Maschinen zu fixieren und indem man sie schlachtet, bevor man sie verkehrt herum aufhängt – kann die Angst der Tiere ebenfalls vermeiden. Der Schlachtprozess wird nicht durch das genaue Verfahren der Tötung – den raschen Schnitt durch den Hals – so erschreckend, sondern durch die sonstigen Auswirkungen der fabrikmässigen Effizienz und der Misshandlung der Tiere.


Rund 30’000 Personen demonstrierten am 9. September dieses Jahres in Tel Aviv um gegen Tierquälerei zu protestieren. Dies ist eine der grössten Demonstrationen in der Geschichte für Tierrechte.

Tnuva legte die Klage aussergerichtlich durch Zahlung von 4,2 Millionen Schekel an Tierschutzgruppen bei. Die Bedingungen der Beilegung verlangten von Tnuva, den Werksleiter und weitere Angestellte zu entlassen und weitere Gelder zu investieren, um einer Wiederholung der Vorfälle vorzubeugen. Die Einigung fiel deutlich geringer aus als die 100 Millionen Schekel, die die Kläger angestrebt hatten, war jedoch immer noch eine beträchtliche Summe.

Diese Fälle zeigen die Reaktion der israelischen Öffentlichkeit auf die aufgedeckten Misshandlungen. Nachdem das Pelzverbot im Jahr 2010 gescheitert war, formierten sich die Aktivisten neu und brachten es im Februar dieses Jahres erneut vor die Knesset. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass es dieses Mal verabschiedet wird. Im Dezember 2015 – drei Monate nachdem zwei Hunde bei einer Brandstiftung in einem Hundezwinger verbrannt waren – überarbeitete die Knesset ihre Tierschutzgesetze. Die Strafen für Tierquäler wurden heraufgesetzt und die gesetzlichen Beschränkungen dessen, was Menschen Tieren im Allgemeinen zufügen dürfen, strenger. Die Anmerkungen zum Gesetz stellen fest, sein Zweck sei zum Teil zu gewährleisten, dass „wenn die Notwendigkeit auftritt, einem Tier Schaden zuzufügen, dies nur zu humanen Zwecken geschieht und nicht unverhältnismässig ist.“

Das Gesetz schafft auch eine strafrechtliche Verantwortlichkeit für Führungskräfte, die Tiere zu beaufsichtigen haben und Misshandlungen nicht verhindern. Würde Tnuva jetzt wieder gegen das Gesetz verstossen, würden Mitarbeiter der Führungsebene strafrechtlich verfolgt. Die Kombination aus bekannten zivilrechtlichen Sanktionen und möglichen strafrechtlichen Folgen wirken als starke Abschreckung für Tnuva, nicht wieder in die missbräuchlichen Praktiken zu verfallen.

„Die jüdische Ethik verbietet die Misshandlung von Tieren“

Das Gesetz fällt zufällig mit der sich wandelnden religiösen Sicht in Israel darauf zusammen, was koscheres Fleisch ausmacht. Israelis wollen nicht wegschauen, wenn Tiere in der fleischproduzierenden Industrie misshandelt werden. Den neuen rabbinischen Entscheidungen kommt auf dem Markt für koscheres Fleisch ein hoher Stellenwert zu und die Zustimmung der Rabbiner zum Verfahren wird als sehr wichtig erachtet.

Aber diese neuen Beschlüsse sind nicht überraschend – es gibt keinen juristischen Aktivismus in der jüdischen Gemeinschaft. Die Gesetze der Kaschrut sind klar darauf ausgelegt, Erniedrigung oder Leiden von Tieren zu verhindern. Obwohl der Wortlaut des Gesetzes, der bestimmte Praktiken verlangt bzw. verbietet, die Apologeten von Tnuva möglicherweise dazu verleitet hat, zu glauben, ihre Verfahren seien koscher, war der dahinterliegende Zweck ganz klar pervertiert. Die jüdische Ethik verbietet die Misshandlung von Tieren und das israelische Rechtssystem zieht endlich mit dieser Einstellung gleich.

