Grischa Jakubovic erinnert sich genau an den Moment, in dem er Araber zu hassen begann. Es war der Winter 1986. Israel hatte seine Armee seit 1982 im Südlibanon stationiert, um das Land vor Terrorangriffen zu schützen. „Meine Einheit sollte einen Hinterhalt legen. Es war eine regnerische Nacht“, erzählt Grischa. Sein Schützenpanzer rutschte von der Strasse, überschlug sich und kam auf Grischas Kopf zum Liegen. Er flog nicht raus, sondern sass in einer der Luken des Maschinengewehrs.

von Gil Yaron

Sein Helm rettete ihn. Sein Vorgesetzter hatte weniger Glück, er wurde zermalmt. „Später sah ich auf einem Hügel über uns arabische Dorfbewohner. Sie schauten herab und lachten aus vollem Herzen, als sie sahen, dass unser Offizier gestorben war. Da begann ich zu hassen.“ Danach benahm er sich „sehr schlecht gegenüber arabischen Zivilisten“, gesteht Grischa ohne ins Detail gehen zu wollen.

Doch dann bekam er einen Offiziersposten bei der Zivilverwaltung der Armee im Gazastreifen –eigentlich ein Schreibtischjob. Der Dienst begann an einem Freitag. „Man drückte mir eine Uzi-Maschinenpistole in die Hand und sagte mir: Fahr ins Stadtzentrum, wir haben Moscheenbereitschaft.“ Es war 1988, die erste Intifada tobte in den besetzten Gebieten. Muslime strömten freitags nach dem Gebet in die Strassen und protestierten.

Während Grischas Kameraden gegen die Demonstranten eingesetzt waren, musste er Beschwerden von Palästinensern aufnehmen, deren Eigentum von Soldaten beschädigt worden war. Diese Erfahrung veränderte ihn. „Am Ende nannten man mich den „Sozialarbeiter der Palästinenser“, witzelt er.

„Wir müssen unsere Probleme gemeinsam lösen“

Dennoch sollte Grischa einer der ranghöchsten Offiziere der israelischen Besatzung werden. Heute setzt er sich energisch für mehr Wohlstand im Westjordanland ein. „Die Zeit wird knapp. Wir müssen unsere Probleme gemeinsam lösen“, sagt er. Es ist nicht die einzige überraschende Aussage eines Mannes, der den Nahostkonflikt intimer kennt als fast jeder andere.

Seine Biographie liest sich wie ein Thriller. Grischa Jakubovic wurde 1967 in der UdSSR in Chust in den Ostkarpaten geboren. Sein Vater war Lastwagenfahrer, seine Mutter Fabrikarbeiterin. Sie waren jüdisch und zogen ihren Sohn jüdisch auf. Als Kind erfuhr er deshalb im Internat antisemitische Ausfälle. „Wenn man montags von daheim zurückkam, mussten sich alle splitternackt ausziehen und wurden von einer Krankenschwester untersucht. Oft machten sie sich mit der Frage über mich lustig: ,Warum hast Du so einen komischen Penis? Du bist krank!’

Toilettenpapier weckt bis heute ein Trauma: „Alle Kinder bekamen so viel sie wollten, aber mir gab die Kindergärtnerin immer nur ein Stück. Damit ich dreckig blieb.“ Einmal sperrte sie ihn in der Nacht in der Toilette ein. „Ich stotterte danach jahrelang. Meinen Eltern habe ich davon nie erzählt.“ Die hatten mit eigenen Traumata zu kämpfen: Seine Mutter überlebte ein KZ in Transnistrien, sein Vater Auschwitz. Später schloss Grischa dort einen historischen Kreis: Er kehrte nach Auschwitz zurück und leitete am Gedenktag als Offizier der Armee des Judenstaats eine Zeremonie.

