Bild aus dem Jahr 2000 zeigt Ausgrabungen von Häusern aus dem Jahr 2600-2300 v.Chr. Foto Pierre de Miroschedji / Palästinensische Abteilung für Altertümer.

Tel Es-Sakan, die antike Stadt an der Mittelmeerküste zwischen Gaza und Dair al-Balah existiert nicht mehr. Sie war einst die grösste kanaanäische Stadt. Mit Bulldozern ebnete die islamistische Terrororganisation Hamas das Gebiet ein. Der Abraum wurde mit Lastwagen entfernt.

Anders als der Islamische Staat (IS), der zahlreiche archäologische Stätten, Museen und ganze Städte wie Palmyra aus ideologischen Gründen zerstörte, vernichtet die Hamas archäologische Stätten in ihrem Herrschaftsgebiet im Gazastreifen schlicht aus Gier: Nach Angaben der Hamas sei der Hügel gebraucht worden, um hochrangige Beamte der Hamas zu kompensieren, weil die wegen der andauernden Finanzkrise nur einen Teil ihrer Gehälter erhalten hätten.

Viele Jahre Arbeit landen im Schutt

„Hier wurde eine sehr bedeutende archäologische Stätte zerstört“, sagte der palästinensische Archäologie- und Geschichtsprofessor Mouin Sadeq, der zusammen mit dem französischen Archäologen Pierre de Miroschedji drei Ausgrabungsperioden auf Tel Es-Sakan durchgeführt hatte. Auf dem 10 Hektar grossen Hügel haben die Archäologen die erste und älteste mit einer Stadtmauer befestigte Stadt gefunden, eine 6.500 Jahre alte Ansiedlung aus der Bronzezeit. Sie existierte schon vor den ersten Pharaonen Ägyptens und 1.000 Jahre vor der ersten Pyramide. Die Stadt lag an der Handelsroute zwischen Ägypten und der Levante. Der Hügel mit den Überresten der alten Stadt wurde 1998 durch Zufall entdeckt und ab 2000 von französischen und palästinensischen Archäologen wissenschaftlich erforscht und teilweise ausgegraben. Die Ausgrabungen mussten wegen der zweiten Intifada und den militärischen Spannungen 2002 abgebrochen werden. Seitdem ruhte das Projekt. Nach ihrer Machtübernahme 2007 begann die Hamas, die Fundstätte Stück für Stück zu okkupieren. Es war nicht die einzige antike Stätte, die den Machthabern im Gazastreifen zum Opfer fiel: Auch der 3000 Jahre alte Hafen Anthedon sowie byzantinische Kirchen und Klöster im Gebiet der Stadt Gaza wurden ein Raub der Hamas.

Jetzt fiel der letzte Teil der Stadtmauer

Als die Bulldozer der Hamas schon im Einsatz waren und Archäologen versuchten, das Zerstörungswerk zu stoppen, konnte als erster Experte Jean-Baptiste Humbert von der Jerusalemer Ecole Biblique den Ort erreichen. Er hatte zuvor schon an anderen Stätten in Gaza ausgegraben. „Heute wurde die komplette südliche Befestigungsmauer abgerissen,“ sagte der Archäologe vor einigen Tagen. Damit sei die älteste kanaanäische Stadtmauer rundum zerstört worden. Auch ein Vertreter der UNESCO-Kulturorganisation, Junaid Sorosh-Wali, inspizierte die zerstörte Stätte, konnte aber nichts ausrichten gegen die Landverwaltungsbehörde unter Hamas-Kontrolle.

Die palästinensische Autonomiebehörde fordert gleichwohl, diese und andere historische Stätten unter den Schutz der UNO zu stellen: Als Weltkulturerbe.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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