Symbolbild. Foto Mstyslav Chernov - Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Die Schiiten haben einen Masterplan. Bei den Sunniten herrscht Verwirrung.

von Mordechai Kedar

Letzte Woche schrieb ich in einem Artikel, der syrische Präsident Bashar Assad gewinne mithilfe einer iranisch-schiitischen Koalition aus iranischen Soldaten, der Hisbollah sowie irakischen und afghanischen Milizen zunehmend an Macht. In naher Zukunft, so prognostizierte ich, wäre es möglich, dass diese Koalition versuchen würde, das Land von den Millionen Sunniten zu reinigen, die die Mehrheit der syrischen Bürger stellen, um zusätzliche Rebellionen in der Art, wie Syrien sie von 1976 bis 1982 und wieder in den letzten sechseinhalb Jahren erlebte, zu vermeiden.

Daraufhin wurde ich von Scheich Walid el-Azawi, einem in Europa im Exil lebenden arabischen Sunniten und Vorsitzenden einer Partei namens „The Patriotic 20 Rebellion“ kontaktiert. Er wollte mir die schockierende Geschichte über die Lage im Irak erzählen, wo seinen Behauptungen zufolge der Iran bereits seit Jahren der wahre Herrscher ist, dessen Ajatollahs die Politik und die Aktionen der irakischen Regierung diktieren.

Die iranische Hegemonie fügt sich gut in den Irak ein, dessen Bevölkerung zum Grossteil aus Schiiten besteht und nun, da der vom IS gegründete Islamische Staat im Irak zerfallen ist, verfügen die dort lebenden Sunniten über keine bewaffnete Organisation mehr, die sie vor der Wut der Schiiten aus dem Iran und dem Irak beschützt.

Der Wunsch der Schiiten, das Land seiner sunnitischen Minderheit zu entledigen, gründet in dem Wunsch nach Vergeltung, denn bis zum Jahr 2003 regierte Saddam Hussein den Irak und behandelte die Schiiten während der Zeit seiner Herrschaft mit entsetzlicher Grausamkeit. Nach seiner Niederlage im Ersten Golfkrieg, im Februar 1991, schlachtete er mithilfe schwerer Artillerie Zehntausende Schiiten ab, die versuchten, an der Grabstätte von Hussein ibn Ali in der Stadt Najef Zuflucht zu finden.

„Schiiten werden Sunniten aus dem Irak in jedes andere Land vertreiben“

Der Wunsch der irakischen und iranischen Schiiten nach Vergeltung aufgrund der Taten Saddam Husseins richtet sich nun gegen seinen gesamten religiösen Sektor, die Sunniten, die sich ohne Schutz und Waffen einer aufstrebenden, stärker werdenden schiitischen Welt gegenübersehen. Die kollektive Kraft der sunnitischen Kräfte – bestehend aus Organisationen wie dem IS, al-Quaida, den syrischen Rebellen und Ländern wie Saudi-Arabien, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten – hat in den vergangenen Monaten angesichts der wachsenden Stärke der schiitischen Koalition aus Iran, Hisbollah sowie irakischen und afghanischen Milizen zunehmend abgenommen.

Scheich Walid el-Azawi behauptet, dass die Schiiten infolge dieser enormen Machtverschiebung alles in ihrer Macht Stehende daran setzen werden, um die Sunniten aus dem Irak in jedes andere Land zu vertreiben, das willens – oder auch nicht willens – ist, sie aufzunehmen. Sollte dieses Szenario eintreten, werden sich schon bald Millionen irakische Flüchtlinge der Welle der 15 bis 20 Millionen bereits vorhandenen Flüchtlinge anschliessen. Diese Flüchtlingswelle kann Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Afrika in wirtschaftliche Katastrophengebiete verwandeln und zu sozialen Unruhen und politischen Wirren führen. Vergessen Sie dann nur nicht, dem Iran und all denen zu danken, die dieses Land in den vergangenen Jahren gestärkt haben.

Was ist die Lösung?

Während meiner Unterredung mit dem Scheich fragte ich ihn, welche Lösung er und seine Partei anzubieten hätten, um die irakischen Sunniten zu retten und sie davon zu überzeugen, in ihrem Heimatland zu bleiben. Seine Antwort war eine völlige Überraschung: „Die Emirat-Lösung“. Er ist überzeugt, dass dies die einzige reale Lösung ist, die die Sunniten im Irak vor der ethnischen Säuberung retten kann.

Schweizer Modell

Das Land müsste, ähnlich wie in den USA oder in den Kantonen des Schweizer Modells, in regionale Staaten aufgeteilt werden, von denen jeder über interne Autonomie verfüge. Der Irak würde zu einer Föderation mit einer einschränkten Zentralregierung, während die Emirate das Leben der Menschen leiten würden, die in ihrem jeweiligen Territorium leben. Jedes Emirat würde sein eigenes Leben führen und von Einmischungen in die Politik der anderen Emirate absehen. Jedes Emirat würde von einem lokalen Scheich regiert, der ursprünglich an der Spitze der innerhalb der Grenzen des Emirats lebenden Familien stand und somit den sozialen Traditionen der Bevölkerung folgen. Dies, so der Scheich, würde zum Wohle aller Bürger in Harmonie, Stabilität und friedlichen Beziehungen zu den benachbarten Emiraten resultieren.

Die „Emirat-Lösung“ würde ausserdem auch den Kurden im Norden des Irak Selbstverwaltung garantieren und die Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates überflüssig machen, wodurch die gewisse gewaltbereite Abneigung der Iraner, Türken und Araber gegenüber der Existenz eines solchen autonomen Staates sowie daraus resultierende feindliche Handlungen vermieden werden könnten.