Nach Israel wanderte seine Familie aus, als er fast sechs Jahre alt war. Sie zog nach Netiwot im Süden Israels. Hier waren die arabischen Nachbarn aus dem nahen Gazastreifen Teil des Alltags: „Als armer Thora-Schüler nahm ich immer Taxis aus Gaza, um zur Schule zu fahren, weil die billiger waren.“ Heute scheint es undenkbar, dass Bewohner Gazas einst problemlos mit dem Auto nach Israel fahren konnten.

Hass verschwand beim Dienst in Gaza

Damals herrschte indes Normalität: „Meine Eltern fuhren oft mit mir nach Gaza. Sie liessen ihre Zähne von einem palästinensischen Arzt behandeln, der in Russland studiert hatte. Und sprachen russisch miteinander.“ Jeden Dienstag fuhren sie zum Markt in Gaza, um dort einzukaufen. „Araber waren für mich etwas Selbstverständliches. Der Hass kam erst in der Armee im Libanon.“

Und verschwand später beim Dienst in Gaza: „Meine neue Aufgabe änderte mich“, sagt er. Während der ersten Intifada errichteten Palästinenser oft Barrikaden. Grischa musste Traktoren und Laster requirieren, um sie zu räumen. Wochenlang weckte er mit Soldaten im Schlepptau Lastwagenfahrer mitten in der Nacht und zwang sie zur Arbeit. Bis er sich mit zwei Fahrern anfreundete. „Ich schlug ihnen eine Kooperation vor: Statt eure Familien aufzuwecken, rufe ich an und sage, was zu tun ist. Wenn ihr fertig seid, fülle ich alle eingesetzten Fahrzeuge mit Benzin der Armee auf.“

Ein voller Erfolg: Die Armee konnte sich Soldaten sparen; Grischas Arbeit war leichter, die Palästinenser „bekamen gratis einen vollen Tank, mit dem sie die ganze Woche arbeiten konnten.“ Bald meldeten sich viele freiwillig, um für ihn Dienst zu tun. Grischas Leitsatz aus dieser Zeit: „Ein Offizier kann manchmal mit einem Gespräch mehr erreichen als ein ganzes Bataillon mit Gewalt.“

Volleyball spielen und Bier trinken

Seither setzt der Oberst a.D. (ausser Dienst) auf Dialog. Die Osloer Friedensverträge passten dazu. Just zu dieser Zeit übernahm Grischa für den Grenzübergang zu Gaza die Verantwortung. „Eines meiner schönsten Erlebnisse war, als wir und unsere palästinensischen Kollegen zusammen am Strand einer Siedlung zusammen Volleyball spielten und Bier tranken.“

Doch wenige Wochen später brach die Zweite Intifada aus – und brachte „viel Enttäuschung auf persönlicher Ebene. Palästinenser, denen wir vertrauten, verübten Attentate“. Grischa zeigt auf seinem Handy ein Bild von sich mit Jassir Arafat und Rashid Abu Schbak, ein Beamter in einem der palästinensischen Geheimdienste. „Raschid sass oft in meinem Büro, um mit mir zu besprechen, wie seine Leute mich bei Besuchen im Gazastreifen absichern würden.“

Grischa mit Jassir Arafat . Foto zVg (Die Gesichter der anderen Personen wurden aus Sicherheitsgründen unkenntlich gemacht.)

Später soll Schbak laut israelischen Medienberichten persönlich ein Attentat genehmigt haben, bei dem zwei Israelis starben und fünf Kinder schwer verletzt wurden. Dennoch pflegt Grischa weiterhin Kontakte nach Gaza: „Einer meiner palästinensischen Bekannten benannte sogar seinen Sohn nach mir. Bis die radikal-islamische Hamas 2007 dort die Macht übernahm, brachte ich ihm jedes Jahr ein Geburtstagsgeschenk.“

Im Jahr 2012 wurde Grischa Oberst und Leiter der Zivilabteilung von Cogat, dem „Koordinator für Regierungsaktivitäten in den Gebieten“, die Armeeeinheit, die die Besatzung verwaltet. „Ich formulierte die Strategie für Westjordanland und Gaza und setzte sie um.“ Er war für wirtschaftliche Beziehungen und die Infrastruktur zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verantwortlich, fuhr nun jede Woche in Zivil nach Ramallah, um mit Ministern und hochrangigen Beamten der PA zu sprechen.