Shecharya Flatte ist Senior am Cornell College und studiert im Hauptfach Politik und internationale Beziehungen. Im Sommer 2017 war er ein Tower Tomorrow Fellow. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Tower.

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  • Staubkorn177

    Das ist gut so.
    Es sollten noch viel mehr auf die Straßen, in anderen Ländern gehen,
    um die Misshandlungen und Qualen unserer Mitgeschöpfe zu beenden.
    Sagt nicht unser aller Schöpfer: Ich mag eure Brand und Schlachtopfer
    nicht mehr sehen. Habt viel mehr Liebe unter euch und behandelt die
    Tiere, als Geschöpfe, mit Regungen und Gefühlen, wie wir sie selber haben.
    Wiederum steht geschrieben: Weist du Mensch, ob du erwählt bist
    vom Allmächtigen, oder eher ein Tier, in seiner neuen Welt Leben zu dürfen?

    • Hama

      Hallo Staubkorn,
      können Sie bitte die Bibelstellen angeben, aus denen Sie zitieren?
      Herzliche Grüße

      • Staubkorn177

        Danke für die Nachfrage Hama!
        Hier einige Bibelstellen.

        Markus 12, Vers 33
        Jeremia 6, Vers 20
        Jeremia 7, Vers 22
        Psalm 50, Vers 9 – 15
        Römer 13, Vers 10
        Prediger 3, Vers 19 – 21

        Alles Gute und liebe Grüße

        • Hama

          Danke für die Bibelstellen, Staubkorn177!
          Ja, einige Stellen sprechen wirklich deutlich gegen die Opfer-Praxis im Alten Bund. Und dass wir Menschen auch Tiere mit Respekt und Achtung behandeln sollen, sehe ich ein. Industrielle Massentierhaltung lehne ich auch ab. Allerdings kann ich aus den Stellen nicht herauslesen, dass wir sie quasi einem Menschen gleich „als Geschöpfe, mit Regungen und Gefühlen, wie wir sie selber haben“ ansehen und behandeln sollen. Das geht mir ein wenig zu weit.
          Und bezüglich der Stelle Prediger 3, 19 – 21: Der Mensch muss tatsächlich den irdischen Tod sterben wie auch die Tiere. Allerdings weiß ich von mir, dass es einen Schöpfergott gibt und dass dieser Gott mich persönlich von aller meiner Schuld befreit und mir ein ewiges Leben („erwählt vom Allmächtigen“) gegeben hat.
          Ob nun Tiere dieses ewige Leben auch haben? Und ob sie von diesem ewigen Leben wissen, wenn sie es denn haben? Daran habe ich wiederum meine Zweifel.
          Herzliche Grüße

          • Staubkorn177

            Hallo Hama!
            Ich kann Ihre Gedanken nachvollziehen.
            Ja, der Mensch ist die Krone der Schöpfung,
            auch sollten wir die Tiere uns untertan machen, aber keinem
            elenden Leben von Geburt aus aussetzen.
            Es steht auch geschrieben:
            Alle Tiere werden dam Allmächtigen Danken, selbst
            die Bäume werden in die Hände klatschen, wenn der
            Allmächtige die Erde gesäubert hat.
            Ich denke, wenn man Tierlieb ist, ein Haustier zum Beispiel einen
            Hund als liebevollen und treuen Mitbewohner, in sein Herz
            geschlossen hat und dieser einen irgendwann verlassen muß,
            Warum sollte unser Gebet, mit der Bitte, wenn man denn selbst
            vom Schöpfer aller Dinge durch seine Gnade in seiner
            neuen Welt Leben dürfte, diesen Treuen Hund auch wieder sehen
            zu dürfen, nicht erfüllen. Bei Ihm ist doch nichts unmöglich.

            Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihr weiteres Leben.