Wenn also die Kurden im Rahmen einer Emirat-Lösung für den Irak letztendlich Unabhängigkeit erreichen sollten und somit der seit Jahren herrschende Streit beendet werden würde, wo läge dann das Problem? Ganz gewiss beim Iran, der nun, da er den Irak übernommen hat, diesem Plan nicht zustimmen wird – es sei denn, er wird dazu gezwungen. Und die einzige Macht in der ganzen Welt, die dazu in der Lage ist, den Iran zu zwingen, zu irgendetwas seine Zustimmung zu geben, ist die USA.

Scheich el-Azawi ist jederzeit bereit, in die USA zu fliegen, um sich dort mit Entscheidungsträgern zu treffen und die Logik hinter seinem Friedensplan für den Irak sowie die Vorteile von dessen Umsetzung für die Welt und die Iraker selbst zu erklären. Die Amerikaner sind allerdings mit vier weiteren Themen voll und ganz beschäftigt: Nordkorea, den Beziehungen zwischen Rechts und Links innerhalb Amerika, wer aus Trumps Regierungsstab sein Amt niederlegt oder gefeuert wird sowie Naturkatastrophen wie Harvey und die Überschwemmungen in Houston in dieser Woche. Wer hätte da auch die Zeit und die Geduld, sich um den Irak zu kümmern – das Land, dem die US-Armee vor sieben Jahren den Rücken kehrte, ohne den Wunsch zu verspüren, jemals wieder dorthin zurückzukehren?

Die Emirat-Lösung in anderen Staaten des Nahen Ostens

Afghanistan ist ein weiteres Land, das – hauptsächlich in den Medien – den USA, ihren Sicherheitskräften, dem Nachrichtendienst und der Armee aufgrund der 17-jährigen Involvierung vor Ort, dem vergossenen amerikanischen Blut sowie der Tatsache, dass auch die immensen Geldsummen, die man in das Land gesteckt hat, keine nennenswerten Ergebnisse gebracht haben, stechende Kopfschmerzen bereitet – aus einem besonderen Grund:

Die Amerikaner haben all ihre Macht aufgewendet, um die von den Briten und Russen im 19. Jahrhundert künstlich geschaffene afghanische Entität aufrecht zu erhalten, obwohl sie von ethnischen Streitereien erfüllt ist, die die Bildung einer homogenen, geeinten Nation verhindern. Das einzige, was sie bisher erreicht haben, sind Blut, Feuer und Tränen.

Wenn die Amerikaner und ihre Verbündeten die illegitime Einheit namens Afghanistan auflösen und sie umwandeln würden in autonome oder unabhängige Staaten, basierend auf den jeweiligen lokal herrschenden Familien, sodass sie von legitimen Herrschern – den Oberhäuptern von Familien und Clans – verwaltet würden, könnte Afghanistan ein Land des Friedens und der Ruhe sein, das über die verschiedenen religiösen, familiären und ethnischen Gruppen seines Landes herrscht und sie alle ihr jeweiliges Leben in Frieden führen lässt.

Emirat Gaza

Interessanterweise könnte die gleiche Emirat-Lösung mit grosser Wahrscheinlichkeit zusätzlich zu dem vor einem Jahrzehnt ausgerufenen Emirat Gaza auch auf die sieben Städte Judäas und Samariens angewendet werden. Ich bin kein Fan der Hamas, aber Gaza ist in jeder praktischen Hinsicht ein Staat und Israel muss einen Weg finden, die dschihadistische Bande, die ihn übernommen hat, effektiv fernzuhalten. Die Gründung von Emiraten in Judäa und Samarien wird den Menschen, die dort leben, Stabilität, Wohlstand und Ruhe garantieren. Es wird Israel Frieden bringen.

Das gleiche wird auch die Lösung für das Problem Jordaniens sein. Es kann in ein, oder vielleicht sogar mehrere, palästinensische Emirate und ein beduinisches Emirat aufgeteilt werden. Der König wird eine Symbolfigur ähnlich der Königin von England sein. Der Sudan hat sich bereits in zwei Staaten aufgespalten; beide Staaten sollten jedoch in noch kleinere, homogenere Emirate aufgeteilt werden, um diesem kriegsgebeutelten und blutgetränkten Land mehr Stabilität zu verleihen.

Jemen, eine vollständig auf Stammesverbänden beruhende Gesellschaft, würde von der Emirat-Lösung profitieren und regierbarer und stabiler werden, zumindest im Vergleich zu seiner aktuellen Regierung, die viele Tausende in Hunger, Elend, Leid und Tod gestürzt hat.

Scheich el-Azawis Traum, den auch ich teile, könnte das grundlegende Prinzip der Welt zur Lösung des Nahost-Problems werden. Wäre dieses Prinzip vor fünf Jahren in Syrien angewendet worden, könnten viele der 500.000 toten Bewohner des Landes heute noch am Leben sein.

Bar-Ilan-Universitätsprofessor Mordechai Kedar ist Experte für arabische Gesellschaft und Kultur. Aus dem Hebräischen von Rochel Sylvetsky. Auf Englisch zuerst erschienen bei Arutz Sheva.

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  • Hammudi Mo Khafaji

    Eine ähnliches Konstrukt habe ich vor Jahren schon von der PKK gelesen. Es ist eine Terrororganisation aber das hindert einen nicht gute Ideen aufzugreifen. Es ist eine gute Lösung aber dazu müsste Barazani und viele Machthaber eben auf Ihre Macht verzichten und das werden Sie gewiss nicht tun. Diese Idee hätte man von Anfang an umsetzten müssen. Jetzt ist es wohl zu spät…