Dort bekam er das Gefühl, dass diese ihrer Bevölkerung manchmal weniger helfen wollten als er selber. „Humanitäre Fragen erhalten oft politische Bedeutung und können deswegen nur selten gelöst werden. Das frustriert.“ Grischa ist „fern davon zu behaupten, dass Israel stets im Recht ist. Wir können die Lage der Palästinenser bedeutend verbessern. Aber ich glaube, dass der PA diese Notlage manchmal dient.“

Als Beispiel nennt er Wassermangel: „Den hätten wir schon vor 15 Jahren lösen können“, sagt Grischa. Israel und Palästina litten vor zwanzig Jahren unter schwerer Dürre. „Israel erschloss neue Quellen, übernahm Klärung und Recycling.“ Jährlich entsalzt das Land mehr als 580 Millionen Kubikmeter Meerwasser und klärt fast 90 Prozent der Abwässer. So verwandelte es seine Wüste in einen Brotkorb. Die PA erschloss hingegen nur eine Quelle, den Bergaquifer, aus dem sie 2016 rund 156 Millionen Kubikmeter pumpte. Zusätzlich lieferte ihr Israel 67 Millionen Kubikmeter Wasser. Doch inzwischen könne Israel der PA so viel Wasser liefern „wie sie wünscht. Aber genau davor hat sie Angst! Sie weigert sich!“ Sie lehne Kooperation an Projekten, die auch Siedlungen zugutekommen, ab.

„Siedlungen sind ein Fakt, genau wie die arabischen Dörfer“

Für Grischa „macht das keinen Sinn. Die Strassen, die Telekommunikation, der Strom: Da hängen die Siedlungen auch an denselben Leitungen wie die PA. Trotzdem gibt es in den Siedlungen weder Stromausfälle noch Probleme mit Internet.“ Grischas Erklärung: Die PA nutze die symbolträchtige Wasserknappheit, um den Konflikt am Köcheln zu halten. Dabei könnte sie „doch Wasser annehmen und offiziell weiter gegen Siedlungen protestieren.“

Vorerst seien die Siedlungen „ein Fakt, genau wie die arabischen Dörfer. Ob man sie an die Kanalisation anschliesst, macht keinen Unterschied.“ Bis ein Abkommen zur Zukunft der Siedlungen unterzeichnet sei, „sollten wir Umweltverschmutzung verhindern. Wem nutzt es, dass die Flüsse verschmutzen? Lasst die Politik aussen vor und packt mit an! Aber die PA will lieber der Welt klagen, wegen uns gäbe es kein Wasser.“

Dabei könnte das kostbare Nass nach Grischas Überzeugung Teil der Lösung werden: „Wenn wir gemeinsam Klärwerke errichten und eine neue Generation palästinensischer Wasseringenieure ausbilden, könnten sie die PA und die arabische Welt mit Wasser versorgen und Arbeitsplätze schaffen!“ Doch dafür müsse die PA „aufhören, alle Schuld nur auf uns zu schieben.“

Das gelte besonders für den Gazastreifen, wo sie jede Lösung blockiere und die Lage eskaliere, weil die rivalisierende Hamas dort an der Macht ist. „Bekannte dort sagen mir inzwischen: Bei Wahlen in Gaza würde Israel gewinnen, weil es ihnen nie besser ging als unter unserer Besatzung.“

Dieser Artikel erschien zuerst mit dem Titel „So überwand dieser Israeli seinen Hass auf die Araber“ bei Die Welt.

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